2005 – Far East

Far East Film 7

Udine, 22.04 – 29.04.2005

Peter Clasen (Hamburg) berichtet ueber das 7. Festival des asiatischen Films in Udine (Norditalien)

Das Kinojahr 2005 ist so schlecht angelaufen wie schon lange keines mehr. Hollywood liefert den erwarteten High-Concept-Plunder ohne Seele, die Leute bleiben zuhaus, die CinemaxXe werden zu CinemaexXchen. Man kann es niemandem verdenken. Doch weit da draussen gibt es noch Filmlaender, die so heiss sind, dass es brennt. Mittlerweile spricht sich das selbst bis nach Deutschland rum. Neben den sattsam bekannten Nippon-Festivals hat es z. B. das Hamburger 3001-Kino (Hallo, Bammel!) jetzt mal mit einer kleinen Suedkorea-Filmschau versucht, und das ZDF bringt im Hochsommer die naechtliche Reihe „Junge Tiger — Action aus Asien“ ins Programm“. Danke, so ist’s richtig! Von den zahlreichen Veroeffentlichungen diverser DVD-Anbieter ganz zu schweigen. Und nachdem die Amerikaner das ganze franzoesische Schaumgebaeck der 70er- und 80er-Jahre abgefruehstueckt haben, sind nun Remakes asiatischer Filme dran. Inzwischen weiss ja jeder, dass Martin Scorsese „Infernal Affairs“ neu auflegt, diesmal mit Brad Pitt, Matt Damon und Jack Nicholson; „The Departed“ soll der Streifen heissen, sei’s drum. Wo das Vorbild herkommt, gibt es sehr viel mehr. Das ruehrige Far East Film Festival in Udine (nahe Venedig) zeigt Tonnen davon — und so will ich wieder davon berichten.

HONGKONG:

Nukleus des neuen Hongkong-Filmwunders war bekanntlich „Infernal Affairs“. Zu den wunderbaren Folgen dieses modernen Klassikers gehoeren die beiden hochklassigen Thrillerdramen „One Nite in Mongkok“ und „Love Battlefield“. Wobei auffaellt, dass die Dramatik hier genau an der Schnittstelle zwischen „altem“ Hongkong und dem „neuen“ Festland-China entsteht, zwischen noch einigermassen wohlhabend und bettelarm. So sind die interessantesten Filme aus Hongkong inzwischen mindestens zweisprachig — in Kantonesisch und Mandarin. Sollten sich die Amerikaner je an Filmen wie diesen versuendigen, muessten sie wohl einen Culture-Clash zwischen ihresgleichen und Spanisch sprechenden Mexikanern bemuehen. (Und wenn sie es denn tun: Ich habe nichts gesagt!)

One Nite in Mongkok (Wong kok hei ye; HK 2004; R+B: Derek YEE) Hongkong am Heiligabend: Zwei Festlandchinesen fluechten gemeinsam durch das naechtlich-quirlige Amuesierviertel Mongkok: Ein Killer (Daniel Wu) kam gerade ueber die Grenze, um einen jungen Gangster zu erschiessen, kann als armer Landjunge aber nicht lesen, ist in der Grossstadt hilflos — und hat ohnehin noch nie einen Menschen umgebracht… An seiner Seite eine Hure (Cecilia Cheung), die genug vom Elend hat, in die alte Heimat zurueckwill — und jetzt vor einem brutalen Kunden fliehen muss… Sprach ich im Eingangstext von Seele? Dieser Film, obzwar stellenweise schonungslos brutal (die Tuerknauf-Szene!), hat so viel davon, dass es fuer zehn normale Hollywood-Filme reichen wuerde. Weinen moechte man, und am tragischen Ende kann man auch gar nicht anders.

Love Battlefield (HK 2004; R: Soi Cheang) Ein junges Ehepaar (Eason Chan und Niki Chow) will eigentlich nach Europa fliegen, aber dann ist ploetzlich das Auto weg. Beide zerstreiten und trennen sich. Als der Mann das Auto endlich findet, geraet er in die Gewalt dreier Kokain-Gangster aus China. Er muss fuer die Armutskriminellen den Driver spielen, fuer den Schwerverletzten die Krankenschwester — und Essen kocht er auch noch. Allerdings genau so schlecht, wie ihm seine Frau das immer vorgeworfen hat. Als innerhalb von 8 Stunden 15 Tote zusammenkommen und die Tatort-Fotos eben auch ihn selbst zeigen, geraet er auf die Fahndungsliste… Alles ist moeglich, nichts undenkbar: Eben noch Komoedie, jetzt Thriller, am Ende Tragoedie. Auf persoenliche Freunde ist kein Verlass mehr. Der Lebensretter schlaegt und schiesst wild um sich. Die boesen Gangster sind die aermsten Schweine. Du bist ein Held, am Ende aber leider tot. Die Liebe ist ein Schlachtfeld, Hongkong 2004 ist es auch.

Okay, das waren die unbestrittenen Hongkong-Thriller-Highlights. Natuerlich gibt es das Verbrechen aber auch in kleinerer Muenze. „Explosive City“ klingt doller, als er ist, geht aber voll in Ordnung. Eine Mini-Entdeckung dagegen ist der geschliffen gemachte, leicht an eine der schraege-liebenswerten „Milkyway“-Produktionen erinnernde „Crazy N‘ the City“:

Explosive City (HK 2004; R: Sam LEONG) Als Hongkong-Ermittler Ming (Alex Fong) die Japan-Killerin Jade (Hisako Shirata) schnappt, entfuehrt der Schurke Otosan (Sonny Chiba!), seinerseits vaeterlicher Chef von Jade, Mings kleinen Sohn. Ming und Jade muessen Otosan irgendwie finden, doch dummerweise fehlt Jade jede Erinnerung — und dann setzt der korrupte Cop Cheung (Simon Yam) seinen Kollegen Ming auch noch auf die Fahndungsliste… Fast wie ein Schachspiel: Figuren werden hin- und herbewegt — Charakterentwicklung null. — Wie sehr es in Asien brodelt, macht die Tonspur deutlich: Man spricht — relativ gleichberechtigt verteilt — Mandarin, Kantonesisch, Englisch, Japanisch! — Randnotiz: Action-Urgestein Sonny Chiba gibt, leicht amuesiert, den perversen Onkel: Er entfuehrt Kinder und trainiert sie per Gehirnwaesche zu spaeteren Killern.

Crazy N‘ the City (HK 2005; R: James YUEN; Action: Adam Chan) Der junge, fuer sein Alter schon recht abgeklaerte Streifenpolizist Chris (Eason Chan) muss sich um die uebereifrige Novizin Liu Tan-nam (Joey Yung) kuemmern. Natuerlich kennt er die ueblichen Kinoklischees ueber seinen Job (die pfiffig eingeflochten werden), aber der Alltag sei doch ganz banal. So kriegt Liu mit „Katzenmorden“ zu tun, muss Ortsunkundigen den Weg weisen und immer wieder den Karren einer alten Dame ziehen, verliebt sich nebenbei in einen schmucken Sanitaets-Cop (Alex Fong) und stolpert mehrfach ueber den total verwirrten, aber eher harmlosen Shing Wong (Francis Ng)… Auch wenn es eingangs hiess, „Wir sind nur Polizisten, keine Supermaenner“, kommt die kinouebliche Spannung schliesslich doch zu ihrem Recht, als der bestialische „Rainy Murderer“ sein Unwesen zu treiben beginnt… Kleiner, grossartig gemachter Polizei- und Milieufilm. Kamera und Schnitt sind unaufdringlich-perfekt, oft gesehene Momente (wie der Todessprung des bettelarmen Mannes (Lam Suet), der Milch fuer sein Kind stehlen wollte) werden auf verblueffende Weise „neu“ erfahrbar gemacht. Der Filmtitel ist dumme Ranschmeisse, der Film an sich eine kleine Perle.

Johnnie To, der alte Udine-„Regular“, war auch diesmal wieder vertreten. Leider mit der dummen (und daher hier ausgesparten) Hochglanz-Posse „Yesterday Once More“, ein Vehikel fuer die Superstars Andy Lau und Sammi Cheng, die sich als geschiedenes Gaunerpaerchen in wechselseitig ausgelegte Fallen tappen lassen. Versprach To vor einigen Jahren, einen seiner Filme anteilig in Udine zu drehen, hat er tatsaechlich Wort gehalten. Aber das Ergebnis ist dennoch strictly fuer den Asien-Markt. Weitaus lohnender sind der gewitzte „Liebeskrimi“ „Beyond Our Ken“ (ebenfalls mit Italien-Anbindung!) und der hinreissend durchgeknallte „Kinder-Cartoon“ „McDull, Prince de la Bun“ (den allerersten Film der kultigen „McDull“-Serie zeigte das Far East Film Festival bereits 2002):

Beyond Our Ken (HK 2004; R: PANG Ho-cheung) Kellnerin Shirley (Tao Hong) ist seit vier Wochen mit Feuerwehrmann Ken (Daniel Wu) zusammen. Eines Nachts im Lokal wird sie von Ching (Gillian Chung) angesprochen: Sie ist die Ex von Ken — und weiss Dinge ueber ihn, die einfach nicht schoen sind — Ken hat z.B. Hepatitis B. Heimlich verbuenden sich beide Maedels gegen den abgefeimten Typ… Ein smarter, kleiner Film, der die vielgeruehmte Frauensolidaritaet mal in ein ganz anderes Licht taucht. — Der Regisseur hoerte vor zwei Jahren auf der Reise von Udine nach Rom einen Italo-Schlager im Autoradio — und hatte, so will’s seine huebsche kleine Legende, endlich DIE Idee fuer seinen naechsten Film. Tatsaechlich ist Gianna Nanninis „Amandoti“ die perfekte musikalische Illustration fuer den Trennungsschmerz von Ching — und war in Udine sofort ausverkauft.

McDull, Prince de la Bun (HK 2004; R: Toe YUEN) Ueber Hongkong kreisen die Baukraene, Buerotuermchen und Wohnbloecke fallen, die Stadt wird runderneuert. Und Schueler-Schweinchen McDull kriegt das grosse Zittern: Das eine Beinchen vibriert im Presslufthammer-Takt. Mutti geht mit McDull von Arzt zu Arzt. Nach 200 Diagnosen zittern dann auch Mutti und der Arzt. Doch es gibt ein Happy-end: Auf der Buehne der Pariser Oper spielt ein Cellist eine Fuge von Bach — und Stargast McDull darf die Darbietung mit seinem beruehmten Schuettelbein begleiten! Ein Kinderfilm, auch fuer Erwachsene: absurd, grotesk, absolut assoziativ, wunderbar, zauberhaft. Genial!

VOLKSREPUBLIK CHINA:

Mit dem laendlichen Zeit- und Sittengemaelde „Red Sorghum“ (Rotes Kornfeld) von ZHANG Yimou wurde noch einmal dem Wegbereiter des chinesischen Kinos in den Westen Tribut gezollt. Der Film begeistert noch immer mit seinen lebensprallen Figuren und trifft einen mit seiner expressiven Wucht (da er zum Kanon zaehlt, spare ich mir einen Extra-Eintrag). Gegen diesen Mega-Klassiker, der 1988 den Goldenen Baeren erhielt (und jetzt mit der damaligen Berlinale-Kopie vorgefuehrt wurde!), sahen alle neuen Beitraege eher bescheiden aus. Als da waeren: „A World Without Thieves“, eine Gauner-gegen-Gauner-Komoedie auf Schienen, dann das David-Lynch-artige Vexierspiel „Suffocation“, das bewahrpaedagogische Jugendpsychodrama „The Last Level“ oder die ueberfluessige Neuverfilmung von „Brief einer Unbekannten“. Einzig „Peacock“ hat das Zeug zum modernen Klassiker.

A World Without Thieves (VR China / HK 2004; R: FENG Xiaogang) Auf einer langen Zugfahrt duellieren sich der Gentleman-Gauner Wang Bo (Hongkong-Superstar Andy Lau) und der verschlagene Trickdieb Uncle Li (China-Superstar Ge You) um das brikettgrosse Geldbuendel eines naiven, aber lieben Landeis. Wang Li (Taiwan-Superstar René Liu Ruo-ying), die Liebste von Wang Bo, schliesst den jungen Typ ins Herz: Er will mit den 60.000 in die alte Heimat und sich eine Frau suchen… Dass der Film ein normaler Genrefilm sein koennte und vielleicht auch sein muesste, tatsaechlich aber wie grosse Kunst daherkommt, ist natuerlich voellig nebensaechlich (und sowieso Geschmackssache). Entscheidend ist, dass das, was politisch durchaus heikel ist, in kuenstlerischer Hinsicht kein Problem darstellt: Die Stars aus Hongkong und Taiwan ordnen sich nicht in Nebenrollen unter, sondern sind denen der Festland-Chinesen ebenbuertig. Dass der Film beim chinesischen Publikum ein grosser Hit war, darf man vielleicht als gutes Zeichen werten.

Suffocation (VR China 2004; R: ZHANG Bingjian) Ein Fotograf (wieder mal Ge You) hat eine Affaere mit seinem Model. Tief in der Nacht ruft er einen Freund an, weil seine Ehefrau verschwunden sei. Dabei liegt die in einem Cellokoffer unter dem Bett. Bei Wind und Wetter versucht er, die Leiche ins Meer zu entsorgen… Zwischen den seltsamen, kafkaesk anmutenden Alptraum-Szenen fuehrt er therapeutische Gespraeche bei einer alten Dame: Dass er seine Frau erwuergt hat, passierte nur in seiner schuldbewussten Phantasie… Assoziativ-experimenteller Filmkunst-Horrorkrimi: Satt farbige, scharfe Bilder in Gruen-Gelb, artifizielle Einstellungen in meist topmodernem Ambiente. Ungewoehnlich und faszinierend. Der Formenreichtum chinesischer Filme ist tatsaechlich erstaunlich.

The Last Level (VR China 2004; R: WANG Jing) Ein junger Mann setzt sich ins Internet-Cafe, um im Computerspiel „The Last Level“ ebenjene hoechste 39. Ebene zu erreichen. Tage und Wochen spaeter sitzt er immer noch da, verirrt sich zunehmend in der illusionaeren Fantasy-Welt , verliert seine Freundin — und fast den Verstand… Der kleine, fuer dieses Sujet eher unterproduzierte Independent-Film entstand nach einer wahren Begebenheit: Im August 2002 wurde in Wuhan ein Mann nach 60 Tagen aus einem Internet-Cafe hinausgeworfen. Na schoen. Tatsaechlich laesst sich der nicht unsympathische Film auch als naive Anti-Internet-Propaganda betrachten: Einsamer Hoehepunkt ist der Umstand, dass die Frau des Betreibers „foetalen Stress“ bekommt und wohl ein Kaiserschnitt noetig ist — weil im Cafe die Luft so schlecht ist! — Ob die chinesischen Behoerden, die bekanntlich tausende von Internet-Lokalen geschlossen haben und generell sowieso alle Zugaenge radikal filtern, Filmfoerdermittel spendiert haben? Unvorstellbar waer das nicht!

Letter From an Unknown Woman (VR China 2004; R: XU Jinglei) Peking 1948: Bei einem beruehmten Autor (Jiang Wen) trifft der Brief einer Unbekannten (Xu Jinglei) ein, worin sie ihr unglueckliches Leben und den kuerzlich erfolgten Tod ihres kleinen Sohns rekapituliert — der zugleich der Sohn ebenjenes Autors sei. Die fremde Frau beginnt ihre Beichte im Jahre 1930… Schon der Vorspann veraergert leicht: Die Romanvorlage stammt von keinem Stephen Zweig, sondern von Stefan Zweig. Das Melodram mit der tragischen juengsten Historie Chinas zu verknuepfen, hat wohl seinen Reiz, kommt aber eher als kunstgewerblich rueber: schoen, sogar sehr schoen (dunkle, glaenzende Bilder), aber langweilig, hoffnungslos altmodisch, selbst die Musik koennte die Neueinspielung eines uralten Hollywood-Soundtracks sein. Interessanter waere es gewesen, die muffige Tragoedie einer Frau, die zur Hure wird, in die Gegenwart zu transponieren — aber so weit ist man / frau in China denn doch noch nicht. Verblueffend ist nur, wie Regisseurin und Hauptdarstellerin Xu Jinglei in jedem Alter ueberzeugt.

Peacock (VR China 2005; R: GU Changwei) Drama einer Familie in den 70er-Jahren, erzaehlt am Beispiel der drei Kinder in drei sich ueberlappenden Episoden: 1.) Die Tochter ist eigensinnig, unkonventionell, forsch, furchtlos. Sie traeumt davon, einem schoenen Fallschirmjaeger als Rekrutin zu folgen — und radelt am Ende mit einem haesslichen Typ in die Ehe, der zwar nicht der Vater ihres Kindes ist, ihr aber wenigstens einen halbwegs ertraeglichen Job verschaffen kann. — 2.) Der aeltere Bruder, verfettet, kraenklich und geistig leicht behindert, setzt sich in den Kopf, eine ganz bestimmte, schoene Fabrikarbeiterin heiraten zu wollen. Mutter weiss, dass das illusorisch ist — und versucht die naemliche Dame mit Geld zu bestechen… — 3.) Der juengere Bruder sei immer „still wie ein Schatten“ gewesen, so sagten jedenfalls die Leute. Sein Drama beginnt, als er sich eine kleine Wichsvorlage zeichnet — und der entsetzte Vater ihn fast aus dem Haus pruegelt. Von da an sucht der Junge selbst den Abstand, geht nicht mehr zur Schule, jobbt in einem Altersheim, flieht mit dem Zug… Alle Geschichten erzaehlen von bitteren Enttaeuschungen, ernuechternden Einsichten, freudlosen Vernunftentscheidungen, Kompromissen, Demuetigungen, Beschaemungen, zerplatzten Traeumen, boesen Luegen, drastischen Lektionen und lebensgefaehrlichen Racheakten. Dabei greift die hoechst elliptische Erzaehlweise stets nur die entscheidenden Momente einer Entwicklung heraus, das Schema heisst: Idee / Entscheidung — und deren boese bzw. tragische Folgen. — Auch wenn die Gewinner von Publikumspreisen oft nur den Biedersinn der Zuschauer spiegeln: Die Udineser haben diesmal absolut richtig entschieden!

SUEDKOREA:

Das suedkoreanische Familiendrama ist stets eine Klasse fuer sich. Oft findet das heute ultramoderne Land darin fast wehmuetig zu seinen laendlichen Wurzeln zurueck. Der rasend schnelle Prozess von Industrialisierung, Amerikanisierung, Verstaedterung hat viele befremdet. Die in Filmen thematisierte spaete Loesung eines alten Problems oder frueheren Verbrechens hilft dabei, Vergangenes abzuschliessen und endlich in der Gegenwart anzukommen. Das Schuld-und-Suehne-Drama „A Family“ verquickt eine familiaere Tragoedie mit einer Gangstergeschichte; in „Road“, einem Roadmovie zu Fuss, ueberwindet ein alter Mann eine grosse persoenliche Enttaeuschung.

A Family (SK 2004; R: LEE Jung-chul) Die junge Jeong-eun kehrt nach drei Jahren zu ihrer Rest-Familie zurueck. Offiziell war sie in Japan studieren, tatsaechlich sass sie im Knast. Der kleine Strassengangster, mit dem sie frueher herumzog, ist jetzt der ultrabrutale Boss der Bande — und zwingt Jeong-eun, das nach einem gemeinsamen Coup verschwundene Geld wieder aufzutreiben. Nicht nur sie selbst geraet dabei in Gefahr, sondern auch ihr kleiner Bruder — und vor allem der alte, Leukaemie-kranke Vater. Erst nach und nach zeigt sich, dass die heutige Verbrechensgeschichte (mitsamt ihren Gewaltauswuechsen) ihren Ursprung in einer familiaeren Tragoedie hatte, die auch zum Tod der Mutter fuehrte…

Road (SK 2004; R: BAE Chang-ho) Ein Schmied zieht in den 70ern durch die Lande und erinnert sich an die boese Geschichte mit seinem damals besten Freund: Der Hallodri verspielte in den 50ern sein Haus und hinterging ihn, als er vier Jahre im Knast sass, mit seiner Frau (zumindest sah er das so). Eines Tages begegnet der Schmied einer jungen Frau von 17 Jahren: Sie ist Epileptikerin, auch sonst recht hilfsbeduerftig — und stellt sich spaeter als die Tochter eben jenes verraeterischen Freunds heraus. Der Schmied ueberwindet all seinen Groll und hilft der Aermsten… Sehr ruhig, sproede, auf unterkuehlte Art doch ans Herz gehend.

Suedkorea und der Sex. Waehrend die kunstvollen Perversionen aus Japan schon langweilen, kann man an der suedkoreanischen Filmproduktion Jahr fuer Jahr ablesen, wie die Grenzen vorsichtig immer weiter geschoben werden. In dieser Hinsicht bot das Far East Film Festival schon mehrere „Knaller“, 2005 dagegen war die Ausbeute mager: „Green Chair“ hatte die etwas seltsame Anmutung eines 70er-Jahre-Problemfilms, „Everybody Has Secrets“ war DIE Mogelpackung ueberhaupt:

Green Chair (SK 2005; R: PARK Chul-soo) Die geschiedene Mun-hee (32) liebt den knapp minderjaehrigen Hyun (17), wird dafuer zu 100 Stunden Sozialarbeit verurteilt, trifft sich aber weiterhin heimlich mit ihm in Hotels oder bei einer Freundin. Ihre Angst vor Verlust ist so gross wie seine Begierde. Als sie die Trennung will, legt er erst richtig los und kaempft um sie… Hoehepunkt ist die grosse Diskussionsrunde, als alle Hauptfiguren des Films in den 18. Geburtstag von Hyun hineinfeiern. Punkt null Uhr gibt sich auch der Kommissar zufrieden. Die Strafrechts-Paragraphen sind eine Farce.

Everybody Has Secrets (SK 2004; R: CHANG Hyun-soo) Eine Frau, die mit Maennern spielt, trifft den Mann ihres Lebens — der heimlich aber auch ihre Schwestern und die Mutter beehrt… Wenig mehr als die Bebilderung der Handlungskonstruktion, die Figuren an sich bleiben Abziehbilder. Besonders wenig zu vermelden hat der Hauptdarsteller: Er muss einfach nur huebsch aussehen. Aber das tut er dann auch brav. Und nun die grosse Enthuellung: Das alles kennen wir laengst! Die erotische Komoedie ist naemlich das suedkoreanische Remake von „Alles ueber Adam“ (About Adam; Irland / GB / USA) mit Stuart Townsend!

Twen-Komoedien aus Suedkorea? Immer her damit! Der wunderbare, mit „queer sensibility“ inszenierte „Flying Boys“ nimmt die Probleme junger Leute absolut ernst, ohne in Truebsinn zu verfallen. Der grandiose „Someone Special“ begab sich ein wenig auf „Harry und Sally“-Terrain, erzaehlte seine Geschichte aber auf kecke, eben typische suedkoreanische Weise. Und zeigte den in Udine Anwesenden, dass die besten Filme manchmal durchaus am weniger attraktiven Vormittag laufen. (Erklaerung: Abendtermine gibt es vorzugsweise, wenn Filmemacher als Gaeste kommen. „Someone Special“ hatte leider keine. Was andererseits auch heisst: Filme in der 20.00-Uhr-Hauptvorstellung mit internationalen Regisseuren, Produzenten usw. muessen nicht zwangslaeufig etwas taugen.)

Flying Boys (SK 2004; R: BYUN Young-joo) Ein Schueler im letzten Highschool-Jahr wird freundlich dazu erpresst, Ballettstunden zu nehmen — und seine zwei besten Freunde muessen ebenfalls mit. Er trauert um seine kuerzlich verstorbene Mutter und streitet mit dem zu oft abwesenden Vater — aber eine der Taenzerinnen im Kurs ist zufaellig auch die, in die er sich bereits von fern verliebt hat… Weit ueber dem Durchschnitt: Die diversen Schwierigkeiten, die die Schueler mit ihren Eltern und sich selbst ausfechten muessen, werden einfuehlsam und glaubwuerdig dargestellt. Der finale Ballettauftritt zu „Get it on“ von T. Rex ist wunderbar mitreissend.

Someone Special (SK 2004; R: JANG Jin) Romantische Komoedie: Der junge Dong Chi-sung (Jeong Jae-young), Pitcher in einem Baseball-Team und grad von seiner Freundin verlassen, erhaelt die Diagnose Lungenkrebs. In 3 Monaten tot, quaelt ihn die Frage, was denn die Liebe sei und wieso er ihr nie begegnet ist. Die junge Nachbarin Han Yi-yeon (Lee Na-young), Kellnerin in einer Kneipe, mogelt sich in sein Leben — er laesst es eher passiv geschehen, ehe er merkt, was sie ihm wirklich bedeutet… Schoene Bilder in schoenen Farben, sehr liebenswerter Humor. Der Hauptdarsteller ist herrlich traurig, linkisch, leicht selbstironisch, huebsch sowieso, und meist steht er wie ein begossener Pudel da. Ein ironischer Spass ueber die Unfaehigkeit der Maenner, sich voll und ganz auf Frauen einzulassen: Erst in den letzten Bildern des Films ist Dong soweit, ernsthaft an Han interessierte Fragen zu stellen — z.B. nach ihrem Namen, ihrem Alter oder ihrem Lieblingsessen!!! — Superwitzig auch der Film im Film, Titel etwa: „Liebe unterm Telefonmast“.

Noch ein paar „handfeste“ Genrefilme aus Suedkorea. Das Horror-Kammerspiel „R-Point“ erinnert in spukhafter Weise daran, dass Suedkorea im Vietnamkrieg die Amerikaner unterstuetzte; der parodistische „To Catch a Virgin Ghost“ versucht nicht uebermaessig erfolgreich, seinen Bauern-gegen-Gangster-Plot mit einer Geistergeschichte anzureichern; beinah exzellent dagegen der slicke, an einem einzigen Tage spielende Grossstadt-Thriller „Some“, der sich leider nur nicht traut, seine noire Story auch stringent noir aufzuloesen.

R-Point (SK 2004; R: KONG Soo-chang) Vietnam, Januar 1972: Ein (koreanisches) Kommando von 9 Soldaten begibt sich in eine kampffreie Zone, um vermisste Kameraden zu finden — auf einmal sind sie 10! In einem grossen, verfallenden Haus, das einzeln in der Landschaft steht, begegnen sie den Geistern vom Bataillon 53… Seltsam: Set, Fotografie und Darsteller beschwoeren wirkungsvoll den Tod herauf. Trotzdem ist’s nicht spannend und nur wenig creepy.

To Catch a Virgin Ghost // aka: Sisily 2KM (SK 2004; R: SHIN Jung-won) Ein Gangster tuermt mit Diamanten und strandet bei einer gierigen Landkommune, die ihn lebendig einmauert. Sein uebertoelpelter Komplize — ein eleganter, aber harmloser Idiot — hat nur 3 Tage Zeit, die Steinchen wieder aufzutreiben. Mit drei anderen, ebenfalls nicht sehr hellen Gangstern nimmt er die Verfolgung auf — und kriegt es ausser mit den widerborstigen WG’lern auch mit einem traurigen Geist zu tun… Amuesant ist natuerlich, dass sich die Oeko-Bauern als miese Schweine entpuppen, waehrend die vier Gangster zu Helden des (Geister-) Alltags werden.

Some (Sseom; SK 2004; R: CHANG Yoon-hyun) Seo Yoo-jin (Song Ji-hyo), Verkehrsbeobachterin fuers Radio, wird fruehmorgens auf dem Weg zur Arbeit von Gangstern attackiert, doch ein Cop, Chief Oh (Kang Shin-il) vom Drogendezernat, springt dazwischen. Zufaellig wollen Cop und Gangster dasselbe: Sie sind auf der Suche nach Rauschgift, das jemand beiseite geschafft hat. Waehrend die Gangster durch Seoul ziehen und jeden befragten Punk, der keine Antwort weiss, mit einer Ueberdosis totspritzen, kann die Reporterin dem Polizisten mit ihrer perfekten Ueberwachungstechnik wertvolle Hinweise ueber die Spur der Verbrecher geben — ehe sich beide gemeinsam in den Asphaltdschungel stuerzen… Der besondere Kick, auch wenn er letztlich nicht ueberzeugt, sind die „déja-vus“ von Seo Yoo-jin, die sich dann vielmehr als boese Vorahnungen entpuppen. Sie versucht, die „gesehenen“ Zeichen zu verstehen, ihrem eigenen Schicksal aus dem Weg zu gehen…

JAPAN:

Zum Einstieg was Leichtes, naemlich zwei Filme fuer die Maedels. Nach dem mega-knuffigen Teengirl-Pop-Abenteuer „Kamikaze Girls“ muessten sich eigentlich alle Homofestivals der Welt die Finger lecken. „Ichigo.Chips“ kann gern im Heimatland verbleiben: Das auf Video gefilmte Pschodrama einer Manga-Zeichnerin foerdert den Schlaf.

Kamikaze Girls (Japan 2004; R: NAKASHIMA Tetsuya) Ein Maedchen im Rueschenkleid — ihr ideales Zeitalter waere das Rokoko gewesen, und sie lernt bei einem schwulen Modisten — trifft auf eine kesse Motorrad-Braut… Holla, die Waldfee! Superbunter Kultfilm fuer die Queer-Fraktion. Das Irre dabei: Es gibt keinen Sex, nichts irgendwie Anstoessiges, alles bleibt harmlos. — Die ersten 20 Minuten gehoeren zu den lebhaftesten, quirligsten, derer ich je ansichtig wurde.

Ichigo.Chips (Japan 2005; R: NAKAHARA Shun + TAKAHASHI Tsutomu) Comic-Zeichnerin Ichigo hatte vor 12 Jahren einen Riesenhit mit dem Manga „Cherry Road“, der mit dem angedeuteten Tod des Helden endete. Alle erwarten seitdem eine Fortsetzung von ihr, doch Ichigo fuerchtet, nie mehr schreiben zu koennen: Sie fuehlt sich schuldig daran, dass der junge Mann, nach dessen Vorbild sie den Comic-Charakter schuf, 2 Monate nach Veroeffentlichung des Buches starb. Doch ploetzlich trifft sie ihn, Kusonose, als KFZ-Mechaniker in einem Strandhaus wieder… Wie gesagt: extreeem langweilig.

Und hier geht’s zur Maennerabteilung. Fuer Maenner, die leiden. Beim unerhoert edel gefilmten, leider elendig ueberzogenen Trauerkitsch-Epos „Crying Out Love…“ rollt sich jedes Sushi ganz von selbst. „Desert Moon“ dagegen ist eine kluge Studie ueber die Verlierer der New Economy — über die ausgezehrten, desillusionierten, einsamen Manager und IT-Worker. Besonders erstaunlich an diesem Werk ist, dass es bereits 2001 gedreht wurde, also unmittelbar nach dem oekonomischen Niedergang. Gibt es ueberhaupt eine westliche Produktion, die aehnlich schnell reagierte?

Crying Out Love, in the Center of the World (Japan 2004; R: YUKISADA Isao) Kurz vor der Eheschliessung verschwindet die Braut, Ritsiku. Der Gatte in spe, Shotaro, sucht sie in der Stadt, wo beide vor 17 Jahren zur Schule gingen. Dabei geraet Shotaro in den Bann seiner ersten grossen Liebe, Aki, die damals an Leukaemie starb (und die — surprise und spoiler! — die grosse Schwester seiner heutigen Braut war)… Sehr „geschmackvoll“, sehr kunstgewerblich, die CS-Bilder sind durchgehend mit zartem Grauschleier ueberschattet. Und geradezu opernhaft: Als man schon glaubt, Aki sei nun (endlich) tot, braucht sie doch noch 20 weitere Minuten dafuer. — Randnotiz: Wer Regenfilme sucht, wird hier absolut fuendig.

Desert Moon (Japan 2001; R: AOYAMA Shinji) Der ueberlastete, hart und depressiv gewordene Software-Unternehmer Mr. Kagai, 36, fuehrt seine selbst aufgebaute Firma nur noch fuer die Aktionaere. Abends trauert er dem verlorenen Familienleben hinterher, das nur noch auf Videobaendern existiert. Sein Angestellter Keechie ist etwas vernuenftiger, will dem Druck nicht laenger standhalten und kuendigt. Da er noch jung und knackig ist, verdingt er sich vorerst als Callboy. Mr. Kagai beauftragt ihn, seine Frau Akira, die die Scheidung eingereicht hat, zu finden: Sie hat mit dem Toechterlein die Stadt verlassen, um im laendlichen Haus ihrer Eltern zurueck zur Heimat zu finden… Entfremdung und Zynismus am Anfang vom Ende — dem Zerplatzen der Internet-Blase. Die zentrale Frage: Ist Geld wichtiger als Familie? (Natuerlich nicht.) Gleichzeitig eine Abrechnung mit der Vaetergeneration: Keechie ist der jugendliche Mahner / Warner, der dem orientierungslos gewordenen Mr. Kagai den rechten Weg weisen will, den der aber lange nicht sieht…

Sehr interessant: die kleine Politecke. Zu den groessten Schwaechen Japans gehoert bekanntlich die massive Verdraengung frueheren Unrechts. Der Angriffskrieg auf China, die Besetzung Koreas bis 1945… Das kulturpolitische Jugenddrama „We Shall Overcome Some Day“ ist eines der raren Beispiele dafuer, dass zumindest politisch bewusste Filmemacher einen Beitrag zur Voelkerverstaendigung leisten koennen. Der aufwaendige U-Boot-Thriller „Lorelei“ ist das exakte Gegenteil, naemlich die haarstraeubendste Geschichtsklitterung, die mir bisher untergekommen ist: Mutige japanische Soldaten verhindern mit Hitlers letzter Geheimwaffe den Atombomben-Abwurf der Amerikaner auf Tokio! Okay, das Fake-Epos ist als Fantasy gedacht. Dennoch ist es hochnotpeinlich. Die Macher, die in Udine zu Gast waren, haben das auch durchaus zu spüren bekommen.

We Shall Overcome Some Day (Japan 2004; R: IZUTSU Kazuyuki) Kyoto, 1968: Tausende von (Nord-) Koreanern wurden einst ins Land verschleppt. Zwischen ihren Kindern und denen der Japaner kommt es immer wieder zu taetlichen Auseinandersetzungen, ja regelrechten „Kriegen“. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich die zarte Romanze zwischen einem japanischen Schueler und einer Koreanerin. Deren Bruder wiederum hat ganz handfesten Sex mit einer Japanerin… Zwei Sprachen, zwei Kulturen — ein Film zur Aussoehnung, zum Ende hin tief bewegend: Bei der Trauerfeier fuer einen verunglueckten koreanischen Jungen geraet auch der kleine Japaner in den Kreis der Familie — als sich der stille Opa ploetzlich laut ueber die Grausamkeiten auslässt, die ihm damals die Japaner antaten… Grosse, beklemmende Szene, eine reife Leistung.

Lorelei: The Witch of the Pacific Ocean (Japan 2005; R: HIGUCHI Shinji) Sommer 1945: Einen Tag nach der Zerstoerung von Hiroshima laeuft die sagenumwobene „Lorelei“ aus, um weitere atomare Einsaetze der Amerikaner zu verhindern und damit das Ueberleben der japanischen Nation zu sichern. Das U-Boot ist die geheimste Geheimwaffe aus Nazi-Produktion: Bevor die I-507 zuschlaegt, klingt jedes Mal eine zarte Frauenstimme durch die Meere — und singt „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein“. Des Raetsels Loesung: Fragiles Kernstueck der maechtigen Waffe ist eine kleine Deutsch-Japanerin, deren uebersinnliche Faehigkeiten bei boesen Experimenten im KZ trainiert wurden. Auf „Matrix“-Art mit den Maschinen verkabelt, ist sie nun das perfekte menschliche Sonarsystem… Udine 2005: Die auf der Buehne versammelten Repraesentanten der „Lorelei“-Produktion geben kleinlaut zu bedenken, der Film sei ja eigentlich auch nur fuer den japanischen Markt gedacht… Dem kann man nur voll und ganz zustimmen. Indem der Film fragt, ob man ein Opfer der Nazis weiter ausbeuten duerfe, zeigt man ein bisschen Moral. Der Rest ist verknirscht-chauvinistischer, laecherlich-naiver, revanchistischer Kaese. — Ach ja: Selbst die Computer-Tricks taugen nichts.

RETRO: NIKKATSU:

Die grossen Filmstudios Japans sind bekannt: Toho (Godzilla), Daei (Gamera). Aber Nikkatsu? Diese kleine, hoechst interessante Filmschmiede spuckte in den 60er-Jahren jede Menge an preiswertem Action-Entertainment auf den Markt (u. a. die spaeter hoch geruehmten Werke von Suzuki Seijun) und war jetzt das Thema der Retrospektive in Udine. Leider konnte ich nur zwei Werkbeispiele sehen, doch ihr naiver Charme war einfach hinreissend. Und das Cinemascope war noch ECHTES Cinemascope, jawoll!

Black Tight Killers (Japan 1966; P: Nikkatsu; R: HASEBE Yasuharu) Mini-Bond Hondo (eigentlich Kriegsfotograph) geraet auf der Suche nach seiner entfuehrten Liebsten (Stewardess, gerade angequatscht) an Go-Go-tanzende Ninja-Girls und internationale Killer im Trenchcoat… Actionkrimi-Poptrash, huebsch krause Kolportage mit manchmal tollem Set-Design: herzig, luschtig, kaesig. Die sechs pummeligen Girls im schwarzen Hoeschen spucken toedliches Kaugummi, sind aber eigentlich ganz Liebe: Alle lassen sie ihr Leben fuer Hondo und sterben fast wonniglich in seinen Armen. Die zentralen Actionszenen sind aus den ersten vier Bond-Filmen abgekupfert, aber zu weit moderaterem Preis.

The Velvet Hustler (Kurenai no Nagareboshi; Japan 1967; P: Nikkatsu; R: MASUDA Toshio) Ein laessiger Killer, der stets die selbe melancholische Melodei pfeift, erschiesst in Tokio einen Bonzen und taucht anschliessend in der Hafenstadt Kobe unter. Mit anderen juvenile delinquents sitzt er gelangweilt am Kai, pfeift sein Lied und sehnt sich nach Tokio zurueck. Dann nimmt ein Raecher seine Spur auf — und seine Liebste, mit der er nach Manila wollte, verraet ihn an die Polizei… Gangsterdrama, eine Art Nippon-Noir in Farbe und bei Tage: wenig Plot, viel Stil. Der Held verkoerpert die Coolness in ihrer reinsten Form — selbst sein Leben haucht er pfeifend aus! Kein Trash wie „Black Tight Killers“, sondern ein ernst gemeintes, gleichwohl leicht unfreiwillig komisches Gangsterdrama, das gewisse Parallelen zu Jean-Pierre Melville aufweist; auch ein Vergleich mit dem Alain-Delon-Film „Millionenraub in San Francisco“ (Once a Thief, USA 1965) koennte speziell interessant sein. — Sonstiges: Schicke Szenen im Beat-Schuppen!

PHILIPPINEN:

Dass die Klassengegensaetze auf den Philippinen gross sind, die Armut exorbitant, das weiss man. Dass die Filme wenig Geld kosten duerfen und man als West-Zuschauer immer „Abstriche“ machen muss, auch darauf hat man sich eingestellt. Umso erfreulicher, dass z. B. „Mr Suave“, eine romantisch-parodistische Schlagerklamotte zum No.1-Charts-Hit vor 2 Jahren, durchaus Spass macht (der Name seines Stars, der sympathische Vhong Navarro, buergt dafuer). Die grosse Entdeckung aber ist „Feng Shui“: Billig produziert, aber handwerklich sauber gestaltet und erzaehlerisch wunderbar fluessig, verpackt der erfahrene Regisseur Chito S. Rono seine Sozialkritik in einen wirkungsvollen Horrorfilm.

Mr Suave (Philippinen 2003; R: Joyce BERNAL) Shrimps-Verkaeufer Rico Suave (Vhong Navarro), ein eitler, selbstverliebter Geck mit gezwirbeltem Schnurrbart, Chaps und Cowboy-Stiefeln (plus Sporen!), gilt als „Maedchen-Magnet“, gibt seinen vier Freunden (ethnisch und vom Alter her ziemlich gemischt) auch gerne kluge Tipps, ist heimlich aber ein Angsthase und Versager, der bei flotten Maedels wortwoertlich versteinert, hart wie Holz wird (und dabei sogar Aeste treibt!) oder als Eisblock erstarrt. Als ihm ein Therapeut eroeffnet, er koenne vielleicht sogar schwul sein, geraet Rico in eine totale Identitaetskrise — aus der ihn am Ende nur die schoene Hure Venus erloesen kann… Mild amuesante Satire auf den Macho an sich. Eine lose Sammlung von Sketchen, technisch sauber gemacht, huebsch bunte, scharfe Bilder.

Feng Shui (Philippinen 2004; R: Chito S. RONO) Eine Frau, die mit ihrer Familie vor kurzem in eine „gated community“ gezogen ist, geraet zufaellig an einen alten, magischen Bagua-Wandschmuck: Der bringt seinen Besitzern grosses Glueck — wer aber in den Spiegel in der Mitte blickt, muss sterben… Sozialkritik als Genrefilm: Bevor sich der Regisseur in die kuenstliche, aseptische Welt der „gated communities“ begibt (die er mit primaerfarbener Ausstattung weiter verfremdet), filmt er das ganz normale Elend der Strasse. Und als nachts Schuesse fallen, fuerchten die neureichen Bewohner schon die Raeuber. Denn wisse: Mit dem Reichtum kommt die Gier, und damit auch der Neid der andern…

MALAYSIEN:

Halt, da ist ja doch noch ein weisser Fleck auf der cineastischen Landkarte — Malaysien! Aber dank moderner Digital-Video-Kameras wird dort denn doch der eine oder andere Film gedreht. Fuer Westler ist zumindest das hier aufgefuehrte Ergebnis sehr seltsam. „Pontiac“ ist ein Familien-Spuk-Krimi um Eifersucht, Mord, Rache, schoene Frauen, boese Geister…

Pontianak — Scent of the Tuber Rose (Malaysia 2004; R: Shuhaimi BABA) 1949: Der reiche Geschaeftsmann Marsani verliebt sich in Meriam, die beim Koenig tanzt. Als seine Arbeiter die schoene Primadonna entfuehren, ist Marsani entsetzt, laesst die Maenner kastrieren und ihre Huetten abbrennen. Als Meriam von seinem neuen guten Freund schwanger wird, bringt er sie um. Bevor sie stirbt, muessen ihre Freundinnen das Kind aus ihrem Bauch schneiden. Meriam kommt als boeses Gespenst, als Pontianak, zurueck und schwoert, sein Leben und das seiner Familie zur Hoelle zu machen: In der Gegenwart sucht sie ihn als Maria heim… Pontianaks sind ermordete Frauen, die als Vampir-artige Monster wiederkehren, von Baum zu Baum huepfen koennen, durch einen Nagel in den Nacken aber wieder zur Frau werden… Semiprofessionelles, auf High-Definition-Video gedrehtes Fast-„Home Movie“. Kamera, Schnitt sind okay, die Handlung ist fuer Westler eher unuebersichtlich (obiger Plot ohne Gewaehr!). Die Schauspieler sind brauchbar, nur der maennliche Hauptdarsteller ist zuweilen so ueberfordert, dass man lachen muss.

THAILAND:

Von den armen Laendern Suedost-Asiens hat Thailand den inhaltlich reichsten, was die „production values“ angeht hochstehendsten Film-Output. Das bestaetigen dieses Jahr z. B. „Born to Fight“, das neueste Martial-Arts-Actiondrama vom „Ong-Bak“-Regisseur, sowie „Art of the Devil“, ein okkultes Horrordrama mit deutlichem Trash-Appeal. Beide Filme sind auf ihre Weise prima. Wie aber geht man dann mit der grenzenlosen Verwunderung, nein Begeisterung ueber „Zee-Oui“ um? Das Horrorkrimi-Melodram ueber einen historischen Serienkiller knuepft an die Tradition des expressiven Kinos im Europa der 20er- und 30er-Jahre an, sein Hauptdarsteller weckt deutliche Erinnerungen an Peter Lorre in Fritz Langs „M“. Nicht jeder in Udine scheint diesen Film „verstanden“ zu haben; fuer mich war er, weil voellig unerwartet, das absolute Highlight.

Born to Fight (Thailand 2004; R: Panna RITTHIKRAI) Eine Privatarmee ueberfaellt ein Dorf, um einen inhaftierten Drogenbaron freizupressen. Nachdem es schon etliche Tote gab, wehren sich die restlichen Geiseln mit Kung-Fu — und zwar nicht nur die Maenner, sondern auch Frauen, Kinder und Greise… Statt lange, elegante Duelle wie in „Ong-Bak“ zu zelebrieren, reiht „Born to Fight“ nur kurzatmige Ueberfaelle und Gegenattacken aneinander (teils fuehlt man sich wie in einem „Egoshooter“-Videogame). Da sich die Filmemacher eingangs sehr viel Muehe gaben, das Dorf folkloristisch-realistisch und den Konflikt als ernsthaft-dramatisch zu zeichnen, missfaellt der zunehmend spassige Ton der Auseinandersetzung. Unter den Darstellern sind diverse thailaendische Olympia-Teilnehmer, die eher mit siegesgewissem Sportsgeist als mit der Wut der Verzweiflung zu Werke gehen. Streng genommen ist dies auch kein Kampfkunst-Spektakel, sondern ein verkleideter Kriegsfilm. Doch unterm Strich bleibt herausragendes Actionkino — selbst nach Hollywood-Standards!

Art of the Devil (Thailand 2004; R: Thanit JITNUKUL) Als Bum, seine heimliche Geliebte, „frech“ wird, laesst ein verheirateter Architekt sie von seinen Freunden vergewaltigen. Bum raecht sich, indem sie alle Maenner ausloescht. Als die Traumvilla des Architekten an dessen erste Ehefrau plus Anhang geht, sieht sich das Opfer duepiert, macht sich an den aeltesten Sohn der Sippe ran, heiratet ihn — und zerstoert die Familie von innen heraus… Interessanter Mix aus Soap und Horror, plus drei oder vier gute Gore-Momente.

Zee-Oui (Thailand 2004; R: Nida SUDASNA + Buranee RACHAIBOON) Ein armseliger Chinese (Duan Long) versucht sein Glueck in Thailand, erhält dort den fälschlichen Namen als Zee-Oui, und wird bei all seinen niederen Arbeiten nur herumgeschubst und verhoehnt. Die Daemonen seiner Vergangenheit zwingen ihn, Kinder zu morden und ihr Herz zu essen. Eine junge, engagierte Journalistin nimmt die blutige Spur auf… In jeder Hinsicht absolut perfekt! Ueberwaeltigend tragisches Drama eines veraengstigten, schwer traumatisierten Mannes. Getragen von hoechst emotionaler Musik, erzaehlt der expressive Film seine duestere Geschichte streckenweise wie ein Stummfilm. Sie beginnt 1946 in Bangkok, fuehrt spaeter ins China von 1927 zurueck (wo japanische Armeen marodieren) und berichtet am Ende von der Hinrichtung des Taeters am 16.9.1959.

Autor: Peter Clasen

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Text: Peter Clasen, 29.04.2005

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