2008 – Berlinale
„Die Berlinale rockt!“
Berlin, 07.02 – 17.02.2008
Hieß es schon in vielen Schlagzeilen. Und sie haben Recht! Rolling Stones, Patti Smith, Damon Albarn, Jamie Hewlett, Eugene Hutz, Madonna, … jaja, wenn sich das „who is who“ des Musikbiz ein Stelldichein gibt, dann ist wieder Berlinale…ähm, oder so ähnlich. Landläufig sind Filmfestivals kein Ort, an dem man erfolgreich nach Musikacts sucht, aber auf der 58. Berlinale waren Rock und Pop so stark vertreten, wie bei keinem anderen Filmfestival. Auf Film gepresst beherrschten sie in Form von „Rockumentaries“ die Leinwände. Was tun, wenn einem die Filmstars ausbleiben, wird sich der Kosslick gefragt haben und auf die Antwort gestoßen sein. Musikstars einladen!
Und der Bär rockte schon gleich zur Eröffnung. Denn niemand geringeres als die Rolling Stones – ja, DIE Rolling Stones!!! – schlenderten mit Martin Scorsese am ersten Abend über den roten Teppich, um ihren Konzertfilm „Shine a Light“ vorzustellen. Dementsprechend groß war die Aufmerksamkeit und das Gekreische hinter den Absperrungen. Enttäuscht wurde man nicht, kann doch ein namhafter Regisseur wie Scorsese bei einer so popligen Aufgebe wie einem Konzertmitschnitt nicht viel, pardon, nichts falsch machen. So liefert er uns unter anderem ein paar beeindruckende Großaufnahmen von rockenden Urgesteinen, bei denen man sich überlegt, ob man diese alten, faltigen Gesichter wirklich aus dieser Nähe anschauen will. Mit am unterhaltsamsten nimmt sich die anfängliche Making–Of- Sequenz aus, bei der man sich zuerst nicht sicher ist, ob da wirklich Scorsese im Regiestuhl sitzt und nicht vielleicht doch Woody Allen. Der eine Spaßvogel steht dem anderen in nichts nach. Als z.B. ein Bühnendesigner Scorsese erklärt, dass Mick Jagger Feuer finge, würde er in einer bestimmter Scheinwerfereinstellung länger als 30 Sekunden auf einer Position stehen, grübelt Scorsese kurz und meint trocken „We cannot do that! We cannot burn Mick Jagger!“. Eine weitere schöne Szene ist, wie die Band dem Konzertbesucher Bill Clinton vorgestellt wird und Keith Richards meint: “Hi Clinton, I´m bushed!“ Gerne etwas mehr hätte es auch von den beigemischten Dokuschnipseln sein dürfen. Höchst amüsante Interviewaugenblicke aus ihren Anfangstagen, die unserer Generation nicht nur beweisen, dass die Rolling Stones tatsächlich einmal jung und faltenlos waren, sondern auch einen Mick Jagger zeigen, der behauptet, er möchte das ganze nur noch ein, zwei Jahre machen, bevor er sich musikalisch zur Ruhe setzt. Mittlerweile hoffen die meisten wohl zu sehen, wie eine Legende auf der Bühne stirbt.
Die Geschichte der einzigen Heavy-Metal-Band Iraks erzählt uns die Doku „Heavy Metal in Baghdad“ von Suroosh Alvi und Eddy Moretti. Über drei Jahre lang haben die beiden Reporter des US-Magazins Vice die Band Acrassicauda durch ihr Leben im Kriegszerrüttetem Irak begleitet. Die Antwort auf die Frage, warum jemand so viele Schwierigkeiten auf sich nehmen sollte, wird gleich zu Beginn des Films geliefert: „This is risky. It´s dangerous. People would say it´s really fuckin´ stupid for us to be doing this, but…ehm…you know, Heavy Metal rules!”. Über Songtitel wie „Massacre“, „Beginning of the End“, „The orphan child“ und „Between the Ashes“ wundert sich niemand. Doch es wird auch gezeigt, dass Rock ´n´ Roll in solch einer Hölle nicht nur gefährlich sondern auch lebensrettend sein kann, da es das einzige ist, was manchen noch Freude und Ablenkung bringt. Der Film verzichtet trotz aller Wucht nicht auf eine Portion Humor. So erzählt die Band, dass Heavy Metal unter Saddam kein Problem war, solange dabei auch für den Diktator ein Song heraussprang und die Herren stimmen den auch gleich an.
Das Highlight für Freunde des Punk war „Patti Smith: Dream of Life“. Seit ihrem Comeback-Album „Gone Again“, das 1996 erschien, begleitete Steven Sebring Patti Smith über elf Jahre lang. Nicht nur ein freundschaftliches Verhältnis, sondern auch ein wunderbarer Film gingen aus diesem Projekt hervor. Die mit Fotos, Gemälden, Konzertausschnitten, Interviews und Anekdoten angereicherte Doku zeigt Patti Smith nicht nur in ihrer Rolle als Künstlerin und Legende des Punk, sie gewährt auch Einblicke in all die anderen Facetten ihrer charismatischen Persönlichkeit. Sie selbst begleitet mit einem Off-Kommentar den Film und kommentiert so wundervoll grandiose Szenen wie etwa ihren Besuch bei ihren Eltern, bei dem ihr Vater in einem Roskilde T-Shirt zu sehen ist, oder das Gespräch über „Im-Stehen-“ oder „In-Flaschen-pinkelnde“ Frauen.
Eine weitere „Langzeitstudie“ einer Band liefert Ceri Levi mit „Bananaz“. Fast sieben Jahre begleitete er Damon Albarn (Leadsänger bei Blur und Gorillaz) und Jamie Hewlett (Comickünstler z.B. Tank Girl) und aus ca. 300(!!) Stunden Material schnitt er einen 92 minütigen Film zusammen. Gezeigt werden nicht nur die beiden Briten beim Rumblödeln – was sie scheinbar nie lassen können – sondern auch die Entstehung der Gorillaz von den ersten Skizzen bis zu den Konzerten des zweiten Albums „Demon Days“. Vor allem durch die prolligen Homevideo Sequenzen und einen Running Gag lernt man die beiden Künstler lieben. Während „Shine a Light“ und „Patti Smith“ schon längst zu sehen waren, ist bei „Bananaz“ leider noch immer kein Starttermin bekannt.
Und dann war da noch Madonna. Nein, keine Sorge, ihr schauspielerisches Talent musste niemand ertragen. Diesmal zeigte sie sich nicht vor sondern hinter der Kamera, nämlich in ihrem Regiedebüt„Filth and Wisdom“. Ob sie in den paar Jahren Ehe mit Guy Ritchie auch etwas gelernt hat? Zumindest schnappte sie sich Eugene Hutz, den Leadsänger von Gogol Bordello, als Hauptdarsteller, was ja auch schon mal etwas ist. Und ganz ehrlich, der Film geht als okay durch. Wirklich. Denn wer bei dem Namen Madonna einen total furchtbar schlechten Film erwartet – und das tun wohl die meisten – ist im Nachhinein positiv überrascht und findet den Indiestreifen sogar ganz nett. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Madonna erzählt uns in ihrer Dramödie nichts Neues. Der Film dreht sich schlicht um drei Menschen in London, ihre Träume und die Lügen, die sie leben, wie sie alle über ihren „Filth“ letztlich zum „Wisdom“ gelangen und so schließlich doch noch alles gut wird. Sogar ein bisschen Selbstironie wurde beigemischt, wie etwa die Stripclubszene, in welcher der DJ Madonnas „Erotica“ vom Plattenteller reißt und Britneys „Baby one more time“ auflegt.
Nächstes Jahr dürften wohl weniger Musikstars und Trubel und somit wieder etwas ruhigere Zeiten zur Berlinale einkehren.
Text: Biljana Jakovljevic, 18.05.2008
Man spricht politisch
Berlin, 07.02 – 17.02.2008
Auch 2008 hat die Berlinale ihren Ruf als bevorzugte Ausstellbühne für Filme zu politischen Themen bestätigt. Beide Hauptpreise gingen an Werke, die sich um brisante Angelegenheiten drehten:
Den Goldenen Bären für den besten Film holte „Tropa de Elite“. Der Brasilianer José Padilha zeigt darin mit schonungsloser Härte die Gewalt mit der eine Polizeieinheit in den Favelas von Rio de Janeiro gegen Drogenbosse vorgeht. Dass die Grenzen zwischen den „guten“ Polizisten und den „bösen“ Gangstern verschwimmen, kennt man seit Friedkins „French Connection“. Aber die von Padilha inszenierten Bilder wird man trotzdem so schnell nicht los, wohl auch da der Ex-Dokumentarfilmer nicht nur die Arbeit der Elitepolizisten, sondern auch ihre Ausbildung als quasi-Parallelcamp zur Drogenmafia darstellt. Einem vor sich hin dösenden Polizeianwärter drückt der Ausbilder dann eben eine scharfe Granate in die Hand und das mit den lockeren Worten „Wenn du weiterschläfst, jagst du uns alle in die Luft“. Natürlich ist das dann schnell so erschreckend, dass man die Frage stellen muss, ob hier nicht doch die fragwürdigen Methoden der Polizei verherrlicht werden. Jedenfalls stellt der Gewalt- und Schockfaktor dieses Films selbst Meirelles’ „City of God“ in den Schatten.
Den Große Preis der Jury ging an „Standard Operating Procedure“, einen Film, der beweist, dass man nicht in die Favelas von Rio gehen muss, um brutaler Gewalt von staatlichen Ordnungshütern gegen Gesetzesbrecher beiwohnen zu können. Auch im rechtsfreien Raum des amerikanischen Militärgefängnisses Abu Ghraib funktioniert das ohne Probleme. Was der erfahrene Doku-Regisseur Errol Morris hier geschafft hat, ist beeindruckend: Alle Beteiligten des Folterskandals schildern vor seiner Kamera ihre Versionen der Ereignisse. Heraus kommt dabei das Bild einer verqueren Welt, in der ethische Normen durch Missionsziele ersetzt werden. Fast selbstverständlich klingt es, wenn die Soldaten vom Tod eines Gefangenen erzählen. Die von den sphärischen Klängen von Hollywood-Komponist Danny Elfman unterlegten Spielszenen sind dann zwar teilweise etwas zu viel des Guten, doch auch solche Extravaganzen können die Botschaft, dass die Wahrung der Menschenrechte auch in Zeiten des Krieges gegen den Terror oberstes Gebot sind, nicht abschwächen. Auch wenn eine Reihe von Zuschauer seinen drastischen Inhalt nicht bis zum Ende ertragen konnte: SOP ist einer der wichtigsten Filme dieses Jahres.
Weniger eindeutig politisiert wirkt auf den durchschnittlichen westeuropäischen Kinogänger das japanische Drama „Kabei“, schließlich scheinen die Repressionen des faschistischen Staates gegen den Vater der Hauptfigur Handlungselemente eines ganz normalen Historiendramas zu sein. In Japan hat der Film jedoch durchaus politisiert, da eine derart offene Darstellung der eigenen Geschichte sich als alles andere als selbstverständlich erwiesen hat.
Ebensowenig selbstverständlich ist es, einen Berlinale-Film unmittelbar nach der Rückkehr im Fernsehen zu sehen. Im Falle der Anna-Politkowskaja-Dokumentation „Ein Artikel zu viel“ war es dennoch so, da diese direkt von der ARD eingekauft wurde.
Überhaupt ist eine Reihe sehenswerter Filme nicht im Kino sondern auf der Mattscheibe gelandet. Wie auch „Sag mir, wo die Schönen sind“, eine originelle Dokumentation über die Schicksale der Teilnehmerinnen des letzten Leipziger Schönheitswettbewerbes. Die Unternehmerin, die Hausfrau, die Lehrerin, die Esoterikerin – die einzige Konstante ist, dass sie heute definitiv nicht alle das gleiche machen. Der Film ist aber nicht nur eine nette Entdeckungsreise, auch die Erfahrungen der Frauen mit dem Übergang von Kommunismus zu Kapitalismus wird groß geschrieben. So dass sich dann auch auf der ganz individuellen Ebene politische Fragen ausmachen lassen.
Text: Martin Koch, 08.03.2008
Ein Tag im Kino
Berlin, 07.02 – 17.02.2008
Acht Uhr dreißig. Normalerweise würde ich jetzt zum ersten Mal übers Aufstehen nachdenken, doch hier auf der Berlinale bin ich schon seit zwei Stunden auf Achse. Schließlich muss man rechtzeitig beim Ticketschalter sein, um Plätze bei allen begehrten Vorstellungen zu bekommen. Geschafft, fünf Karten für morgen, jetzt kann heute beginnen. Erster Programmpunkt ist das Kinderfilmfest „Generation“, die Tram fährt in Richtung Zoo…
Ich hole mir einen Kaffee. Aus der Luft aufgenommen ergäbe die Szene ein lustiges Bild: ich (mit einem Pappbecher in der Hand) throne über hunderten umherwuselnden Schulkindern. Es wird ein langer Tag, deswegen wollte ich mich am Anfang nicht mit Autorenkino überfordern. Stattdessen läuft der neue „Lucky Luke“. Am Ende frage ich mich, was eigentlich lustiger ist: die von höchstens 2% der Zuschauer verstandenen Western-Parodien oder die super-kindgerechten Statements des französischen Regisseurs nach Filmende…?
Es geht zurück zum Berlinale-Palast. Nachdem wir zwei Sicherheitskontrollen passiert haben sind wir jetzt nicht nur im prunkvollsten Kino des Festivals sondern auch im fernen Japan angekommen, mit der Zeitmaschine geht es dann noch zurück in die Ära des Zweiten Weltkriegs: „Kabei“ ist ein Drama über die Heldenhaftigkeit einer Mutter, deren Mann wegen Kritik am faschistischen Regime verhaftet worden ist. Könnte von der Story her wohl auch eine Standardproduktion des deutschen Fernsehens laufen. Das japanische Fernsehen scheint allerdings andere Präferenzen zu haben. Nach dem Film spricht Regisseur Yôji Yamada von harschen Reaktionen in seiner Heimat, es lag wohl an der kritischen und offenen Darstellung der faschistischen Gesellschaft.
Wir verabschieden uns in den Abend: „La Rabia“ ist der anstrengendste Film heute. Es geht um Familienkonflikte im ländlichen Argentinien. Obwohl ich ziemlich müde bin, muss ich Albertina Carris Drama eine hohe emotionale Dichte und den Mut zu kargen wie drastischen Szenen zugute halten.
Nun führt die Reise nach Asien, allerdings mit der US-Army. „Standard Operating Procedure“ ist der brutalste und schockierendste Film für heute, was man daran merkt, dass die Zuschauerzahl während der Vorführung stetig abnimmt. Doch für alle die bleiben lohnt sich Errol Morris’ Dokumentation über die Hintergründe des Folterskandals in Abu Ghraib während des Irakkriegs. Zwar bringt der Regisseur auch die Positionen der folternden Soldaten zum Ausdruck, trotzdem ist der Film wie eine Reise ins so allzu westliche Herz der Finsternis. Nach der Logik der amerikanischen Armee müssen den Gefangenen mit allen Mitteln Informationen abgerungen werden und wie das passiert fasst dieser Film in eindrückliche Bilder. Diese sind aus praktischen Gründen zwar als Spielszenen inszeniert, beziehen sich aber allesamt auf die Aussagen aus den Interviews. Ein beeindruckender Film des USA-Kritikers Morris, der leider bis auf seine Auszeichnung mit dem Großen Preis der Jury später auf wenig Aufmerksamkeit bei den Kinozuschauern stieß.
Der zweite Wettbewerbsfilm läuft im selben Kino, was mich in den Genuss einer seit dem Morgen nicht mehr erlebten Tätigkeit bringt: Warten. Um halb zwölf kann es aber losgehen und schon die Eröffnungsszene von Mike Leighs „Happy-Go-Lucky“ vertreibt alle Müdigkeit. Der Witz und Esprit der später mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Hauptdarstellerin Sally Hawkins trägt die leichte Komödie – ein für den britischen Gesellschaftskritiker Leigh nicht wirklich typisches Genre – über die gesamten 118 Minuten. Die Handlung klingt unspektakulär: Es geht um die junge Lehrerin Poppy, die ihr Leben lebt – Flamenco-Kurs, Fahrschule mit dreißig, Ausgehen mit der Clique, einen netten Mann kennenlernen. Das Tolle ist, wie sie das macht und dabei den Missmut um sie herum mit ihrer rundum positiven Herangehensweise an alles und jeden einfach wegwischt. Am Anfang mag sie auch vielen etwas auf die Nerven gegangen sein, doch Poppy hat eben auch dass, was nötig ist, um die Herzen des Publikums zu erobern.
Ein Uhr fünfundvierzig, der Nachtbus bringt mich nach Hause. So läuft das also, wenn man den ganzen Tag im Kino sitzt! Sieben Filme, sieben Länder, drei Kontinente, fünf Genres, siebenmal von einer Welt in eine komplett andere. Der Kopf rattert und braucht noch Zeit, um das alles zu verarbeiten. Ist es am besten einen Film wie „Kabei“ zu drehen, der trotz seiner ganz banalen Geschichte provoziert? Oder sollte man die Zuschauer mit allen Mitteln aufrütteln und riskieren, dass sich überfordert fühlen, wie in „Standard Operating Procedure“? Liegt die wahre Kraft des Films in ganz privaten und nicht weniger bohrenden Familiengeschichten, wie „La Rabia“? Taugt Politik nur als Hintergrund für Paranoia generierende Spannungsthriller, wie „What no one knows“? Sind die Schönen aus Leipzig das beste Beispiel für eine gelungene Kombination aus persönlichem Porträt und historischer Auseinandersetzung? Oder sollte man den Ernst des Lebens im Kino hinter sich lassen, „Happy-Go-Lucky“ und „Lucky Luke“ anschauen und dabei ständig zwischen den Polen „happy“ und „lucky“ unterwegs sein?
Egal, ab ins Bett jetzt, in vier Stunden geht es wieder raus und ab zum Ticketschalter!
Text: Martin Koch, 07.03.2008
Die Berlinale im Jahr 58
Berlin, 07.02 – 17.02.2008
Starke Frauen, zerrissene Männer, sozialpolitischer Zündstoff
Vom 7. bis zum 17. Februar 2008 war es wieder soweit – den kalten kontinentalen Winden am Potsdamer Platz und den erschreckend schnell anwachsenden Warteschlangen vor den Ticket-Counters trotzend traf sich die filmschaffende und filmbegeisterte Welt in Berlin. Einmal mehr wurde dabei der Beweis erbracht, dass das Festival nicht mehr im Schatten der traditionsreichen und glamourösen filmischen Großereignisse in Cannes, Venedig oder Locarno um Anerkennung und eigenes Profil zu ringen braucht, sondern sich mit seiner internationalen und inhaltlichen Vielfalt längst einen eigenen Platz unter den großen Filmfestivals gesichert hat. Dabei blieben – wie entgegen manch zweifelnder Stimme deutlich wurde – Glamour und die spezifische Festivalstimmung nicht auf der Strecke, ob im kleinen Kinosaal, in der Warteschlange im Foyer oder auf dem Roten Teppich.
Die inhaltliche wie geographische Bandbreite lässt es fast müßig erscheinen, deren Einzelheiten aufzuzählen. Einige Tendenzen seien jedoch konstatiert: Die großen Momente des Wettbewerbs wurden oft von weiblicher Seite bestimmt – sowohl im Kino als auch auf dem Roten Teppich traf man auf Namen in ebenso starken und unterschiedlichen Titelrollen wie Penélope Cruz (Elegy), Sally Hawkins (Happy-Go-Lucky), Kristin Scott (Il y a longtemps que je t’aime), Tilda Swinton (Julia), Nathalie Portmann und Scarlett Johansson (beide The Other Boleyn Girl). Auffallenderweise begegneten dem Zuschauer darüber hinaus viele männliche Hauptprotagonisten als zerrissen, trauernd oder unfähig, mit Beziehungen und Familienbanden umzugehen: In Caos Calmo trauert Nanni Moretti um seine verstorbene Frau und kompensiert den Verlust, indem er sich den Problemchen seiner Mitmenschen annimmt. Eine ganz andere Form der Trauer und Bewältigung des Todes seiner Frau verfolgt der überraschend überzeugende Elmar Wepper in dem deutschen Beitrag von Doris Dörrie, Kirschblüten – Hanami. In Elegy bedarf es einer Krebserkrankung seiner weit jüngeren, studentischen Liebschaft, um in Ben Kinseley als alterndem Professor bedingungslose Gefühle zu wecken. In Musta Jää fällt der Hauptprotagonist der von ihm heraufbeschworenen Dreieckskonstellation zwischen Ehefrau und Geliebten zum Opfer. Und in Restless und There Will Be Blood kämpfen Väter mit der gescheiterten Beziehung zu ihren einzigen Söhnen.
Was schließlich die für manch einen überraschende, aber von allen Seiten als gerechtfertigt begrüßte Vergabe des Goldenen Bären an den brasilianischen Beitrag Tropa de Elite (R: Jose Padilha) noch bestätigte, zog sich ebenfalls durch alle Sektionen des Festivals. Verdient hätte diese Trophäe nämlich mindestens ein Drittel der Wettbewerbsbeiträge. So wurde aber der in der Gesamtauswahl der Filme anzutreffende Akzent auf politische und sozialkritische Stoffe auch nach außen transportiert: Geschichten in Zeiten des Ost-West-Konflikts, der beschleunigten Globalisierung, der sich verschärfenden Unterteilung der Welt in Arm und Reich und in Erste und Dritte Welt ebenso wie die immer kritischer wahrgenommene amerikanische Vormachtstellung fanden ihren Niederschlag in allen Sektionen. Dass dies vor allem auch auf Kosten des Lebens- und Entwicklungsraums von Kindern geht, zog sich ebenfalls durch viele Beiträge. Bestätigt wurde diese Tendenz noch durch die Vergabe des Silbernen Bären an Standard Operating Procedure von Errol Morris, einer dokumentarischen Rekonstruktion der Vorgänge um den Folterskandal durch US-amerikanische Soldaten in Abu Ghraib. Auch wenn an der Jury-Entscheidung für Tropa de Elite der Jury-Präsident und griechische Regisseur Constantin Costa-Gravas wohl einen nicht unerheblichen Anteil hat, wurde hier wieder deutlich, wo sich die Berlinale in der Ligen der großen Filmfestivals sieht und sehen möchte: In der Rolle des politisch aufgeweckten und mindestens ebenso auf Inhalt und Aussage wie auf Ästhetik und Form setzenden Festivals, das sich auch nicht scheut, sozialpolitisch heiße Stoffe anzufassen.
Dass in Folge dieser Schwerpunktsetzung der bereits zuvor ausgezeichnete und hochgejubelte FilmThere Will Be Blood von Paul Thomas Anderson (Magnolia) „lediglich“ mit einem Silbernen Bären für die beste Regie und Herausragende Künstlerische Leistung (Musik) bedacht wurde, mag wohl auch an der festivalpolitischen Entscheidung liegen, ein bereits im Vorfeld ausgezeichnetes Werk nicht noch mit einem Bären-Regen zu überschütten und damit die eigene oben beschriebene Aussagekraft und -macht zu schmälern. Trotzdem sind auch diese „nur Silbernen“ Bären nicht zu verachten und ebenso deutliche Bände sprach der begeisterte, andauernde Applaus, mit dem der Film beim allmorgendlichen nach der Premiere-Screening im Urania bedacht wurde. Dabei wurde deutlich, dass Anderson mit dieser Geschichte eines Öl-Magnaten Ende des 19. Jahrhunderts in Kalifornien einen Film von besonderem Kaliber vorgelegt hat, den eine gewisse Monumentalität umgibt. Verantwortlich hierfür sind mehrere Komponenten: Zuallererst zu nennen sei dabei die auch von der Jury ausgezeichnete musikalische Ausstattung des Films, für die Jonny Greenwood (Gitarist der britischen Band Radiohead) verantwortlich ist und die einmal mehr deutlich macht, dass Filmmusik nicht untermalend sein muss, sondern ein wesentlicher ästhetischer wie narrativer Bestandteil mit Aussagekraft sein und emotionalisierende wie sinnstiftende Momente produzieren kann. Weiterhin müssen hier auch die Kameraarbeit von Robert Elswit und die schauspielerische Leistung von Daniel Day-Lewis hervorgehoben werden. Insgesamt schafft Anderson mit diesen Mittel großes Kino mit ebenso großartigen Filmbildern und einer klassischen von der ersten bis zur letzten Einstellung funktionierenden Dramatik. So entsteht eine spannungsgeladene Grundstimmung, die den Zuschauer mitzureißen vermag und gleichzeitig Faszination ebenso wie Abgestoßenheit von der Hauptfigur zulässt.
Hervorgehoben seien nun einige in der Fülle der Beiträge ausgemachte und erwähnenswerte Perlen, Entdeckungen und Enttäuschungen. Großartig – und deshalb zu Recht mit einem Bären bedacht – war Sally Hawkins in Happy-Go-Lucky anzuschauen, ein Film, der das seltene Kunststück vollbringt, ein wirkliches Feelgood-Movie mit Witz und positiver Grundstimmung zu sein, ohne dass tiefgründige und geistreiche Momente auf der Strecke bleiben. Umso erstaunlicher, dass der Macher von soviel guter Laune kein geringerer als der britische Altmeister Mike Leigh ist. Zwar werden auch hier vorwiegend mittlere bis untere Schichten portraitiert, aber Happy-Go-Lucky kommt doch mit etwas weniger pessimistisch-rauer Grundstimmung aus als viele seiner früherer Filme. So wird die psychologische Dramatik der Hauptfigur Poppy (Sally Hawkins) bisweilen umgedreht: Die Grundschullehrerin hat offensichtlich ihr Leben nicht immer im Griff, ist außerordentlich spontan und begeisterungsfähig, was mitunter in Verplantheit und Sprunghaftigkeit münden kann, und eckt damit nicht nur bei ihrem Fahrlehrer (Eddie Marsan – ebenfalls unfreiwillig komisch) kräftig an. Vor allem aber legt sie bei alledem eine ebenso irritierende wie unbestechliche Grund-Gute-Laune an den Tag, dass hier dramatische Momente und Augenblicke des Abgrunds aus genau dieser Konstellation erwachsen. Dem Paradigma, mit seinen Filmen keine Antworten zu geben, die er selbst nicht kenne, sondern vielmehr Fragen zu stellen, bleibt Leigh treu, was den Zuschauer jedoch nicht davon abhält, der schillernden Poppy Sympathie und vielleicht auch ein bisschen Bewunderung entgegenzubringen.
Einen interessanten Beitrag lieferte Finnland in deutscher Koproduktion mit Musta Jää (Black Ice, Petri Kotwica), einem Eifersuchts-Dreiecks-Drama der einfallsreichen Art: Nachdem die Hauptprotagonistin herausgefunden hat, dass ihr Ehemann sie betrügt, nimmt sie Kontakt zu dessen Liebhaberin, einer seiner Studentinnen, auf und freundet sich mit ihr an. Aus dieser Konstellation erwächst eine an tragischen Wendungen, Spannung und absurden Momenten reiche, souverän inszenierte Geschichte, die sich schließlich tödlich zuspitzt. Ein weiterer herausragender Film war Kirschblüten – Hanami. Zu Recht erhielt er Standing Ovations bei seiner Premiere unter Anwesenheit einer sichtlich erleichterten Doris Dörrie. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag schafft es, komplexe Themen wie Familie, Heimat, Altern, Tod und Tradition in einem neuen Licht darzustellen und kann damit im Vergleich zu den meisten deutschen Produktionen der letzten Jahre und der viel beschworenen innovativen Welle neuer deutscher Filme einen weitaus breiteren Horizont eröffnen. Dabei wird vor allem der Hauptfigur Rudi (Elmar Wepper) als typischem in den Ruhestand kommenden und im Trott seines alltäglichen Lebens gefangenen Mann eine außerordentliche Charakterentwicklung zugestanden. Eine Stärke des Films ist, dass diese Figur mit ihrer Entwicklung bis zur letzten Einstellung, in der sie im Angesicht des Fudschijama Abschied von der verstorbenen Ehefrau nimmt, glaubwürdig bleibt.
Weniger glaubwürdig gerieten andere Filme des Wettbewerbs: Besonders Elegy (Isabel Coixet) mit der Starbesetzung Ben Kinseley und Penélope Cruz enttäuschte am Schluss, als sich – das Ende sei hiermit vorweggenommen – das Netz aus Beziehungs- und Bindungsproblemen der Hauptfigur aufgrund einer wenig plausibel erscheinenden Krebsdiagnose in dramatisches Wohlgefallen und unbefriedigende Spannungslosigkeit auflöst. Ebenso ambivalent wurde Julia (Eric Zonca) aufgenommen. Die schauspielerische Leistung Tilda Swintons konnte nur Bewunderung hervorrufen und vermochte den Zuschauer zu fesseln. Trotzdem schien der Film gegen Ende an Glaubwürdigkeit und Plausibilität zu verlieren, als der Zuschauer der zunehmend sinnlosen, sich selbst dynamisierenden Kindesentführung folgte, die immer mehr in Richtung einer Katastrophe steuerte und das Unvermögen der Hauptfigur Julia demonstrierte, ihr Handlungsfeld halbwegs realistisch einzuschätzen. Ein weiterer Beitrag, die französisch-deutsche Koproduktion Il y a longtemps que je t’aime… (Philippe Claudel) hatte keine Kindesentführung, sondern einen mindestens so schockierenden Kindsmord zum Thema: Juliette (Kristin Scott) wird nach ihrer Entlassung aus einer fünfzehnjährigen Gefängnishaft von ihrer jüngeren Schwester aufgenommen. Lange bleibt ihre Vergangenheit im Dunkeln, bis die Schwester schließlich die wahren Umstände über die Tötung von Juliettes Sohn herausbekommt. Dieser ruhige, leise Film dreht sich vor allem auch um Fragen der Schuld, Missverständnisse, Geheimnisse und fehlender – vielleicht auch unmöglicher – Kommunikation. Gleichzeitig wird dabei das Gefühl des Gefangenseins ebenso subtil wie treffend eingefangen, lediglich die etwas märtyrerhaft anmutende, selbstleidende Rolle Juliettes, die sich am Ende offenbart, läuft Gefahr, ins Klischeehafte hinüber zu gleiten. Einzige wirkliche Enttäuschung des Wettbewerbs war der mit einer erstaunlichen Maschinerie angekündigte und mit einem ebenso erstaunlichen Staraufgebot ausgestattete Film The Other Boleyn Girl. Bedenkt man, dass der britische Regisseur Justin Chadwick bislang vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat, erklärt dies möglicherweise die enttäuschende Inszenierung des historischen Stoffes. Dieser erschöpft sich vor allem in mechanisch inszenierten intriganten Spielchen, einem Überfluss aus Korsetts, edel galoppierenden Pferden beziehungsweise Nahaufnahmen von deren Fesseln und prachtvollen Innenräumen und blendet dabei den zeitgenössischen Kontext weitgehend aus. So wird der Zuschauer trotz prächtiger Inszenierung mit einem weitgehend leeren Gefühl aus dem Kinosaal entlassen, Anregung zur Diskussion bot dieses Kostümspektakel ebenso wenig.
Erwähnt sei hier noch ein Film, der außerhalb der Konkurrenz lief: Katyn des polnischen Altmeisters Andrzej Wajda, dessen Vater selbst eines der Opfer des Massakers bei Katyn war. Relativ konventionell umgesetzt zeigt dieser Film die auch in Deutschland noch weitgehend unbekannten Vorgänge um das Massaker bei Katyn in Russland, dem 1940 mehrere Tausende polnische Offiziere, Intellektuelle, Akademiker und Zivilisten zum Opfer fielen und für das nicht – wie lange dargestellt – die Deutschen, sondern Einheiten des sowjetischen Geheimdienstes verantwortlich waren. Für das polnisch-russische Verhältnis ist dieser Umstand nach wie vor problematisch und wird tabuisiert. Mit seiner funktionierenden narrativen Mischung aus individuellen Schicksalen und Darstellung der historischen Vorgänge aus verschiedenen Perspektiven und der ebenso konventionellen wie souveränen filmästhetischen Machart erreicht Katyn sein Publikum: Er nimmt den Zuschauer mit und kann ihn damit für das Thema sensibilisieren. Besondere Aussagekraft kommt dabei den Sequenzen gegen Ende des Films zu, in denen das tatsächliche Massaker dargestellt wird. Ob hier Spielraum für unterschiedliche Interpretationen geschaffen wird, bleibt spekulativ.
Ein besonders positiv aufgenommenes Berlinale Special war die Dokumentation Auge in Auge – eine deutsche Filmgeschichte von Hans Helmut Prinzler und Michael Althen. Dabei geht es nicht nur um eine Darstellung der deutschen Filmgeschichte – eine Gesamtdarstellung kann ohnehin nicht geleistet werden –, sondern hier kommt gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an den deutschen Film zum Ausdruck. Entlang der Lieblingsfilme von zehn Größen des heutigen Filmgeschäfts sowie von fünf Essays, etwa über Berlin im Film, über den deutschen Film im Nationalsozialismus und der DDR, gelingt es, die oft angezweifelte Vielfalt des deutschen Films und gleichzeitig seine Besonderheiten einzufangen. Auch Montagen von verschiedenen „typisch cinophilen“ Einstellungen über die Zeiten hinweg – ein Telefonanruf, ein Kuss, Frauenblicke und Ähnliches – tragen hierzu bei und machen gleichzeitig deutlich, dass die Macher viel Spaß während der Herstellung des Films hatten. Genießen kann man diese gelungene Dokumentation aber am besten mit einem bisschen filmhistorischen Wissen im Hinterkopf.
Im Panorama konnten besonders zwei Filme überzeugen: Einmal der französische Beitrag Coupable(Guilty, Laetitia Masson), ein Film über die Unmöglichkeit und Unerfüllbarkeit der romantischen Beziehung, die als gesellschaftliches Konstrukt entlarvt wird, und über Menschen, die mit diesem Umstand kämpfen. Inszeniert wird diese Geschichte verschiedener Menschen und ihrer problematischen bis skurrilen Beziehungsgeflechte vor dem Hintergrund eines Mordes in der High Society in der östlichen Provinz Frankreichs: Im Zuge der Recherchen nach der oder dem Schuldigen werden die Verstrickungen und Abgründe innerhalb dieses Geflechts nicht nur immer verzwickter, darüber hinaus muss auch noch die alte Frage geklärt werden: War es die Ehefrau oder die Köchin? Der russische Eröffnungsbeitrag Rusalka (Anna Melikian) hingegen überzeugt vor allem durch seine unkonventionelle Machart und sein Spiel mit Klischees und Traumbildern. Er ist coming of age-Geschichte und Traumwelt zugleich. Dabei funktioniert die Erzählung vom Mädchen, das ärmlich aufwächst, in seiner eigenen Welt lebt und sich der Außenwelt verschließt, sich schließlich ihren Traum erfüllt und in die große Stadt (hier Moskau) aufbricht, aus zwei Gründen: Die filmischen Bilder, die diese Geschichte erzählen, sind voller Originalität und Phantasie und die Narration bleibt nie Klischees verhaftet, sondern spielt vielmehr mit ihnen, indem sie Erwartungen des Zuschauers herausfordert und immer einen süffisant-ironischen Unterton beibehält.
Als weiterer in sich stimmiger Beitrag im Panorama sei die dänisch-schwedische Koproduktion Det som ingen ved (Soren Kragh-Jacobson) erwähnt, ein Thriller, der vor dem Hintergrund der Diskussionen um den gläsernen Bürger und neue Formen des Überwachungsstaats eine spannende Geschichte um Geheimdienst und Freiheiten des Einzelnen im heutigen Dänemark entwickelt. Das Konzept des packenden Thrillers – ein genuin amerikanisches und nicht gerade europäisches Genre – funktioniert hier bestens, indem die Perspektive der aufdeckenden und bald gejagten Hauptfigur narrativ wie filmästhetisch konsequent beibehalten wird. Ein Film, der seine Zuschauer allerdings nicht überzeugen konnte, war die US-mexikanische Koproduktion Sleep Dealer (Alex Rivera). Das Thema von Arbeit in einer zunehmend grenzenlosen, virtuellen und dabei ebenso ungleichen Welt wurde hier von der Idee her viel versprechend angegangen, in seiner Darstellung der Figuren, Motivationen und Entwicklungen ebenso wie in der ästhetischen Machart bleibt dieser Film jedoch platten Klischees und inhaltslosen Bildern verhaftet.
Auch vom deutschen Film gab es in der Perspektive Deutsches Kino Neues zu vermelden. Hier ist vor allem Die Besucherin (Lola Randl) erwähnenswert, ein Film, der ebenso deutsch wie undeutsch daherkommt: Das Setting weckt seltsam starke wie relikthaft wirkende Assoziationen von einer typischen den westdeutschen 80er Jahren erwachsenen Mittelschicht, die sich gerade erst davon verabschiedet hat, ihr Joghurt selbst herzustellen. Agnes hat ihr berufliches und familiäres Leben fest unter Kontrolle, doch schon bald wird deutlich, dass ihr dieses erfolgreiche wie behütete Dasein zunehmend entgleitet. Nachdem ihr der Schlüssel für eine leer stehende Wohnung überlassen wird, auf die sie aufpassen soll, kommt es bald darauf zu einer unverhofften und unverhofft intimen Begegnung mit deren zurückgekehrtem Bewohner. Daraufhin hängt der Familiensegen bald mächtig schief. Entwicklung und Stagnation, Gewöhnlichkeit und Abgrund, Liebe, Zuneigung und Abgestoßenheit liegen hier ganz dicht beieinander.
Last but not least sei ein Fundstück aus der Retrospektive Specials vorgestellt: Nerven von Robert Reinert aus dem Jahre 1919. Dieses einzigartige Stück zeitgenössischer Befindlichkeiten aus der direkten Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs wurde jüngst nach jahrzehntelanger Vergessenheit in mühevoller Kleinarbeit mit Initiative des Münchner Filmmuseums rekonstruiert. Diese Rekonstruktion bleibt eine Annäherung an den ursprünglich aufgeführten Film, da etwa ein Drittel nach wie vor als verloren gilt. Durch eine Praxis der Transparenz und des sensiblen Umgangs mit der komplexen Geschichte des Films wurde hier jedoch ein besonderes Stück Filmgeschichte zum Leben erweckt. In der Narration wird der nervöse Zustand, die „Nerven“, der Nachkriegsgesellschaft, die Not und Unruhen in den Straßen, der verlorene Glaube an Fortschritt und Politik auf die zerrütteten inneren Befindlichkeiten der Menschen übertragen. Die Befindlichkeit der Gesellschaft nach dem Krieg stellt sich so als direkt krankhafte „nervöse Epidemie, die die Menschen befallen hat und zu allerhand Taten und Schuld treibt“ (Scapinelli, in: Deutsche Lichtspiel-Zeitung, München, 28/19.7.1919), dar, was bislang zu für den heutigen Zuschauer amüsanten Handlungsmotivationen und Analogien führt. Spätestens in der letzten Einstellung hatte der Film die (wohlwollenden) Lacher auf seiner Seite: Als Ausweg aus dem psychologisch-nervösen Dilemma wird für das Paar, das sich gefunden hat, im Sinne der „Zurück zur Natur“ – Bewegungen der 1920er Jahre ein reines Leben auf dem Lande, konkret: auf dem Acker hinterm Pflug, präsentiert. Auf Grundlage der zeitgenössischen Rezeption des Films in der Presse stellte Stefan Drößler vom Münchner Filmmuseum fest, dass hier die „Angstvisionen und Albträume des deutschen Stummfilms der zwanziger Jahre“ und damit auch erste Formen eines expressionistischen Films vorweggenommen würden. So war in der Besprechung des Films in der Zeitschrift „Der Film“ noch vor der Erstaufführung von Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) erstmals die Rede von dem Entstehen eines „expressionistischen Films“, was aber in der Langzeitperspektive nicht überbewertet werden sollte.
Text: Anna Pfitzenmaier, 20.02.2008

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