2009 – Roma

Festival Internazionale del Film di Roma 2009

Roma, Italia, 15.10 – 23.10.2009

„Ein Amerikaner in Paris“ war gestern. Fast 60 Jahre später heißt es vielmehr: 6 Freiburger in Rom. Zum 4. Mal wurde in der Ewigen Stadt vom 15. bis 23.10.2009 das International Rome Film Festival veranstaltet. Neben Venedig und Cannes will sich Rom zum etablierten Festival mausern, das klein, aber glamourös zu sein versucht. Wir haben uns natürlich mehr internationale Filme und Presseveranstaltungen als römische Sehenswürdigkeiten angesehen: 12 Filme und 6 Pressekonferenzen um genau zu sein. Um ein paar Eindrücke und eventuelle Filmtipps für die kommende Zeit zu geben, findet ihr im Folgenden einen kleinen Festivalbericht.

Das Festival fand, wie auch in den vergangenen Jahren, vor allem im ehemaligen Olympischen Dorf in Rom statt. Das Auditorium Parco della Musica und das Cinema Village dienten als Zentrum des Events. Die Retrospektive 2009 nahm sich den italienischen Regisseur Luigi Zampa vor und zeigte im dazugehörigen Kinosaal wunderschön restaurierte Fassungen alter italienischer schwarz-weiß-Perlen. So war vor allem die Premiere der bearbeiteten Version von „La Romana“ mit Gina Lollobrigida ein einmaliges Highlight. Die Retrospektive war mal wieder alleine fast Grund genug nach Italien zu fahren. Die diesjährige Ausstellung widmete sich dem vor allem für seine Italowestern bekannten Sergio Leone. Sie begeisterte vor allem mit beeindruckenden Beamerübertragungen verschiedener Szenen aus Leones bekanntesten Filmen auf die Wände des Ausstellungsraumes, womit man sich schnell in die Filme versetzt fühlte und mal auf andere Weise Film erlebt werden konnte; ergänzt wurden die Effekte durch bisher unveröffentlichte Photographien.

Vier Sektionen bildeten das Filmprogramm in Rom: Die Official Selection, in der 12 Spielfilme im Wettbewerb standen und 6 außerhalb dieses liefen. In der Sektion Extra hatte das Publikum die Möglichkeit beispielsweise Martin Scorsese, Sophia Loren oder Al Pacino zu begegnen. Alice in the Cities ist die Sektion für das jüngere Publikum, häufig sind die Filme darüber hinaus auch von jungen Filmemachern produziert worden. Auch hier stehen sich 12 Filme im Wettbewerb gegenüber. Im Fokus stand in diesem Jahr das Thema „Umwelt“ im Vordergrund. Das Ziel der Sektion sollte sein, die verschiedenen Facetten der wichtigsten Problempunkte im Bereich Umwelt des 21. Jahrhunderts aufzeigen, besprechen, Lösungen aufzeigen und vieles mehr.

Am ersten Abend wurde uns die Gelegenheit gegeben, Triage in Anwesenheit von Christopher Lee, Paz Vega, Jury-Vorsitzendem Milos Forman, Senta Berger etc. zu sehen. Er war dann auch eine Kategorie besser als die vorher gesehenen Produktionen. Kurdistan 1988, Mark (Colin Farell) ist Kriegsphotograph, der zusammen mit seinem Freund David Gefechtssituationen, Krankenlazarette und alles sogenannte „Unmenschliche“ ablichtet – vom sterbenden Gesichtsausdruck eines Soldaten bis zum Arzt, der sehr stark verwundete Patienten mit einer Pistole erschießt, um sie nicht länger leiden zu lassen. „Triage“ gehört zum militärmedizinischen Vokabular und bedeutet die Aufteilung der (medizinischen und personellen) Mittel auf eine Masse an Verletzten. Mark kommt verletzt nach Hause und David ist verschwunden… Christopher Lee als Psychologe will ihm helfen, über seine Erlebnisse hinwegzukommen. Der Film wäre an sich sehr eindrucksvoll gewesen, die Bilder sind es allemal. Leider soll die Geschichte aber in einem Zeitraum von ca. 2 Monaten spielen und in einem Seitenstrang der Erzählung wird darauf hingewiesen, dass Lees Charakter mit ehemaligen Kriegsverbrechern Spaniens gearbeitet hatte, was aber leider nicht weiter ausgeführt, sondern lediglich angedeutet wird. Die kurze Zeitspanne macht unnötigerweise die Glaubwürdigkeit der Geschichte zunichte.

Richard Gere sprach am nächsten Tag über seinen neuen Film Hatchiko – A Dog’s Story als im Grunde dem Stummfilm angelehnten Film. Sie hätten versucht, Sequenzen, die nicht als Teil der Simplizität des Films dienten, herauszuschneiden. Die Geschichte ist einer wahren Begebenheit angelehnt und Gere ging es vor allem und das Spirituelle, um die Anfangs- und Enlosigkeit. Sie sollte tatsächlich in uns gehen und uns berühren, ihn selbst hätte die Geschichte und deren mysteriöse Macht der Story so berührt, dass er geweint hatte.

Ein weiteres Highlight bildete die Premiere von Jason Reitmans und George Clooneys neuem FilmUp in the Air. „To know me is to fly with me. That’s what I am.“ Ryan Bingham ist notorischer Einzelgänger, Frequent Flyer-Sammler und sein Job ist es, Entlassungen von Angestellten für Firmen durchzuführen, die das selbst nicht tun wollen. Über 300 Tage hat er im vergangenen Jahr in Flugzeugen, Hotels und Mietautos verbracht. Eines abends in einer Hotellobby trifft er auf Managerin Alex Goran, die ähnlich viel unterwegs ist wie er… Was so leichtfüßig daher kommt, darf aber auch getrost interpretiert werden als – mag es nun Zufall sein, dass der Film gerade in Zeiten der global lautstark artikulieren „Krise“ herauskommt, oder nicht – Sinnbild der amerikanischen Gesellschaft des vergangenen Jahre. Nicht nur angesichts der anonymen Entlassungen wie am Fließband, wobei den fristlos auf die Straße Gesetzten euphemistisch von „neuem Anfang“ und „Chance“ erzählt wird, bleibt dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken. Denn auch in der Pressekonferenz erzählten Reitman und Clooney von der Arbeitslosigkeit in den USA und der Tatsache, dass im Film keine Schauspieler für die Szenen mit den Entlassungen verwendet wurden, sondern tatsächlich gefeuerte ehemalige Arbeitnehmer.

Ein schönes Schmankerl und Erstlingswerk bildete Simon Konianski. Eine Komödie, gedreht mit 80er Jahre Charme, über eine jüdische Familie die nicht nur einen famosen Generationenkonflikt zu überstehen hat, sondern allerhand weitere Stresstests. Ein Familienmitglied stirbt und will unbedingt in der Ukraine begraben werden, also machen sich Vater und Sohn auf den Weg dorthin – mit dem Auto und dem Toten im Kofferraum. Es ist erfrischend wie lustig und lustvoll, jedoch ohne es am Ernst der Historie des jüdischen Volkes fehlen zu lassen, mit dem Thema modernes Judentum in Europa umgegangen wird.

Auf die Vorführung von The imaginarium of Doctor Parnassus wartete das Publikum besonders gespannt. Niemand Geringeres als Terry Gilliam selbst, seine Tochter und Produzentin Amy Gilliam und die Schauspielerin und Model Lily Cole präsentierten sich nach dem Film den Zuschauern. Gilliam sprach anfangs von interessanten und außergewöhnlichen Dingen, denen niemand Aufmerksamkeit schenke. Er habe sich dann die Geschichte ausgedacht und das storyboarding selbst gemacht. Gleich die ersten Fragen zielten auf das Schicksal Heath Ledgers. Gilliam drückte seine Bewunderung für den Verstorbenen aus, er sei voll von Leben gewesen und wir hätten nur ein kleines bischen von dem gesehen, was er hätte noch alles tun können. Ein besonderer Geist förderte die Fertigstellung des Films, e sei immer präsent gewesen. Das Besondere am Film sei ja auch, dass eben nur enge Freunde von Ledger, nämlich Jude Law, Johnny Depp und Colin Farell, seine Rolle – jeweils mit verschiedenen Charakterschwerpunkten – füllten. Auf die Frage, ob im Skript etwas geändert wurde, nachdem die Nachricht über Ledgers Tod kam, antwortete Gilliam: Nichts wurde im Skript geändert, außer der unterschiedlichen Gesichter. Zuerst sollte Johnny Depp kommen, weil das Publikum wohl damit am Besten zurecht kam und sich wohl fühlte. Colin Farell musste als letztes spielen – er ist dunkler als die anderen beiden und deshalb musste er die leidende Rolle übernehmen.

Alles in allem konnte man – reich an neuem Schreibmaterial, an mal wunderschönen, mal ekelerregenden, hässlichen, bewegenden, traumhaften und außergewöhnlichen bewegten Bildern – das Olympiagelände und die Ewige Stadt wieder verlassen. 8 Tage Filme, Pressekonferenzen und Interviews waren wieder einmal beeindruckend und wir freuen uns auf das nächste Jahr.

Die Gewinner des Festival Internazionale del Film di Roma 2009 im Überblick:

Official Competition

  • Goldener MarcAurelio Award für den Besten Film: Brotherhood, Nicolo Donato, Dänemark
  • Silberner MarcAurelio Jury Award: The Man Who Will Come, Giorgio Diritti, Italien
  • Silberner MarcAurelio Award für die beste Schauspielerin: Helen Mirren für ihre Rolle in The Last Station, Michael Hoffman, Deutschland/Russland
  • Silberner MarcAurelio Award für den besten Schauspieler: Sergio Castellitto für seine Rolle in Raise Your Head, Alessandro Angelini, Italien
  • Publikumspreis und den La Meglio Gioventù Award für den Besten Film: The Man Who Will Come, Giorgio Diritti, Italien
  • Libera Associazione Rappresentanza di Artisti Award für die beste italienische Schauspielerin: Anita Kravos für ihre Rolle in Raise Your Head, Alessandro Angelini, Italien
  • Farfalla d’Oro Award: Brotherhood, Nicolo Donato, Dänemark

Alice Nella Città

  • Silberner MarcAurelio Award unter 12 Jahren: Last Ride, Glendyn Ivin, Australien
  • Silberner MarcAurelio Award über 12 Jahren: Oorlogswinter, Martin Koolhoven, Niederlande
  • Besondere Erwähnung: Vegas, Gunnar Vikene, Norwegen

Außerdem erhielt Meryl Streep einen Marc-Aurelio-Preis für ihr Lebenswerk als Schauspielerin.

Text: Jennifer Borrmann, 01.11.2009

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