1999 – Lübeck

Nordische Filmtage Lübeck 1999

Lübeck, 04.11 – 07.11.1999

Mit Lübeck verbindet man im allgemeinen ja Marzipan und das schiefe, krumme Holstentor, das früher den 50 DM-Schein zierte. Außerdem hat von Lübeck aus die Diddlmaus die Herzen der Deutschen erobert (was Lübeck nicht zur Ehre gereicht). Einmal im Jahr wird Lübeck jedoch auch Treffpunkt all jener, die sich für den aktuellen skandinavischen Spiel- und Dokumentarfilm interessieren. Bereits zum 41. Mal fanden Anfang November die Nordischen Filmtage statt – damit dürfte es sich um eines der ältesten deutschen Filmfestivals handeln. Nachdem im letzten Jahr der 40jährige Geburtstag im Zentrum stand, sollten dieses Jahr die Filme die Stars sein – so die künstlerische Leiterin Andrea Kunsemüller. Nachdem der dänische Film im letzten Jahr durch die drei Dogma’95-Filme Das Fest, Idioten und Mifune für Furore sorgte und auf der Berlinale eine ganze Reihe skandinavischer Filme für Begeisterung sorgte, u.a. Fucking Amal, eine lesbische Pubertätsgeschichte aus der schweidischen Provinz, die mittlerweile als Raus aus Amal in den deutschen Kinos lief, durfte man durchaus gespannt auf das sein, was in Lübeck gezeigt wurde.

Das Programm war breit gefächert – das Spektrum reichte vom düsteren, durchgestylten Psychothriller (Lithium) über Komödien (Breaking Out) bis zu Beziehungsfilmen (Die Souffleuse). Ein gemeinsamer Nenner findet sich da nicht leicht. Zwei Trends sind aber auszumachen. Zum einen liefen eine ganze Reihe engagierter Filme, die sich mit Migranten-Subkulturen in großen Städten beschäftigten – meist mit der Lebenswelt jugendlichen Gangs. In Lübeck liefen hierzu ein dänischer Beitrag (Pizza King) und der schon auf der Berlinale gezeigte norwegische Film Schpaah. Dabei handelt es sich allerdings weniger um einen skandinavischen Trend als um einen gesamteuropäischen, auf der Berlinale liefen so z.B. Dealer (Deutschland) und Am Rande der Stadt (Griechenland). Gemeinsam ist den genannten Filmen nicht nur das Thema – jugendliche Migranten in Großstädten – sondern auch stilistisch lassen sich einige Gemeinsamkeiten ausmachen: meist steht eine Gang bzw. ein Freundeskreis im Zentrum, mit einer Hauptfigur, die eigentlich aus den kriminellen Machenschaften aussteigen will, aber durch starke persönliche Beziehungen daran gehindert wird. Die Kamera konzentriert sich auf diese Hauptfigur und folgt dieser dokumentarisch. Ein früher Vorläufer dieser Filme konnte man in Lübeck im Rahmen der Werkschau des norwegischen Regisseurs Arne Skouen sehen. Dessen 1949 gedrehter Film Strassenjungen handelt von einer Jugendbande, die aus der Arbeiterklasse kommt. Die Hauptfigur versucht zwar auszusteigen und eine Arbeit zu finden, ihr gelingt das aber nicht, so daß am Ende des Films wieder das Leben auf der Strasse steht.

Ein zweites Thema war in fast allen Filmen präsent: Die Brüchigkeit von Familie und Beziehungen – ein Thema, das im skandinavischen Film eine lange Tradition hat, denkt man beispielsweise an das Werk des wohl berühmtesten skandinavischen Regisseurs, Ingmar Bergman. Kaum ein Film, der in Lübeck lief, an dem sich die Hauptfiguren nicht in irgendeiner Form an ihrer Familie und/oder ihren Ex-lebenspartnern abarbeiteten und dies ein wichtiger Aspekt der Handlung war. Der Gewinner des Hauptpreises war dann konsequenterweise auch ein Film, der den langen Schatten der (Familien-)Vergangenheit in sein Zentrum rückte. Bye Bye Bluebird ist ein schrilles Roadmovie, das auf den Faroer-Inseln spielt. Zwei Freundinnen kommen nach einigen Jahren verrückten Lebens in Paris zurück auf die Faroer, um einige Familienangelegenheiten zu regeln. Die beiden sind mit ihren abgefahrenen Klamotten und gefärbten Haaren Fremdkörper in der einfachen ländlichen Gesellschaft auf den kargen Faröern. Dem Film gelingt es sowohl virtuos die Außenseiter-Problematik zu inszenieren als auch die innere Zerrissenheit der Protagonisten glaubhaft darzustellen. Ein bewegender Film mit wunderschönen Bildern. Dank des Hauptpreises wird er zumindest irgendwann einmal in Nord 3 ausgestrahlt werden. Eine lobende Erwähnung und zusätzlich der Krichliche Filmpreis ging an das finnische Außenseiterdrama Häjyt ? The tough Ones, welches die Geschichte dreier Jugendfreunde in der finnischen Provinz erzählt, von denen sich zwei als Kleinkriminelle und Schwarzbrenner durchschlagen, während der Dritte mittlerweile Polizist geworden ist.

Summa summarum: Ich habe einige hervorragende Filme gesehen, einige (z.B. Die Souffleuse) hätte ich mir sparen können. Kein Unterschied zu anderen Festivals also. Was mir aber wirklich gut gefallen hat, war die Athmosphäre: Ein schönes Kinocenter mit richtigem Foyer; ein großzügiger Zeitplan mit genügend Freizeit zwischen den Filmen; nahezu jeden Abend ein anderer Empfang, eine andere Fete, die den Besuch lohnte und insgesamt eine fast schon familiäre Athmosphäre. Schön auch, daß man sich Filme, die man aus Zeitgründen verpaßte oder einfach nochmal sehen wollte, in einem speziell hergerichteten Saal auf Video ansehen konnte. Bis im November, Lübeck, ich komme gerne wieder!

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Text: ts, 07.11.1999

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