2016 – Oberhausen

Oberhausener Manifestationen

 

Seit gestern bin ich zu Besuch bei den Kurzfilmtagen Oberhausen, heute war der erste ganze Festivaltag. Es folgen einige Gedanken zu zwei Filmen aus dem Internationalen Wettbewerb.

Vor den Filmen werden die Regisseurinnen oder Regisseure immer kurz auf die Bühne gerufen, sofern sie da sind, und sagen ein paar Worte. Nina Yuen kündigt an, dass sie zu ihrem Beitrag „Narcissus“ von http://marinaabramovicmademecry.tumblr.com/ inspiriert wurde. Aus dem Film bleibt mir am meisten ein Monolog in Erinnerung, den Yuen direkt in die Kamera spricht. Meine Sitznachbarin fragt mich gleich nach dem Film, ob mir der Text nicht bekannt vorgekommen wäre, sie sei sich sicher, ihn schon mal gehört zu haben. Ich sage: wörtlich eher nicht, aber so ähnlich schon tausend Mal. Später, auf der stets auf die Screenings (immer so 5 bis 7 Filme) folgenden Podiumsdiskussion heißt es, dass alle Texte im Film anderen Werken entnommen sind. Jetzt habe ich ergoogelt, dass es sich um ein Zitat aus „Adaptation“ handelt: http://www.goodreads.com/quotes/54120-do-i-have-an-original-thought-in-my-head-my. Schon ein Weilchen her, dass ich den gesehen hatte, und seitdem eben tausend andere solche Wehklagen in reality and fiction. Das Gemeinsame: Die ganz eigenen paar Problems lassen sich kaum noch von den möglichen Lösungen unterscheiden. Beides erstarrt in totaler Privatheit. Dabei haben ja viele die gleichen Probleme und doch weint jede(r) für sich allein – aber das häufig eben vor allen anderen. Wie am Tisch gegenüber von Marina Abramovic. Das Private wird öffentlich und bleibt doch ganz privat.

In „She / Her“ von Sonja Wyss treffen sich Mutter und Tochter im feinen Restaurant. Die Tochter (hübsch, Mitte Ende Zwanzig) bekommt ein Buch geschenkt: „S.O.S. – sexy, outgoing, succesful“. Reaktion: Irritiertes, angewidertes „Really?“. Mutter stammelt kurz: „Nowadays men are taking the visuals more and more serious… … You don’t understand me anyway…“ So weit, so ekelhaft. Es folgt Sprachlosigkeit. Die Tochter beginnt zu zucken, geht auf die Toilette. Die Mutter klopft mit dem Löffel an die Kaffeetasse, es entsteht ein Beat. Das Zucken der Tochter wird rhythmischer und geht in einen Tanz über, in den schließlich auch die Mutter und die anderen Restaurantbesucher einbezogen werden. Der Film endet mit einer Umarmung von Mutter und Tochter. Sie haben im Tanz wieder zueinander gefunden, mit Hilfe einer anderen Sprache als der gesprochenen. Die Sprachlosigkeit ist überwunden. So weit, so rosig. Bei der Podiumsdiskussion sehen das scheinbar alle einschließlich der Filmemacherin als Happy End. Mein Unwohlsein bleibt bestehen. Sonja Wyss führt unter anderem aus, wie die zunächst introvertierte Tochter im Tanz zu Expressivität gefunden habe. Ich frage, ob ihr denn aufgefallen sei, dass auch die Deutung möglich ist, dass die Tochter somit im Tanz das geforderte S.O.S. erfüllt, und dass das doch sehr traurig sei. Kopfschütteln auf dem Podium. Sonja Wyss ist irritiert und meint: ja vielleicht tragisch. Bin mir unsicher, welches Wort besser passt, um den Umstand zu beschreiben, dass das zerstörende und das reparierende Element hier zusammenfallen. Es fehlt eine Veränderung der Basis, auf der sich wieder angenähert wird. Das grundsätzliche Problem bleibt bestehen. Da hilft auch kein Wechsel der Kommunikationsform. Es bleibt alles beim Alten (die Alte hat gesiegt).

Wieder sind Problem und Lösung, Krankheit und Heilung kaum mehr zu unterscheiden. Jetzt kommt mir gerade der Gedanke aus der Homöopathie: similia similibus curentur. Dem steh ich ja eigentlich gar nicht so feindlich gegenüber, aber hier scheint mir die Sache doch anders zu liegen. Vielleicht geht es darum, wo die Grenzen des Organismus liegen. Nochmal drüber nachdenken… Es fehlen da auf jeden Fall einige relevante Dimensionen. Wie die von Privatheit und Öffentlichkeit. Es geht ja gerade um eine Kritik der Vorstellung, dass all diese privat scheinenden First World Problems wie eine Krankheit privat und persönlich geheilt werden könnten. (Und im Endeffekt auch um eine Kritik der Vorstellung, dass die First World Problems unabhängig von den Third World Problems gelöst werden könnten.)

Jetzt kleiner Gedankensprung: Auf Techno-Parties gibt es ja auch diese Ambivalenz: Jede(r) (vorwiegend sicher Leute, denen First World Problems à la Charlie Kaufmann bestens bekannt sind) tanzt für sich alleine und doch schwebt das Versprechen der Heilung für alle mit im Raum. Das ist jetzt sicher etwas platt und ich zu müde, um zu überlegen, wie gut das eigentlich zum vorher Gesagten passt, aber es muss noch eine Überleitung her: Vielleicht ist das ja der Grund, warum Steve Albini Techno-Parties hasst: http://pitchfork.com/news/61448-powell-turns-steve-albinis-anti-dance-music-email-into-video-for-albini-sampling-insomniac/. So richtig begründet er es ja nicht. Aber allemal ein sehenswerter Rant unten im Video. Das kam heute in der MuVi International-Sektion und ist ansonsten in Dland leider gesperrt. Alle, die nicht https://hola.org/ oder Ähnliches installiert haben, können sich auch das Plakat durchlesen. Don’t care. Enjoying sleep now.

Maybe to be continued.

 

Text: Max Becker (07.05.2016)