2008 – Roma

Festival Internazionale del Film di Roma 2008 – Ein Festivalbericht

Rom, 23.10 – 31.10.2008

Festival Internazionale del Film di Roma – das Filmfestival fand dieses Jahr bereits zum dritten Mal in der italienischen Metropole Rom statt. Dass bei dem Festival nicht nur die Filme, sondern auch die Stars eine wichtige Rolle spielten, wurde schon bei der Eröffnungsfeier deutlich. Denn kein geringerer als Al Pacino gab sich bei der Auftaktveranstaltung persönlich die Ehre, das Festival zu eröffnen. Im gleichen Atemzug stellte er seinen Film „Chinese Coffee“ vor und wurde mit einem der begehrten Goldenen Marc Aurel-Preise für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Insgesamt wurden in Rom vom 23. bis 31. Oktober mehr als 200 Filme in den Kategorien Wettbewerb, Fokus, Extra, Spezial, Neues Kino Netzwerk („Fabbrica die progretti“) und dem Kinderfilmfestival („Alice nella città“) gezeigt. Daneben gab es in der Retrospektive weitere 12 Filme von und mit Al Pacino, eine deutsche Filmreihe in Kooperation mit „German Films“, vier russische Filme und eine Vielzahl von Musikevents und Ausstellungen.

Im Wettbewerb zitterten 20 Filme um die begehrte Trophäe, den Goldenen Marc Aurel-Preis, der als Publikumspreis und von einer kritischen Jury vergeben wurde.

Darunter sehr sehenswerte Filme wie die italienische Produktion „Il passato è una terra straniera“ von Daniele Vicari. Ein Film über einen italienischen „good boy“, der ins Spieler und Drogenmilieu abdriftet. Sowie die Filme „Opium War“ von dem afghanischen Regisseur Siddiq Barmak und „Resolution 819“ von Giacomo Battiato. Auch die Regisseurin Connie Walther lieferte mit ihrem Film „Schattenwelten“ einen sehr guten Beitrag, in dem sie sich mal auf einer anderen Ebene – nämlich auf der des Opfers – der deutschen RAF-Vergangenheit näherte. Ebenfalls keine leichte Kost, aber dennoch zu empfehlen: „Good“ von Vicente Amorim – eine britisch-ungarische Filmproduktion mit Viggo Mortensen in der Hauptrolle, der einen deutschen Schriftsteller spielt, der während des zweiten Weltkrieges eine zweifelhafte Karriere bei der NSDAP macht. Ein ebenso empfehlenswerter Film, der sich den gefährlich intriganten Spielen dreier befreundeter Mädchen aus reichem Hause widmet, ist „Un gioco da ragazze“ von Matteo Rovere – klingt klischeehaft, lässt sich aber gut gucken und schwer ertragen. Für gute Unterhaltung der leichteren Art sorgte die französische Komödie „Cliente“ von Josiane Balasko, in der es um eine ältere Frau geht, die sich, aus Sehnsucht, männliche Prostituierte anheuert und sich verliebt. Von der italienischen Presse im Vorheinen zwar stark beworben, im Nachhinein aber doch eher schlecht als recht, ist der italienische Film „L‘ uomo che ama“ („Der Mann der liebt“) von Maria Sole Tognazzi, in dem die für ihre Schönheit hochgelobte Monica Bellucci die vermeintliche Hauptrolle spielt. Eigentlich geht es aber um den Liebeskummer von Roberto (gespielt von Pierfrancesco Favino) und seine Art der Schmerzbewältigung, was, wie uns Favino selbst auf der Pressekonferenz verriet, angeblich ein neuer Ansatz im italienischen Kino sei; fragwürdig ist nur, ob dieser neue Ansatz oder vielmehr die hoch gepriesene Monica Bellucci für das große Presseaufsehen für diesen Film sorgte. Eine ebenfalls langweilige Hommage an das Leben in der indochinesischen Kolonie im Jahr 1931 lieferte der kambodschanisch-französisch-belgische Film „Un Barrage contre le Pacifique“ von Rithy Pahn.

Im Fokus drehte sich alles um das Motto „Be Brazialian“. Gezeigt wurden 17 verschiedene Filme, die sich mit dem Leben, der Kultur und der Politik Brasiliens zum Teil kritisch auseinandersetzten, diese dokumentarisch aufarbeiteten oder schauspielerisch in Szene setzten. So geht es beispielsweise in dem Film „Coisa mais linda: Histórias e casos da Bossa Nova“ von Paulo Thiago um die Geschichte des Bossa Nova in Brasilien, während in „Meu nome não é Johnny“ („Mein Name ist nicht Johnny“) von dem Regisseur Mauro Lima die wahre Lebensgeschichte eines brasilianischen Drogendealers erzählt wird, der in Rio de Janeiro schließlich im Gefängnis landet. In der Dokumentation „Coração Vagabundo“ („wanderndes Herz“) von Fernando Grostein Andrade wird Caetano Veloso, einer der erfolgreichsten brasilianischen Sänger und Komponisten, porträtiert. Zu Wort in der Dokumentation kommen unter anderem auch bekannte Freunde von Veloso wie Pedro Almodóvar, Michelangelo Antonioni und David Byrne. Zur Präsentation des Filmes wurde Caetano Veloso sogar höchstpersönlich nach Rom eingeflogen und gab ein entzückendes Livekonzert. Auch die Premiere des Films „Cidade dos Homens“ („Stadt der Menschen“) von dem brasilianischen Filmemacher Paulo Morelli wurde, von einer musikalischen Liveperformance mit Fiorella Mannoia und den Kindern des brasilianischen Projekts Projeto Axé begleitet, im Auditorium Conciliazione aufgeführt.

Außerhalb des Festivalgeländes, nämlich auf der Piazza Navona, in der schönen Altstadt Roms, sorgte ein kostenloses Konzert unter dem schon etwas kühlen, aber freien Himmel, für gute Stimmung. Hier ließ sich die italienische Menge mit heißen Samba-Rhythmen von etwa 40 Künstlern aufheizen und, von vielen Luftballons und noch mehr buntem Tüll in romantischem Ambiente, verzaubern.

In der Kategorie Extra wurden insgesamt 27 Filme gezeigt. Zwar dominierten italienische Filme, jedoch konnte auch mit Stars wie Olivier Assayas und David Cronenberg aufgewartet werden. Olivier Assayas präsentierte seine Filme „L’Heure d’été“ („Sommerstunden“) und „Eldorado Choréographie“ und stellte sich danach Publikum und Presse während sich der sympathische David Cronenberg auf der Eröffnung seiner Vernissage „Chromosomes“ zeigte. Eine Weltpremiere für die Fotoausstellung, die Bilder aus seinen Filmen zeigt und kommentiert. Ganz anders und etwas weniger bekannt war da die tschechische Regisseurin Jana Sevcikova, die ihren Film „Gyumri“ vorstellte. Ein Science Fiction in der Vergangenheit, in dem es um das Schicksal der armenischen Stadt Gyumri und ihrer Bewohner im Jahr 1988 geht. Sehenswert, aber dennoch kritisch zu betrachten, ist der Film „Where in the World Is Osama Bin Laden?“ von Morgan Spurlock, dem US-amerikanischen Regisseur, der mit „Super Size Me“ bekannt wurde und sich nach Art von Michael Moore auf die Suche nach Osama Bin Laden macht. Das Porträt eines Seiltänzers, der 1974 zwischen den Twin Towers des World Trade Center in schwindelnden Höhen umhertanzt, zeichnet der britische Filmemacher James Marsch in seiner Dokumentation „Man on Wire“ nach. Während in der sehr zu empfehlenden dänischen Komödie „En mand kommer hjem“ („Ein Mann kommt nach Hause“) von Thomas Vinterberg der sympathische Sebastian endlich auf seine große Liebe und seinen berühmten Vater, verkörpert von dem bekannten dänischen Schauspieler Thomas Bo Larsen, trifft.

Besondere Aufführungen bei denen nicht nur der Regisseur, sondern auch fast sämtliche Schauspieler anwesend waren, liefen in der Kategorie Spezial. Hier wurden unter 8 Filmen das Geschichtsepos „Il sangue dei vinti“ von Michele Soavi gezeigt. Besonders interessant für die italienischen Zuschauer, weil es sich mit der faschistischen Geschichte Italiens in Form eines Familiendramas auseinandersetzt. Im Unterschied dazu der Film „The Garden by Eden“, in dem es um eine erotisch aufgeladene Dreiecksbeziehung zwischen einem Ehepaar und einer zweiten Frau an der wunderschönen französischen Küste geht.

Vom 23. Bis 27. Oktober wurde in der Casa del Cinema, dem schönen Kino in der Villa Borghese, eine besondere Filmreihe gezeigt, die Fabbrica dei progetti (Neues Kino Netzwerk). Eingeladen waren 26 Filmemacher aus der ganzen Welt, denen die Möglichkeit geboten wurde, ihren Debut-Film dem Publikum und einer speziell dafür ausgewählten Jury zu zeigen. Hauptgewinn war in diesem Fall kein Award, sondern die Möglichkeit, den Gewinnerfilm durch die entsprechende Finanzierung international auf die Großleinwände der Kinos zu bringen. Was will man also mehr? Insgesamt wurden 14 kreative und fantasievolle Filme gezeigt, darunter auch ein deutscher Film namens „Sieben Tage Sonntag“ von dem Regisseur Niels Laupert, in dem zwei desillusionierte Jugendliche, Adam und Tommek, losziehen, um den ersten Menschen zu töten, der ihnen über den Weg läuft.

Verdient gewonnen hat übrigens der wundersame, mit beeindruckenden Bildern gespickte Film „The Bird can´t fly“. Eine irisch-niederländisch-südafrikanische Koproduktion der Regisseurin Threes Anna. In dem Familiendrama kehrt Melody (Barbara Hershey), für die Beerdigung ihrer Tochter an den Ort ihrer Vergangenheit zurück. Dort trifft sie auf ihren störrischen Schwiegersohn Scoop und ihren rebellischen Neffen River. Schon kurz nach ihrer Ankunft bringt sie das Leben der Dorfbewohner durcheinander und entschließt, River aus diesem Trostlosen Ort der Verdammnis zu befreien. Ob sie das schafft, hängt dabei auch von den Vögeln, die nicht fliegen können, ab. Meiner Meinung nach ein sehr empfehlenswerter Film. Eine skurrile Augenweide, bei der am Ende, trotz Tragik, ein warmes Gefühl und Lust am Fantasieren bleibt.

Weitere Filme, die außerhalb der Konkurrenz liefen waren beispielsweise der RAF-Streifen „Der Baader Meinhof Komplex“ von Uli Edel sowie der Film „8“, ein Filmprojekt, das in 8 Kurzfilmen auf die im Jahr 2000 von der UN festgelegten 8 Milleniums-Entwicklungsziele in der Dritten Welt Bezug nehmen und aufmerksam machen soll. Die Regisseure sind Jane Campion, Gabriel García Bernal, Jan Kounen, Mira Nair, Gaspar Noé, Abderrahmane Sissako, Gus Van Sant und Wim Wenders. Außerdem eine nette französische Komödie „Parlez-moi de la pluie“ von Agnès Jaoui und der Hollywoodstreifen „The Duchess“ von Saul Dibb mit Keira Knightley in der Hauptrolle.

Ebenfalls außerhalb des Wettbewerbs wurden einige Auszeichnungen an verschiedene italienische „Stars und Sternchen“ vergeben. So erhielten die Schauspieler Alida Valli und Nino Manfredi sowie der Regisseur Dino Risi jeweils den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk.

Zwar gab es einige gute Filme zu sehen, insgesamt wurde jedoch ein bisschen zu viel Wert auf die Anwesenheit „großer“ Filmstars und Regisseure gelegt. Dies wirkte sich nicht nur auf die Anzahl kreischender Fans vor dem roten Teppich, sondern leider auch etwas auf die Auswahl der Filme aus. Anstatt das Publikum durch ein weniger oberflächliches und breiter gefächertes Filmangebot anzuziehen, entschloss sich der neue Organisator des Filmfestivals Gian Luigi Rondi dazu, mehr italienische und internationale Filme à la Hollywood zu zeigen. Dass nicht nur ich, sondern vielleicht auch das Publikum sich weniger Hollywood, dafür aber mehr Tiefgang bei der Auswahl der Filme gewünscht hätte, zeigt sich unter anderem an der Vergabe der Filmpreise. Beide goldenen Awards wurden nämlich an politisch-orientierte Filme vergeben. Den auf 75 000 Euro dotierten, wertvollen Marc Aurel-Publikumspreis hat der Film „Resolution 819“ von dem Regisseur Giacomo Battiato gewonnen, in dem es um die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen geht, die die Truppen von Karadzic und Mladic während des Krieges in Bosnien verbrochen haben.

Den goldenen Jurypreis erhielt der afghanische Filmemacher Siddiq Barmak (schon bekannt für seinen Film „Osama“) für sein neues Werk „Opium War“, der die Geschichte zweier Soldaten erzählt, die in Afghanistan in einem Mohnfeld auf afghanische Zivilisten stoßen.

Als beste Schauspielerin wählte das Publikum die glückliche Italienerin Gina Lollobrigida.

Auch ein silberner Marc Aurel-Preis für die beste Schauspielerin wurde von der kritischen Jury vergeben. Glückliche Gewinnerin war Donatella Finocchiaro, die in dem Film „Galantuomini“ von Edoardo Winspeare die Hauptrolle spielt. Als bester Schauspieler wurde Bohdan Stupka für seine Rolle in der Verfilmung „Serce na dloni“ („With a warm Heart“) von dem Regisseur Krzysztof Zanussi gekürt.

Text: Kristina Schmidt, 19.11.2008

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