2002 – Far East

4. Far East Filmfestival des asiatischen Kinos

Udine, 19.04 – 27.04.2002

Alle Jahre wieder, diesmal noch professioneller organisiert als im letzten Jahr, präsentierte das norditalienische FAR EAST FILM-Festival wieder Kult, Kommerz und Kuriosa aus beinah allen filmproduzierenden Ländern Asiens. Während der Publikumszuspruch in etwa gleich blieb, stieg die Zahl der akkredierten Journalisten sprunghaft in die Höhe. Wieder gab es kleine Reihen: historische Zeichentrickfilme aus China (für Frühausteher, also nichts für mich), Pink Movies aus Japan (ärmlich und nervig) und Filme des Hongkong-Regisseurs Patrick Leung.

Ähnlich wie in meinem Bericht vom letzten Jahr habe ich meine Notizen in Einzelvorstellungen belassen und nach Ländern geordnet. Kurze Einführungen gibt es trotzdem. Wer’s komplett lesen will, hat viel zu tun, andere picken sich die Rosinen raus. Da man nur wenige der folgenden Filme auf deutschen Leinwänden zu sehen bekommen wird, springt vielleicht der eine oder andere DVD-Tipp bei raus.

1. HONGKONG Die wirtschaftliche Misere läßt sich an Hongkongs Filmen deutlich ablesen. Die Filme werden verzweifelter und brutaler (zum Beispiel Patrick Leungs Boxerdramen BORN WILD und der ältere SOMEBODY UP THERE LIKES ME), andere wie der verspielte MERRY-GO-ROUND wärmen das Herz. Vor allem werden die Filme billiger. Teure Schwertkämpfer-Epen haben sich weitgehend erledigt, selbst Johnnie To’s schon auf der Berlinale gezeigtes Gangsterduell FULLTIME KILLER ist nicht ganz so geschliffen wie seine früheren Meisterwerke. Die sicherste Bank sind Komödien. Kostet nicht viel, und spielt in der Regel viel ein. Wird auch an Ideen gespart, führt das zu Lustspiel-Murks wie LA BRASSIERE (ausgerechnet der Eröffnungsfilm des Festivals) oder DUMMY BABY, WITH NO BABY. Wo Geist und Sorgfalt walten, entstehen kleine Komik-Perlen wie LOVE ON A DIET, FAT CHOI SPIRIT oder der wenigstens bis zur Hälfte saukomische LOVE UNDERCOVER. Auch der preisgünstige Underground kommt zu Ehren: HEROES IN LOVE und DIAMOND HILL konnten (mich) nicht wirklich überzeugen, zeugen aber von kreativer Energie, die in besseren Zeiten, also mit entsprechenden Hongkong-Dollars, interessante Wege für die Filmindustrie aufzeigen könnten. Eher enttäuschend waren nur die Horrorfilme HORROR HOTLINE… BIG HEAD MONSTER und der seiner berühmten Regisseurin Ann Hui unwürdige VISIBLE SECRET. Melodramen können die Südkoreaner inzwischen besser, doch auch FUNERAL MARCH übt seinen Druck auf Tränendrüsen aus. Der derzeit quintessentielle Hongkong-Film ist sicherlich die abgründige Satire YOU SHOOT, I SHOOT. Die Jagd nach dem schwindenden Geld treibt derartige Blüten, daß einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Ein hysterisch-hinterfotziger Abgesang auf die einst blühende Kronkolonie.

Die Filme im einzelnen:

1.1 La Brassière (Bra; Hongkong 2001; Regie: Patrick Leung, Chan Hing-kai; Darsteller: Lau Ching-wan, Louis Koo, Carina Lau, Gigi Leung, Aoyama Chikako, Higuchi Asuka, Karen Mok, Stephen Fung, Patrick Tam)

Albernes Beziehungslustspiel: Die Welt hat sich geändert, jetzt sollen auch Männer ins bislang strikt weibliche Büstenhalter-Geschäft. Die Wahl fällt auf LCW und LK. Beiden fehlt zwar der sittliche Ernst, doch am Ende könne sie tatsächlich eine echte Idee präsentieren: einen BH, der die weiblichen Rundungen so straff hält wie der ersehnte männlich-feste Griff von hinten. Dabei bleibt nicht aus, daß die jungen Konstrukteure bei der Chefin und deren rechter Hand landen — allesamt natürlich jung und knackig…

Lose runtergeholzte Hahn-im-Korb-Phantasie im Großraumbüro, wobei LCW und LK diverse Peinlichkeiten zu ertragen haben: Mal spielen sie ein schwules Paar, mal müssen sie mit künstlicher Oberweite im Sportstudio trainieren.

1.2 Born Wild (Hongkong 2001; R: Patrick Leung; Kamera: Joe Chan (BW); D: Louis Koo (= Tan), Daniel Wu (= Tide), Patrick Tam (= Ah Mann), Jo Kuk (= Sandy))

Brutaler, videoclippiger Boxer-Krimi und Brudermelodram: An seinem Geburtstag muß DW die Leiche seines zweieiigen Zwillings LK identifizieren. LK wurde brutal erschlagen — DW will wissen, von wem. In der Wohnung des Toten sucht er nach Hinweisen und stößt dort auf dessen Freundin JK, die ein „Sehproblem“ hat. LK war Boxer bei illegalen Kämpfen ohne jede Regeln (FIGHT CLUB läßt grüßen). DW begibt sich in nämlichen Untergrund, wird selbst als Boxtalent entdeckt — und kommt der brutalen Wahrheit immer näher. Wichtiges Verbindungsglied ist PT, der persönliche Trainer von LK — der nicht allein sein will, und einmal bei DW ins Bett krabbelt…

Guter, aufwendiger, edel-brutaler Genrefilm, spannend, leicht homoerotisch — und sowieso ein Festessen für Fans von Waschbrettbauch-Daniel-Wu. Das Ende ist overblown.

1.3 Somebody Up There Likes Me (Hongkong 1995; R: Patrick Leung; K: Arthur Wong (BW); D: Aaron Kwok (= Ken Wong), Carmen Lee (= Gloria Chan), Sammo Hung (= Black Jack Hung), Michael Tong (= Rocky Chan))

Boxer-Melodram: Gloria sitzt in der Box-Arena. Sie will weder, daß der eine gewinnt, noch daß der andere verliert. 10 Monate zurück in der Zeit, erfahren wir wieso: Der eine ist Rocky, ihr Bruder, der andere Ken Wong, ihr Liebster. — Ken ist schon mit dem Gesetzt in Konflikt geraten, deshalb darf er auch nicht mit seiner Familie nach England auswandern. Als Rocky ihn zusammenschlägt, damit er sich von Gloria fernhält, läßt er sich von Black Jack Hung trainieren (schweres FLESHDANCE-Feeling in der Fabrik!), trifft Rocky später so unglücklich, daß der sich das Genick bricht, macht aber dessen Traum wahr: Mit Rockys Boxhandschuhen besiegt Ken den japanischen Champion — bevor auch er, krankenhausreif geschlagen, die Augen für immer schließt.

Guter Genrefilm mit so harten Fights, daß man kaum hingucken mag. Viel Schweiß und noch mehr Blut.

1.4 Merry-Go-Round (Hongkong 2001; R: Thomas Chow; K: Chan Chi-ying; D: Eric Tsang, Laurence Chou, Rainie Yang, Zeny Kwok, Darren Cheng, Yuki Lai)

Tragikomödie / Komödiantische Teenieromanze: Old Kuk (ET) übernimmt ein verlassenes Lokal, um eine Nudelsuppenküche zu eröffnen — auch wenn seine Kochkünste noch zu wünschen übrig lassen. Seine Kinder erleben derweil erste zarte Romanzen: Der große Sohn verliebt sich in die Tochter des Vorbesitzers, die kleine Schwester findet Gefallen am Söhnchen einer Lumpensammlerin…

Balsam auf die Seelen der gebeutelten kleinen Leute. Ohne aufgesetzte Dramatik oder je in Selbstmitleid abzurutschen, propagiert der bunte, geradezu spielerische Film, daß ein jeder sein Glück versuchen sollte: Mal klappt es — wie in der Liebe, mal nicht — wie beim Vater, der seinen Laden am Ende wieder schließen muß. Doch das titelgebende Karussell des Lebens wird sich immer weiter drehen.

1.5 Fat Choi Spirit (Hongkong 2002: R: Johnnie To, Wai Ka-fai; K: Cheng Siu-keung; D: Andy Lau (= Andy), Lau Ching-wan (Lau), Louis Koo (= Tin-lok), Gigi Leung (= Gigi), Cherrie Ying)

Mahjong-Spielerkomödie: Der smarte Andy ist ein manischer Mahjong-Spieler. Selbst wenn er in einem Lokal aufs Klo geht, zockt er noch schnell im Vorbeigehen eine Runde ab. Seine Familie ist genauso schlimm: Stets auf der Flucht vor dem Finanzamt, bezieht man eine Wohnung nach der andern, doch gespielt werden muß immer. Nur seinem Nerd-Bruder Tin-lok bleibt die Faszination des Spiels verborgen, und die flotte Gigi, die ihrem Ex in immer neuen Berufen hinterhersteigt, rastet dauernd aus, weil sie einfach nicht verlieren kann. Der schräge Gauner Lau und seine Jungs fordern Andy zum Spiel um die Meisterschaft heraus. Da bleibt kein Auge trocken…

Auch wenn man das Tischspiel mit den Plastiksteinen nicht versteht, sorgen Slapstick, Witze und charmante Darsteller dafür, daß man sich prächtig amüsiert. Saubere Unterhaltung, auch filmtechnisch.

1.6 Dummy Mummy, With No Baby (Hongkong 2001; R: Joe Ma, Mak Kai-kwong; D: Miriam Yeung, Edison Chen, Niki Chow; cameo: Cheung Tat-ming)

Komödie: LK (MY) hat irrtümlich eine Massen-e-mail abgeschickt, die Chefin und Chef verulkt. Um die drohende Kündigung aufzuschieben, gibt sie vor, schwanger zu sein: Laut Gesetz rettet sie das für 10 Monate. Tatsächlich hält sie die Komödie bis kurz vor der „Geburt“ durch. Parallel entspinnt sich was mit CEO (EC), dem zarten des Sohn des Chefs: Er fühlt sich unwohl in seiner vom Vater gewünschten Juniorchef-Rolle und geht nach Dienstschluß heimlich in edle Restaurants, um leckere Desserts zu kreieren…

Auf der einen Seite die Angst einer kleinen Büromaus vor der Arbeitslosigkeit, auf der anderen Seite das Selbstfindungsproblem eines Chefs, der keiner sein will: Das hätte eine hübsche kleine Sozialsatire werden können, kommt aber über harmlosen Slapstick nicht hinaus.

1.7 Love On a Diet (Hongkong 2001; R: Johnnie To, Wai Ka-fai; D: Sammi Cheng, Andy Lau, Kurokawa Rikiya; K: Cheng Siu Keung; FX: Steve Johnson)

Komödie: In der japanischen Diaspora gehen zwei tragikomische Hongkong-Chinesen eine kleine Schicksalsgemeinschaft ein. Mini Mo (SC) reist ihrer großen Liebe, dem Konzertpianisten Kadokawa (KR) hinterher. Doch der fesche Herr erkennt sie nicht mehr: Aus Mini Mo ist eine Maxi Mo geworden! Als sie sich im Hotel erhängen will und der Landsmann Fat Lo (AL) hinzutritt, rückt sie ihm auf den ebenso dicken Pelz. Der Verkäufer von Küchenmessern wird die Klette nicht mehr los. Kurz bevor sie sich und ihn ins Wasser fährt, verspricht er, ihr bei einer Diät zu helfen: Um Kadokawa zurückzugewinnen muß Mini Mo innerhalb von 6 Monaten 200 Pfund loswerden! In einem Interview hat der Herr nämlich zugegeben, daß er zwar in einem halben Jahr heiratet, andererseits aber immer noch an seine einstige Flamme denkt…

Die extrem drolligen Wonneproppen Sammi Cheng und Andy Lau haben sichtlich Spaß an ihrer grotesken Erscheinung. Tokio im Dauerregen ist zwar ein wenig attraktiver Schauplatz, doch das vielen anderen aktuellen Hongkong-Komödien haushoch überlegene Drehbuch sorgt für nicht abreißendes und sogar intelligentes Amüsement.

1.8 Love Undercover (Hongkong 2002; R: Joe Ma; K: Cheung Man-po (BW); D: Miriam Yeung, Daniel Wu, Wyman Wong, Cha Siu-yan, Sammy Leung, Raymond Wong (!!!), Wong Yat-fung)

Komödie: Die frischgebackene Polizeikadettin LK Fong (MY) will Großes leisten, wird aber ins Fundsachenbüro abgeschoben. Trotzdem geht es einmal nicht ohne sie: Nur für einen Tag soll sie die Kellnerin in einem Lokal spielen, um den Gangster Au Hoi-man (DW) auszuhorchen. Als sie die mit dem Mikrophon präparierte Ketschupflasche auf den Kopf kriegt und der besorgte Gangster am nächsten Tag nach ihrem Befinden erkundigen will, muß sie die Rolle weiterspielen…

Sprudelt der Film anfangs nur so vor Ideen (eigenen und fremden, der Doris-Day-Film CAPRICE läßt grüßen!), geht ihm zum Ende hin ein wenig der Luft aus. Egal: Miriam Yeung war persönlich anwesend — und erhielt, natürlich, den Publikumspreis. Interessant, daß der schöne Daniel Wu einmal den gelackten Unterweltler spielt, der supersüße Raymond Wong dagegen als Prügelknabe mißbraucht wurde.

1.9 Heroes in Love (Hongkong 2001; R: Wing Shya (Episode 1), Stephen Fung + Nicholas Tse (2), GC Goo-bi (3), Jan Lamb (4))

Teenie-Zeitgeist-Episodenfilm: 1.) kidnap: Junge Frau, die als Typ à la Johnny Depp zurechtgemacht ist, hat andere junge Frau entführt, die Situation schwankt zwischen Spiel und Ernst. Im vollgepropften Verschlag eines Schuhgeschäfts, wo die falsche Dame wohnt, kommt man sich näher…; 2.) my beloved: Waffennarr Robin (Por Wu) hat öffentlich geschossen; es gab Tote und Verletzte. Leute, die ihn kennen, werden interviewt, ein Papagei ist auch dabei. Robin begräbt seine geliebte Beretta auf dem Friedhof…; 3.) oh g! Zwei Internet-Chatter verabreden sich in natura. Beide sind sehr unsicher: „Ich weiß nicht, was ich will, nur was ich nicht will“ meint das Mädchen; der Junge ist ein glühender Astroboy-Verehrer. Erst singen beide inbrünstig einen Popsong über die Vergänglichkeit der Liebe, dann gestalten sie ihre Beziehung immer konkreter aus: Er kauft ihr tatsächlich die superteure Gesichtscreme; sie feudelt seine Kotze auf…; 4.) +bc (Epilog)

Die einsamen Großstadtkinder von Popkultur und Internet tasten sich aus ihren Fetischwelten heraus und wagen den Schritt ins echte Leben. Weder weiß man/frau so recht, wer man selbst ist (das Motto „I like to be myself“ ist immerhin eine Basis), noch hat man eine genauere Vorstellung davon, wie man sich als Paar fühlt: „Ich mache alles solo. Ob ich zu zweit glücklicher bin, kann ich von allein nicht wissen.“ Wenn ein einziges Wort diesen Film charakterisieren kann, dann die Verlorenheit.

1.10 Diamond Hill (Hongkong 2000; R: Soi Cheang; D: Maggie Poon, Woody Chan, Cheung Tat-ming, Chan Kwok-bong, Carrie Ng)

Klitzekleines, schräges Arthouse-Alptraummärchen: Die junge May flüstert mit ihrem Bett, und manchmal schüttelt es sich: Im Bettkasten liegt ihr geliebter Bruder Heung-hoi, den ihre Adoptiveltern damals nicht haben wollten. Als die Mutter das ihr unheimliche Bett abholen läßt und ein Dieb es aufbricht, hilft der dem orientierungslosen Heung-hoi, die verlorene Schwester zu finden…

Eine Geschwisterliebe bis zum Inzest, eine Odyssee durch die Nacht, ein dunkles Kaspar-Hauser- bzw. BASKET CASE-Schicksal neben der drolligen Komik eines Räubers (CTM), der immer eine Grubenlampe auf dem Kopf trägt und alles mit seiner Digitalvideokamera aufnimmt: All das paßt nicht wirklich zusammen, rührt auf seltsame Weise aber auch ein wenig an. Ein wenig.

1.11 Visible Secret (Hongkong 2001; R: Ann Hui; K: Arthur Wong; D: Eason Chan, Shu Qi, Anthony Wong, Sam Lee, James Wong)

Geistergroteske: Vor 15 Jahren sah die kleine June, wie ein Mann (AW) von der Straßenbahn enthauptet wurde. Sowas prägt natürlich. Nach außen hin modernes Partymädel, das sich in der Disco einen Typen schnappt, kann sie mit dem linken Auge die Geister der Toten sehen. Und es scheint abzufärben: Peter, ihre Eroberung, findet seinen Vater in lauter Blut liegend auf — mmh, eigentlich ist es Farbe…?

Ein Film ohne Sinn und Verstand, ohne Stil oder Kompetenz. Kaum zu glauben, daß Hongkongs frühere Vorzeigeregisseurin Ann Hui ein derartiges Nichts verzapft hat.

1.12 Horror Hotline… Big Head Monster (Hongkong 2001; R: Soi Cheang; D: Francis Ng, Josie Ho, Sam Lee, Niki Chow))

Horrorthriller: Bei der nächtlichen Rundfunksendung „Horror Hotline“ können die Anrufer selbst erlebte Geisterstories zum Besten geben…

1.13 Funeral March (Hongkong 2001; R: Joe Ma; K: Ko Chiu-lam; D: Eason Chan, Charlene Choi, Kenneth Tsang)

Romantisches Melodram / Edel-Weepie: Der junge Bestatter Duan (EC) wird von der ebenso jungen Yee (CC) engagiert: Er soll ihr eigenes Begräbnis organisieren! Bevor die Holde an Magenkrebs stirbt, will sie das Grab ihrer Mutter in New York besuchen. Duan begleitet sie. Zarte Gefühle keimen auf, doch plötzlich zieht sich Duan zurück. Warum nur…?

Okay, jetzt bloß nichts verraten. Wer’s richtig dicke haben will, ist bei dieser arg zelebrierten Studie in Wasserblau genau richtig. Und doch: In Schönheit sterben kann auch Komik beinhalten — die Beisetzung als Schlußpointe einer paradoxen Romanze und einer kleinen Familiengeschichte.

1.14 You Shoot, I Shoot (Hongkong 2001; R: Edmond Pang; K: O Sing-pui (BW); D: Eric Kot (= Bart), Cheung Tat-Ming (= Chuen), Audrey Fong (= Ling, Barts Frau), Ken Wong (= Ray), Miao Fei-lin (= Mrs. Ma))

Schwarze Gangsterkomödie und Film-im-Film-Farce: Die Geschäfte laufen schlecht. Auftragsmörder Bart muß schon wildfremde Leute anrufen, damit irgendwo ein Kill-Job dabei herausspringt. Einen dieser raren Aufträge erhält er von der teuren Mrs. Ma. Sie will sich dafür rächen, daß ihre ganz privaten Sexszenen als tausenfach kopiertes Pornotape in Umlauf gebracht wurden. Und: Sie will nicht nur, daß der Verantwortliche stirbt, sie will es auch SEHEN! — Bart klebt sich eine Digitalkamera an die Knarre, aber das Ergebnis ist eine einzige Enttäuschung: Unscharf und verwackelt taugt auch der beste Tod nichts! Auftritt Chuen: Der zeitweilige Pornofilmer wartet nur auf seine große Chance. Gemeinsam sind sie nun unschlagbar. Bart darf sich weiter als Alain Delon in DER EISKALTE ENGEL fühlen, Chuen eifert seinem Idol MARTIN SCORSESE nach. Mit genialer post production zaubert er aus jeder Bluttat einen rasanten, kleinen Minithriller (Applaus auch beim Publikum in Udine!). Richtig schräg wird’s allerdings, als ein Mafia-Mord ansteht und die Gangster es so richtig schick haben wollen — mit flatternden Tauben wie bei JOHN WOO…

Die ultimative Satire über das wirtschaftlich am Boden liegende Hongkong! Alle sind arbeitslos, verschuldet, pleite — und ohne jede Moral. Man bettelt darum, erschossen zu werden, damit die Familie wenigstens in den Genuß der Versicherungssumme kommt, oder bezeugt seine Dankbarkeit mangels finanzieller Mittel mit einem Blowjob. Der Film ist bunt und poppig, mit netter Easy- Musik unterlegt, andererseits so frech, rotzig und geschmacklos (saublöde Schwulenwitze), wie es dem derzeitigen Zeitgeist entspricht. Wer Robert De Niros 15 MINUTES mochte, wird YOU SHOOT, I SHOOT lieben.

2. SÜDKOREA: Was Hongkong in den 80er-Jahren bis maximal Mitte der 90er war, ist jetzt Südkorea: die wirtschaftlich und kreativ potenteste Filmindustrie Asiens. Fast alle Filme haben einen speziellen, aufwendigen Look, sind vielfach im teuren Cinemascope gedreht, basieren auf Drehbüchern, die ausgefeilt und spannend sind. Kein Wunder, daß Hollywood inzwischen an die Tür klopft und mehrere Filme für ein US-Remake vorgesehen hat, z.B. das bestürzende, eigentlich typisch koreanische Melodram FAILAN oder die wunderbare Typenkomödie HI, DHARMA. Auffällig, daß in fast allen Filmen Gangster die Hauptrolle spielen. Um die extremen Gefühle zu zeigen, die die geteilte Nation bewegen, scheinen sie die ideale Wahl zu sein. Selbst in einer Normalo-Liebeskomödie wie MY SASSY GIRL trägt das titelgebende Mädchen männlich-brutale Züge. Überhaupt sind Südkorea-Filme Mangelware, in denen nicht geschlagen, geknüppelt und die Fresse poliert wird — auf die absurde Spitze getrieben in KICK THE MOON, im eigentlichen Sinne gewaltverherrlichend nur im Cop-Thriller PUBLIC ENEMY.

Die Filme im einzelnen:

2.1 Failan (Südkorea 2001; R: Song Hae-sung; D: Cecilia Cheung (als Kang Failan), Choi Min-shik (als Lee Kang-jae))

Trauermelodram: Lee Kang-jae, genannt Mr. Idiot, ist ein mieser kleiner Gangster. Gerade war er 10 Tage im Knast, weil er Pornos an Minderjährige verkauft hat. Dem brutalen Zuhälter Yong-shik, der jemanden zu Brei geschlagen hat, hilft er bei der Entsorgung der Leiche. Wenn Kang-jae jetzt auch noch für ihn in den Knast geht, soll er später mit einem Fischerboot belohnt werden, mit dem er endlich in seine alte Heimat zurückfahren kann. Da erreicht ihn die Nachricht, daß seine Frau gestorben ist — eine chinesische Immigrantin, die vor einem Jahr nach Korea kam und die er nur auf dem Papier geheiratet hatte. Kang-jae bricht mit seinem Sohn in die ferne Stadt auf, um alle Formalitäten zu regeln und die Urne entgegenzunehmen. Je näher er dem Ziel kommt, desto näher geht ihm das Schicksal „seiner“ Frau — das der Film parallel in kleinen Rückblenden pointiert. In Bestürzung und Trauer über versagte Hilfe und gleich zwei verschwendete Leben endet „Failan“ mit einer schockierenden wie poetischen Sterbeszene — nicht die der Frau, sondern des Mannes…!

„Would You Come to See me When I’m Dead?“ — Das politische Dilemma und seelische Trauma des geteilten Korea erfährt hier eine herzzerreißende Steigerung: Erzählen andere Filme davon, wie zwei Menschen, die zusammen gehören, die Einigkeit versagt bleibt, so sind es hier zwei Menschen, die NICHT zusammen gehören — es gleichwohl bitter nötig gehabt hätten. Die zarte Ausländerin und der grobe Klotz wären wohl nie ein wirkliches Paar geworden, doch im Angesicht des Todes überdeckt die Sehnsucht alles irdisch Trennende. Fazit: Nüchtern-betrübt, starkes Ende.

2.2 Kick the Moon (Südkorea 2001; R: Kim Sang-jin; P: A Fun and Happiness Prod.; K: Jung Kwang-suk (!! CS); D: Lee Sung-jae, Cha Seung-won, Kim Hye-soo, Lee Jong-su)

Gangster- / Freundesdrama: 1983 liefern sich hunderte von Schülern eine Massenschlägerei; noch anderthalb Jahrzehnte später spricht die nachgefolgte Generation, eine Bande von vier Losern, von diesem denkwürdigen Ereignis. Zwei der damaligen Kombattanten sind nun erwachsen geworden — und haben völlig unerwartete Lebenswege eingeschlagen: Der Musterschüler von einst ist in der fernen Großstadt zum Gangster geworden; der vormalige Schulrüpel ist dageblieben und jetzt ein braver Sportlehrer. Als der Gangster in die Provinz zurückkehrt, um hier seinem Syndikat den Weg zu ebnen, treffen beide aufeinander — und erteilen sich gegenseitig eine Lektion. Im Rollenwechsel findet der schluffige Lehrer zu alter Form zurück, während der harte Gangster seine Menschlichkeit wieder entdeckt. Beide ringen um die Liebe einer patenten Köchin — was für den Gangster vor allem eine Möglichkeit ist, seinem neuen Freund nah zu sein. Welcher Einfluß letztlich siegt, zeigt sich im „Kampf“ um die vier Loser, die gar zu gern ins Syndikat aufgenommen werden möchten — aber nur mit guten Noten eine Chance hätten…

Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder — und nichts geht über gute Freunde! Das vielschichtige Moralstück ist technisch und erzählerisch 1A, die Gewaltexzesse sind typisch koreanisch: Halbdutzendfach gestaffelt, erreicht die finale Schlägerei groteske, fast epische Dimensionen.

2.3 Hi, Dharma! (Südkorea 2001; R: Park Chul-Kwan)

Gangsterkomödie: Eine kleine Gangsterbande flieht vor den Cops. Kahlköpfige Mönche wären besser dran, raunen sie sich im Fluchtauto zu — womit die rettende Idee geboren ist: „Jetzt übernehmen wir den Tempel!“ versuchen sie die ungefragten Gastgeber einzuschüchtern, doch ihren Aufenthalt müssen sich die fünf Männer in harten Wettkämpfen erst erstreiten. Dabei gewöhnt man sich natürlich aneinander, hilft sich und entwickelt gegenseitigen Respekt. Jeder der Gangster läßt einen Mönch seines Herzens zurück (eine dieser Verbindungen ist eindeutig homoerotisch geprägt), und einer von ihnen bleibt gar lieber da.

Ein besinnlicher Spaß — wieder mit dem wohl unvermeidlichen, typisch koreanischem Gekloppe.

2.4 My Sassy Girl (Südkorea 2001; R: Kwak Jae-yong; D: Jeon Ji-hyun (= sassy girl), Cha Tae-hyun (= Kyun-woo))

Romantische Farce mit kleinen Kinohit-Persiflagen: Kyun-woo ist ein hoffnungsloser Student und Schlappschwanz. Sieben Jahre lang wurde er als Mädchen erzogen, damit ist er ein willkommenes Opfer für das Sassy Girl. „Sie ist mein Typ, aber ich mag sie nicht“, meint er noch, als er sie in der U-Bahn sieht. Doch als sie, stockbesoffen, einem andern Fahrgast über den Kopf kotzt und er irgendwie für ihren Freund gehalten wird, hat er sie an der Backe. Wieder nüchtern, entpuppt sich Sassy Girl als harter Kerl: Sie setzt immer wieder ihren eigenen Willen durch, beschimpft und erniedrigt ihn, brät ihm bei jeder Gelegenheit eins über, rettet ihn aber auch in ihren Kinofantasien, die sie für koreanische Produzenten schreibt — und die der Film als parodistische Vignetten einstreut (Action à la MATRIX, Dorfmelodram etc.). Natürlich hat Kyun-woo irgendwann genug, doch schon sein nächstes Date trifft er auf der Herrentoilette wieder…

Wahrscheinlich sind auch in Korea die Geschlechterrollen etwas durcheinander geraten. Gegen die starken Frauen, die sich nur wenn’s ihnen in den Kram paßt als „helpless little girl“ gerieren, muß sich so jemand wie Kyun-woo erst mal durchsetzen. Viel kann er nicht machen, er ist halt so, doch immerhin schreibt er nun selbst ein Drehbuch — nämlich „Meine freche Freundin“ (!), das er später mit Erfolg verkauft. Der Tonfall ist manchmal etwas pubertär und das Hinhalte-Ende à la AN AFFAIR TO REMEMBER etwas zuviel des Guten (für die Spätergeborenen: SLEEPLESS IN SEATTLE), aber die herzliche Ruppigkeit kommt einfach gut an.

2.5 Guns & Talks (Südkorea 2001; R: Jang Jin; K: Alex Hong Kyong-pyo; D: Shin Hyun-june, Chung Jin-young, Jeong Jae-young, Shin Ha-kyun, Won Bin)

Gangstergroteske / Killerkomödie: Was die „Guns“ angeht, sind die vier WG-Genossen absolute Profis; im Fall eines Massenmords an Büroleuten ist ihnen ein Kommissar trotzdem dicht auf den Fersen. In puncto „Talks“ sind sie einfach lustig-naive Jungs: Wenn sie „nach Feierabend“ von ihrer Arbeit berichten oder ein andres Mal in höchsten Tönen die Liebe besingen, bleibt kein Auge trocken…

Wer schon in PULP FICTION die Dialoge am witzigsten fand, wird hier noch mehr lachen. Dabei sind die Erzählsequenzen mit größerer Raffinesse aufbereitet als bei Quentin Tarantino. Hervorragend z. B. die Szene, in der einer der Killer berichtet, wie er auf die Frau im Wagen nebenan angelegt hatte — und nun durch die unqualifizierten Zwischenfragen seiner Mitwohnis permanent aus dem Konzept gebracht wird: Die als Splitscreen-Film eingespielte Illustrierung seiner Tat muß durch immer neuere, immer absurdere Einstellungen „korrigiert“ werden. — Fazit: Zweiter Publikumspreis!)

2.6 Last Witness (Südkorea 2001; R: Bae Chang-ho; K: Kim Yoon-su (! CS; Leinwand: Kim, Yun Su); D: Lee Jung-jae (= Detective Oh), Lee Mi-yeon (= Son Ji-hye), Ahn Sung-ki (= Hwang Seok))

Politkrimi, Actionthriller + tragisches Liebesdrama: 1950-53 waren 150.000 Nordkoreaner auf der Gefängnisinsel Geoje Island (südwestlich von Pusan) interniert. Der letzte von ihnen, der unerschütterliche Kommunist Hwang Seok, wurde 1952 verhaftet und kommt erst heute wieder frei. Kurz darauf wird eine Wasserleiche gefunden: ein Junkie, dem eine Niere fehlt. Der junge, supercoole und brutale Detective Oh wird mit dem Fall betraut — und bald auf Hwang Seok aufmerksam. Die Spur führt ihn 50 Jahre zurück, ins Camp, wo der Krieg zwischen den getrennt eingesperrten Pro- und Anti-Kommunisten tödlicher war als der ums Überleben…

Wieder lernt man etwas über die tragische Geschichte der geteilten Nation, leider kommt es, anders als in JOINT SECURITY AREA, diesmal als allzu peppiger Popcorn-Kinokracher daher. Die Musik klingt stellenweise nach JAMES BOND, und ähnlich flott-„spektakulär“ werden die Actionhöhepunkte abgehakt. Sind heute viele Filme zu lang, so ist „Last Witness“ zu kurz; es fehlt erzählerisches „Fleisch“. Was soll’s: Unterm Strich, als reines Genreprodukt genommen, weiß der Film zu fesseln.

2.7 Musa // Musa — The Warrior (Südkorea 2001; R: Kim Sung-su; K: Kim Hyung-ku (! CS); D: Ahn Sung-ki, Jung Woo-sung, Joo Jin-moo, Zhang Ziyi)

No-Fantasy-Historienepos im 14. Jahrhundert (1375): Eine koreanische Gesandtschaft, die nur knapp der Ermordung durch ihre chinesischen Gastgeber entgeht, kämpft sich durch die Wüste, rettet die chinesische Prinzessin Furong — und hofft, den politischen Streit beider Reiche schlichten zu können, wenn sie Furong heimwärts eskortiert…

Treue und Verrat, Herren und Sklaven, Zurückweichen und Attacke, Kampf bis in den Tod: episches, wirklich großes Kino à la Schwertkämpfer-Action wie ASHES OF TIME, das mich persönlich aber auch manches Mal an die heroisch-ausweglose Stimmung in THE WILD BUNCH erinnert.

2.8 Sorum (Südkorea 2001; R: Yoon Jong-chan; K: Hwang Seo-shik (! BW); D: Kim Myung-min, Chang Jin-young)

Mietskasernen-Softhorror über die Narben der Vergangenheit: Kim, ein junger Taxifahrer, zieht in ein verwahrlostes Mehrfamilienhaus. Über seinem Sperrmüll-möblierten Apartment 504 scheint ein Fluch zu lasten: Sein Vormieter ist hier kürzlich verbrannt, und vor 30 Jahren wäre dasselbe fast mit einem Baby geschehen. Kims Alter: 30 Jahre…

Düster in jeder Hinsicht: Die dunkle Fotografie tendiert ins Lichtlose, die Menschen sind nur wandelnde Schatten — schuldverstrickt, blutbefleckt. Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen, wählen die Gewalt, gehen in den Irrsinn. Für einen echten Genrefilm ist SORUM zu geschmäcklerisch, weitschweifig und hat nicht genug Thrill, als Parabel auf eine entmenschlichte Gesellschaft aber funktioniert er. Wie zu erwarten, liegt das böse Geheimnis tief in der Familiengeschichte begraben. Wobei die Familie nicht mehr ist als der erstarrte Moment auf einem alten Foto.

2.9 Friend (Südkorea 2001; R: Kwak Kyung-taek; K: Hwang Ki-suk)

Gangsterdrama: Die Hafenstadt Pusan, zwischen 1976 und ca. 1993: Vier Freunde schlagen unterschiedliche Lebenswege ein: Zwei gehen aufs College, zwei werden Gangster. Von letzteren wird nur einer überleben…

„Friend“ will — leider — kein normaler Genrefilm sein, sondern ein Kunstwerk. Die Stimmung ist erdenschwer, der Look konsequent gelblich-grünlich. Die geschilderten Etappen, zwischen denen meist mehrere Jahre liegen, bestehen aus extrem wenigen Einstellungen — oft aus einer einzigen, die zudem arg in die Länge gezogenen sind. Das ist formal bemerkenswert, manchmal sogar faszinierend, wirkt auf Dauer aber kalt, leblos und ermüdend. Und ist nicht frei von Klischees: Dass das wunderschöne Bild, wie die Jungs im Meer planschen, am Ende wieder auftauchen würde als jener unwiderbringliche Moment einer glücklich-unschuldigen Kinderzeit, war bereits klar, als man es zum ersten Mal sah.

2.10 Public Enemy (Südkorea 2002; R: Kang Woo-suk; K: Kim Sung-bok (CS); D: Sol Kyung-gu, Lee Sung-jae, Kang Shin-il)

Polizeithriller: Ein krimineller, superharter Bulle erklärt einem mörderischen Versicherungsagenten den Krieg: Der Mann hat eiskalt seine eigenen Eltern umgebracht. Der Bulle war in der Nähe des Tatorts, hat den richtigen Riecher, kann es nur noch nicht beweisen. Aber gegen die gelackte Niedertracht des Bürohengstes und Börsenspekulanten kann er mühelos anstinken — und das wortwörtlich: In einem Kollegium aus schägerischen Vorgesetzten und Kollegen, die sich in der Pinkelpause erschießen, ist der Bulle — der den ganzen Film über keine Zeit zum Umziehen hat! — der einzige, der mit soviel böser Energie zurückschlägt, dass auch der übelste Gangster keine Chance hat.

DIRTY HARRY kann einpacken! Der „public servant“ unterscheidet sich vom „public enemy“ nur dadurch, daß er auf der richtigen Seite des Gesetzes steht. Das Wunschbild einer schlagkräftigen Polizei geht weit über die Grenzen der Legalität hinaus und ist hart an der Grenze des guten Geschmacks. Aber es unterhält ungemein! Ein „Männerfilm“, wie man ihn lange nicht gesehen hat: Es dampft in der Badeanstalt, der Schweiß rinnt, die Quanten stinken, im Auto wird nach Herzenslust gefurzt. Wahrlich ein „ehrlich-unverbogenes“ Kontrastprogramm zur verklemmten Art des Yuppie-Schnösels, der heimlich unter der Dusche wixt, verkniffen seine Übungen im Sportstudio absolviert, sich mit gesunden Salaten quält und vergrätzt nach den Fleischtellern der Kollegen schielt. — Ach ja: 150.000 Cops gibt es in Südkorea, einer kommt auf 300 Bürger. Da darf man sich doch sicher fühlen, oder?

3. THAILAND: Was „Kleines“ zwischendurch. Von den wenigen Filmen Thailands schaffen es nur wenige auf internationale Festivals, doch überraschen sie mit einem dunklen Schillern, einer fiesen Würze, die man anderswo kaum findet (im letzten Jahr z.B. das Transen-Sportspektakel IRON LADIES). Hier spielen keine Schönheitskönige, alle Sympathie gehört den ganz gewöhnlichen Menschen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Spaß umso größer wird, je „häßlicher“ die Gesichter ausfallen. Demokratisch und zugleich subversiv. Das bewahrpädagogische Jugenddrama GOAL CLUB ist da noch recht normal, der groteske KILLER TATTOO dagegen im besten Sinne durchgeknallt.

Die Filme im einzelnen:

3.1 Goal Club (Thailand 2000; R: Kittikorn Laiwsirikun)

Jugenddrama: Kids gegen Gangster: Fünf Schulfreunde mischen in illegalen Fußballwetten mit, veruntreuen einen Einsatz von 30.000 Baht und fordern damit die Unterwelt heraus, die wenig „sportlich“ contra gibt…

Zigarettenpäckchen weisen darauf hin, daß Rauchen die Gesundheit gefährdet; dieser Film warnt gleich mehrfach davor, wie prinzipiell tödlich dieses kriminelle Geschäft ist. Ein bißchen zu pädagogisch, doch liegen die Stärken des Films sowieso da, wo er die Figuren zeichnet — zwischen fröhlichem Spiel und brutaler Erwachsenenwelt, in unbedingter, erster Liebe zu einer Prostituierten und im Widerstreit der übrigen Gefühle: Zwischen dem, was die Jungs sagen, gibt es manchmal Zeitlupen, in denen man hört, was sie sich eigentlich, tatsächlich dabei denken.

3.2 Killer Tattoo (Thailand 2001; R: Yuthlert Sippapak)

Gangsterfilmpersiflage: Bangkok 2011, im Land herrscht das totale Chaos. Der schräge alte Ex-Knacki Pae Buffgun erhält irrtümlich den Auftrag, Polizeichef Iron Cop umzubringen (Job sollte eigentlich an einen „Puffgun“ gehen, wenn ich mich nicht täusche). Mit drei nicht minder schrägen Kollegen — darunter ein radebrechender Elvis — lauert er dem Cop auf einer Vernissage auf, wo die Tochter des Polizeichefs phallische Riesenskulpturen ausstellt — und selbst die Kugel abkriegt. Hier kommt der junge, hippe Kid Silencer ins Spiel, der den Mann mit dem titelgebenden Killer Tattoo sucht — den Mörder seiner Eltern…

Billig, aber ziemlich perfekt, extrem schräg und doch mit (buddhistischer) Weisheit gesegnet. Ein lustiger Mummenschanz herrlich debiler „alter Säcke“, die allesamt einen Hollywoodesken, tragischen Bruch in ihrer Gangstervita haben: Jeder hat seine Träume — und seine Alpträume. Verrückt und liebenswert, nur etwas zu lang.

4. VOLKSREPUBLIK CHINA: So, wie sich das Reich der Mitte immer mehr dem Westen öffnet, so wird es in seinen Filmen auch sich selbst gegenüber offener. Die Kritik mag noch etwas versteckt sein, aber für die plumpen Propagandafilme der Mao-Ära kauft kein Chinese eine Kinokarte. Viele Filme sind auf den ersten Blick etwas verhalten, unterkühlt, doch wenn man aufmerksam auf „beiläufige“ Details achtet und zwischen den Zeilen liest, dann spürt man, wie es unterm Deckel dampft und brodelt. Weil nichts spannender ist als die politisch unsichere, doch wirtschaftlich vorwärts strebende Gegenwart, befassen sich auch die meisten Filme mit ihr. Soziale Ungerechtigkeit und Prostitution, Korruption und Kapitalverbrechen waren schon häufiger das Thema oder wurden zumindest gestreift (ESCORT), besonders interessant waren in diesem Jahr jedoch jene Filme, der sich dem „privaten Glück“ in Ehe und Familie widmeten (SPRING SUBWAY, WHAT A SNOWY DAY). Geschmackliche Entgleisungen wie das Kriegsepos PURPLE SUNSET oder der Kunstkäse A TOUCH OF BLUENESS nimmt man hin, dafür entschädigen traumhaft schöne und bewegende Kinder- und Jugenddramen wie TOUCHED BY LOVE und ONE HUNDRED…

Die Filme im einzelnen:

4.1 Escort (VR China 2000; R: Qi Xing; K: Wang Dong (BW))

Road Movie-Drama: Zwei Polizisten, ein milder Alter und ein harter Junger, haben auf dem platten Lande einen (Klein-) Kriminellen eingefangen, den sie nun in die weit entfernte Großstadt bringen müssen. Yu Tai war zwei Jahre in einem Dorf untergetaucht und scheint sich in dieser Zeit jede Menge Freunde gemacht zu haben. Immer ist er freundlich, immer weiß er Rat — gerade auch jetzt auf der langen Reise, die voller Hindernisse steckt…

„Einer hilft dem andern — wir sind alle gleich“: China, Land und Leute. Das kleine Fahrtenabenteuer in Auto, Reisebus und Wanderschuhen zeigt das Riesenreich ganz pragmatisch als Lebensraum, wo jeder um seine Existenz kämpfen muß, Geben und Nehmen wichtiger ist als das Einhalten offizieller Gesetze. In einer dörflichen Welt, die von Armut und zerrissenen Familien gezeichnet ist, und wo Huren ihre Dienste anbieten oder vernachlässigte Schüler lieber in der Spielhalle daddeln, ist auch das tatsächliche Vergehen von Yu Tai letztlich unerheblich. So, wie die Grenzen von Rechtmäßikeit und Kriminalität verschwimmen, so versackt auch die Odyssee der drei Männer. Im Niemandsland einer Bergbau-Kraterlandschaft kommen sie einfach nicht mehr weiter.

4.2 What a Snowy Day (VR China 2001; R: Meng Qi)

Milde Alltagskomödie: Wang Jungsheng, Vizedirektor einer Sojasoßenfabrik, wurde ärztlich untersucht. Er sei froh, keinen Krebs zu haben, und berichtet weiter aus seinem ganz alltäglichen Leben. Er läßt ein illegales Konkurrenzunternehmen hochnehmen — und wird zusammengeschlagen. Ganz im Sinne vieler belästigter Mitmieter sucht er ein edles Vorstandsbüro auf, um gegen ein zu nah und zu hoch gebautes Hochhaus zu protestieren – nur um dann zu erfahren, daß sich die Nachbarn schon hinter seinem Rücken mit Geld und Kühlschränken haben auszahlen lassen. Er geht bei diversen Schuldirektoren Klinken putzen, um seinem mittelprächtig begabten Sohn eine bessere Bildung zu ermöglichen — und sieht, daß es auch hier nur mit Bestechung ginge. Am Ende gibt er zu, doch Krebs zu haben — trotzdem freut er sich über Momente in seinem Leben wie jenen Wintertag, den er mit seiner Familie glücklich im Schnee verbringt.

Korruption, Schattenwirtschaft, Gewalt… „What a Snowy Day“ kennt die Probleme Chinas — und ist so ehrlich zuzugeben, daß jeder darin verstrickt ist: Selbst Wang Jungsheng wird wegen Bestechung vorgeladen. Andererseits ist auch das „kleine familiäre Glück“ mehr als wohlfeile Propaganda: Geldsorgen und Ehestreitigkeiten kommen zumindest in Nebensätzen vor. Der Schlußsatz „Happiness ist das Wichtigste!“ mag in diesen Zusammenhängen ein nur schwacher Trost sein, aber ganz falsch ist er auch nicht.

4.3 The Marriage Certificate (VR China / Hongkong 2001; R: Huang Jianxin; D: Feng Gong, Lu Liping)

Satirisches Drama: In der Ehe ist die Luft raus, es kriselt. Der Mann, Psychiater in einer Klinik, trifft sich mit einer jungen Assistentin — und läßt sich von einem Kollegen Viagra zustecken. Seine Frau hat spitz gekriegt, daß ihre Firma für zehn Ehejahre eine schöne Decke spendiert — aber nur mit Ehebescheinigung! Doch das Ding ist verschwunden, selbst eine kleine Reise in die gemeinsame Vergangenheit bleibt ohne Ergebnis: Die Volkskommune, in der beide einst den Bund fürs Leben schlossen, ist aufgelöst, entsprechende Unterlagen existieren nicht mehr. Als die frühreife, hippe Tochter ihren Eltern die Scheidung vorschlägt, ist auch das keine Lösung, denn auch dafür braucht man die Ehebescheinigung…!

Die Geschichte ist hübsch und „universell“, ihr politischer Hintergrund dezidiert chinesisch. Unerwartet frech wird hier die schmerzliche Zeit des Mao-Kommunismus zu Grabe getragen: In Vaters Anstalt tanzt eine schizophren gewordene Balletteuse das „Rote Frauenbataillon“, und ein früherer Drei-Sterne-General beschimpft den Arzt als hüpfenden Papierfrosch. Wo das Reich der Mitte inzwischen angelangt ist, sieht man gleich beim ersten Bild des Films: Die Skyline der Stadt könnte man glatt für eine amerikanische halten. Das ist die Moderne!

4.4 Spring Subway (VR China 2001; R: Zhang Yibai)

Beziehungsdrama und Großstadtbürger-Porträt: Menschen in der U-Bahn, was sie tun und was sie denken: Ein 19-Jähriger traut sich nicht, ein Mädchen anszusprechen, das ihm gefällt. Ein dicker Koch hat immer Pech mit seinen Dates. Eine junge Frau wirbt für Reis aus der Tube… Im Mittelpunkt steht ein Paar, das vor sieben Jahren nach Peking kam und nun überlegt, ob es sich trennen soll. Der Mann, ca. 26 jahre alt, traut sich nicht zu sagen, daß ihm vor drei Monaten gekündigt wurde und fährt weiterhin jeden Tag „zur Arbeit“. Heimlich besucht er eine Lehrerin im Krankenhaus, die bei einer Gasexplosion in U-Bahn-Nähe viele Kinder rettete und jetzt mit verbundenem Gesicht im Rollstuhl sitzt. Seine Frau trifft sich ebenso heimlich mit einem netten Kneipier. Ob Liebe und Treue ewig währen?

Metaphern wie der tropfende Wasserhahn, der erst am Ende repariert wird, mögen etwas plump sei, und die exzellenten, leuchtenden Bilder grenzen ans Kunstgewerbliche. Trotz Hochglanzlack ist die zentrale Geschichte einer eingerosteten Ehe aber gut beobachtet und voll selten gesehener, stimmiger Details. Zum Beispiel: Schnell ins Bett gehüpft und schlafend gestellt! Oder: Beide sitzen wortlos vor der Flimmerkiste (DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME in der Version mit Anthony Quinn und Gina Lollobrigida) und überlassen es einer Schabe, ob sie endlich miteinander reden: Wenn das Tierchen zum Foto krabbelt, ist es soweit…! Ein kleiner, intimer Film der Gedanken, mit poetischen Momenten und durchweg guter Musik.

4.5 A Love of Blueness (VR China 2000; R: Huo Jianqi; K: Zhao Lei (BW))

Kunstfilmdrama: Ja, die Kunst ist groß und schwer – und das Leben noch viel mehr. Ein Polizist, der früher gern Künstler geworden wäre, rettet eine junge Frau, die von der Brücke springen wollte, möglicherweise aber nur für eine Rolle probte, weil sie eben Schauspielerin ist. Sie ist einem älteren Herren zugetan, um den sich ein mörderisches Geheimnis rankt. Der Polizist wälzt trotz Warnung seiner Kollegen alte Akten, um zu erfahren, was sich damals vor 20 Jahren wirklich zutrug…

Alles ist Theater, jeder ist ein Schauspieler, ein Mittäter gar, auch wenn er es nicht weiß. Wieder eines dieser diffusen, verschwurbelbten Edeldramen, das uns etwas über das moderne China erzählen will, dabei zwar ganz richtig im Staub der jüngeren Geschichte stochert, aber nicht zu eindeutiger Kritik findet (die tatsächliche Polizeiverschwörung wird nicht weiter thematisiert oder gar aufgeklärt) und lieber mit einem modischen Effekt für „poetische“ Überraschung sorgt: Beim zweiten, wie man nun meint tödlichen Sprung ploppt die Dame doch tatsächlich am Bungee-Seil hinunter!

4.6 Purple Sunset (VR China 2001; R+K (CS): Feng Xiaoning; D: Fu Dalong (= Yang), Anna Dzenilalowa (= Nadja), Maeda Chie (= Yoko), Wang Xuewei)

Kriegsepos, unfreiwillig komisch: Ein chinesischer Greis sitzt am 9.8.2000 vor der Kamera und soll erzählen, wie er damals durch den Krieg kam; in der Hand hält er noch immer eine eiförmige Spieluhr, die er einem toten japanischen Mädchen abnahm. Nachdem er von den japanischen Invasoren entführt wurde, Lager, Massenerschießung und Panzerangriff überlebte, floh er im August 1945 mit einer kleinen Schar anderer Versprengter durch die Wälder im Nordosten. Als das Töten eine Zeitlang ausgesetzt ist, sind es noch er, der Chinese, ein japanisches Schulmädchen sowie eine russische Soldatin. Man versteht sich nicht, ist aber aufeinander angewiesen, um zu überleben…

Man weiß, wie der Film GEMEINT ist, deshalb konnte er auch auf irgendeinem Festival den Publikumspreis erhalten. Doch Drehbuch und Inszenierung sind so platt und unbeholfen, daß es schmerzt. Actionszenen sind ein wildes Durcheinander, selbst Hinrichtungen gehobenes Kasperletheater, die finalen Seekriegs-Tümmeleien schlichtweg überflüssig. Tragische Momente verkehren sich ins lächerliche Gegenteil, weil Timing, Optik und Darstellung eine Spur daneben sind. Wenn nicht weit vom Ufer geschrien, gekreischt und geheult wird, die dralle Russin aber nackt in den blau funkelnden See plantscht und wonnig darin herumpaddelt, ist das entnervte Stöhnen im Kinosaal berechtigt. Der Regisseur könnte den russischen Klassiker KOMM UND SIEH gesehen haben, auch Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN (die heutigen, zu Andacht und Verzeihen auffordernden Szenen deuten darauf hin), die Klasse aber hat er nicht.

4.7 Touched By Love (VR China 2001; R: Jiang Ping, Liu Xin; K: Liu Bagoui (BW))

Kindheitsmelodram: „Wenn Dir jemand einen Tropfen Wasser reicht, schenk ihm einen Brunnen zurück.“ — Der kleine Yang Yang, der bald 10 wird, hat in der Schule 98 Punkte von 100 gemacht — jetzt darf er endlich zur Mutti nach Australien! Er ahnt nicht, daß Mutter damals in Sydney verunglückte und alle Erwachsenen ihm seitdem etwas vorgespielt haben: der Vater, der nicht damit rechnete, daß sein Sohn das hohe Notenziel tatsächlich erreichen würde; die Lehrerin, die die mütterlichen Briefe schrieb; der Markthändler, der mit seinen Handy-Ferngesprächen doch nur im Ortsnetz blieb. Alle sind bestürzt, daß ihr Haus der Lügen nun zusammenbrechen muß. Die Stunde der Wahrheit ist unausweichlich, denn Yang Yang wird in Bälde auch seinen Vater verlieren…

Kinderfilm? Exzellent gemacht, in wunderschönen Bildern, spielt „Touched By Love“ zwar in einer idyllisch-übersichtlich kleinen Welt, behandelt seine großen Themen „Geben“ und „Tod“ jedoch mit erschütternder Klarheit — und filmtechnischer Raffinesse: Wenn der Knabe die vielen Briefe in einer Tonne entdeckt und nun weiß, daß seine Mutter tot ist, bricht eine Terror-Montage diverser kurz und immer kürzer geschnittenen Bilder über ihn herein, die sich ins weißes Nichts auflöst. Drastischer kann auch ein „Erwachsenenfilm“ nicht sein. Ein kleines Meisterwerk!

4.8 One Hundred… (geplanter, von der Filmzensur abgelehnter Titel: One Hundred Thieves; VR China 2001; R: Teng Huatao)

Jugenddrama: Zwei naive 17-Jährige wollen Polizisten werden — leider aus den falschen Gründen (dann dürften sie z.B. bei Rot über die Ampel fahren); man lehnt sie also ab. Ein Onkel setzt ihnen den Floh ins Ohr, sie müßten nur erst mal 100 Diebe fangen, dann würde die Polizei sie schon wollen! Mit selbstgebastelten Gummiknüppeln ziehen sie los — doch so einfach ist die Sache ganz und gar nicht…

Das absolute Meisterwerk des Festivals, eine Großstadtballade, die mühelos neben anderen Peking-Dramen wie „Beijing Bicycle“ bestehen kann: Wieder die sehnliche Hoffnung, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, wieder das Scheitern an den Zuständen — und an der eigenen Moral. Wenn der zartere der beiden Knaben frustriert eine Kochlehre anfängt und im Lehrlings-Regiment strammstehen muß, empfindet man Mitleid und möchte ihn trösten. Wenn beide kurz vor Schluß einen Gangster verfolgen und dabei ohne Ende um ihr Leben laufen, ist die erbarmungslose Einsicht nur, daß dieser „yellow trash“ keine Chance hat. — Auch wenn für diese „kleine“ Geschichte die große Kiste filmtechnischer Tricksereien aufgemacht wurde, ist das in keinem Moment audringlich oder prätentiös. Fazit: exzellent in jeder Hinsicht.

5. JAPAN: In diesem Jahr hätten die Softpornos der PINK MOVIES-Reihe ein „Event“ sein können, doch derlei komplett unerotischer Schmuddelkram kam selbst im katholischen, also eigentlich begierigen Udine nicht an. Die an laue Fernsehspiele erinnernden Dramen braver Bürger ALL ABOUT OUR HOUSE und A WOMAN ‚S WORK hätten ebenfalls nicht auf die große Leinwand gemußt. Der mit Abstrichen einzig gute Japan-Filme war die vorsichtige Außenseiterromanze LAUNDRY. Insgesamt eine schlechte Ausbeute für die einst so bedeutende Filmnation. Doch all das betuliche Zeugs wurde schließlich von ICHI, THE KILLER in wahren Blutfontänen und Bächen von Gedärm hinfortgeschwemmt. So sind sie eben, die Japaner.

Die Filme im einzelnen:

5.6 No Woman, No Cry (Japan 1998; R: Kamata Yoshitaka)

Pink Movie: Seltsame Geschichte(n) plus mieser Trocken-Sex, bei dem die Männer die Hose anbehalten, weia! — Einige Kollegen haben noch ein paar andere Filme der kleinen nächtlichen Retro getestet — ehe auch sie dem früheren Zubettgehen den Vorzug gaben.

5.7 All About Our House (Japan 2001; R: Mitani Koki)

Familienkomödie, extramild: „Planung ist alles!“ — Ein Ehepaar (der Mann ist TV-Autor) beauftragt einen Innenarchitekten (!) mit dem Entwurf ihres Hauses. Der hippe, bislang eher dekorativ denkende junge Mann will modern-„amerikanisch“ bauen (z.B. mit nach Innen gehender Eingangstür), der Familien-Opa und seine alten Zimmermanns-Kollegen bestehen auf wenigstens einen traditionell-japanischen Raum. Eine verrückte Tante versucht gar, alles nach ihren Feng-shui-Regeln umzuschmeißen…

Das launige „Duell“ zweier ausgeprägter Egos und ihrer unterschiedlichen Sichtweisen endet in schönster Harmonie: Beide sind Profis, und beiden geht es einfach um die Sache. Als beide in einer Sturmnacht unabhängig voneinander auf der Baustelle nach dem rechten sehen, wissen sie, daß sie aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. — Nur zu gern möchte man den Ruf nach gutem Handwerk an die Filmemacher selbst richten: Wie hier fast jede Sequenz in einer einzigen Kamera-Einstellung abgelichtet wird, ist so billig und optisch öde, wie es sich eigentlich nur ein Fernsehfilm erlauben könnte. Oder isses einer? Großes Kino ist das jedenfalls nicht. Ganz abgesehen davon, daß die Filmlook-Farbpalette in Beige, Schilf und Moos jeden aufrechten Innenarchitekten in die Flucht treiben würde.

5.8 A Woman’s Work (Japan 2001; R: Otani Kentaro; D: Seto Asaka, Tsukamoto Shinya, Ichikawa Mikako)

Ehe- und Familiendrama: Ein Ehepaar streitet über die Verteilung der Hausarbeit. Der Mann überlegt schon, sich für einige Zeit nach Indonesien zu verabschieden. Die Frau will genug Zeit haben, um in der B-Liga ihr geliebtes Brettspiel Shogi zu spielen. Wenn sie verliert, wird sie unausstehlich — und sie verliert immer öfter. Ihre große Angst, in die C-Liga abzurutschen, spiegelt ihre Ehesituation: Auch dort würde sie, nach einer Scheidung womöglich, ungern wieder von vorn beginnen. Ihre jüngere Schwester versucht schlauer zu sein: Ihrem neuen Freund erzählt sie erst gar nicht, daß sie kochen kann — weil er’s ja schon so gut macht. Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf: Der Gatte bleibt hier — und outet sich als heimlicher Shogi-Fan!

Sorry, sowas tut’s auch auf dem kleinen Bildschirm. Look und Moral passen besser ins Fernsehen.

5.9 Transparent // Satorare: Tribute to a Sad Genius (Japan 2001; R: Motohiro Katsuyuki)

Fantasydrama (erst milde Komödie, dann Melodram): 1977 stürzt ein Flugzeug ab, nur ein Knabe überlebt — weil man seine Gedanken hört! — Heute sind sieben solcher Fälle in Japan bekannt, und mit einem IQ über 180 ist jeder von ihnen ein Genie — ein „trauriges“: Keiner weiß, wie begabt er tatsächlich ist, vor allem aber nicht, daß jeder hört, was er nur denkt. Damit sich diese „nationalen Ressourcen“ möglichst frei entfalten können, hat man einen jeden in einer kleinen Stadt beheimatet, in der die Bürger gute Mine zum seltsamen Spiel machen und sich ansonsten nichts anmerken lassen. Um herauszufinden, was diese Talente antreibt, wird die hübsche Psychologin des „Kommittees“ auf einen jungen Arzt angesetzt. Satomi praktiziert in einem Krankenhaus — und versteht nicht ganz, warum er keine Operationen durchführen darf…

Einerseits ist das THE TRUMAN SHOW in der Teenievariante für den von aller Welt unverstandenen Youngster, andererseits die Potenzierung japanischen Isolationsdenkens, wobei die schwelgerisch-heroisierende Musik unüberhörbar macht, wohin die staatstragende Reise geht. Der faszinierenden Ausgangsidee werden viele Facetten abgewonnen, aber auch nicht sämtlich ausgeschöpft.

5.10 The Yin-Yang Master (Japan 2001; R: Takita Yijiro; D: Nomura Mansai, Ito Hideaki (!!! = Schwertkämpfer Hiromasa), Henry Sanada)

Theatriges Fantasy-Kostümdrama: Politintrigen und Zauberduelle am Königshof von Kyoto vor 1000 Jahren. Nicht das, was man unter Kinospektakel versteht, eher ein gemessen-launiger Atelierfilm mit ein paar sehr sauber eingefügten CGI-Panoramen und -Monstren.

5.11 Laundry (Japan 2001; R: Mori Junichi; D: Kubozuka Yosuke (= Teru), Koyuki (= Yamada Mizue), Naito Takashi (= Sally))

Poetische, tragikomische Außenseiterromanze: Eine kleine Johnny-Depperei auf japanisch: Teru ist 20 und trägt eine Wollmütze. Als Kind sei er in einen Gully gefallen, seitdem hat er eine Narbe am Kopf — und eine Schramme am Hirn, sagen die Leute. Teru ist Aufpasser in einem Waschsalon — damit niemand die Damenunterwäsche klaut! Tatsächlich gehen hier merkwürdige Leute ein und aus: eine Fotografin, die immer knipst, ein Boxer-Bürschchen, das sich im Trockner verkriecht. Und ein Mädchen, das ganz ähnlich tickt wie er: Sally springt über Pfützen und stellt sich vor, es wär ein tiefer Abgrund, und daß die riesigen Gastanks am Horizont jeden Tag größer werden, findet sie auch. Beide kommen sich näher, verlieren sich eine Zeit lang aus den Augen, finden wieder zusammen und haben doch immer ihre Schwierigkeiten, sich in dieser seltsamen Welt zurechtzufinden. Alles könnte im Elend enden, doch irgendwann lernt Teru bereits, seine Schnürsenkel allein zu binden, und am Ende phantasieren sich beide eine schöne Hochzeit herbei.

Der Film ist entschieden zu lang, aber zu Herzen gehend. Es geht nicht um so „erwachsene“ Dinge wie Beziehungführen oder gar sexuelle Erfüllung, sondern um liebevolle Freundschaft, die vorsichtig um die eigenen Macken und die des andern herumtastet. Mehrfach merkt man die leise Verzweiflung Sallys, daß Teru noch verrückter ist als sie selbst. Dabei ist ihr klar, daß sie ihn nötiger braucht als er sie. „Normale“ Filme über „normale“ Paare können gröber zu Werke gehen; in „Laundry“ könnte jedes Wort, jede Geste in die Katastrophe führen.

5.12 Ichi, the Killer (Japan / Hongkong / Südkorea 2001; R: Miike Takashi; D: Asano Tadanobu, Omori Nao, Alien Sun, Sabu)

Gangster-Splattergroteske — absurd, krass, extrem: Ichi, der Killer, will eigentlich gar nicht töten. Er ist kleinlaut, kindlich — das Wort „sitting duck“ steht ihm ins Gesicht geschrieben, wie der Cop meint. Trotzdem: Was hier abgeht, entzieht sich jeder Beschreibung. Ein Klassiker — für Staatsanwälte. Blut, Sperma, Gedärm, Folter, Mord: Takasha Miike hat einen Film gedreht, wie man ihn nur von ihm erwartet — und den man möglicherweise lieber gar nicht gesehen hätte. Am Ende heißt es: „Nobody left to kill.“ So ist es.

Autor Peter Clasen wohnt in Hamburg-St. Pauli und ist Redakteur bei TV Spielfilm. Kontakt: pclasen@tvspielfilm.de

Links:

Text: Peter Clasen, 27.04.2002

Festivals

4. Far East Filmfestival des asiatischen Kinos

Udine, 19.04 – 27.04.2002

Alle Jahre wieder, diesmal noch professioneller organisiert als im letzten Jahr, präsentierte das norditalienische FAR EAST FILM-Festival wieder Kult, Kommerz und Kuriosa aus beinah allen filmproduzierenden Ländern Asiens. Während der Publikumszuspruch in etwa gleich blieb, stieg die Zahl der akkredierten Journalisten sprunghaft in die Höhe. Wieder gab es kleine Reihen: historische Zeichentrickfilme aus China (für Frühausteher, also nichts für mich), Pink Movies aus Japan (ärmlich und nervig) und Filme des Hongkong-Regisseurs Patrick Leung.

Ähnlich wie in meinem Bericht vom letzten Jahr habe ich meine Notizen in Einzelvorstellungen belassen und nach Ländern geordnet. Kurze Einführungen gibt es trotzdem. Wer’s komplett lesen will, hat viel zu tun, andere picken sich die Rosinen raus. Da man nur wenige der folgenden Filme auf deutschen Leinwänden zu sehen bekommen wird, springt vielleicht der eine oder andere DVD-Tipp bei raus.

1. HONGKONG Die wirtschaftliche Misere läßt sich an Hongkongs Filmen deutlich ablesen. Die Filme werden verzweifelter und brutaler (zum Beispiel Patrick Leungs Boxerdramen BORN WILD und der ältere SOMEBODY UP THERE LIKES ME), andere wie der verspielte MERRY-GO-ROUND wärmen das Herz. Vor allem werden die Filme billiger. Teure Schwertkämpfer-Epen haben sich weitgehend erledigt, selbst Johnnie To’s schon auf der Berlinale gezeigtes Gangsterduell FULLTIME KILLER ist nicht ganz so geschliffen wie seine früheren Meisterwerke. Die sicherste Bank sind Komödien. Kostet nicht viel, und spielt in der Regel viel ein. Wird auch an Ideen gespart, führt das zu Lustspiel-Murks wie LA BRASSIERE (ausgerechnet der Eröffnungsfilm des Festivals) oder DUMMY BABY, WITH NO BABY. Wo Geist und Sorgfalt walten, entstehen kleine Komik-Perlen wie LOVE ON A DIET, FAT CHOI SPIRIT oder der wenigstens bis zur Hälfte saukomische LOVE UNDERCOVER. Auch der preisgünstige Underground kommt zu Ehren: HEROES IN LOVE und DIAMOND HILL konnten (mich) nicht wirklich überzeugen, zeugen aber von kreativer Energie, die in besseren Zeiten, also mit entsprechenden Hongkong-Dollars, interessante Wege für die Filmindustrie aufzeigen könnten. Eher enttäuschend waren nur die Horrorfilme HORROR HOTLINE… BIG HEAD MONSTER und der seiner berühmten Regisseurin Ann Hui unwürdige VISIBLE SECRET. Melodramen können die Südkoreaner inzwischen besser, doch auch FUNERAL MARCH übt seinen Druck auf Tränendrüsen aus. Der derzeit quintessentielle Hongkong-Film ist sicherlich die abgründige Satire YOU SHOOT, I SHOOT. Die Jagd nach dem schwindenden Geld treibt derartige Blüten, daß einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Ein hysterisch-hinterfotziger Abgesang auf die einst blühende Kronkolonie.

Die Filme im einzelnen:

1.1 La Brassière (Bra; Hongkong 2001; Regie: Patrick Leung, Chan Hing-kai; Darsteller: Lau Ching-wan, Louis Koo, Carina Lau, Gigi Leung, Aoyama Chikako, Higuchi Asuka, Karen Mok, Stephen Fung, Patrick Tam)

Albernes Beziehungslustspiel: Die Welt hat sich geändert, jetzt sollen auch Männer ins bislang strikt weibliche Büstenhalter-Geschäft. Die Wahl fällt auf LCW und LK. Beiden fehlt zwar der sittliche Ernst, doch am Ende könne sie tatsächlich eine echte Idee präsentieren: einen BH, der die weiblichen Rundungen so straff hält wie der ersehnte männlich-feste Griff von hinten. Dabei bleibt nicht aus, daß die jungen Konstrukteure bei der Chefin und deren rechter Hand landen — allesamt natürlich jung und knackig…

Lose runtergeholzte Hahn-im-Korb-Phantasie im Großraumbüro, wobei LCW und LK diverse Peinlichkeiten zu ertragen haben: Mal spielen sie ein schwules Paar, mal müssen sie mit künstlicher Oberweite im Sportstudio trainieren.

1.2 Born Wild (Hongkong 2001; R: Patrick Leung; Kamera: Joe Chan (BW); D: Louis Koo (= Tan), Daniel Wu (= Tide), Patrick Tam (= Ah Mann), Jo Kuk (= Sandy))

Brutaler, videoclippiger Boxer-Krimi und Brudermelodram: An seinem Geburtstag muß DW die Leiche seines zweieiigen Zwillings LK identifizieren. LK wurde brutal erschlagen — DW will wissen, von wem. In der Wohnung des Toten sucht er nach Hinweisen und stößt dort auf dessen Freundin JK, die ein „Sehproblem“ hat. LK war Boxer bei illegalen Kämpfen ohne jede Regeln (FIGHT CLUB läßt grüßen). DW begibt sich in nämlichen Untergrund, wird selbst als Boxtalent entdeckt — und kommt der brutalen Wahrheit immer näher. Wichtiges Verbindungsglied ist PT, der persönliche Trainer von LK — der nicht allein sein will, und einmal bei DW ins Bett krabbelt…

Guter, aufwendiger, edel-brutaler Genrefilm, spannend, leicht homoerotisch — und sowieso ein Festessen für Fans von Waschbrettbauch-Daniel-Wu. Das Ende ist overblown.

1.3 Somebody Up There Likes Me (Hongkong 1995; R: Patrick Leung; K: Arthur Wong (BW); D: Aaron Kwok (= Ken Wong), Carmen Lee (= Gloria Chan), Sammo Hung (= Black Jack Hung), Michael Tong (= Rocky Chan))

Boxer-Melodram: Gloria sitzt in der Box-Arena. Sie will weder, daß der eine gewinnt, noch daß der andere verliert. 10 Monate zurück in der Zeit, erfahren wir wieso: Der eine ist Rocky, ihr Bruder, der andere Ken Wong, ihr Liebster. — Ken ist schon mit dem Gesetzt in Konflikt geraten, deshalb darf er auch nicht mit seiner Familie nach England auswandern. Als Rocky ihn zusammenschlägt, damit er sich von Gloria fernhält, läßt er sich von Black Jack Hung trainieren (schweres FLESHDANCE-Feeling in der Fabrik!), trifft Rocky später so unglücklich, daß der sich das Genick bricht, macht aber dessen Traum wahr: Mit Rockys Boxhandschuhen besiegt Ken den japanischen Champion — bevor auch er, krankenhausreif geschlagen, die Augen für immer schließt.

Guter Genrefilm mit so harten Fights, daß man kaum hingucken mag. Viel Schweiß und noch mehr Blut.

1.4 Merry-Go-Round (Hongkong 2001; R: Thomas Chow; K: Chan Chi-ying; D: Eric Tsang, Laurence Chou, Rainie Yang, Zeny Kwok, Darren Cheng, Yuki Lai)

Tragikomödie / Komödiantische Teenieromanze: Old Kuk (ET) übernimmt ein verlassenes Lokal, um eine Nudelsuppenküche zu eröffnen — auch wenn seine Kochkünste noch zu wünschen übrig lassen. Seine Kinder erleben derweil erste zarte Romanzen: Der große Sohn verliebt sich in die Tochter des Vorbesitzers, die kleine Schwester findet Gefallen am Söhnchen einer Lumpensammlerin…

Balsam auf die Seelen der gebeutelten kleinen Leute. Ohne aufgesetzte Dramatik oder je in Selbstmitleid abzurutschen, propagiert der bunte, geradezu spielerische Film, daß ein jeder sein Glück versuchen sollte: Mal klappt es — wie in der Liebe, mal nicht — wie beim Vater, der seinen Laden am Ende wieder schließen muß. Doch das titelgebende Karussell des Lebens wird sich immer weiter drehen.

1.5 Fat Choi Spirit (Hongkong 2002: R: Johnnie To, Wai Ka-fai; K: Cheng Siu-keung; D: Andy Lau (= Andy), Lau Ching-wan (Lau), Louis Koo (= Tin-lok), Gigi Leung (= Gigi), Cherrie Ying)

Mahjong-Spielerkomödie: Der smarte Andy ist ein manischer Mahjong-Spieler. Selbst wenn er in einem Lokal aufs Klo geht, zockt er noch schnell im Vorbeigehen eine Runde ab. Seine Familie ist genauso schlimm: Stets auf der Flucht vor dem Finanzamt, bezieht man eine Wohnung nach der andern, doch gespielt werden muß immer. Nur seinem Nerd-Bruder Tin-lok bleibt die Faszination des Spiels verborgen, und die flotte Gigi, die ihrem Ex in immer neuen Berufen hinterhersteigt, rastet dauernd aus, weil sie einfach nicht verlieren kann. Der schräge Gauner Lau und seine Jungs fordern Andy zum Spiel um die Meisterschaft heraus. Da bleibt kein Auge trocken…

Auch wenn man das Tischspiel mit den Plastiksteinen nicht versteht, sorgen Slapstick, Witze und charmante Darsteller dafür, daß man sich prächtig amüsiert. Saubere Unterhaltung, auch filmtechnisch.

1.6 Dummy Mummy, With No Baby (Hongkong 2001; R: Joe Ma, Mak Kai-kwong; D: Miriam Yeung, Edison Chen, Niki Chow; cameo: Cheung Tat-ming)

Komödie: LK (MY) hat irrtümlich eine Massen-e-mail abgeschickt, die Chefin und Chef verulkt. Um die drohende Kündigung aufzuschieben, gibt sie vor, schwanger zu sein: Laut Gesetz rettet sie das für 10 Monate. Tatsächlich hält sie die Komödie bis kurz vor der „Geburt“ durch. Parallel entspinnt sich was mit CEO (EC), dem zarten des Sohn des Chefs: Er fühlt sich unwohl in seiner vom Vater gewünschten Juniorchef-Rolle und geht nach Dienstschluß heimlich in edle Restaurants, um leckere Desserts zu kreieren…

Auf der einen Seite die Angst einer kleinen Büromaus vor der Arbeitslosigkeit, auf der anderen Seite das Selbstfindungsproblem eines Chefs, der keiner sein will: Das hätte eine hübsche kleine Sozialsatire werden können, kommt aber über harmlosen Slapstick nicht hinaus.

1.7 Love On a Diet (Hongkong 2001; R: Johnnie To, Wai Ka-fai; D: Sammi Cheng, Andy Lau, Kurokawa Rikiya; K: Cheng Siu Keung; FX: Steve Johnson)

Komödie: In der japanischen Diaspora gehen zwei tragikomische Hongkong-Chinesen eine kleine Schicksalsgemeinschaft ein. Mini Mo (SC) reist ihrer großen Liebe, dem Konzertpianisten Kadokawa (KR) hinterher. Doch der fesche Herr erkennt sie nicht mehr: Aus Mini Mo ist eine Maxi Mo geworden! Als sie sich im Hotel erhängen will und der Landsmann Fat Lo (AL) hinzutritt, rückt sie ihm auf den ebenso dicken Pelz. Der Verkäufer von Küchenmessern wird die Klette nicht mehr los. Kurz bevor sie sich und ihn ins Wasser fährt, verspricht er, ihr bei einer Diät zu helfen: Um Kadokawa zurückzugewinnen muß Mini Mo innerhalb von 6 Monaten 200 Pfund loswerden! In einem Interview hat der Herr nämlich zugegeben, daß er zwar in einem halben Jahr heiratet, andererseits aber immer noch an seine einstige Flamme denkt…

Die extrem drolligen Wonneproppen Sammi Cheng und Andy Lau haben sichtlich Spaß an ihrer grotesken Erscheinung. Tokio im Dauerregen ist zwar ein wenig attraktiver Schauplatz, doch das vielen anderen aktuellen Hongkong-Komödien haushoch überlegene Drehbuch sorgt für nicht abreißendes und sogar intelligentes Amüsement.

1.8 Love Undercover (Hongkong 2002; R: Joe Ma; K: Cheung Man-po (BW); D: Miriam Yeung, Daniel Wu, Wyman Wong, Cha Siu-yan, Sammy Leung, Raymond Wong (!!!), Wong Yat-fung)

Komödie: Die frischgebackene Polizeikadettin LK Fong (MY) will Großes leisten, wird aber ins Fundsachenbüro abgeschoben. Trotzdem geht es einmal nicht ohne sie: Nur für einen Tag soll sie die Kellnerin in einem Lokal spielen, um den Gangster Au Hoi-man (DW) auszuhorchen. Als sie die mit dem Mikrophon präparierte Ketschupflasche auf den Kopf kriegt und der besorgte Gangster am nächsten Tag nach ihrem Befinden erkundigen will, muß sie die Rolle weiterspielen…

Sprudelt der Film anfangs nur so vor Ideen (eigenen und fremden, der Doris-Day-Film CAPRICE läßt grüßen!), geht ihm zum Ende hin ein wenig der Luft aus. Egal: Miriam Yeung war persönlich anwesend — und erhielt, natürlich, den Publikumspreis. Interessant, daß der schöne Daniel Wu einmal den gelackten Unterweltler spielt, der supersüße Raymond Wong dagegen als Prügelknabe mißbraucht wurde.

1.9 Heroes in Love (Hongkong 2001; R: Wing Shya (Episode 1), Stephen Fung + Nicholas Tse (2), GC Goo-bi (3), Jan Lamb (4))

Teenie-Zeitgeist-Episodenfilm: 1.) kidnap: Junge Frau, die als Typ à la Johnny Depp zurechtgemacht ist, hat andere junge Frau entführt, die Situation schwankt zwischen Spiel und Ernst. Im vollgepropften Verschlag eines Schuhgeschäfts, wo die falsche Dame wohnt, kommt man sich näher…; 2.) my beloved: Waffennarr Robin (Por Wu) hat öffentlich geschossen; es gab Tote und Verletzte. Leute, die ihn kennen, werden interviewt, ein Papagei ist auch dabei. Robin begräbt seine geliebte Beretta auf dem Friedhof…; 3.) oh g! Zwei Internet-Chatter verabreden sich in natura. Beide sind sehr unsicher: „Ich weiß nicht, was ich will, nur was ich nicht will“ meint das Mädchen; der Junge ist ein glühender Astroboy-Verehrer. Erst singen beide inbrünstig einen Popsong über die Vergänglichkeit der Liebe, dann gestalten sie ihre Beziehung immer konkreter aus: Er kauft ihr tatsächlich die superteure Gesichtscreme; sie feudelt seine Kotze auf…; 4.) +bc (Epilog)

Die einsamen Großstadtkinder von Popkultur und Internet tasten sich aus ihren Fetischwelten heraus und wagen den Schritt ins echte Leben. Weder weiß man/frau so recht, wer man selbst ist (das Motto „I like to be myself“ ist immerhin eine Basis), noch hat man eine genauere Vorstellung davon, wie man sich als Paar fühlt: „Ich mache alles solo. Ob ich zu zweit glücklicher bin, kann ich von allein nicht wissen.“ Wenn ein einziges Wort diesen Film charakterisieren kann, dann die Verlorenheit.

1.10 Diamond Hill (Hongkong 2000; R: Soi Cheang; D: Maggie Poon, Woody Chan, Cheung Tat-ming, Chan Kwok-bong, Carrie Ng)

Klitzekleines, schräges Arthouse-Alptraummärchen: Die junge May flüstert mit ihrem Bett, und manchmal schüttelt es sich: Im Bettkasten liegt ihr geliebter Bruder Heung-hoi, den ihre Adoptiveltern damals nicht haben wollten. Als die Mutter das ihr unheimliche Bett abholen läßt und ein Dieb es aufbricht, hilft der dem orientierungslosen Heung-hoi, die verlorene Schwester zu finden…

Eine Geschwisterliebe bis zum Inzest, eine Odyssee durch die Nacht, ein dunkles Kaspar-Hauser- bzw. BASKET CASE-Schicksal neben der drolligen Komik eines Räubers (CTM), der immer eine Grubenlampe auf dem Kopf trägt und alles mit seiner Digitalvideokamera aufnimmt: All das paßt nicht wirklich zusammen, rührt auf seltsame Weise aber auch ein wenig an. Ein wenig.

1.11 Visible Secret (Hongkong 2001; R: Ann Hui; K: Arthur Wong; D: Eason Chan, Shu Qi, Anthony Wong, Sam Lee, James Wong)

Geistergroteske: Vor 15 Jahren sah die kleine June, wie ein Mann (AW) von der Straßenbahn enthauptet wurde. Sowas prägt natürlich. Nach außen hin modernes Partymädel, das sich in der Disco einen Typen schnappt, kann sie mit dem linken Auge die Geister der Toten sehen. Und es scheint abzufärben: Peter, ihre Eroberung, findet seinen Vater in lauter Blut liegend auf — mmh, eigentlich ist es Farbe…?

Ein Film ohne Sinn und Verstand, ohne Stil oder Kompetenz. Kaum zu glauben, daß Hongkongs frühere Vorzeigeregisseurin Ann Hui ein derartiges Nichts verzapft hat.

1.12 Horror Hotline… Big Head Monster (Hongkong 2001; R: Soi Cheang; D: Francis Ng, Josie Ho, Sam Lee, Niki Chow))

Horrorthriller: Bei der nächtlichen Rundfunksendung „Horror Hotline“ können die Anrufer selbst erlebte Geisterstories zum Besten geben…

1.13 Funeral March (Hongkong 2001; R: Joe Ma; K: Ko Chiu-lam; D: Eason Chan, Charlene Choi, Kenneth Tsang)

Romantisches Melodram / Edel-Weepie: Der junge Bestatter Duan (EC) wird von der ebenso jungen Yee (CC) engagiert: Er soll ihr eigenes Begräbnis organisieren! Bevor die Holde an Magenkrebs stirbt, will sie das Grab ihrer Mutter in New York besuchen. Duan begleitet sie. Zarte Gefühle keimen auf, doch plötzlich zieht sich Duan zurück. Warum nur…?

Okay, jetzt bloß nichts verraten. Wer’s richtig dicke haben will, ist bei dieser arg zelebrierten Studie in Wasserblau genau richtig. Und doch: In Schönheit sterben kann auch Komik beinhalten — die Beisetzung als Schlußpointe einer paradoxen Romanze und einer kleinen Familiengeschichte.

1.14 You Shoot, I Shoot (Hongkong 2001; R: Edmond Pang; K: O Sing-pui (BW); D: Eric Kot (= Bart), Cheung Tat-Ming (= Chuen), Audrey Fong (= Ling, Barts Frau), Ken Wong (= Ray), Miao Fei-lin (= Mrs. Ma))

Schwarze Gangsterkomödie und Film-im-Film-Farce: Die Geschäfte laufen schlecht. Auftragsmörder Bart muß schon wildfremde Leute anrufen, damit irgendwo ein Kill-Job dabei herausspringt. Einen dieser raren Aufträge erhält er von der teuren Mrs. Ma. Sie will sich dafür rächen, daß ihre ganz privaten Sexszenen als tausenfach kopiertes Pornotape in Umlauf gebracht wurden. Und: Sie will nicht nur, daß der Verantwortliche stirbt, sie will es auch SEHEN! — Bart klebt sich eine Digitalkamera an die Knarre, aber das Ergebnis ist eine einzige Enttäuschung: Unscharf und verwackelt taugt auch der beste Tod nichts! Auftritt Chuen: Der zeitweilige Pornofilmer wartet nur auf seine große Chance. Gemeinsam sind sie nun unschlagbar. Bart darf sich weiter als Alain Delon in DER EISKALTE ENGEL fühlen, Chuen eifert seinem Idol MARTIN SCORSESE nach. Mit genialer post production zaubert er aus jeder Bluttat einen rasanten, kleinen Minithriller (Applaus auch beim Publikum in Udine!). Richtig schräg wird’s allerdings, als ein Mafia-Mord ansteht und die Gangster es so richtig schick haben wollen — mit flatternden Tauben wie bei JOHN WOO…

Die ultimative Satire über das wirtschaftlich am Boden liegende Hongkong! Alle sind arbeitslos, verschuldet, pleite — und ohne jede Moral. Man bettelt darum, erschossen zu werden, damit die Familie wenigstens in den Genuß der Versicherungssumme kommt, oder bezeugt seine Dankbarkeit mangels finanzieller Mittel mit einem Blowjob. Der Film ist bunt und poppig, mit netter Easy- Musik unterlegt, andererseits so frech, rotzig und geschmacklos (saublöde Schwulenwitze), wie es dem derzeitigen Zeitgeist entspricht. Wer Robert De Niros 15 MINUTES mochte, wird YOU SHOOT, I SHOOT lieben.

2. SÜDKOREA: Was Hongkong in den 80er-Jahren bis maximal Mitte der 90er war, ist jetzt Südkorea: die wirtschaftlich und kreativ potenteste Filmindustrie Asiens. Fast alle Filme haben einen speziellen, aufwendigen Look, sind vielfach im teuren Cinemascope gedreht, basieren auf Drehbüchern, die ausgefeilt und spannend sind. Kein Wunder, daß Hollywood inzwischen an die Tür klopft und mehrere Filme für ein US-Remake vorgesehen hat, z.B. das bestürzende, eigentlich typisch koreanische Melodram FAILAN oder die wunderbare Typenkomödie HI, DHARMA. Auffällig, daß in fast allen Filmen Gangster die Hauptrolle spielen. Um die extremen Gefühle zu zeigen, die die geteilte Nation bewegen, scheinen sie die ideale Wahl zu sein. Selbst in einer Normalo-Liebeskomödie wie MY SASSY GIRL trägt das titelgebende Mädchen männlich-brutale Züge. Überhaupt sind Südkorea-Filme Mangelware, in denen nicht geschlagen, geknüppelt und die Fresse poliert wird — auf die absurde Spitze getrieben in KICK THE MOON, im eigentlichen Sinne gewaltverherrlichend nur im Cop-Thriller PUBLIC ENEMY.

Die Filme im einzelnen:

2.1 Failan (Südkorea 2001; R: Song Hae-sung; D: Cecilia Cheung (als Kang Failan), Choi Min-shik (als Lee Kang-jae))

Trauermelodram: Lee Kang-jae, genannt Mr. Idiot, ist ein mieser kleiner Gangster. Gerade war er 10 Tage im Knast, weil er Pornos an Minderjährige verkauft hat. Dem brutalen Zuhälter Yong-shik, der jemanden zu Brei geschlagen hat, hilft er bei der Entsorgung der Leiche. Wenn Kang-jae jetzt auch noch für ihn in den Knast geht, soll er später mit einem Fischerboot belohnt werden, mit dem er endlich in seine alte Heimat zurückfahren kann. Da erreicht ihn die Nachricht, daß seine Frau gestorben ist — eine chinesische Immigrantin, die vor einem Jahr nach Korea kam und die er nur auf dem Papier geheiratet hatte. Kang-jae bricht mit seinem Sohn in die ferne Stadt auf, um alle Formalitäten zu regeln und die Urne entgegenzunehmen. Je näher er dem Ziel kommt, desto näher geht ihm das Schicksal „seiner“ Frau — das der Film parallel in kleinen Rückblenden pointiert. In Bestürzung und Trauer über versagte Hilfe und gleich zwei verschwendete Leben endet „Failan“ mit einer schockierenden wie poetischen Sterbeszene — nicht die der Frau, sondern des Mannes…!

„Would You Come to See me When I’m Dead?“ — Das politische Dilemma und seelische Trauma des geteilten Korea erfährt hier eine herzzerreißende Steigerung: Erzählen andere Filme davon, wie zwei Menschen, die zusammen gehören, die Einigkeit versagt bleibt, so sind es hier zwei Menschen, die NICHT zusammen gehören — es gleichwohl bitter nötig gehabt hätten. Die zarte Ausländerin und der grobe Klotz wären wohl nie ein wirkliches Paar geworden, doch im Angesicht des Todes überdeckt die Sehnsucht alles irdisch Trennende. Fazit: Nüchtern-betrübt, starkes Ende.

2.2 Kick the Moon (Südkorea 2001; R: Kim Sang-jin; P: A Fun and Happiness Prod.; K: Jung Kwang-suk (!! CS); D: Lee Sung-jae, Cha Seung-won, Kim Hye-soo, Lee Jong-su)

Gangster- / Freundesdrama: 1983 liefern sich hunderte von Schülern eine Massenschlägerei; noch anderthalb Jahrzehnte später spricht die nachgefolgte Generation, eine Bande von vier Losern, von diesem denkwürdigen Ereignis. Zwei der damaligen Kombattanten sind nun erwachsen geworden — und haben völlig unerwartete Lebenswege eingeschlagen: Der Musterschüler von einst ist in der fernen Großstadt zum Gangster geworden; der vormalige Schulrüpel ist dageblieben und jetzt ein braver Sportlehrer. Als der Gangster in die Provinz zurückkehrt, um hier seinem Syndikat den Weg zu ebnen, treffen beide aufeinander — und erteilen sich gegenseitig eine Lektion. Im Rollenwechsel findet der schluffige Lehrer zu alter Form zurück, während der harte Gangster seine Menschlichkeit wieder entdeckt. Beide ringen um die Liebe einer patenten Köchin — was für den Gangster vor allem eine Möglichkeit ist, seinem neuen Freund nah zu sein. Welcher Einfluß letztlich siegt, zeigt sich im „Kampf“ um die vier Loser, die gar zu gern ins Syndikat aufgenommen werden möchten — aber nur mit guten Noten eine Chance hätten…

Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder — und nichts geht über gute Freunde! Das vielschichtige Moralstück ist technisch und erzählerisch 1A, die Gewaltexzesse sind typisch koreanisch: Halbdutzendfach gestaffelt, erreicht die finale Schlägerei groteske, fast epische Dimensionen.

2.3 Hi, Dharma! (Südkorea 2001; R: Park Chul-Kwan)

Gangsterkomödie: Eine kleine Gangsterbande flieht vor den Cops. Kahlköpfige Mönche wären besser dran, raunen sie sich im Fluchtauto zu — womit die rettende Idee geboren ist: „Jetzt übernehmen wir den Tempel!“ versuchen sie die ungefragten Gastgeber einzuschüchtern, doch ihren Aufenthalt müssen sich die fünf Männer in harten Wettkämpfen erst erstreiten. Dabei gewöhnt man sich natürlich aneinander, hilft sich und entwickelt gegenseitigen Respekt. Jeder der Gangster läßt einen Mönch seines Herzens zurück (eine dieser Verbindungen ist eindeutig homoerotisch geprägt), und einer von ihnen bleibt gar lieber da.

Ein besinnlicher Spaß — wieder mit dem wohl unvermeidlichen, typisch koreanischem Gekloppe.

2.4 My Sassy Girl (Südkorea 2001; R: Kwak Jae-yong; D: Jeon Ji-hyun (= sassy girl), Cha Tae-hyun (= Kyun-woo))

Romantische Farce mit kleinen Kinohit-Persiflagen: Kyun-woo ist ein hoffnungsloser Student und Schlappschwanz. Sieben Jahre lang wurde er als Mädchen erzogen, damit ist er ein willkommenes Opfer für das Sassy Girl. „Sie ist mein Typ, aber ich mag sie nicht“, meint er noch, als er sie in der U-Bahn sieht. Doch als sie, stockbesoffen, einem andern Fahrgast über den Kopf kotzt und er irgendwie für ihren Freund gehalten wird, hat er sie an der Backe. Wieder nüchtern, entpuppt sich Sassy Girl als harter Kerl: Sie setzt immer wieder ihren eigenen Willen durch, beschimpft und erniedrigt ihn, brät ihm bei jeder Gelegenheit eins über, rettet ihn aber auch in ihren Kinofantasien, die sie für koreanische Produzenten schreibt — und die der Film als parodistische Vignetten einstreut (Action à la MATRIX, Dorfmelodram etc.). Natürlich hat Kyun-woo irgendwann genug, doch schon sein nächstes Date trifft er auf der Herrentoilette wieder…

Wahrscheinlich sind auch in Korea die Geschlechterrollen etwas durcheinander geraten. Gegen die starken Frauen, die sich nur wenn’s ihnen in den Kram paßt als „helpless little girl“ gerieren, muß sich so jemand wie Kyun-woo erst mal durchsetzen. Viel kann er nicht machen, er ist halt so, doch immerhin schreibt er nun selbst ein Drehbuch — nämlich „Meine freche Freundin“ (!), das er später mit Erfolg verkauft. Der Tonfall ist manchmal etwas pubertär und das Hinhalte-Ende à la AN AFFAIR TO REMEMBER etwas zuviel des Guten (für die Spätergeborenen: SLEEPLESS IN SEATTLE), aber die herzliche Ruppigkeit kommt einfach gut an.

2.5 Guns & Talks (Südkorea 2001; R: Jang Jin; K: Alex Hong Kyong-pyo; D: Shin Hyun-june, Chung Jin-young, Jeong Jae-young, Shin Ha-kyun, Won Bin)

Gangstergroteske / Killerkomödie: Was die „Guns“ angeht, sind die vier WG-Genossen absolute Profis; im Fall eines Massenmords an Büroleuten ist ihnen ein Kommissar trotzdem dicht auf den Fersen. In puncto „Talks“ sind sie einfach lustig-naive Jungs: Wenn sie „nach Feierabend“ von ihrer Arbeit berichten oder ein andres Mal in höchsten Tönen die Liebe besingen, bleibt kein Auge trocken…

Wer schon in PULP FICTION die Dialoge am witzigsten fand, wird hier noch mehr lachen. Dabei sind die Erzählsequenzen mit größerer Raffinesse aufbereitet als bei Quentin Tarantino. Hervorragend z. B. die Szene, in der einer der Killer berichtet, wie er auf die Frau im Wagen nebenan angelegt hatte — und nun durch die unqualifizierten Zwischenfragen seiner Mitwohnis permanent aus dem Konzept gebracht wird: Die als Splitscreen-Film eingespielte Illustrierung seiner Tat muß durch immer neuere, immer absurdere Einstellungen „korrigiert“ werden. — Fazit: Zweiter Publikumspreis!)

2.6 Last Witness (Südkorea 2001; R: Bae Chang-ho; K: Kim Yoon-su (! CS; Leinwand: Kim, Yun Su); D: Lee Jung-jae (= Detective Oh), Lee Mi-yeon (= Son Ji-hye), Ahn Sung-ki (= Hwang Seok))

Politkrimi, Actionthriller + tragisches Liebesdrama: 1950-53 waren 150.000 Nordkoreaner auf der Gefängnisinsel Geoje Island (südwestlich von Pusan) interniert. Der letzte von ihnen, der unerschütterliche Kommunist Hwang Seok, wurde 1952 verhaftet und kommt erst heute wieder frei. Kurz darauf wird eine Wasserleiche gefunden: ein Junkie, dem eine Niere fehlt. Der junge, supercoole und brutale Detective Oh wird mit dem Fall betraut — und bald auf Hwang Seok aufmerksam. Die Spur führt ihn 50 Jahre zurück, ins Camp, wo der Krieg zwischen den getrennt eingesperrten Pro- und Anti-Kommunisten tödlicher war als der ums Überleben…

Wieder lernt man etwas über die tragische Geschichte der geteilten Nation, leider kommt es, anders als in JOINT SECURITY AREA, diesmal als allzu peppiger Popcorn-Kinokracher daher. Die Musik klingt stellenweise nach JAMES BOND, und ähnlich flott-„spektakulär“ werden die Actionhöhepunkte abgehakt. Sind heute viele Filme zu lang, so ist „Last Witness“ zu kurz; es fehlt erzählerisches „Fleisch“. Was soll’s: Unterm Strich, als reines Genreprodukt genommen, weiß der Film zu fesseln.

2.7 Musa // Musa — The Warrior (Südkorea 2001; R: Kim Sung-su; K: Kim Hyung-ku (! CS); D: Ahn Sung-ki, Jung Woo-sung, Joo Jin-moo, Zhang Ziyi)

No-Fantasy-Historienepos im 14. Jahrhundert (1375): Eine koreanische Gesandtschaft, die nur knapp der Ermordung durch ihre chinesischen Gastgeber entgeht, kämpft sich durch die Wüste, rettet die chinesische Prinzessin Furong — und hofft, den politischen Streit beider Reiche schlichten zu können, wenn sie Furong heimwärts eskortiert…

Treue und Verrat, Herren und Sklaven, Zurückweichen und Attacke, Kampf bis in den Tod: episches, wirklich großes Kino à la Schwertkämpfer-Action wie ASHES OF TIME, das mich persönlich aber auch manches Mal an die heroisch-ausweglose Stimmung in THE WILD BUNCH erinnert.

2.8 Sorum (Südkorea 2001; R: Yoon Jong-chan; K: Hwang Seo-shik (! BW); D: Kim Myung-min, Chang Jin-young)

Mietskasernen-Softhorror über die Narben der Vergangenheit: Kim, ein junger Taxifahrer, zieht in ein verwahrlostes Mehrfamilienhaus. Über seinem Sperrmüll-möblierten Apartment 504 scheint ein Fluch zu lasten: Sein Vormieter ist hier kürzlich verbrannt, und vor 30 Jahren wäre dasselbe fast mit einem Baby geschehen. Kims Alter: 30 Jahre…

Düster in jeder Hinsicht: Die dunkle Fotografie tendiert ins Lichtlose, die Menschen sind nur wandelnde Schatten — schuldverstrickt, blutbefleckt. Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen, wählen die Gewalt, gehen in den Irrsinn. Für einen echten Genrefilm ist SORUM zu geschmäcklerisch, weitschweifig und hat nicht genug Thrill, als Parabel auf eine entmenschlichte Gesellschaft aber funktioniert er. Wie zu erwarten, liegt das böse Geheimnis tief in der Familiengeschichte begraben. Wobei die Familie nicht mehr ist als der erstarrte Moment auf einem alten Foto.

2.9 Friend (Südkorea 2001; R: Kwak Kyung-taek; K: Hwang Ki-suk)

Gangsterdrama: Die Hafenstadt Pusan, zwischen 1976 und ca. 1993: Vier Freunde schlagen unterschiedliche Lebenswege ein: Zwei gehen aufs College, zwei werden Gangster. Von letzteren wird nur einer überleben…

„Friend“ will — leider — kein normaler Genrefilm sein, sondern ein Kunstwerk. Die Stimmung ist erdenschwer, der Look konsequent gelblich-grünlich. Die geschilderten Etappen, zwischen denen meist mehrere Jahre liegen, bestehen aus extrem wenigen Einstellungen — oft aus einer einzigen, die zudem arg in die Länge gezogenen sind. Das ist formal bemerkenswert, manchmal sogar faszinierend, wirkt auf Dauer aber kalt, leblos und ermüdend. Und ist nicht frei von Klischees: Dass das wunderschöne Bild, wie die Jungs im Meer planschen, am Ende wieder auftauchen würde als jener unwiderbringliche Moment einer glücklich-unschuldigen Kinderzeit, war bereits klar, als man es zum ersten Mal sah.

2.10 Public Enemy (Südkorea 2002; R: Kang Woo-suk; K: Kim Sung-bok (CS); D: Sol Kyung-gu, Lee Sung-jae, Kang Shin-il)

Polizeithriller: Ein krimineller, superharter Bulle erklärt einem mörderischen Versicherungsagenten den Krieg: Der Mann hat eiskalt seine eigenen Eltern umgebracht. Der Bulle war in der Nähe des Tatorts, hat den richtigen Riecher, kann es nur noch nicht beweisen. Aber gegen die gelackte Niedertracht des Bürohengstes und Börsenspekulanten kann er mühelos anstinken — und das wortwörtlich: In einem Kollegium aus schägerischen Vorgesetzten und Kollegen, die sich in der Pinkelpause erschießen, ist der Bulle — der den ganzen Film über keine Zeit zum Umziehen hat! — der einzige, der mit soviel böser Energie zurückschlägt, dass auch der übelste Gangster keine Chance hat.

DIRTY HARRY kann einpacken! Der „public servant“ unterscheidet sich vom „public enemy“ nur dadurch, daß er auf der richtigen Seite des Gesetzes steht. Das Wunschbild einer schlagkräftigen Polizei geht weit über die Grenzen der Legalität hinaus und ist hart an der Grenze des guten Geschmacks. Aber es unterhält ungemein! Ein „Männerfilm“, wie man ihn lange nicht gesehen hat: Es dampft in der Badeanstalt, der Schweiß rinnt, die Quanten stinken, im Auto wird nach Herzenslust gefurzt. Wahrlich ein „ehrlich-unverbogenes“ Kontrastprogramm zur verklemmten Art des Yuppie-Schnösels, der heimlich unter der Dusche wixt, verkniffen seine Übungen im Sportstudio absolviert, sich mit gesunden Salaten quält und vergrätzt nach den Fleischtellern der Kollegen schielt. — Ach ja: 150.000 Cops gibt es in Südkorea, einer kommt auf 300 Bürger. Da darf man sich doch sicher fühlen, oder?

3. THAILAND: Was „Kleines“ zwischendurch. Von den wenigen Filmen Thailands schaffen es nur wenige auf internationale Festivals, doch überraschen sie mit einem dunklen Schillern, einer fiesen Würze, die man anderswo kaum findet (im letzten Jahr z.B. das Transen-Sportspektakel IRON LADIES). Hier spielen keine Schönheitskönige, alle Sympathie gehört den ganz gewöhnlichen Menschen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Spaß umso größer wird, je „häßlicher“ die Gesichter ausfallen. Demokratisch und zugleich subversiv. Das bewahrpädagogische Jugenddrama GOAL CLUB ist da noch recht normal, der groteske KILLER TATTOO dagegen im besten Sinne durchgeknallt.

Die Filme im einzelnen:

3.1 Goal Club (Thailand 2000; R: Kittikorn Laiwsirikun)

Jugenddrama: Kids gegen Gangster: Fünf Schulfreunde mischen in illegalen Fußballwetten mit, veruntreuen einen Einsatz von 30.000 Baht und fordern damit die Unterwelt heraus, die wenig „sportlich“ contra gibt…

Zigarettenpäckchen weisen darauf hin, daß Rauchen die Gesundheit gefährdet; dieser Film warnt gleich mehrfach davor, wie prinzipiell tödlich dieses kriminelle Geschäft ist. Ein bißchen zu pädagogisch, doch liegen die Stärken des Films sowieso da, wo er die Figuren zeichnet — zwischen fröhlichem Spiel und brutaler Erwachsenenwelt, in unbedingter, erster Liebe zu einer Prostituierten und im Widerstreit der übrigen Gefühle: Zwischen dem, was die Jungs sagen, gibt es manchmal Zeitlupen, in denen man hört, was sie sich eigentlich, tatsächlich dabei denken.

3.2 Killer Tattoo (Thailand 2001; R: Yuthlert Sippapak)

Gangsterfilmpersiflage: Bangkok 2011, im Land herrscht das totale Chaos. Der schräge alte Ex-Knacki Pae Buffgun erhält irrtümlich den Auftrag, Polizeichef Iron Cop umzubringen (Job sollte eigentlich an einen „Puffgun“ gehen, wenn ich mich nicht täusche). Mit drei nicht minder schrägen Kollegen — darunter ein radebrechender Elvis — lauert er dem Cop auf einer Vernissage auf, wo die Tochter des Polizeichefs phallische Riesenskulpturen ausstellt — und selbst die Kugel abkriegt. Hier kommt der junge, hippe Kid Silencer ins Spiel, der den Mann mit dem titelgebenden Killer Tattoo sucht — den Mörder seiner Eltern…

Billig, aber ziemlich perfekt, extrem schräg und doch mit (buddhistischer) Weisheit gesegnet. Ein lustiger Mummenschanz herrlich debiler „alter Säcke“, die allesamt einen Hollywoodesken, tragischen Bruch in ihrer Gangstervita haben: Jeder hat seine Träume — und seine Alpträume. Verrückt und liebenswert, nur etwas zu lang.

4. VOLKSREPUBLIK CHINA: So, wie sich das Reich der Mitte immer mehr dem Westen öffnet, so wird es in seinen Filmen auch sich selbst gegenüber offener. Die Kritik mag noch etwas versteckt sein, aber für die plumpen Propagandafilme der Mao-Ära kauft kein Chinese eine Kinokarte. Viele Filme sind auf den ersten Blick etwas verhalten, unterkühlt, doch wenn man aufmerksam auf „beiläufige“ Details achtet und zwischen den Zeilen liest, dann spürt man, wie es unterm Deckel dampft und brodelt. Weil nichts spannender ist als die politisch unsichere, doch wirtschaftlich vorwärts strebende Gegenwart, befassen sich auch die meisten Filme mit ihr. Soziale Ungerechtigkeit und Prostitution, Korruption und Kapitalverbrechen waren schon häufiger das Thema oder wurden zumindest gestreift (ESCORT), besonders interessant waren in diesem Jahr jedoch jene Filme, der sich dem „privaten Glück“ in Ehe und Familie widmeten (SPRING SUBWAY, WHAT A SNOWY DAY). Geschmackliche Entgleisungen wie das Kriegsepos PURPLE SUNSET oder der Kunstkäse A TOUCH OF BLUENESS nimmt man hin, dafür entschädigen traumhaft schöne und bewegende Kinder- und Jugenddramen wie TOUCHED BY LOVE und ONE HUNDRED…

Die Filme im einzelnen:

4.1 Escort (VR China 2000; R: Qi Xing; K: Wang Dong (BW))

Road Movie-Drama: Zwei Polizisten, ein milder Alter und ein harter Junger, haben auf dem platten Lande einen (Klein-) Kriminellen eingefangen, den sie nun in die weit entfernte Großstadt bringen müssen. Yu Tai war zwei Jahre in einem Dorf untergetaucht und scheint sich in dieser Zeit jede Menge Freunde gemacht zu haben. Immer ist er freundlich, immer weiß er Rat — gerade auch jetzt auf der langen Reise, die voller Hindernisse steckt…

„Einer hilft dem andern — wir sind alle gleich“: China, Land und Leute. Das kleine Fahrtenabenteuer in Auto, Reisebus und Wanderschuhen zeigt das Riesenreich ganz pragmatisch als Lebensraum, wo jeder um seine Existenz kämpfen muß, Geben und Nehmen wichtiger ist als das Einhalten offizieller Gesetze. In einer dörflichen Welt, die von Armut und zerrissenen Familien gezeichnet ist, und wo Huren ihre Dienste anbieten oder vernachlässigte Schüler lieber in der Spielhalle daddeln, ist auch das tatsächliche Vergehen von Yu Tai letztlich unerheblich. So, wie die Grenzen von Rechtmäßikeit und Kriminalität verschwimmen, so versackt auch die Odyssee der drei Männer. Im Niemandsland einer Bergbau-Kraterlandschaft kommen sie einfach nicht mehr weiter.

4.2 What a Snowy Day (VR China 2001; R: Meng Qi)

Milde Alltagskomödie: Wang Jungsheng, Vizedirektor einer Sojasoßenfabrik, wurde ärztlich untersucht. Er sei froh, keinen Krebs zu haben, und berichtet weiter aus seinem ganz alltäglichen Leben. Er läßt ein illegales Konkurrenzunternehmen hochnehmen — und wird zusammengeschlagen. Ganz im Sinne vieler belästigter Mitmieter sucht er ein edles Vorstandsbüro auf, um gegen ein zu nah und zu hoch gebautes Hochhaus zu protestieren – nur um dann zu erfahren, daß sich die Nachbarn schon hinter seinem Rücken mit Geld und Kühlschränken haben auszahlen lassen. Er geht bei diversen Schuldirektoren Klinken putzen, um seinem mittelprächtig begabten Sohn eine bessere Bildung zu ermöglichen — und sieht, daß es auch hier nur mit Bestechung ginge. Am Ende gibt er zu, doch Krebs zu haben — trotzdem freut er sich über Momente in seinem Leben wie jenen Wintertag, den er mit seiner Familie glücklich im Schnee verbringt.

Korruption, Schattenwirtschaft, Gewalt… „What a Snowy Day“ kennt die Probleme Chinas — und ist so ehrlich zuzugeben, daß jeder darin verstrickt ist: Selbst Wang Jungsheng wird wegen Bestechung vorgeladen. Andererseits ist auch das „kleine familiäre Glück“ mehr als wohlfeile Propaganda: Geldsorgen und Ehestreitigkeiten kommen zumindest in Nebensätzen vor. Der Schlußsatz „Happiness ist das Wichtigste!“ mag in diesen Zusammenhängen ein nur schwacher Trost sein, aber ganz falsch ist er auch nicht.

4.3 The Marriage Certificate (VR China / Hongkong 2001; R: Huang Jianxin; D: Feng Gong, Lu Liping)

Satirisches Drama: In der Ehe ist die Luft raus, es kriselt. Der Mann, Psychiater in einer Klinik, trifft sich mit einer jungen Assistentin — und läßt sich von einem Kollegen Viagra zustecken. Seine Frau hat spitz gekriegt, daß ihre Firma für zehn Ehejahre eine schöne Decke spendiert — aber nur mit Ehebescheinigung! Doch das Ding ist verschwunden, selbst eine kleine Reise in die gemeinsame Vergangenheit bleibt ohne Ergebnis: Die Volkskommune, in der beide einst den Bund fürs Leben schlossen, ist aufgelöst, entsprechende Unterlagen existieren nicht mehr. Als die frühreife, hippe Tochter ihren Eltern die Scheidung vorschlägt, ist auch das keine Lösung, denn auch dafür braucht man die Ehebescheinigung…!

Die Geschichte ist hübsch und „universell“, ihr politischer Hintergrund dezidiert chinesisch. Unerwartet frech wird hier die schmerzliche Zeit des Mao-Kommunismus zu Grabe getragen: In Vaters Anstalt tanzt eine schizophren gewordene Balletteuse das „Rote Frauenbataillon“, und ein früherer Drei-Sterne-General beschimpft den Arzt als hüpfenden Papierfrosch. Wo das Reich der Mitte inzwischen angelangt ist, sieht man gleich beim ersten Bild des Films: Die Skyline der Stadt könnte man glatt für eine amerikanische halten. Das ist die Moderne!

4.4 Spring Subway (VR China 2001; R: Zhang Yibai)

Beziehungsdrama und Großstadtbürger-Porträt: Menschen in der U-Bahn, was sie tun und was sie denken: Ein 19-Jähriger traut sich nicht, ein Mädchen anszusprechen, das ihm gefällt. Ein dicker Koch hat immer Pech mit seinen Dates. Eine junge Frau wirbt für Reis aus der Tube… Im Mittelpunkt steht ein Paar, das vor sieben Jahren nach Peking kam und nun überlegt, ob es sich trennen soll. Der Mann, ca. 26 jahre alt, traut sich nicht zu sagen, daß ihm vor drei Monaten gekündigt wurde und fährt weiterhin jeden Tag „zur Arbeit“. Heimlich besucht er eine Lehrerin im Krankenhaus, die bei einer Gasexplosion in U-Bahn-Nähe viele Kinder rettete und jetzt mit verbundenem Gesicht im Rollstuhl sitzt. Seine Frau trifft sich ebenso heimlich mit einem netten Kneipier. Ob Liebe und Treue ewig währen?

Metaphern wie der tropfende Wasserhahn, der erst am Ende repariert wird, mögen etwas plump sei, und die exzellenten, leuchtenden Bilder grenzen ans Kunstgewerbliche. Trotz Hochglanzlack ist die zentrale Geschichte einer eingerosteten Ehe aber gut beobachtet und voll selten gesehener, stimmiger Details. Zum Beispiel: Schnell ins Bett gehüpft und schlafend gestellt! Oder: Beide sitzen wortlos vor der Flimmerkiste (DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME in der Version mit Anthony Quinn und Gina Lollobrigida) und überlassen es einer Schabe, ob sie endlich miteinander reden: Wenn das Tierchen zum Foto krabbelt, ist es soweit…! Ein kleiner, intimer Film der Gedanken, mit poetischen Momenten und durchweg guter Musik.

4.5 A Love of Blueness (VR China 2000; R: Huo Jianqi; K: Zhao Lei (BW))

Kunstfilmdrama: Ja, die Kunst ist groß und schwer – und das Leben noch viel mehr. Ein Polizist, der früher gern Künstler geworden wäre, rettet eine junge Frau, die von der Brücke springen wollte, möglicherweise aber nur für eine Rolle probte, weil sie eben Schauspielerin ist. Sie ist einem älteren Herren zugetan, um den sich ein mörderisches Geheimnis rankt. Der Polizist wälzt trotz Warnung seiner Kollegen alte Akten, um zu erfahren, was sich damals vor 20 Jahren wirklich zutrug…

Alles ist Theater, jeder ist ein Schauspieler, ein Mittäter gar, auch wenn er es nicht weiß. Wieder eines dieser diffusen, verschwurbelbten Edeldramen, das uns etwas über das moderne China erzählen will, dabei zwar ganz richtig im Staub der jüngeren Geschichte stochert, aber nicht zu eindeutiger Kritik findet (die tatsächliche Polizeiverschwörung wird nicht weiter thematisiert oder gar aufgeklärt) und lieber mit einem modischen Effekt für „poetische“ Überraschung sorgt: Beim zweiten, wie man nun meint tödlichen Sprung ploppt die Dame doch tatsächlich am Bungee-Seil hinunter!

4.6 Purple Sunset (VR China 2001; R+K (CS): Feng Xiaoning; D: Fu Dalong (= Yang), Anna Dzenilalowa (= Nadja), Maeda Chie (= Yoko), Wang Xuewei)

Kriegsepos, unfreiwillig komisch: Ein chinesischer Greis sitzt am 9.8.2000 vor der Kamera und soll erzählen, wie er damals durch den Krieg kam; in der Hand hält er noch immer eine eiförmige Spieluhr, die er einem toten japanischen Mädchen abnahm. Nachdem er von den japanischen Invasoren entführt wurde, Lager, Massenerschießung und Panzerangriff überlebte, floh er im August 1945 mit einer kleinen Schar anderer Versprengter durch die Wälder im Nordosten. Als das Töten eine Zeitlang ausgesetzt ist, sind es noch er, der Chinese, ein japanisches Schulmädchen sowie eine russische Soldatin. Man versteht sich nicht, ist aber aufeinander angewiesen, um zu überleben…

Man weiß, wie der Film GEMEINT ist, deshalb konnte er auch auf irgendeinem Festival den Publikumspreis erhalten. Doch Drehbuch und Inszenierung sind so platt und unbeholfen, daß es schmerzt. Actionszenen sind ein wildes Durcheinander, selbst Hinrichtungen gehobenes Kasperletheater, die finalen Seekriegs-Tümmeleien schlichtweg überflüssig. Tragische Momente verkehren sich ins lächerliche Gegenteil, weil Timing, Optik und Darstellung eine Spur daneben sind. Wenn nicht weit vom Ufer geschrien, gekreischt und geheult wird, die dralle Russin aber nackt in den blau funkelnden See plantscht und wonnig darin herumpaddelt, ist das entnervte Stöhnen im Kinosaal berechtigt. Der Regisseur könnte den russischen Klassiker KOMM UND SIEH gesehen haben, auch Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN (die heutigen, zu Andacht und Verzeihen auffordernden Szenen deuten darauf hin), die Klasse aber hat er nicht.

4.7 Touched By Love (VR China 2001; R: Jiang Ping, Liu Xin; K: Liu Bagoui (BW))

Kindheitsmelodram: „Wenn Dir jemand einen Tropfen Wasser reicht, schenk ihm einen Brunnen zurück.“ — Der kleine Yang Yang, der bald 10 wird, hat in der Schule 98 Punkte von 100 gemacht — jetzt darf er endlich zur Mutti nach Australien! Er ahnt nicht, daß Mutter damals in Sydney verunglückte und alle Erwachsenen ihm seitdem etwas vorgespielt haben: der Vater, der nicht damit rechnete, daß sein Sohn das hohe Notenziel tatsächlich erreichen würde; die Lehrerin, die die mütterlichen Briefe schrieb; der Markthändler, der mit seinen Handy-Ferngesprächen doch nur im Ortsnetz blieb. Alle sind bestürzt, daß ihr Haus der Lügen nun zusammenbrechen muß. Die Stunde der Wahrheit ist unausweichlich, denn Yang Yang wird in Bälde auch seinen Vater verlieren…

Kinderfilm? Exzellent gemacht, in wunderschönen Bildern, spielt „Touched By Love“ zwar in einer idyllisch-übersichtlich kleinen Welt, behandelt seine großen Themen „Geben“ und „Tod“ jedoch mit erschütternder Klarheit — und filmtechnischer Raffinesse: Wenn der Knabe die vielen Briefe in einer Tonne entdeckt und nun weiß, daß seine Mutter tot ist, bricht eine Terror-Montage diverser kurz und immer kürzer geschnittenen Bilder über ihn herein, die sich ins weißes Nichts auflöst. Drastischer kann auch ein „Erwachsenenfilm“ nicht sein. Ein kleines Meisterwerk!

4.8 One Hundred… (geplanter, von der Filmzensur abgelehnter Titel: One Hundred Thieves; VR China 2001; R: Teng Huatao)

Jugenddrama: Zwei naive 17-Jährige wollen Polizisten werden — leider aus den falschen Gründen (dann dürften sie z.B. bei Rot über die Ampel fahren); man lehnt sie also ab. Ein Onkel setzt ihnen den Floh ins Ohr, sie müßten nur erst mal 100 Diebe fangen, dann würde die Polizei sie schon wollen! Mit selbstgebastelten Gummiknüppeln ziehen sie los — doch so einfach ist die Sache ganz und gar nicht…

Das absolute Meisterwerk des Festivals, eine Großstadtballade, die mühelos neben anderen Peking-Dramen wie „Beijing Bicycle“ bestehen kann: Wieder die sehnliche Hoffnung, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, wieder das Scheitern an den Zuständen — und an der eigenen Moral. Wenn der zartere der beiden Knaben frustriert eine Kochlehre anfängt und im Lehrlings-Regiment strammstehen muß, empfindet man Mitleid und möchte ihn trösten. Wenn beide kurz vor Schluß einen Gangster verfolgen und dabei ohne Ende um ihr Leben laufen, ist die erbarmungslose Einsicht nur, daß dieser „yellow trash“ keine Chance hat. — Auch wenn für diese „kleine“ Geschichte die große Kiste filmtechnischer Tricksereien aufgemacht wurde, ist das in keinem Moment audringlich oder prätentiös. Fazit: exzellent in jeder Hinsicht.

5. JAPAN: In diesem Jahr hätten die Softpornos der PINK MOVIES-Reihe ein „Event“ sein können, doch derlei komplett unerotischer Schmuddelkram kam selbst im katholischen, also eigentlich begierigen Udine nicht an. Die an laue Fernsehspiele erinnernden Dramen braver Bürger ALL ABOUT OUR HOUSE und A WOMAN ‚S WORK hätten ebenfalls nicht auf die große Leinwand gemußt. Der mit Abstrichen einzig gute Japan-Filme war die vorsichtige Außenseiterromanze LAUNDRY. Insgesamt eine schlechte Ausbeute für die einst so bedeutende Filmnation. Doch all das betuliche Zeugs wurde schließlich von ICHI, THE KILLER in wahren Blutfontänen und Bächen von Gedärm hinfortgeschwemmt. So sind sie eben, die Japaner.

Die Filme im einzelnen:

5.6 No Woman, No Cry (Japan 1998; R: Kamata Yoshitaka)

Pink Movie: Seltsame Geschichte(n) plus mieser Trocken-Sex, bei dem die Männer die Hose anbehalten, weia! — Einige Kollegen haben noch ein paar andere Filme der kleinen nächtlichen Retro getestet — ehe auch sie dem früheren Zubettgehen den Vorzug gaben.

5.7 All About Our House (Japan 2001; R: Mitani Koki)

Familienkomödie, extramild: „Planung ist alles!“ — Ein Ehepaar (der Mann ist TV-Autor) beauftragt einen Innenarchitekten (!) mit dem Entwurf ihres Hauses. Der hippe, bislang eher dekorativ denkende junge Mann will modern-„amerikanisch“ bauen (z.B. mit nach Innen gehender Eingangstür), der Familien-Opa und seine alten Zimmermanns-Kollegen bestehen auf wenigstens einen traditionell-japanischen Raum. Eine verrückte Tante versucht gar, alles nach ihren Feng-shui-Regeln umzuschmeißen…

Das launige „Duell“ zweier ausgeprägter Egos und ihrer unterschiedlichen Sichtweisen endet in schönster Harmonie: Beide sind Profis, und beiden geht es einfach um die Sache. Als beide in einer Sturmnacht unabhängig voneinander auf der Baustelle nach dem rechten sehen, wissen sie, daß sie aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. — Nur zu gern möchte man den Ruf nach gutem Handwerk an die Filmemacher selbst richten: Wie hier fast jede Sequenz in einer einzigen Kamera-Einstellung abgelichtet wird, ist so billig und optisch öde, wie es sich eigentlich nur ein Fernsehfilm erlauben könnte. Oder isses einer? Großes Kino ist das jedenfalls nicht. Ganz abgesehen davon, daß die Filmlook-Farbpalette in Beige, Schilf und Moos jeden aufrechten Innenarchitekten in die Flucht treiben würde.

5.8 A Woman’s Work (Japan 2001; R: Otani Kentaro; D: Seto Asaka, Tsukamoto Shinya, Ichikawa Mikako)

Ehe- und Familiendrama: Ein Ehepaar streitet über die Verteilung der Hausarbeit. Der Mann überlegt schon, sich für einige Zeit nach Indonesien zu verabschieden. Die Frau will genug Zeit haben, um in der B-Liga ihr geliebtes Brettspiel Shogi zu spielen. Wenn sie verliert, wird sie unausstehlich — und sie verliert immer öfter. Ihre große Angst, in die C-Liga abzurutschen, spiegelt ihre Ehesituation: Auch dort würde sie, nach einer Scheidung womöglich, ungern wieder von vorn beginnen. Ihre jüngere Schwester versucht schlauer zu sein: Ihrem neuen Freund erzählt sie erst gar nicht, daß sie kochen kann — weil er’s ja schon so gut macht. Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf: Der Gatte bleibt hier — und outet sich als heimlicher Shogi-Fan!

Sorry, sowas tut’s auch auf dem kleinen Bildschirm. Look und Moral passen besser ins Fernsehen.

5.9 Transparent // Satorare: Tribute to a Sad Genius (Japan 2001; R: Motohiro Katsuyuki)

Fantasydrama (erst milde Komödie, dann Melodram): 1977 stürzt ein Flugzeug ab, nur ein Knabe überlebt — weil man seine Gedanken hört! — Heute sind sieben solcher Fälle in Japan bekannt, und mit einem IQ über 180 ist jeder von ihnen ein Genie — ein „trauriges“: Keiner weiß, wie begabt er tatsächlich ist, vor allem aber nicht, daß jeder hört, was er nur denkt. Damit sich diese „nationalen Ressourcen“ möglichst frei entfalten können, hat man einen jeden in einer kleinen Stadt beheimatet, in der die Bürger gute Mine zum seltsamen Spiel machen und sich ansonsten nichts anmerken lassen. Um herauszufinden, was diese Talente antreibt, wird die hübsche Psychologin des „Kommittees“ auf einen jungen Arzt angesetzt. Satomi praktiziert in einem Krankenhaus — und versteht nicht ganz, warum er keine Operationen durchführen darf…

Einerseits ist das THE TRUMAN SHOW in der Teenievariante für den von aller Welt unverstandenen Youngster, andererseits die Potenzierung japanischen Isolationsdenkens, wobei die schwelgerisch-heroisierende Musik unüberhörbar macht, wohin die staatstragende Reise geht. Der faszinierenden Ausgangsidee werden viele Facetten abgewonnen, aber auch nicht sämtlich ausgeschöpft.

5.10 The Yin-Yang Master (Japan 2001; R: Takita Yijiro; D: Nomura Mansai, Ito Hideaki (!!! = Schwertkämpfer Hiromasa), Henry Sanada)

Theatriges Fantasy-Kostümdrama: Politintrigen und Zauberduelle am Königshof von Kyoto vor 1000 Jahren. Nicht das, was man unter Kinospektakel versteht, eher ein gemessen-launiger Atelierfilm mit ein paar sehr sauber eingefügten CGI-Panoramen und -Monstren.

5.11 Laundry (Japan 2001; R: Mori Junichi; D: Kubozuka Yosuke (= Teru), Koyuki (= Yamada Mizue), Naito Takashi (= Sally))

Poetische, tragikomische Außenseiterromanze: Eine kleine Johnny-Depperei auf japanisch: Teru ist 20 und trägt eine Wollmütze. Als Kind sei er in einen Gully gefallen, seitdem hat er eine Narbe am Kopf — und eine Schramme am Hirn, sagen die Leute. Teru ist Aufpasser in einem Waschsalon — damit niemand die Damenunterwäsche klaut! Tatsächlich gehen hier merkwürdige Leute ein und aus: eine Fotografin, die immer knipst, ein Boxer-Bürschchen, das sich im Trockner verkriecht. Und ein Mädchen, das ganz ähnlich tickt wie er: Sally springt über Pfützen und stellt sich vor, es wär ein tiefer Abgrund, und daß die riesigen Gastanks am Horizont jeden Tag größer werden, findet sie auch. Beide kommen sich näher, verlieren sich eine Zeit lang aus den Augen, finden wieder zusammen und haben doch immer ihre Schwierigkeiten, sich in dieser seltsamen Welt zurechtzufinden. Alles könnte im Elend enden, doch irgendwann lernt Teru bereits, seine Schnürsenkel allein zu binden, und am Ende phantasieren sich beide eine schöne Hochzeit herbei.

Der Film ist entschieden zu lang, aber zu Herzen gehend. Es geht nicht um so „erwachsene“ Dinge wie Beziehungführen oder gar sexuelle Erfüllung, sondern um liebevolle Freundschaft, die vorsichtig um die eigenen Macken und die des andern herumtastet. Mehrfach merkt man die leise Verzweiflung Sallys, daß Teru noch verrückter ist als sie selbst. Dabei ist ihr klar, daß sie ihn nötiger braucht als er sie. „Normale“ Filme über „normale“ Paare können gröber zu Werke gehen; in „Laundry“ könnte jedes Wort, jede Geste in die Katastrophe führen.

5.12 Ichi, the Killer (Japan / Hongkong / Südkorea 2001; R: Miike Takashi; D: Asano Tadanobu, Omori Nao, Alien Sun, Sabu)

Gangster-Splattergroteske — absurd, krass, extrem: Ichi, der Killer, will eigentlich gar nicht töten. Er ist kleinlaut, kindlich — das Wort „sitting duck“ steht ihm ins Gesicht geschrieben, wie der Cop meint. Trotzdem: Was hier abgeht, entzieht sich jeder Beschreibung. Ein Klassiker — für Staatsanwälte. Blut, Sperma, Gedärm, Folter, Mord: Takasha Miike hat einen Film gedreht, wie man ihn nur von ihm erwartet — und den man möglicherweise lieber gar nicht gesehen hätte. Am Ende heißt es: „Nobody left to kill.“ So ist es.

Autor Peter Clasen wohnt in Hamburg-St. Pauli und ist Redakteur bei TV Spielfilm. Kontakt: pclasen@tvspielfilm.de

Links:

Text: Peter Clasen, 27.04.2002

No comments yet

Leave a Reply

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.