2002 – IFFMH

51. INTERNATIONALEN FILMFESTIVAL MANNHEIM-HEIDELBERG

7. bis 16. November 2002

 

GESPRÄCH MIT ZHANG YIMOU IM RAHMEN SEINER EHRUNG ZUM „MASTER OF CINEMA“

Über Zhang Yimou

Geboren wurde Zhang Yimou am 14.3.1950 in Xi’an. Der Sohn eines ehemaligen Offiziers wird 1966 während der Kulturrevolution aufs Land geschickt. Bis 1976 arbeitet er in einer Textilfabrik, um seine Geschwister zu ernähren, da die Eltern inhaftiert sind. 76/77 bringt er sich das Fotografieren selbst bei. Seine Fotos werden in der Zeitung veröffentlicht.

Dadurch ermutigt besucht Yimou als einer der ersten Studenten des Faches Kamera die Filmhochschule in Peking, wo er als Kameramann und sogar Schauspieler arbeitet. Mit seiner Hauptrolle im Film „Laojing“ wurde er auf dem Filmfestival in Tokio ausgezeichnet. Letztendlich war Yimou von der Regiearbeit doch am meisten fasziniert und blieb dabei.

Seine Abschlussklasse wurde mit ihm, Chen Kaige und anderen zur Legende der chinesischen Filmgeschichte: Die so genannte „Fünfte Generation“ waren die großen Erneuerer der Kinematografie Chinas, und ihre Filme eroberten die internationalen Festivals im Sturm.

1988 gewinnt Zhang Yimou mit seinem Regie-Debüt, der bildgewaltigen Geschichte „Hong Gaoliang“ („das Rote Kornfeld“) auf der Berlinale den Goldenen Bären und erlangt gemeinsam mit seiner Hauptdarstellerin Gong Li Weltruhm. Der Film behandelt die japanische Besetzung Chinas und ist zugleich eine heimliche Anspielung auf die damals aktuelle Lage des Landes.

 

Filmographie

1984: Yige he bage [Kamera,Regie]; Huang Tudi (Gelbes Land) [K] 1985-87: Dayuebing (Die große Militärparade) [K] 1987: Laojing (Der alte Brunnen) [K, Darsteller]; Hong Gaoliang (Rotes Kornfeld) [Regie] GOLDENER BÄR, Berlin 1988:Daihao Meizhoubao (Deckname Puma) [R] 1989: Qin Yong [D] 1990: Ju Dou (Judou) [R]-Japan/China 1991: Dahong Denglong Gaogao Gua (Rote Laterne) [R]-HongKong/China SILBERNER LÖWE, Venedig 1992: Qiju Da Guansi (Die Geschichte der Qiuju) [R]-HongKong/China GOLDENER LÖWE, V. 1994: Huozhe (Leben!) [R]-China/HongKong 1995: Yao A Yao Dao Waipo Qiao (Shanghai Serenade) [R]-China/Frankreich 1997: Lung song jing yuet (Dragon Town Story) [Produktion]; You hua hao hao shuo (Keep Cool) [R, D] 2000: Der Weg nach Hause 2001: Happy Times 2002: Hero

 

Moderiertes Gespräch mit Zhang Yimou

Ist Ihr Film „Happy Times“ ein Film über das Kino, sprich, über Lügen und Illusionen?

Y: Als erstes handelt es sich in dieser Komödie offensichtlich um Betrug, aber wichtiger ist mir, zu zeigen, wie die Menschen leben, die kein Geld haben.

Welche Bedeutung hat die Farbe Rot für Sie / das chinesische Kino?

Y: Häufig steht das Rot für die Frauenfiguren. Im Gegensatz zu „Hero“, meinem neusten Film, in dem eine eigene story ganz in Rot ausgestattet wurde, hat „Happy Times“ keine Farbsymbolik. Rot ist die Heimat für freudige und weniger freudige Anlässe, wie der Liebe oder der Revolution in China, die durch die Farbe Rot symbolisiert wird.

Wie bestimmt die Kulturrevolution Ihre Filme? Ihre Familie wurde ja teils verfolgt:

Y: Zur Zeit der Kulturrevolution war ich sechzehn, es war eine Tragödie. Mein Vater war der General der nichtkommunistischen Truppen, das Musterbeispiel für einen Konterrevolutionär. Dieser „schlechte“ familiäre Hintergrund zeigt heute noch seine Folgen.

In Ihrem Werk fand eine große Veränderung statt. Die ersten Filme wie „Rotes Kornfeld“, „Rote Laterne“ und „You Dou“ waren von starker Epik, dann drehten Sie kleine Geschichten, Dorfgeschichten. Normalerweise findet diese Bewegung bei Filmemachern eher andersherum statt.

Y: Filme haben immer mit Zeit zu tun. In den Achtzigern wollte man sich in die Erfahrung der Geschichte hineinbegeben; hierfür haben sich alle interessiert und auch kritische Formen gefunden. Die fünfte Generation hat zu Anfang immer große Themen gesucht und die kleinen Figuren vernachlässigt. Dies hat sich nun verändert, auch bei anderen aus der Fünften Generation. Durch die Konsumgesellschaft hat sich die Suche nach historischen Wurzeln die letzten Jahre verwässert, was auch die Arbeit der Regisseure beeinflusst.

Was ist so interessant an der weiblichen Hauptfigur? Alle Hauptfiguren sind bei Ihnen ja weiblich, und Gong Li war Ihre Lieblingsdarstellerin. Die ausländischen Filmemacher stecken Sie in die Schublade eines Frauenregisseurs.

Y: In China ist dies wohl noch keinem aufgefallen (lacht). Vielleicht ist der wichtigste Grund dafür, dass ich Frauen darstelle der, dass ich ein Mann bin? Das Interessante bei den Geschichten ist, eine Darstellung vom Kampf, vom Gegensatz zu zeigen. Frauen sind hierfür besser geeignet, da sie einen größeren Widerstand zeigen müssen. Mit Gong Li habe ich acht Filme gedreht, Das Ergebnis kennen Sie ja – sie ist ein Star.

Erleichtern literarische Vorlagen – die Sie ja immer benutzen – das Filmedrehen, oder erschweren sie es?

Y: Als ich mit dem Filmedrehen begann, hatten wir einen Literaturfrühling in China. Heute ist es schwieriger, der literarische Resonanzboden fehlt, heißt, es ist schwieriger, gute Vorlagen zu finden. Früher war eine Eins zu Eins Übertragung der guten Geschichten beinahe selbstverständlich, was heute viel mehr Arbeit macht. Der Film „Hero“, der aus dem Bereich des Kampfkunstfilms hervorging, ist der Erste, bei dem ich gezwungen war, das Drehbuch selbst zu schreiben und umzusetzen, da die vielfache Literatur, die es zu dieser Thematik zwar gibt, alle schon verfilmt worden ist. Dies war auch mein erstes Drehbuch, das ich bisher schrieb.

Was ist dies für ein Stoff in „Hero“? Ist es ein Kung-Fu-Film? Für Europa ist dies ungewöhnlich mit den Martial Arts, und dass auch Frauen kämpfen. Erzählen Sie vielleicht davon?

Y: An dem Drehbuch habe ich vier bis fünf Jahre gearbeitet. „Tiger und Dragon“ kam mir zuvor. Ich möchte nicht, dass es so wirkt als mache ich es nach. Ich bin ein großer Fan von Martial Art, auch in der Literatur; zu Anfang waren wir so auf die Literatur konzentriert, dass wir gar nicht auf die Idee kamen zu filmen.

Für „Hero“ haben ja nur Topleute mitgearbeitet, auch hinter der Bühne…

Y: Für „Hero“ mache ich Werbung, den kann ich nur empfehlen. Diese Filme regen die Fantasie an, ich glaube, ich habe es in schönen Bildern umgesetzt. Habe Kampfspezialisten aus der Hong-Konger Filmszene kommen lassen. Die Drehzeit betrug fünf Monate, das war die längste Drehzeit für mich überhaupt – ein guter Effekt nimmt seine Zeit in Anspruch.

All Ihre Filme sind Klassiker. Was tun Sie, um als Regisseur „frisch“ zu bleiben?

Y: Natürlich ist jeder Regisseur einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt. Das Wichtigste ist, sich selbst treu zu bleiben. Wenn man verschiedene Formen ausprobiert wie zum Beispiel auch mal eine Oper oder Ballett, erhält man sich die Qualität, bleibt „frisch“. Ich selbst habe keine Zeit für die Theorie, ein Studium. Meine Art zu lernen ist das Filmegucken, aus unterschiedlichen Ländern, etc.

Was man über Ihre Filme liest, steckt viel politischer Subtext dahinter. Sind Sie ein politischer Filmemacher?

Y: Klar, China ist eine politisierte Gesellschaft, vielleicht mehr als in anderen Ländern. Meine Haltung zur Politik: Eine gefährliche Sache. Bin dazu geneigt, mich eher als Künstler zu sehen. Ich möchte gerne Abstand zur Politik wahren.

Heute hat man in China die Siebte, achte Generation an Filmemachern. Die fünfte wurde als Nouvelle Vague verstanden, nach dem französischen Vorbild. Nach dem dortigen neu aufgekommenen Autorenkino der Sechziger. Ist dies richtig? Gab es Einflüsse, Kontakte?

Y: Die Nouvelle Vague habe ich wahrgenommen, jedoch nur über Lektüre. Eigentlich ist die fünfte Generation inzwischen auch alt. Wir waren alle jung damals, und vertraten neue Ansichten. Aber jeder Einzelne der fünften Generation hat seinen eigenen Stil. Leute der sechsten Generation wollen sich als Künstler verstehen und nicht von den Medien unter einen Hut gesteckt werden. Es ist alles individueller als es gesehen wird.

 

Fragen des Publikums

Welchen Film würden Sie gerne drehen? Welchen nicht mehr?

Y: „Deckname Jaguar“ aus dem Genre Gangsterfilm. Mehr will ich nicht darüber sagen. Ich rede jetzt nicht darüber und Sie auch nicht.

Welcher Film erfüllt Sie mit Wehmut, so dass Sie ihn sofort noch mal drehen würden?

Y: Ich habe nie daran gedacht, einen Film wiederzudrehen. Ein Remake wird doch gemacht, wenn man schon tot ist. (Lachen im Publikum) Ein Remake verliert immer.

Möchten Sie noch mal jung sein, noch mal einen ersten Film drehen?

Y: Abstrakte Frage. Natürlich wäre ich gerne wieder jung. Mein Erstlingswerk hat schon eine besondere Kraft und Ursprünglichkeit, dies geht wahrscheinlich jedem Regisseur so. Bei „Hero“ hatte ich im Kopf, so starke Charaktere zu schaffen wie bei meinem ersten Film was aber schwer ist.

Inwiefern versucht die kommunistische Partei in China Einfluss auf die Filme zu nehmen? Und auf welche Art und Weise?

Y: Der Vorgedanke zu jedem Film ist tatsächlich, ob das Drehbuch durch die Zensur geht. Meine Hoffnung ist, dass es immer offener und freier wird.

In „Hero“ spielen Meggi Chung und Toni Leung mit. Warum haben Sie diese Stars verwendet?

Y: Ich entschied mich für Hongkong-Stars, da „Hero“ sich im klassischen Genre bewegt. Zudem baten mich die Stars, mit ihnen zu drehen, und jetzt hat es gepasst.

Sie betonen ab und zu, dass Sie Bauer sind. Dies ist ein treffender Ausdruck, Ihre Filme haben ja viel mit Ihren ländlichen Wurzeln zu tun.

Y: Dass es in China viele Bauern gibt, ist Realität. Als Filmemacher ist die Einfachheit auf dem Land wunderbar, um Filme zu drehen. Die Ursprünglichkeit dort zieht mich in ihren Bann.

Welche Haltung haben Sie zu Filmen die ein rückständiges China zeigen?

Y: Sie spielen auf „Beijing Bycicle“ an. Dieser Film läuft in China nicht, da er im Untergrund gedreht wurde. Möchte nichts dazu sagen. Diese Frage wurde schon viel diskutiert. Auch mir wurden Vorwürfe gemacht, dass ich das rückständige China „verraten“ habe. Was lächerlich ist, da man das Land erkennt, wenn man die Filme sieht. „Die Rote Laterne“ ist auch ein lächerliches Beispiel, da antiquiert. Man wird gedrängt, neuen Stoff zu behandeln. Es ist alles eine Frage der Definition. Das Neueste ist neu.

Wie wählen Sie das Drehbuch aus?

Y: Dies geschieht wie beispielsweise bei der „Rote(n) Laterne“ – jemand bietet ein Drehbuch an. Dies geschieht oft so. Bei „Leben“ habe ich von einem Projekt zum anderen gewechselt, ich wurde überredet. Der Prozess wird oft vom Zufall geleitet. Bei „Heimweg“ und „Keiner weniger“ habe ich das Drehbuch gelesen.

Wenn es eine wirklich gute Story gibt, wie kommt die zu Ihnen?

Y: Man schickt sie mir.

Dies ist Ihr erster Besuch in einer deutschen Stadt, die nicht Berlin heißt. Wie gefällt es Ihnen bei uns?

Y: Von dem Mannheimer Filmfestival hat man in China schon viel gehört. Im Flugzeug traf ich per Zufall einen alten Freund mit dem ich in der Pfalz viel Wein gekauft habe – auf dem Land ist es doch schön, ich sage es ja… (Gelächter im Publikum) Die andere, unschöne Seite hier ist die dominierende BASF. Es war schön für mich, mit Ihnen allen zu reden. Es ist berührend, wenn das deutsche Publikum meine Filme sieht. Dies war eine schöne Gelegenheit für eine solche Erfahrung.

 

Rita Hagenlocher, 05.12.2002

 

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