2014 – Berlinale

Berlinale 2014 (03.02.2014)

Ab Donnerstag ist es wieder so weit: Die 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 6. bis 16. Februar in Berlin statt.

Plakat Berlinale 2014 © Berlinale
Plakat Berlinale 2014 © Berlinale

Katharina und Jennifer werden für euch täglich sehen, hören, diskutieren und berichten.

Hier könnt ihr schonmal einen Blick in das Programm der einzelnen Hauptsektionen werfen:

Wettbewerb

Berlinale Shorts

Panorama

Forum 

Generation

Perspektive Deutsches Kino

Berlinale Special

Retrospektive: „Aesthetics of Shadow. Lighting Styles 1915-1950“

Hommage an Ken Loach

Kulinarisches Kino

Berlinale Goes Kiez

NATIVe – Indigenous Cinema

 

Und als feines expressionistisches Großereignis wird Robert Wienes frisch restauriertes „Cabinet des Dr. Caligari“ neu aufgeführt:

Am Sonntag, 09. Februar um 12 Uhr, Philharmonie.

 

Retrospektive 2014 DEU 1920 REGIE: Robert Wiene Werner Krauss Digitale Bildrestaurierung: L’Immagine Ritrovata – Film Conservation & Restoration, Bologna, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden
Retrospektive 2014
DEU 1920
REGIE: Robert Wiene
Werner Krauss
Digitale Bildrestaurierung: L’Immagine Ritrovata – Film Conservation & Restoration, Bologna, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

 

Nur, wer diese Aufführung verpasst, kann sich die unrestaurierte Version auf archive.org anschauen.

Jennifer Borrmann

 

 

#1 Berlinale 2014: Save the Date – Caligari-Preisverleihung (07.02.2014)

„Du musst Caligari werden“ – Die Propagandakampagne zum Film, die 1920 an Litfasssäulen und in Zeitungen Passanten und Leser persönlich ansprechen sollte, erfasst in diesem Jahr auch die Berlinale-Besucher. Robert Wienes expressionistisches Filmkunstwerk „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) wurde für die Wiederaufführung im Rahmen der 64. Berlinale aufwendig restauriert und kommt am Sonntag zur aufwendigen Wiederaufführung in der Philharmonie.

Das Cabinet des Dr. Caligari | The Cabinet of Dr. Caligari Retrospektive 2014 DEU 1920 REGIE: Robert Wiene Conrad Veidt Digitale Bildrestaurierung: L’Immagine Ritrovata – Film Conservation & Restoration, Bologna, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden
Das Cabinet des Dr. Caligari | The Cabinet of Dr. Caligari
Retrospektive 2014
DEU 1920
REGIE: Robert Wiene
Conrad Veidt
Digitale Bildrestaurierung: L’Immagine Ritrovata – Film Conservation & Restoration, Bologna, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

 

Am nächsten Freitag, 14. Februar 2014,  wird der gleichnamige Preis zum 29. Mal vom Bundesverband Kommunale Filmarbeit gemeinsam mit dem Kinomagazin FILMDIENST an den filmkünstlerisch – inhaltlich wie stilistisch – außergewöhnlichsten Film der Sektion Forum vergeben. In der diesjährigen Jury sitzen Rolf Rüdiger Hamacher (FILMDIENST), Claudia Cornelius (PR und Kuratierung, Cinémathèque Leipzig) und Marit Vahjen (Vereins Internationales Filmfest Braunschweig e.V.).

Der Preis wird von den Kommunalen Kinos und der Zeitschrift FILMDIENST gestiftet und ist mit 4.000 Euro dotiert. Der Preisträger/in erhält die eine Hälfte, die andere wird für besondere Werbemaßnahmen verwendet, damit der Siegerfilm eine erfolgreiche Kinotour in Deutschland erleben darf.

Der außergewöhnliche Preis wird seit 2011 von Trikoton gesponsert. Die Modedesignerinnen Magdalena Kohler und Hanna Wiesener aus Berlin, stellen eine Wolldecke aus ihrer „Voice Knitting Collection“ her, in Partitur-Auszüge der Original-Komposition von Giuseppe Becce eingestrickt sind, die er für Robert Wienes Filmbilder arrangierte.

 

Das Cabinet des Dr. Caligari | The Cabinet of Dr. Caligari Retrospektive 2014 DEU 1920 REGIE: Robert Wiene Digitale Bildrestaurierung: L’Immagine Ritrovata – Film Conservation & Restoration, Bologna, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden
Das Cabinet des Dr. Caligari | The Cabinet of Dr. Caligari
Retrospektive 2014
DEU 1920
REGIE: Robert Wiene
Digitale Bildrestaurierung: L’Immagine Ritrovata – Film Conservation & Restoration, Bologna, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

 

Zur Preisverleihung:

Freitag, den 14. Februar 2014

um 20.30 Uhr

Deutschen Kinemathek im Filmhaus, 4. OG, Potsdamer Str. 2

Im Anschluss folgt in einer separaten Veranstaltung die Vorführung des prämierten Films im Kino Arsenal 1, (Eintritt nur mit Kinokarte)

 

Zeitgenössische Filmkritiken und Materialien auf filmportal.de

 

Jennifer Borrmann

 

 

#2 Berlinale 2014: The Grand Budapest Hotel  (07.02.2014)

And here he goes again… Wes Anderson in Höchstform. Mit seinem neuen Film „The Grand Budapest Hotel“ wurde die Berlinale gestern gebührend eröffnet. Das Festival mit einem Höhepunkt zu beginnen, ist wunderbar. In den letzten Jahren konnte ich in Aka und Kino meine Filmwissenslücken zum filmischen Schaffen Was Andersons schließen und wartete gestern voller Spannung auf seine neueste Kreation. Nach einigem Gedränge im Pressegebäude schaffte ich es auf die letzte Minute in die zweite Vorstellung, die aufgrund des Presseandrangs angeboten wurde… Die Rennerei hat sich gelohnt!

THE GRAND BUDAPEST HOTEL

The Grand Budapest Hotel | Grand Budapest Hotel Wettbewerb 2014 USA/GBR/DEU 2013 REGIE: Wes Anderson Paul Schlase, Toni Revolori, Tilda Swinton, Ralph Fiennes © 2013 Twentieth Century Fox
The Grand Budapest Hotel | Grand Budapest Hotel
Wettbewerb 2014
USA/GBR/DEU 2013
REGIE: Wes Anderson
Paul Schlase, Toni Revolori, Tilda Swinton, Ralph Fiennes
© 2013 Twentieth Century Fox

Die Haupthandlung dreht sich um Zero Mustafa, einen Lobby Boy des Hotels und Monsieur Gustave H (Ralph Fiennes), der in den glorreichen Tagen des Hotels als Concierge den wohlhabenden Gästen alle Wünsche von den Augen ablas…. wirklich _ALLE_ und dabei besonders gerne älteren Frauen zu Diensten war.. Und sie ihm. Eine dieser Damen, mit dem mysteriösen Namen Madame M (habe erst nach dem Film realisiert, dass es Tilda Swinton war..täuschend echt auf alt geschminkt), vermacht dem Concierge nach ihrem Tod ein wertvolles Kunstwerk aus der Renaissance. Sehr zum Missmut ihrer engeren und weiteren Familie. Besonders ihrem Sohn Dimitri (Adrien Brody) ist Gustave ein Dorn im Auge. Er beschuldigt ihn des Mordes an seiner Mutter und eine Verfolgungsjagd durch Orte und zu Menschen, wie sie skurriler nicht sein können, beginnt.. und noch spannender wird, als sich herausstellt, dass ein weiteres Testament existiert,welches den Erwartungen der Familie entgültig den garaus machen würde…  Zunächst in Untersuchungshaft, flieht Gustave mit seinen Zellengenossen (u.a. Karl Markovics) und macht sich mit Zero auf die Suche nach seinem Bild und später nach dem Inhalt des Testaments..

Spannend ist an dem Film nicht nur die Handlung, sondern auch die Erzählweise. Auf vier verschiedenen Handlungsebenen, weite Vergangenheit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, erfahren wir den Hintergrund des Hotels und derer , die jemals damit in Kontakt kamen. Zu Beginn des Films: eine junge Frau, die ein Buch mit dem Titel „The Grand Budapest Hotel“ liest. Der Zuschauer taucht ein in die Weld des Werks, lernt den Autoren (Jude Law) kennen, der die Geschichte des Hotels, den greisen Zero Mustafa (F. Murray Abraham), der seinerseits die Geschichte von Gustave dem noch jungen Autoren erzählt. Anderson springt zwischen den Ebenen hin und her, wird dabei aber nie unübersichtlich oder fahrig.

Nach und nach wird die Geschichte entwirrt, die Charaktere vertieft und auf dem Weg zur Auflösung treffen wir immer wieder alte Wes Anderson Gesichter. Bill Murray als Leiter eines Geheimbundes für Conciergerie, Jeff Goldblum als Vermächtnisverwalter der alten Dame, Harvey Keitel als Ludwig, Zellengenosse von Gustave, mit künstlerischer Ader, Willem Dafoe als Jopling, dem Bluthund von Dimitri, der wichtige Informanten um die Ecke bringt, Katzen kaltblütig ermordet und ein grandioses antiquarisches Motorrad fährt.. Diese und viele bekannte Gesichter mehr begegnen uns und machen den Film zur wahren Promi-Galerie.

The Grand Budapest Hotel | Grand Budapest Hotel Wettbewerb 2014 USA/GBR/DEU 2013 REGIE: Wes Anderson Jeff Goldblum © 2013 Twentieth Century Fox
The Grand Budapest Hotel | Grand Budapest Hotel
Wettbewerb 2014
USA/GBR/DEU 2013
REGIE: Wes Anderson
Jeff Goldblum
© 2013 Twentieth Century Fox

Auch die Liebe zum Detail und bedeutungsvollen Gegenständen darf natürlich wieder nicht fehlen. Kleine Kuchen von „Mendl’s“ spielen einen nicht kleinen Part in der Story, liebevoll und farbenfroh dekoriert von Agathe (Saoirse Ronan), die Zero und Gustafe auf ihrem Weg unterstützt; L’air Panache, ein Duft, der zu Gustave gehört und ihn selbst in misslichsten Lagen wie nach der U-Haft duften lässt; und die vielen alten Telefone, das ästhetisch eingerichtete Hotel, tolle Kunstwerke (ein Egon Schiele, der es leider nicht ganz bis zum Ende übersteht) und Old School Dekoration machen den Film zur Augenweide.

Falls das bisher noch nicht deutlich wurde, hier nochmal ganz ausdrücklich. Der Film ist GRANDIOS. Ein bisschen blutiger und actionreicher als die letzten und sehr kurzweilig. Die Reaktion der Presse spricht ebenso für die Qualität des Films. Tosender Applaus und viele Lacher zeigen, dass es Anderson gelungen ist, seine Genialität wieder filmisch umzusetzen. Nichts Altes reproduziert und wiederholt und doch den unverkennbaren Anderson-Touch erhalten. And Cut!

Heute ging’s weiter mit „Jack“ und „Two Men in town“ und gleich „71“… dazu später mehr!

 

Katharina Hetze

# 3 Berlinale 2014: Two boys and Two Men in Town (08.02.2014)

Sehr verschlafen kam ich gestern Morgen zum Potsdamer Platz, um mir die ersten drei offiziellen Wettbewerbsfilme anzusehen (Grand Budapest Hotel ist ausser Konkurrenz). Was mich erwartete, war nicht unbedingt das Feelgood-Programm, das man sich um diese Zeit vielleicht wuenschen koennte. Mit JACK um 9 und TWO MEN IN TOWN um 12 hatte ich eigentlich genug hautnahe und knallharte Sozialkritik, doch ’71 setzte nochmal einen drauf.

JACK von Edward Berger, ist eine der deutschen Produktionen im Wettbewerb. Der Film zeigt, wie der 10-jährige Jack (Ivo Pietzcker) und sein kleiner Bruder (Georg Arms) durch den emotional eiskalten Großstadtdschungel Berlin irren, auf der Suche nach ihrer Mutter. Sanne ist früh Mutter geworden und scheint ihre Kinder zu lieben, sie alllerdings zu vergessen, wenn sie nicht bei ihr sind. So geht sie feiern, arbeiten, mit Freunden in den Park. Jack kümmert sich dabei um den kleinen Bruder und übernimmt seinerseits Mutter- und Vaterrolle. Morgens macht er Manuel sein Frühstück, Abends ein heißes Bad, wenn er klatschnass vom See zurück kommt. Einmal entgleitet ihm die Situation. Das Badewasser ist zu heiß, Manuel verbrennt sich seine Beine schwer. Jack kommt daraufhin in ein Heim und darf seine Familie nur noch in den Ferien sehen. Als Jack am ersten Ferientag, auf den er so sehnlichst gewartet hat, von Sanne versetzt wird (O-Ton Sanne: „Ist nicht schlimm, oder? Sind doch bloß zwei Tage..“), passiert es.. Danilo, ein anderer Junge aus dem Heim, von dem er von Anfang an schikaniert wurde, setzt ihm übel zu und Jack schlägt ihm daraufhin mit einem großen Ast über den Kopf. Danilo bleibt reglos liegen. Danach gibt es für Jack kein Zurück mehr. Er muss weg, ist ab jetzt auf der Flucht. Seine Mutter ist nicht zu erreichen, die Schlüssel für die Wohnung nicht auffindbar. Durch Freunde von Sanne erfährt er, wo Manuel ist und macht sich mit ihm auf die Suche.

© Jens Harant

Die ruhigen Einstellungen folgen Jack überall hin, wir sehen, wie er einen Rückschlag nach dem anderen hinnimmt und seiner Mutter alles verzeiht. Er möchte ihr gefallen, freut sich, wenn sie stolz auf ihn ist. Als Zuschauerin habe ich den ganzen Film mit Jack gelitten, die Zuneigung zur Mutter verstanden, dennoch diese Frau verflucht, wie sie so leichtfertig in das Leben ihrer Söhne eintritt und wieder daraus verschwindet und ihnen so jede vertraute Grundlage entzieht. Auch alle anderen Menschen, denen die beiden in Berlin erleben, sind kalt und nicht empathiefähig. Niemand scheint sich darum zu kümmern, dass zwei Jungs durch Berlin irren, niemand ist fähig, Verantwortung zu übernehmen. Das ist leider eine Schwäche des Films. Irgendwann hat man das Gefühl, dass Berger hier alle denkbaren prekären Situationen zusammengestellt hat, in die ein kleiner Junge geraten kann. Ein bisschen weniger davon, und der Film hätte an Tiefe vielleicht noch gewonnen. Wenig Musik an der richtigen Stelle und die mitfühlende Kamera produzieren hier dennoch schön-schwere Poesie und entließen mich ziemlich deprimiert wieder ans Tageslicht.

nun geht’s weiter zur Retrospektive: „Stagecoach“ mit John Wayne..

To be continued mit TWO MEN IN TOWN und „’71″…

 

Katharina Hetze

# 4 Berlinale 2014: 1. Tag ctd (10.02.2014)

Gregory Smith ©Thessalit-Pathé

Nach two boys in town kamen TWO MEN IN TOWN. Der Film LA VOIE DE L’ENNEMI von Rachid Bouchareb erzählt eine Geschichte, die man schon oft und in verschiedenen Aufmachungen in Filmen gesehen hat. Ein Häftling, Mr Garnett (Forest Whitaker) kommt nach 18 Jahren wegen guter Führung aus dem Gefängnis frei, drei Jahre fürher als ursprünglich festgesetzt. Er kommt in ein Bewährungsprogramm, Parole, und wird von Bewährungshelferin und Polizistin Emily Smith (Brenda Blethyn) begleitet, die ihm bei der Resozialisierung helfen soll. Der Sheriff (Harvey Keitel), dessen Deputy Garnett vor 18 Jahren getötet hat, glaubt nicht daran, dass er sich gebessert hat und versucht, ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen. Durch Lynch-Justiz und Rufmord untergräbt er Garnetts noch sehr fragile Lebenssituation und drängt ihn gerade damit an den Rand des nächsten Verbrechens. TOW MEN IN TOWN ist eine Neuverfilmung eines Films von 1973, in welchem der Regisseur die Ungerechtigkeiten und Schikanen der französischen Justiz beleuchtete und scharf kritisierte. Hier wurde die Szenerie nach New Mexico verlagert, mit Drogendealern, korrupten Sheriffs, Camps von Rednecks, die illegalen Immigranten auflauern und ihnen dann mit ihrer Selbstjustiz den Prozess machen. Diese Problematiken verweben sich auch mit Garnetts Geschichte, doch haben sie bei mir keinen nennenswerten Eindruck hinterlassen. Forest Whitaker und Emily Smith tragen diesen Film, Harvey Keitel spielt den Bösewicht, bleibt aber austauschbar.

                                                                                           ’71 von Yann Demange © Berlinale

’71 von Yann Demange spielt in Irland zur Zeit des Nordirlandkonflikts. Gary ist ein junger englischer Soldat, der mit seiner Truppe nach Belfast geschickt wird, um dort in Straßenkämpfen zu „vermitteln“. Von Vermitteln ist allerdings keine Rede mehr, als die Truppe beim ersten Einsatz von einer paramilitärischen Truppe angegriffen wird, ein Soldat erschossen und Gary zurückgelassen wird, als seine Kameraden überhastet fliehen. Er wird von jungen Männern verfolgt, die fanatisch ihre Sache verfolgen und diese werden wiederum von Männern verfolgt, die fanatisch IHRE Sach verfolgen. In intensiven Handkameraaufnahmen verschwimmt schnell die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch und Yann Demange zeigt, wie die Angst vor dem vermeintlich Bösen nur noch mehr Hass und Gewalt schürt. Es ist das Regiedebut von Yann Demange und er hat dafür eine Thematik gewählt, die lange nicht mehr im Kino zu sehen war. Überzeugend und heftig zeigt er die Straßenkämpfe ohne anklagend mit dem Finger auf jemanden zu zeigen.

Source: The Museum of Modern Art, © Paramount

Zum Ausklang des ersten Tages hatte ich mir einen Retrospektivenfilm ausgesucht. THE DOCKS OF NEW YORK von Joseph von Sternberg wurde 1928 als Stummfilm gedreht und in die Retrospektive (Titel: „The Aesthetics of Shadow“) wegen dem damals innovativen Spiel mit Licht und Schatten aufgenommen. Matrose Bill (George Bancroft) geht in New York mit seinen Kameraden für eine Nacht an Land , um dort Alkohol und Frauen zu genießen. Gerade angekommen, sehen sie, wie sich eine Frau (betty Compson) ins Meer stürzt. Bill rettet sie kurzerhand und innerhalb einer Nacht heiraten die beiden, er verlässt sie am nächsten verkaterten Morgen und kehrt zuletzt wieder zu ihr zurück. Bedrückend sind die Schatten, wenn die Matrosen auf dem Schiff Kohle schippen. Getrübt durch Nebel und Regen das Licht, als Mae am nächsten Morgen verlassen aufwacht . Die Gefühle und Lebensumstände der Charaktere werden in diesem Film besonders durch die Beleuchtung hervorgehoben. Darin versteckt sich die Beziehung der Figuren und das kalte Erwachen am nächsten Morgen, wenn nichts mehr so ist, wie zuvor. Unterstützt wurde der Effekt der Beleuchtung durch die Pianistin Maud Nelissen, die mit ihrem Klavier auch quietschende Türen und klirrendes Geschirr vertonen kann, besonders aber die Emotionen auf der Leinwand ins Publikum trägt.

 

Katharina Hetze

 

 

 

# 5 Berlinale: Is the Man who is Michel Gondry happy??  (11.02.2014)

Gestern kam ich den Genuss, Michel Gondry zu interviewen. Er ist mit Christoph Waltz und anderen Mitglied der internationalen Jury und ebenso mit einem Film in der Sektion Panorama vertreten. Der Regisseur von  ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND und BE KIND REWIND, hat neben Spielfilmen auch bei Musikvideos von u.a. Björk und Daft Punk Regie geführt. Sein aktueller Film, IS THE MAN WHO IS TALL HAPPY?, wurde inspiriert durch Gespräche, die er mit dem bekannten Linguisten Noam Chomsky geführt hat.

Der Titelsatz stammt von Noam Chomsky und diente ihm als Beweis seiner These, dass Kinder zwar grammatikalische Strukturen durch Input lernen, dennoch aber fähig sind, unendlich viel mehr zu produzieren, als sie Input erhalten haben. Durch eine mentale Kapazität, die Chomsky „Universal Grammar“ getauft hat, ist ein Kind fähig, Sätze zu sagen, die grammatikalisch korrekt sind, aber keinen Sinn ergeben. Wie der Titelsatz… Sein formalistischer und gnerativistischer Ansatz widerspricht deutlich den Lehren der Funktionalisten. Letztere sehen in dem Sprachlernprozess lediglich die funktionale Komponente von Sprache- die Kommunikation. Um mit der Welt zu interagieren, müssen Kinder Kommunikationsformen erlernen. Ohne dieses Bedürfnis würde keine Sprache entstehen. Nach Chomsky existiert dieser funktionale Aspekt nicht. Ein Kind ist mit einem language learning device ausgestattet, welches ihm ermöglicht, unendlich viele Satzkonstruktionen zu bilden. Außerdem zeigte er, wie Sprache entsteht, wie Bilder mit Worten in unseren Köpfen verknüpft werden und wir daraus unsere subjektive Welt konstruieren.

Michel Gondry war von Chomskys Ansatz fasziniert. In seinen Filmen hatte er sich schon lange mit der Vorstellung von Realität beschäftigt und mit unerschöpflicher Phantasie Träume, Visionen, Gedanken und Geistesblitze auf die Leinwand gebracht. Seine Karikaturen waren dabei oft ein essentielles Werkzeug zur Untermalung dieser Prozesse. (schon ein Blick auf seine Homepage spricht da Bände: http://www.michelgondry.com/)

Is The Man who is Tall Happy? © Partizan Films

In IS THE MAN WHO IS TALL HAPPY? trifft er nun auf Noam Chomsky. Er führt mit ihm Gespräche über das Funktionieren des menschlichen Gehirns und der Kreation von Realität. Aus wenigen Gesprächen wurden viele Gespräche, in denen Chomsky mit unendlicher Geduld Gondry seine Sprachtheorien erklärt. Im Interview erklärt Gondry auch, warum er den Film mit seinen eigenen Zeichnungen animierte. Er wollte keinen neuen gefilmtes Interview mit Noam Chomsky machen, wie es sie schon zahlreich gibt, er wollte etwas hinzufügen, seinen eigenen Verstehensprozess visualisieren und dem Zuschauer verständlich machen. Nicht zuletzt war es Chomsky, der dankbar für die Idee war, einen Film zu machen, der nicht ausschließlich auf seiner Person beruht.

So entstand laut Kritik ein Augen- und Ohrenschmaus (von dem ich leider bisher nur den Trailer gesehen habe), schön anzuschauen und spannend, da man eine Menge lernen kann. Es ist angenehm, mit Gondry zu reden. Völlig bescheiden angesichts seines großen Erfolgs erklärt er den Journalisten im Roundtable-Interview sein filmisches Schaffen und beantwortet geduldig und zugewandt unsere Fragen. Er erzählt über künftige Projekte, dass er sich nun wissenschaftlicher mit dem menschlichen Gehirn beschäftigt und auch gerne mal einen Astrophysiker interviewen würde (und das vielleicht auch Einfluss auf seine kommenden Filme haben wird), über sein Leben in New York und natürlich über seinen Film..

Vor dem Interview war ich unglaublich aufgeregt. Ich hatte nicht damit gerechnet, eine Zusage zu bekommen, da schon kleinere Deutsche Filme auch mal Absagen erteilen. Nachts bekam ich sie dann doch und war ziemlich aus dem Häuschen. Es hat sich gelohnt, Fluchtreflexen nicht nachzugeben, die mich unmittelbar vor dem Interview überfielen. Ich hätte mir keinen besseren Interviewpartner vorstellen können. Meine Fragen kamen automatisch, ich konnte ansetzen bei dem, was er mir erzählte. Nun weiß ich auch, was ich die nächsten Tage mache, wenn ich nichts zu tun habe.. Meine filmische Gondry-Lücke füllen..

Is The Man who is Tall Happy? © Partizan Films

Katharina Hetze

 

 

 

# 6: THE NAKED CITY (1948, USA, 96 Min) (11.02.2014)

 

Im Rahmen der Schatten-und-Licht-Schau „Aesthetics of Shadow – Lighting Styles 1915-1950“ der diesjährigen Berlinale werden Filme aus vier Jahrzehnten und drei geographischen Schwerpunkten gezeigt: Europa, USA und Japan. Meine Retrospektive in diesem Jahr begann meisterlich mit Jules Dassins THE NAKED CITY. Ein klassischer Polizei- und Gangsterfilm – denkt man. Das ändert sich schnell.

Ein junges Photomodell wird von ihrer Haushälterin ermordet aufgefunden. Die New Yorker Mordkommission unter der Leitung von Detective Lieutenant Dan Muldoon (brillant, schlagfertig, witzig und mit umwerfend ironischer Mimik: Barry Fitzgerald) und seinem noch jungen Kollegen Jimmy Halloran (Don Taylor) nehmen die Ermittlungen in New York auf. Im Mittelpunkt steht jedoch die Stadt New York selbst, ihre Häuser, ihre Bewohner, ihre Gäste. Die Geschichte führt uns nur durch sie hindurch und ist quasi Mittel zum Zweck. Die Kamera begleitet die Detectives durch den Dreck der Straßen, das Dunkel der Großstadt, am Geschrei der Kinder vorbei und lässt uns als unbeobachtet Teilhabenden in das Leben der Menschen blicken. Letzteres geschieht vor allem durch die herausragenden Voice-Over-Kommentare Hellingers, der im Kopf jeder einzelnen Person zu sein scheint, deren Gedanken ausspricht und ihre Taten kommentiert.

The Naked City | Stadt ohne Maske Retrospektive 2014 USA 1948 REGIE: Jules Dassin Ted de Corsia Quelle: Deutsche Kinemathek, Berlin, © Master Licensing, Inc./Hollywood Classics
The Naked City | Stadt ohne Maske
Retrospektive 2014
USA 1948
REGIE: Jules Dassin
Ted de Corsia
Quelle: Deutsche Kinemathek, Berlin, © Master Licensing, Inc./Hollywood Classics

 

Lange bevor der Film gedreht wurde, photographierte Weegee – eigentlich Arthur Fellig – in Manhattan Tatorte. Er verfolgte Krankenwagen und Polizeiautos und verkaufte die Bilder nach der Schnellentwicklung im Kofferraum seines Autos an Boulevardblätter – immer mit seinem Stempel „Credit Photo by Weegee The Famous“. 1945 veröffentlichte Weegee einen Photoband mit dem Titel „The Naked City“, woraufhin Produzent Marc Hellinger sofort die Rechte für den prägnanten Titel ergatterte. Dem Film lag also erst einmal keine Geschichte, sondern Photographien zugrunde. Die Ästhetik Weegees war künstlerische Grundlage für den Film. Das sieht man dem Film an:

Bildgestalter William Daniels – persönlicher Kameramann Greta Garbos – erhielt so 1949 den Oscar für die beste Schwarz-Weiß-Photographie in einem Film. Für THE NAKED CITY verwendete er eine intensive und ungewöhnlich starke Hell-Dunkel-Kontrastierung. Bevor der Film jedoch mit dem Spiel von Licht und Schatten beginnt, begleiten wir die Kamera aus dem Helicopter über New York und der Produzent Marc Hellinger erzählt uns über die Stadt und über ihre Menschen – den der Film im Folgenden ungeschminkt (eine Art amerikanischer Neorealismus) zeigen will.

Anfangs sehen wir eine Stadt im Dunkel, zwar beleuchtet durch Neonröhren, Straßenlaternen und Reklameboards, aber es dauert, bis man sich zurecht findet in diesem film noir. Ein Schnitt führt ins Schlafzimmer der Schönen – hell erleuchtet, warmes Licht, feine Schatten korrespondieren mit der sanften Musik. So geht das Spiel weiter. Der ganze Film schöpft seine Kraft und Wirkung aus der Architektur New Yorks und die Arbeit des Kameramannes, der diese in beeindruckend ausgeleuchtete Bilder zu setzen weiß.

 

The Naked City | Stadt ohne Maske Retrospektive 2014 USA 1948 REGIE: Jules Dassin Quelle: Deutsche Kinemathek, Berlin, © Master Licensing, Inc./Hollywood Classics
The Naked City | Stadt ohne Maske
Retrospektive 2014
USA 1948
REGIE: Jules Dassin
Quelle: Deutsche Kinemathek, Berlin, © Master Licensing, Inc./Hollywood Classics

 

P.S.: Sowohl Regisseur Dassin, als auch einer der beiden Drehbchautoren (die ebenfalls für einen Oscar nominiert waren) wurden unter McCarthy auf die Schwarze Liste gesetzt und flohen ins Exil.

Wiederholung des Films:

The Naked City, Sonntag, 16.02., 15 Uhr im Cinemaxx8 (online Tickets sind bereits ausverkauft)

 

Jennifer Borrmann

 

 

 

# 7: Preis der deutschen Filmkritik 2013 (11.02.2014)

Gestern Abend wurde in der Tube Station in Berlin der Preis der deutschen Filmkritik vergeben. DIE ANDERE HEIMAT von Edgar Reitz und TORE TANZT von Katrin Gebbe konnten die meisten Preis mit nach Hause nehmen. Mit Ausnahme von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht, nahmen alle Gewinner ihren Preis persönlich entgegen.

Der Preis der deutschen Filmkritik – vergeben vom Verband der deutschen Filmkritik – ist der einzige deutsche Filmpreis der ausschließlich nach unabhängigen künstlerischen Kriterien von professionellen und erfahrenen Filmjournalisten vergeben wird.

Das Pressedossier mit den einzelnen Jurybegründungen findet ihr hier.

 

Edgar Reitz © Anna Pfitzenmaier
Edgar Reitz
© Anna Pfitzenmaier

 

 

Katrin Gebbe © Anna Pfitzenmaier
Katrin Gebbe
© Anna Pfitzenmaier

 

Hier alle Preisträger in aller Kürze:

Ehrenpreis:Wilhelm Hein

Bester SpielfilmDie andere Heimat von Edgar Reitz

Bestes SpielfilmdebütTore Tanzt von Katrin Gebbe

Beste Darstellerin: Antonia Lingemann für Bastard

Bester Darsteller: Sascha Alexander Gersak für Tore Tanzt und 5 Jahre Leben

Beste Kameraarbeit: Gernot Roll für Die andere Heimat

Bestes Drehbuch: Frauke Finsterwalder und Christian Kracht für Finsterworld

Bester Schnitt: Anne Fabini für Houston

Bester DokumentarfilmMaster of the Universe von Marc Bauder

Bester KinderfilmSputnik von Markus Dietrich

Bester Kurzfilm: Wie ist die Welt so stille von Susann Maria Hempel

Bester Experimentalfilm: Ein Gespenst geht um in Europa von Julian Radlmaier

Beste Musik: Martin Todsharowfür Quellen des Lebens

 

Jennifer Borrmann

 

 

 

 

 

#8: Intermezzo (11.02.2014)

That`s Berlinale: Nach 10 Minuten mit einem Bein schon draussen aus dem Kino … durchgehalten … und eine kleine Perle erwischt:
Zamatoví teroristi (Velvet Terrorists), 87 Min, REGIE: Peter Kerekes, Pavol Pekarcík, Ivan Ostrochovský

„Auf doppelbödig-humorvolle Weise lässt der Film die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen, zwischen Heroismus und Dummheit. Lakonisch und mit leiser Ironie erzählt der Film eine Geschichte von Menschen zwischen Totalitarismus und Rebellion.“ (Ausschnitt aus der Berlinale-Vorankuendigung – auf den Punkt gebracht)

Für Vladimir begann der Kampf sogar bereits zu Beginn der 1970er, als er mit ein T-Shirt mit Led Zeppelin-Aufdruck trug und dafür mit brutaler Gewalt von der Polizei misshandelt wurde!

UNBEDINGT sehenswert, Sektion Forum


Robert Messner

# 10: The Iron Mask (USA 1929, 123 Min) (13.02.2014)

Allan Dwans Film beginnt wie ein Theaterstück (am Klavier begleitend: Stephen Horne). Statisch nimmt der Kameramann Henry Sharp eine Theaterbühne zentralperspektivisch ins Visier und Douglas Fairbanks (der hier in der Rolle des d’Artagnan zu sehen ist) gibt uns eine Einführung in die dramatische Geschichte: Wir befinden uns im Frankreich des Jahres 1938, als Anna von Österreich (Belle Bennett) Ludwig XIII. (Rolfe Sedan) eineiige Zwillinge (beide Rollen übernahm William Bakewell) als Thronfolger schenkt. Kardinal Richelieu schickt den jüngeren der beiden Kinder sofort in ein geheimes Versteck. Anders als beim Remake mit Leonardo DiCaprio und Gabriel Byrne 1998, wird jedoch diese Kind von Rochefort entführt und 20 Jahre lang von ihm missgünstig beeinflusst und erzogen. Der echte Thronfolger wird kurzerhand von Rochefort entführt und durch den jüngeren Bruder ersetzt. In derselben Zeitspanne war d’Artagnan engster Vertrauter des echten Thronfolgers am Hofe und erkennt den Schwindel sofort, holt seine Freunde, die drei Musketiere Athos (Léon Bary), Porthos (Stanley Sandford) und Aramis (Gino Corrado) zurück, um dem Recht genüge zu tun.

 

 The Iron Mask | Die eiserne Maske Land: USA 1929 Regie: Allan Dwan Sektion: Retrospektive Courtesy of Photoplay Productions © 1999 Photoplay Productions
The Iron Mask | Die eiserne Maske
Land: USA 1929
Regie: Allan Dwan
Sektion: Retrospektive
Courtesy of Photoplay Productions © 1999 Photoplay Productions

 

Die Ausleuchtung besticht in den dunklen Verliesen und Kellerräumen durch eine architektonische, aber auch atmosphärische Strukturierung. Viele natürliche Lichtquellen aus dem Kamin, von Kerzen und Fackeln an den Wänden erinnern an das Chiaroscuro der Malerei: Raum und Stimmung werden durch die Hell-Dunkel-Kontrastierung gestaltet und eingesetzt.

Inhaltlich und dramaturgisch setzt der Mantel-und-Degen-Film aber vor allem auch auf komödiantische Elemente: Frauen (auch mal „She-Devils“ genannt), Alkohol und die Liebe werden immer wieder ironisch in Szene gesetzt, um die ansonsten ernste Geschichte aufzulockern. Douglas Fairbanks, der auch für Drehbuch und Produktion verantwortlich zeichnet, zeigt einmal mehr seine gekonnte Darstellung des akrobatischen Helden und darf darüber hinaus als Erzähler fungieren – eigentlich handelt es sich um einen Stummfilm mit Zwischentafeln, jedoch kommentiert Fairbanks (ähnlich wie Marc Hellinger in „The Naked City“) Charaktere und Handlung. Großes Kinovergnügen, frei nach Alexandre Dumas père!

 The Iron Mask | Die eiserne Maske Land: USA 1929 Regie: Allan Dwan Sektion: Retrospektive Courtesy of Photoplay Productions © 1999 Photoplay Productions
The Iron Mask | Die eiserne Maske
Land: USA 1929
Regie: Allan Dwan
Sektion: Retrospektive
Courtesy of Photoplay Productions © 1999 Photoplay Productions

 

Jennifer Borrmann 

 

 

 

# 11: Sunrise – A Song of Two Humans (USA 1927, 95 Min) (14.02.2014)

 „This song of the Man and his Wife is of no place and every place: You might hear it anywhere at any time … life … sometimes bitter, sometimes sweet. Summer time – vacation time“ – nach dieser kurzen Texteinführung, wechselt die Leinwand zu einem aus der Vogelperspektive gezeichneten Szenenbild eines Bahnhofs, das sich langsam in bewegte Bilder verwandelt – und wie häufig bei Friedrich Wilhelm Murnau geschieht dies in einer weichen Überblendung. Dadurch wird der Zuschauer sanft in das Geschehen eingeführt:

 Sunrise: A Song of Two Humans | Sonnenaufgang Land: USA 1927 Regie: F. W. Murnau Sektion: Retrospektive Quelle: Deutsche Kinemathek, Berlin, © 20th Century Fox/Hollywood Classics
Sunrise: A Song of Two Humans | Sonnenaufgang Land: USA 1927 Regie: F. W. Murnau Sektion: Retrospektive Quelle: Deutsche Kinemathek, Berlin, © 20th Century Fox/Hollywood Classics

 

Plakativ und universell wirkt diese Geschichte (geschrieben von Carl Mayer) zuerst: Der Mann (George O’Brian) und die Frau (Janet Gaynor – die hierfür und weitere Rollen in diesem Jahr den Oscar als beste Darstellerin erhielt) leben als Farmer auf dem Land. Bereits seit einiger Zeit aber hat eine Frau aus der Stadt (Margaret Livingston) den Mann um den Finger gewickelt, der nun bereit ist, sein Leben hinter sich zu lassen und mit ihr in die Stadt zu gehen. Von der Frau aus der Stadt betört und außerdem enttäuscht und unzufrieden mit seinem Leben auf dem Land, haben sie vor die Ehefrau durch einen geplanten Unfall ertrinken zu lassen. Er bringt dies nicht übers Herz und sie flieht in die – traumartige, funkelnde und phantasievolle – Stadt, in der die beiden wieder zu einander finden.

 

Regisseur und Filmhistoriker Kevin Brownlow verrät im Begleitbuch zur Retrospektive, dass Murnau von William Fox ungewöhnlich viel Freiheit in Kreativitätsfragen erhielt und sich im Zuge dessen des Kamera-Ensembles der Mary Pickford Company bediente. Beide Kameramänner Rocher und Co-Kameramann Struss erhielten bei der allerersten Oscarverleihung 1929 den Preis für die beste Kamera. Außerdem hatte Murnau die Möglichkeit, das neue „Fox Movietone sound-on-film“-System zu nutzen – diese damals neue Aufnahmemethode garantierte eine Synchronisation von Ton und Bild. Mit dieser technischen Ausstattung und dem hohen Maß an Eigenregie in Hollywood, erschaffte Murnau mit seinem Team einen Film, der 1989 von der National Film Registry der Library of Congress (Mike Mashon) zur Restaurierung in die Liste der kulturell, historisch und ästhetisch bedeutender – in den USA hergestellten – Filme aufgenommen wurde. Aus diesem Archiv brachte der „accidental archivist“ Mike Mashon einige Filme mit zur Retrospektive 2014 (lesenswert: The Accidental Archivist).

 

Ähnlich wie bei „Der letzte Mann“ (1924) und bei „Faust – Eine deutsche Volkssage“ (1926) arbeitet Murnau experimentell (vgl. „die entfesselte Kamera“ Karl Freunds) und geht kreativ und innovativ mit den technischem Möglichkeiten um, die ihm zur Verfügung stehen. Bilder, Symbole, ja die Architektur (die Bauten stammen von Rochus Gliese) sind häufig überstilisiert. Das Licht scheint zu fließen – korrespondierend mit den vielen weichen Übergängen. So wirkt der Besuch in der Stadt wie eine berauschende Traumsequenz, in der die Lichter der Straßenlaternen, vor allem aber die funkelnden Leuchten des Lunaparks die beglückende Zeit der Paares dort als leuchtenden Rausch wieder spiegeln. Im Gegensatz dazu wirken die glitzernden Lichter des Flusses auf dem Land wie eine Beruhigung und sanfte Erholung der neu bestärkten Liebe der beiden.

Begleitet wurde der Film am Piano von Maud Nelissen.

 

Jennifer Borrmann

 

 

 

# 12: Dream a little dream with Heinz Emigholz (14.02.2014)

Wenn Übermüdung und Schlafmangel nach vielen Nächten mit weniger als 5 Stunden Schlaf ihren Tribut fordern wollen, und einem in nahezu jedem Film an den Augenlider zerren, wirkt ein Film von Heinz Emigholz Wunder.. Nachdem wir letzte Nacht auf der wunderschönen Forumsparty (in der Berliner Volksbühne) bis in die Morgenstunden gefeiert haben, war klar, dass mein straffes Morgenprogramm einige Modifikationen erfahren musste;) Erst gegen halb 12 machte ich mich auf den Weg zum Potsdamer Platz und sah mir unter anderem den neuen Film von Heinz Emigholz an.

airstrip 01

The Airstrip © Filmgalerie 451

Im 21. Teil seiner Serie „Photography and Beyond“, THE AIRSTRIP, beleuchtete Emigholz wieder architektonische Meisterwerke, die seiner Meinung nach vom öffentlichen Interesse vernachlässigt wurden und in Zeiten des Umbruchs, von Kriegen und Übergangsphasen neben ihrem architektonischen Zweck weitere Rollen erfüllten und uns heute die Geschichte ihrer Vergangenheit erzählen.. Von Bauten in Rom, Bologna, Madrid nach New Mexico, Montevideo, Tokyo und zum Schluss wieder zurück bis nach Berlin, sieht man, wie die Gebäude in das moderne Stadtbild integriert sind und die Gegenwart mitprägen.

Aus der fragmentarischen Zusammenstellung der Bilder und der ruhigen Stimme der Kommentatorin aus dem Off entstand bei mir das Gefühl totaler innerer Ruhe und hier und da verschlummerte ich ein paar Minuten.

 

The Airstrip, Deutschland 2014 © Filmgalerie 451

Es ist kein rein dokumentarischer Rahmen, in dem sich der Film bewegt. Die Beobachtung der Bauwerke kreiert eine eigene Sprache und eine Erzählung, die den Zuschauer besonders dann zur Reflxion anregt, als auf einmal große Stücke Fleisch, Laibe Brot, Kleider und Lampen durch das Bild fliegen und die Frage nach der Vorhersagbarkeit von Dokumentarfilmen aufwerfen (und mich wieder völlig in den Wachzustand versetzen). Für Zuschauer, die mit den Werken von Emigholz bekannter sind als ich, ist der Film „nicht nur ein stilistischer Bruch, sondern auch ein Bruch mit den Erwartungshaltungen des Zuschauers an Filme von Heinz Emigholz. Nach Jahren des dokumentarischen Beobachtens ist es Sinnbild für die Lust des Regisseurs, sich wieder fiktionalen Stoffen zu widmen.“ (http://www.festivalblog.com/archives/2014/02/the_airstrip_au.php5).

Mit neu getankter Energie und Tiefenenstspannung kam ich aus dem Kino und freue mich nun auf die Verleihung des Caligari-Preises..

Katharina Hetze

 

 

 

# 13: Caligari-Preis 2014 geht an: DAS GROSSE MUSEUM (J. Holzhausen) (15.02.2014)

Zum 29. Mal hat heute der Bundesverband Kommunale Filmarbeit zusammen mit dem monatlich erscheinenden Kinomagazin FILMDIENST den unabhängigen Filmpreis „Caligari“ vergeben. Der Preis ging wie immer an einen stilistisch und inhaltlich innovativen Film aus dem Programm der Sektion „Forum“. Das Forum steht von je her für ein experimentelleres und ausgefalleneres, auch unbequemeres Filmprogramm und der Preis soll die besondere Bedeutung des Forums innerhalb des Programms der Internationalen Filmfestspiele Berlin für die kulturelle Kinoarbeit würdigen.

Die Verleihung fand am Freitag, 14. Februar 2014, in der Deutschen Kinemathek im Filmhaus statt. Nach dem Empfang wurde der Gewinnerfilm um 22.30 Uhr im Kino Arsenal 1 nochmals aufgeführt. Der Preis ist mit 4000 Euro dotiert und wir von den Kommunalen Kinos und vom FILMDIENST gestiftet. Die Hälfte geht an den Preisträger/die Preisträgerin direkt, die zweite Hälfte soll für Werbemaßnahmen verwendet werden, um weitere Kinoaufführungen in Deutschland zu gewährleisten.

Seit drei Jahren strickt die Firma Trikoton als Sponsor den ungewöhnlichen Preises: Das Berliner Modelabel stiftet eine Decke aus ihrer „Voice Knitting Collection“. Das Besondere ist, dass hier Partitur-Auszüge der Komposition Giuseppe Becces zu dem expressionistischen Stummfilm Das Cabinet des Dr. Caligari eingestrickt sind.

 

Der Gewinner des Caligari-Filmpreises 2014 ist

DAS GROSSE MUSUEM (Johannes Holzhausen, Österreich 2014)

 

Das große Museum | The Great Museum Land: AUT 2014 Regie: Johannes Holzhausen Sektion: Forum © Navigatorfilm
Das große Museum | The Great Museum Land: AUT 2014 Regie: Johannes Holzhausen Sektion: Forum © Navigatorfilm

 

Jurybegründung:

„Ein Mann fährt, verfolgt von einer wunderbar dahingleitenden Kamera, auf einem Tretroller durch die endlosen Gänge des Kunsthistorischen Museums Wien – und stoppt vor einen Kopierer. Sinnlicher kann man den Spagat zwischen Kultur und Bürokratie kaum visualisieren. Und der Film ist voll solch ironisch gebrochener Anspielungen, liebenswert gezeichneter Protagonisten, die mit Herzblut Kunstobjekte bewahren. Dem Regisseur gelingt ein informativ-witzig-intelligenter Blick hinter die Kulissen eines großen Museums, das sich im internationalen Wettbewerb behaupten muss.“

Die Jury setzte sich in diesem Jahr zusammen aus:

Rolf Rüdiger Hamacher (FILMDIENST)

Claudia Cornelius (PR und Kuratierung, Cinémathèque Leipzig)

Marit Vahjen (Verein Internationales Filmfest Braunschweig e.V.)

 

Das große Museum | The Great Museum Land: AUT 2014 Regie: Johannes HolzhausenSektion: Forum © Navigatorfilm
Das große Museum | The Great Museum Land: AUT 2014 Regie: Johannes HolzhausenSektion: Forum © Navigatorfilm

 

Jennifer Borrmann 

 

 

 

#14: Die Preise sind vergeben! (15.02.2014)

Die Preise für das internationale Wettbewerbsprogramm sowie die weiteren Sektionen der Berlinale 2014 sind vergeben.

Gewinner des goldenen Bären ist der düstere chinesische Thriller „Bai Ri Yan Huo“ (Black Coal, Thin Ice / Schwarze Kohle, Dünnes Eis).

Auch der deutsche Film geht nicht ganz leer aus. Die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann wurden für das beste Drehbuch für den Film „Kreuzweg“ mit einem Silbernen Bären geehrt.

Alle Preise der 64. Berlinale könnt ihr euch hier downloaden.


Robert Messner

 

# 15: Interview mit Tara Kaye Judah – Teilnehmerin der Talent Press (Berlinale Talents 2014) (19.02.2014)

Hier geht’s zum Interview

Jennifer Borrmann

 

 

 

# 16: Berlinale 2014 – Resümee und Ranking (22.02.2014)

Seit Montag bin ich wieder in Freiburg und komme langsam vom Berlinale-High runter. Das Festival hat Suchtfaktor und der ganz normale Alltag mutet dagegen schon ziemlich langsam und real an.. Doch noch gibt es eine Menge nachzutragen, da nur ein Bruchteil der gesehenen Filme seinen Weg in unseren Blog gefunden hat..

Wie von Robert bereits geposted, stehen die Gewinner seit Samstag fest.

Und wie es halt so ist, habe ich viele Filme des Wettbewerbs gesehen, aber genau die Hauptgewinner nicht. Mein und pressemäßig der allgemeine Favorit BOYHOOD von Richard Linklater wurde zwar auch ausgezeichnet und natürlich THE GRAND BUDAPEST HOTEL (von dem ich dachte, er laufe außer Konkurrenz), aber BLACK COAL, THIN ICE und THE LITTLE HOUSE konnten in meinem Plan leider nicht mehr untergebracht werden.

Innerhalb der Woche wurden aber nicht nur die Bären vergeben, sondern auch die Preise der unabhängigen Jurys, wie der Fipresci-Jury (bestehend aus internationalen Filmkritikern), der ökumenischen Jury, des queeren Teddy-Awards, des Panorama-Publikumspreises und Caligari-Filmpreises, zu dem Jennifer bereits berichtete und viele mehr…

 

Kreuzweg von Dietrich Brüggemann © Alexander Sass

Der Preis der ökumenischen Jury ging an KREUZWEG von Dietrich Brüggemann und ihre Empfehlung galt ’71 (bereits besprochen). Die Jury „ehrt mit den Preisen Filmschaffende, die in ihren Filmen ein menschliches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck bringen, das mit dem Evangelium in Einklang steht, oder die es in ihren Filmen schaffen, die Zuschauer für spirituelle, menschliche und soziale Werte zu sensibilisieren.“ (http://www.berlinale.de/de/das_festival/preise_und_juries/preise_unabh_ngigen_jurys/index.html). Zwingend mit kirchlichen Themen beschäftigen mussten sich die Filme nicht, doch KREUZWEG ist da eindeutig einzuordnen. In 14 Kapiteln, die die Titel des Kreuzweges tragen, geht es um die 14-jährige Maria, die ihr Leben opfern möchte, um ihrem kleinen kranken Bruder, der nicht spricht, Gottes Hilfe zu sichern. Ihre Familie ist Mitglied der Pius-Gemeinschaft, einer besonders konservativen christlichen Glaubensgemeinde.

Kreuzweg von … ->© Dietrich Brüggemann

Bereits in der ersten Szene schlackern einem die Ohren, als der Priester (Florian Stetter, auch als Schiller in GELIEBTE SCHWESTERN zu sehen) in der Sonntagsschule den Kindern die religiöse Botschaft verkündet. Ohne Schnitt ist die Kamera in der ersten Szene starr auf ihn gerichtet, rechts und links seine SonntagsschülerInnen. Keine Popmusik, denn sie ist satanisch, ewige Buße für Sünden, die im Alltag lauern. „Wir alle sind Sünder“, werden bestraft mit Krankheiten, wenn wir ein nicht gottgefälliges Leben führen. So muss vielleicht auch Marias kleiner Bruder, der nicht sprechen kann, eine Strafe Gottes ertragen, fragt sich Maria und beschließt, sich für ihn zu opfern. Allmählich verhungert sie, seelisch und körperlich. Ihre Familie ist auf den ersten Blick freundlich und liebevoll, doch schnell wird das Bild durch ihre Intoleranz, Strenge und völlig absurd harten Erziehungsmethoden dekonstruiert. Maria darf nicht am Sportunterricht teilnehmen, wenn dabei satanische Musik läuft, sie darf nicht in einem normalen Kirchenchor singen, da Gospel und Soul Geist und Herz in Verwirrung bringen. Brüggemann lässt hier eine Geschichte entstehen, die den Blick in die Abgründe hochkonservativer religiöser Gemeinden wirft, ohne dabei reißerisch zu werden und das Thema bis ins kleinste Detail auszuschlachten. Die Dramatik entsteht eher durch die Beobachtung von Maria und die große Last, die sie auf ihren Schultern tragen muss und schon im Titel ist angedeutet, wie ihr Leben ein Ende findet, welches meiner Meinung nach das einzige Manko des Films ist.

Achtung Spoiler:

 

Maria stirbt und ihr Bruder fängt an zu sprechen.. was soll das bitte für eine Botschaft sein??? Opfere Dich, und deine Familie wird gesund? Dieser kleine Moment ist mit zu zweideutig und hinterlässt so die einzig schlechte Seite des sonst überzeugend konzipierten Films (siehe Silberner Bär für Drehbuch).

 

Zu AIMER, BOIRE ET CHANTER muss ich nichts mehr sagen, außer, dass ich den Erfolg des Films nicht fassen kann.. Dass der Film gerade den Preis der Fipresci-Jury erhielt, hat mich besonders gewundert. Hier zeichnen internationale Filmkritiker aus und die müssten doch eigentlich wissen, was gut ist..;)

Boyhood von Richard Linklater © Berlinale 2014

BOYHOOD hat absolut den silbernen Bären für die beste Regie verdient, spielte aber eigentlich in einer anderen Liga als viele der anderen Wettbewerbsfilme. Linklater hat einen Film gemacht, der unter anderem durch die Tatsache besticht, dass sich Geschichte und Drehzeit über 12 Jahre erstreckten. Alle Charaktere und Schauspieler werden älter und wachsen zusammen. Daraus ergibt sich ein unspektakulär spektakulärer Film über…. tja, nichts besonderes eigentlich. Geschiedene Eltern, ein Vater, der sich nach langer Zeit der Abwesenheit wieder annähert, ein trinkender neuer Ehemann der Mutter, erste Liebe, College, Alltagskonflikte. Meine Sympathien gelten allen, doch besonders Ethan Hawke als Vater habe ich ins Herz geschlossen. Er ist kein großer Held, nicht der spannende sich rar machende Vater, er ist da, spielt mit seinen Kindern, drückt seine Gefühle auf sehr holprige aber sympathische Art aus.  Mag ein bisschen kitschig klingen, ist es vielleicht auch, aber stimmig.. Das Ende ist wie der ganze Film. Alles ist irgendwie gut, doch von einem konventionellen Ende weit entfernt. Der Soundtrack dazu entspringt immer gerade dem Jahr, in dem sich der Film befindet. Fast 3 Stunden Film.. und keine Chance, früher den Saal zu verlassen, um den nächsten Film zu schaffen. Jede Minute ist kostbar..

Da die meisten Filme, die ich in Berlin gesehen habe, nicht ausgezeichnet wurden, sind hier meine eigenen Bewertungen:

Schulnoten von 1 – sehr gut bis 6 – sehr schlecht

Wettbewerb:

’71 (Yann Demange):  Nordirland-Konflikt – 2

Praia do Futuro: unterirdisches Drama (bereits besprochen)- 6

Aimer, Boire et Chanter (Alain Resanais): völlig überkünsteltes Schauspiel- 5

Aloft (Claudia Llosa): Übernatürliche heilende Kräfte, Mutter-Sohn-Konflikt, zu oberflächlich, Potential zu wenig ausgeschöpft- 4                                            

Die Geliebten Schwestern (Dominik Graf): Dreiecksgeschichte zwischen Schiller, Charlotte und ihrer Schwester Caroline, erster Teil locker leicht wie Jane Austen, zweiter Teil düster, filmisch komplex durch fragmentarische Szenen, Überlappungen und hautnahe Charakterinszenierung- 2                                           

The Grand Budapest Hotel (Wes Anderson) : bereits applaudierend berichtet- 1

Jack (Edward Berger): zwei Jungen suchen ihre Mutter im emotional eiskalten Großstadtdschungel von Berlin- 2

Kreuzweg (Dietrich Brüggemann): siehe oben- 1-2

The Monuments Men: der neueste Clooney, enttäuschend, wie ein schlechter Abklatsch von Ocean’s Eleven, Bill Murray und Bob Balaban sind die einzigen Lichtblicke des ansonsten unterirdischen Films- 5

Nymphomaniac Vol. I (Lars von Trier): Sehr unterhaltsamer Porno, der schon im Vorfeld durch geschickte Vermarktungsstrategien beworben wurde und in unzensierter Fassung als Weltpremiere in Berlin zu sehen war; im Gegensatz zu Antichrist und Melancholia gefälliger und leichter zu ertragen, und überraschend anders als man es von L v. T erwartet hätte, Charlotte Gainsbourg und Stellan Skarsgard sind eine wunderbare Kombination aus Nymphomanin und asexuellem Gesprächspartner, außerdem verdient der sensationelle Auftritt von Uma Thurman großen Applaus- 1

La Tercera Orilla (Celina Murga): Ein Vater, der offiziell ein Doppelleben führt und dessen Sohn die Last nicht erträgt, den Vater nicht greifen zu können, ihn nie ganz als Vater gehabt zu haben. Mittelmaß- 3

Two Men in Town (Rachid Bouchareb): bereits berichtet– 2

Panorama

Is the Man who is Tall Happy? (Michel Gondry): nach dem Interview mit Michel Gondry hatte ich mir ungefähr ein Bild davon gemacht, was mich im Film erwartet. Besonders wichtig ist, den Film im Wachzustand zu schauen, er braucht viel Aufmerksamkeit und ist dicht gespickt mit sehr sprachtheoretischen Details, auch wenn Chomsky sehr geduldig und humorvoll auf Gondrys Fragen eingeht. Ein Film, bei dem man einiges lernen kann.- 1

Calvary (John Michael McDonagh): Ein Priester erfährt bei der Beichte, dass er in einer Woche umgebracht werden soll..-  2-3

Yves Saint Laurents (Jalil Lespert): Über das Leben von Yves Saint Laurent, gewaltige Musik, manchmal kommt die Dramatik der Handlung der Musik aber nicht hinterher. Sehenswert.-  2,5

Love is Strange (Ira Sachs): Über ein schwules Pärchen, das nach langen Jahren Zusammenleben heiratet und daraufhin die gemeinsame Wohnung verliert. Sehr ruhig und sympathisch- 2

Forum

The Airstrip (Heinz Emigholz): Architektonische Weltreise (bereits besprochen)- 2 (obwohl schwer mit Filmrating einzuordnen)

Al doilea joc (The Second Game – Corneliu Porumboiu): Regisseur und Vater schauen gemeinsam ein Fußballspiel von 1988, bei dem der Vater Schiedsrichter war und kommentieren die Spielweise, die Korruption im Sport, Politik.. die Kommentare kommen aus dem Off, man schaut 90 Minuten ein Fußballspiel und ist dabei wirklich bestens unterhalten.. – 1-2

Huba (Parasite – Wilhelm Sasnal, Anka Sasnal): Wo das Parasit in diesem Film sitzt, kommt auf die Perspektive an. Für die Frau ist es ihr Baby, zu dem sie absolut keine Bindung zu haben scheint; für den Mann seine  Krankheit, die ihn von innen auffrisst; für beide die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation, die ihnen ihre Kraft raubt. Hautnah und ekelhaft physisch.. nackte leidende Körper und kranke Körperflüssigkeiten schaden dem Film (nur 66 Minuten) nicht, doch braucht man eine Weile zum Verdauen und nochmal würde ich ihn mir nicht ansehen.. – 3

Nagima (Zhanna Issabayeva): eines meiner Highlights im Forum, über das ich im Interview mit Zhanna Issabayeva mehr zu den Hintergründen erfahren konnte. Es geht um Nagima, ein kasachisches Mädchen, die mit 18 Jahren aus einem Kinderheim entlassen wird und von da an mit ihrer schwangeren „Schwester“ Anya in einer Bruchbude zusammenlebt. Als Anya im Kindbett stirbt, kümmert sich Nagima um ihr Baby und wie in PARASITE wird das Kind zur Belastung und zu einem Wesen ohne Zukunft in dieser lieblosen Umgebung. Filmisch erscheint Nagima immer als Nebensache, Bilder warten ruhig, bis sie hereinkommt und wieder herausgeht, die Kamera folgt ihr nie direkt. Ein Film über Einsamkeit und Lieblosigkeit und die emotionalen Konsequenzen. Mit wenigen Gesten und Worten hat Dina Tukubayeva eine unglaubliche Präsenz auf der Leinwand. – 1

Nagima von Zhanna Issabayeva © Berlinale

Padurea e ca muntele, vezi? (Christiane Schmidt, Didier Guillain): Bei einer Reise durch Rumänien lernten Christiane Schmidt und Didier Guillain die Bewohner eines Roma-Dorfs kennen und blieben eine Zeit bei ihnen, um an ihrem Leben in der rumänischen Provinz teilzunehmen. Irgendwann dann das Vorhaben, aus ihren Erlebnissen einen Film zu machen. Besonders schön war das Publikumsgespräch nach dem Film, bei dem auch die Familie anwesend war.. – 2-3

Retrospektive

Dirnentragödie (Bruno Rahn, 1927): zwei Prostituierte leben in einer gemeinsamen Wohnung, die ältere lernt einen jungen Mann kennen, der in einer Lebenskrise bei ihr Zuflucht sucht. Sie malt sich mit ihm eine rosige Zukunft aus, die jedoch jäh zerstört wird, als ihre junge und schöne Mitbewohnerin den Mann verführt und mit ihm verschwindet.. eine sehr tragische Tragödie, wunderbar untermalt von Maud Nelissens melancholischen und dramatischen Klavierspiel. Das Spiel mit Licht und Schatten verstärkt die Tragik der Hauptfigur und die fatale Entwicklung ihrer Geschichte – 2

Sono yo no tsuma, „That night’s wife“ (Yasujiro Ozu, Japan 1930): Spannende Verfolgungsgeschichte und Familientragödie. That night’s wife ist die Frau eines Mannes, der in einer düsteren Nacht eine Bank überfällt, um die Behandlung seiner kranken Tochter weiterhin zu bezahlen. Die Polizei kommt ihm auf die Schliche und durch Schattenspiele an der Wand, scherenschnittartige Umrisse auf Türen beginnt eine spannende Verflogungsjagd, die durch das Bangen um die kranke Tochter noch verschärft wird. Der Film zeigt, wie Beleuchtung und Schattierungen im Film eine eigene Sprache sprechen, ja eine Rolle innehaben und ist somit ein perfektes Exempel der Retrospektive: „Die Ästhetik des Schatten“. – 1

Stagecoach (John Ford, 1933): In einer Kutsche macht sich eine sehr heterogene Gruppe auf den Weg in Richtung Lordsburg.. Schöner Western mit John Wayne und Claire Trevor als „Misfits“ der Wildwestgesellschaft der 30er Jahre, die zum Schluss durch ihre charakterliche Integrität alle anderen in den Schatten stellen. – 2-3

The naked City (Jules Dessin, 1948): bereits von Jenni besprochen, ein Film über New York und die New Yorker mit einem köstlichen Kommentator aus dem Off.. – 1

The Docks of New York (Josef von Sternberg, 1928): bereits besprochen – 2

The Iron Mask (Allan Dwan, 1929): Das Bild unten sagt schon viel über die Ästhetik des Schatten in diesem Film aus. Doch neben den Schatten der Musketiere und den Umrissen versteckter Bösewichte ist mein schauspielerisches Highlight Douglas Fairbanks, dessen athletische Perfomance echt beeindruckt und sein heroischer Körper- und Gesichtsausdruck einfach zum Nachahmen einladen:) – 1

Courtesy of Photoplay Productions © 1999, Photoplay Productions

The Dawn Patrol (Howard Hawks, 1930): Einer der Fliegerfilme von Howard Hawks, in denen ein besonderes Augenmerk auf die Fliegerei im Krieg liegt und in diesem Fall auf die Tragik der Dawn Patrol, die in Sonnenaufgangsflügen beim Feind größtmöglichen Schaden anrichten sollen, aber offensichtlich eher einem Selbstmordkommando gleichen. Am Motorengeräusch der zurückkehrenden Flugzeuge zählt man die Überlebenden, die Namen der Toten werden von einer Tafel gewischt, wo jeden Tag neue Flieger hinzugefügt werden, um sie einige Tage später wieder auszuwischen. Die Sinnlosigkeit solcher militärischen Unternehmungen, aber auch das Heldenhafte, dass zum Bild eines Fliegers gehört, werden hier sehr eindrücklich präsentiert. – 2

Berlin – Symphonie einer Großstadt (Walther Ruttmann, 1927): Zum zweiten Mal habe ich mir die Symphonie mit Begleitung von Günter A. Buchwald in Berlin angesehen und war wieder überwältigt, von der gewaltigen Inszenierung der Dynamik einer Stadt, die nie stillsteht… Synchronität von Bild, Maschinen und Rhythmus der Musik kreieren ein neusachliches Werk, das die Sachlichkeit der Realität durch den industriellen Rhythmus von Arbeits- und Alltagsleben auf der Leinwand entstehen lässt. – 2

 

Katharina Hetze 

 

 

 

 

# 17: Berlinale 2014 im Radio (06.03.2014)

… über die Berlinale ist für alle Sinne etwas dabei:)

In den folgenden Links findet ihr Interviews und einen Abschlussbeitrag zur Berlinale. Gesendet im Morgenradio und in der Filmsendung „35mm“ bei Radio Dreyeckland.

Ausblick auf die Berlinale 2014

Berlinale 2014 – Ein ausgiebiges Fazit

Schlafen? Danach wieder! Die 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Viel Spaß beim Hören!

 

Katharina Hetze

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