2004 – Nippon Connection

Nippon Connection 2004 – Festivalrückblick

Frankfurt, 14.04 – 18.04.2004

Bereits zum vierten Mal fand nun das japanische Filmfestival Nippon Connection statt, das mit über 15.000 Zuschauern mittlerweile eine einzigartige Stellung in Europa einnimmt.

RETROSPEKTIVE

In der mit viel Mühe zusammengestellten Retrospektive, seit 2003 Bestandteil des Festivals, konnte man sich in 6 Kurzfilmprogrammen einen hervorragenden Überblick über die Geschichte des klassischen japanischen Anime-Films der Jahre 1924 – 1944 verschaffen. Bereits in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts (1917 kam der erste in Japan produzierte Animationsfilm in die Kinos, die ältesten erhaltenen Kopien stammen aus dem Jahr 1924) waren die Animes äußerst variationsreich. Sie basieren auf in Japan bekannten Fabeln und Stücken aus dem Kabuki-Theater oder haben Mangas als Vorlagen. Ende der 20er-Jahre erlebte der japanische Animationsfilm (auch kommerziell) seine erst große Blüte. Es gab erste Ton-Experimente und Yasuji Murata, der Meister des frühen Animationsfilms, betrat die (Film-)Bühne. Einer besonderen Beliebtheit erfreuten sich in dieser Zeit skurrile Abenteuergeschichten, bei denen Tiere im Mittelpunkt standen. [Anime Classics 1 & 2]

In den Programmen Anime Classics 3-5 konnte man parallel zur rasanten filmischen Entwicklung (in den 30er-Jahren schaffte der Tonfilm auch im japanischen Animationsfilm den Durchbruch) auch die zunehmende Militarisierung und den Missbrauch des Animationsfilms für Propaganda-Zwecke beobachten. [Anime Classics 3 & 4 & 5]

Im letzten Programm fand eine Gegenüberstellung von japanischen und amerikanischen Propagandafilmen der letzten Kriegsjahre statt. Interessant zu beobachten: Die US-amerikanischen Animationsfilme dieser Zeit waren ungleich rassistischere und bösartigere Propaganda-Cartoons als die japanischen Pendants. [Anime Classics 6]

NIPPON DIGITAL

Eine große Vielfalt an filmischen Stilen gab es in dieser Sektion zu sehen, die sich bis auf wenige Ausnahmen auf Video-Produktionen spezialisiert hat. Hier gab es einige interessante Kurzfilmprogramme zu bestaunen: U.a. die „Animation Soup“, gedreht von verschiedenen KünstlerInnen aus Osaka, die 2001 die gleichnamige Gruppe gründeten, um in Animationsfilmen ihre eigenen Interessen und Talente ausleben zu können. Herausgekommen ist eine äußerst gelungene Kurzfilmkompilation, die von der unbändigen Phantasie der FilmemacherInnen zeugt. In „Oh! Super Milk-Chan“ von Hideyuki Tanaka, Designer und Regisseur der gleichnamigen Serie, die seit 1998 die Herzen der japanischen Fernsehzuschauer erobert, tauchen wir in die surreale Welt des Mädchens Milk-Chan ein. Faszinierend ist hier vor allem der krasse Gegensatz zwischen den niedlichen Figuren und dem Sarkasmus der Filme.

Von den Langfilmen für mich der absolute Höhepunkt „While the right hand is sleeping“ (Nemuro migi te o) des Experimentalfilm-Regisseurs Koji Shirakawa. Der Film ist in 16 Kapitel eingeteilt, wobei jedes dieser Kapitel seinen eigenen (filmischen) Character hat. So sind die Kapitel 12, 13 und 16 rein in blauer Farbe gehalten; unterbrochen nur von den Farben rot (Kapitel 14 mit dem ‚Thema Beichte‘ – das Gesicht der Mutter in Doppelbelichtung blutrot auf fließendem Wasser …) und bunt (Kapitel 15 – Musik von Ligeti ‚untermalt‘ Farbkompositionen im Stil von Kubricks Odysee 2001). In diesem Film entfacht Shirakawa ein wahres experimentelles Feuerwerk: Über den Schnitt, Tempovariationen (z.B. Zeitlupe versus Zeitraffer), den gezielten Einsatz der Musik sowie ausgeprägte Farbkompositionen und Verfremdungseffekte bekommt dieser Film einen eindringlichen Rhythmus, der einem Erdbeben gleich den Boden unter den Füßen vibrieren lässt. Weiteres inszenatorisches ‚Highlight‘: Der mehrmals wiederkehrende Blick durch ein Guckloch zur Beschreibung innerer Seelenzustände.

Von den Wettbewerbsfilmen des PIA-Filmfestivals (s.u.) eher misslungen war der Film „My Girl“ der Regisseurin Haruki Takayanagi. Neben der schlechten Bild- und Tonqualität (besonders ärgerlich bei einem solch dialoglastigen Film) war die Geschichte auch eher dünn. Den Eindruck konnte dann auch das gelungene Ende nicht mehr korrigieren – zum Glück war bereits nach 29 Minuten Schluss. Ganz im Gegensatz dazu „Wonderland in the Negative“ von Daiki Ueda, der beim PIA Film Festival 2003 den Hauptpreis gewann. Im Mittelpunkt dieses rasant inszenierten Films steht Kiriko, die nach langer Zeit wieder aus dem Koma erwacht. Mit recht unterschiedlichen Stilelementen (Handkamera, Sequenz von Schrifttafeln, Überblendungen, Weichzeichner-Traumszene usw.) wird ihre Geschichte aus 3 verschiedenen Perspektiven erzählt. Die unterschiedlichen Stilmittel sind dabei nie Selbstzweck sondern werden gezielt im Kontext der Handlung (und der gerade vorherrschenden Perspektive) eingesetzt.

Außerdem waren in Nippon Digital zu sehen (Auswahl):

  • Eine Auswahl von Abschlussfilmen der ‚Film School of Tokyo‘, an der einige der bekanntesten japanischen Filmemacher lehren und die als Hochburg des Autorenfilms gilt.
  • Ein Programm von unabhängigen nichtkommerziellen Filmemachern, die ihre Filme komplett aus eigener Kraft finanzieren.
  • Ausgewählte Filme des YIDFF (Yamagata International Documentary Film Festival) 2003.
  • Ausgewählte Wettbewerbsfilme des PIA-Filmfestival 2003 (u.a. „My Girl“ und „Wonderland in the Negative“). Dieses Festival für junge Nachwuchsregisseure wird von PIA, einem der bekanntesten japanischen Unterhaltungsmagazine, seit 1977 veranstaltet. Der Gewinner erhält ein Stipendium für einen Spielfilm. „Yoshino’s Barber Shop“, der äußerst erfolgreich im Kinderfilmfest der Berlinale 2004 sowie im Hauptprogramm von Nippon Connection lief, ist bereits der 13. Film, der mit diesem Stipendium entstanden ist.

NIPPON CINEMA

Die Hauptsektion des Festivals steht ganz im Zeichen aktueller japanischer Spielfilme (diesjährige Ausnahme: Jam Films I & II – mehr dazu weiter unten). Ganz besonders gefreut haben dürften sich die Festivalmacher, dass sie Takeshi Kitanos „Zatoichi“, den neuesten Film des im Ausland momentan wohl bekanntesten japanischen Regisseurs, als Deutschlandpremiere nach Frankfurt holen konnten. Und der Film enttäuscht die Erwartungen nicht eine Sekunde. Wohl etwas übertrieben als ‚neuester Geniestreich‘ im Programmheft angekündigt, zieht Kitano mit seinen rhythmisch durchkomponierten Bildern und außergewöhnlich choreographierten Kampfszenen den Zuschauer bis zum großen Finale in seinen Bann. Auch wenn Kitano etwas in der Filmgeschichte wildert (eine der ersten Szenen erinnert verdächtig an Kurosawas „7 Samurai“, die Dorfkneipe könnte aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ stammen usw.) ist ihm ein spannender Film gelungen, der zudem durch die hohe Qualität der darstellerischen Leistung besticht (klasse: Kitano daselbst als vermeintlich blinder Samurai). Ein weiterer Höhepunkt war das ‚Duel Project‘ („Aragami“ & „2LDK“) der Regisseure Yukihiko Tsutsumi und Ryuhei Kitamura. Duell ist hier im doppelten Sinne zu verstehen: Die Idee zu diesem filmischen Duell, in dem jeder der beiden Regisseure ein Duell in einem abgegrenzten Raum inszenieren sollte, entstand als sich die Beiden auf einem großen europäischen Filmfestival in einer Hotelbar trafen. Jeder konnte sein Thema frei wählen. Kitamura entschied sich mit „Aragami“ für eine ‚klassische‘ Samurai-Geschichte, in der ein schwer verwundeter Samurai vom Kriegsgott Aragami zuerst geheilt und danach zum Duell auf Leben und Tod herausgefordert wird. Der Film begeistert besonders durch die außergewöhnliche visuelle Kraft seiner Bilder und die spannungsgeladenen Dialoge. Tsutsumi hingegen verlegte sein Duell in die Gegenwart. In „2LDK“ sind es zwei junge Schauspielerinnen, die gemeinsam ein Tokyoter Appartement bewohnen und sich beide für die gleiche Rolle beworben haben. Nach anfänglichen Sticheleien kommen die Feindseligkeiten immer offener zum Vorschein. Das ganze gipfelt schließlich in einem Duell auf Leben und Tod mit einer überraschenden Schlusspointe. Hier ist es vor allem die kontinuierliche Steigerung der Bosheiten und Gemeinheiten der beiden Darstellerinnen, die Tsutsumi unnachahmlich auf die Leinwand bringt. Beide Regisseure waren noch mit weiteren Werken auf dem diesjährigen Festival vertreten. Von Kitamura war das rasante ‚Science-Fiction-Action-Spektakel‘ „Azumi“ zu sehen, für das der Regisseur das erste Mal ein großes Budget zur Verfügung hatte, welches er gleich bis zum Äußersten ausreizte! „Love Collage“ (Renai shashin), der zweite Festivalfilm Tsutsumis, ist stellenweise in experimentellem Stil gedreht. Teilweise mit Standbildserien und vereinzelten Bildercollagen wird die mehrere Jahre zurückliegende Liebesbeziehung des Fotografen Makoto (Superstar Ryuhei Matsuda) mit der angehenden und nach ihrer Trennung in New York sehr erfolgreichen Fotografin Shizuru (Ryoko Hirosue) gezeigt. Als er von der -angeblich Toten- einen Brief bekommt reist er nach New York, um nach ihr zu suchen… Mit einem absurden Unterton gedreht, bekommt die Suche nach seiner Exfreundin fast surreale Züge. Beide lieferten darüberhinaus je einen Beitrag zu der äußerst gelungen Kurzfilmkompilation „Jam Films“, ein Projekt zu dem sich im Mai 2002 sieben der bekanntesten japanischen Regisseure zusammenschlossen, um Kurzfilme zu drehen. Kitamura steuerte hierzu die Episode „The Messenger“ bei, Tsutsumi das Entführerdrama „Hijiki“. Durch ausgefeilte Digitaltechnik und graphische Gestaltung überzeugt die ebenfalls im diesjährigen Programm gezeigte Kurzfilmkompilation „Jam Films 2“, zu der sich vier der populärsten Regisseure der japanischen Musikszene zusammengeschlossen haben. Durchaus gelungen -wenngleich die Handkamera bisweilen doch etwas nervte- „Shara“ (Shara soju) von Naomi Kawase, der 2003 auch auf dem Festival in Cannes zu sehen war. Durch ihre Schnitttechnik schafft es Kawase, das Tempo immer an den richtigen Stellen zu variieren und damit eine eindringliche Atmosphäre zu schaffen. Nur bedingt gelungen war hingegen „Bokunchi – My House“ von Junji Sakamoto (vgl. hierzu auch die Einzelkritik).

 

Weitere interessante/sehenswerte Filme in Nippon Cinema (Auswahl):

  • A Laughing Frog (Warau kaeru) von Hideyuki Hirayama
  • Josee, The Tiger And The Fish (Josee to tora to sakanatachi) von Isshin Inudo
  • The 13 Steps (13 Kaidan) von Masahiko Nagasawa

 

Text: Robert Meßner, 03.04.2005

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