2013 – Berlinale

Zwischen dem 07. Februar bis 17. Februar 2013 ist es wieder soweit:

Die Berlinale zeigt Filme, Filme und noch mehr Filme und wir werden live für euch bloggen über die Filmschaffenden, die Besucher, die einzelnen Sektionen und und und – natürlich vor allem über die Filme!

 

 

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#15: Die Bären (16.02.2013)

Jetzt ist also raus, welche Filme welche Preise gewonnen haben und welche leer ausgingen.

Die komplette Übersicht über die Preisträge gibt’s hier. Es wird immer viel diskutiert im Vorfeld unter Journalisten und Zuschauern. Und immerwieder zeigt sich, dass bei allem Können und Wissen der professionellen Journalisten die Wahrnehmung und Rezeption von Filmen letzten Endes doch auch subjektiv geprägt ist. Dementsprechend unterschiedlich fallen die Kritiken aus und dementsprechend kann eben höchstens diskutiert werden. Wirkliche Prognosen sind nicht sinnvoll.

Ganz generell hat die internationale Jury um Wong Kar-Wai sehr gekonnt und diplomatisch entschieden. In den letzten Tagen haben sich drei Filme herauskristallisiert, die sich berechtigte Hoffnungen auf den Goldenen Bären machen konnten. Zum Einen die beiden Filme, in denen jeweils eine starke Frau Ende 50 im Mittelpunkt stand, wenn auch in ganz Unterschiedlichem Kontext. “Gloria“, ein chilenischer Beitrag, und „Child’s Pose“ aus Rumänien (sehr treffend hier die Synopse). Als dritter im Bunde gesellte sich gestern noch „Harmony Lessons“ aus Kasachstan hinzu.

Sehr wahrscheinlich war, dass einer der beiden „Frauenfilme“ wohl den Goldenen Bären gewinnt und der andere den Silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin, denn beide Filme sind eindrucksvoll und ziehen dies vor allem aus der Leistung ihren Hauptdarstellerinnen (Stichwort One-Woman-Show). So kam es dann auch: Paulina García gewinnt für ihre Gloria den Hauptdarstellerinnenpreis, die Macher von „Child’s Pose“ durften den Goldenen Bären entgegennehmen. Während die meisten Preisträger „I don’t know what to say“ ins Mikro murmelten, um umgehend einen Zettel aus der Jackettasche zu ziehen, auf denen die Namen derer standen, denen nun gedankt werden soll („My lovely friend and director“, „My wife“, etc.), hielt die Produzentin von „Child’s Pose“ eine seltsam unemotionale, fast schon wütende Rede, in der sie unter Anderem denen dankte, die sie in der Vergangenheit kritisiert hätten, denn diese hätten sie nur noch stärker gemacht. Und sie dankte den Frauen vor und hinter der Kamera, den eigentlichen Gewinnern dieser Berlinale. Das kann man in der Tat so und wirklich ironiefrei unterschreiben.

„Harmony Lessons“ zeichnete sich auch vor allem durch seine Bildsprache und –anordnung aus, auffallend war die extrem ruhige und streng symmetrische und von geometrischen Formen wie Fenstern oder Schultafeln eingerahmte Bildgestaltung, die den Film entscheidend mitprägen. Dementsprechend ist der Silberne Bär für herausragende künstlerische Leistungen auch die richtige Auszeichnung.

Viel wurde unter den Zuschauern diskutiert, wie die Jury denn mit Jafar Panahis „Pardé“ umgehen wird. Der Hauptpreis wäre gerechtfertigt gewesen, die Auszeichnung dann allerdings nicht frei von politischen Beweggründen und sie würde somit künstlerisch anspruchsvollere oder andere wertvolle Filme eventuell in den Hintergrund drängen. Eine Nebenkategorie wie z.B. der Alfred-Bauer-Preis zur Eröffnung neuer Perspektiven der Filmkunst würde die Produktionsbedingungen und die Lebenssituation Panahis nicht ernst nehmen. So gab es den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch. Das ist eine keineswegs unbedeutende Kategorie und belohnt Panahi und Kamboziya Partovi für die ungewöhnliche und beeindruckende Erzählstruktur. Auch das eine sehr gute Entscheidung.

A propos Alfred-Bauer-Preis. Der ging an „Vic+Flo haben einen Bären gesehen“  (was da schon für Wortspiele gemacht wurden, auch der Regisseur konnte es sich nicht verkneifen, als ihm die Trophäe überreicht wurde). Dieser Film wurde so gespalten aufgenommen, wie kein zweiter im diesjährigen Wettbewerb. Von höhnischem Gelächter bis hin zu überbordender Begeisterung. Ein Kommentar hierzu fällt schwer. Nachdem sich in der Pressevorführung 30 Sekunden nach dem obligatorischen Berlinale-Trailer der Kollege zur Linken in den Schlaf flüchtete und der Kollege eine Reihe weiter hinten im 2-Minuten-Takt nicht nur umständlich mit seiner Regenjacke raschelte, sondern dazu auch noch herzhaft gähnte, spielte der Autor dieser Zeilen seinen einzigen Joker im Wettbewerbsmarathon aus und verließ nach 40 endlos wirkenden Minuten, in denen unter Anderem blaue Kinderplanschbecken durch kanadische Wälder getragen werden, den Kinosaal, nicht wissend, ob er lachen oder weinen soll.

Anyway, bei allem Gemecker und trotz mancher Enttäuschung: Es war natürlich wieder großartig, von 9.00 morgens bis 9.00 abends im Kino zu sitzen, Filme zu sehen, die man sonst nie gesehen hätte, Leute aus aller Welt kennen zu lernen, Matt Damon zu sehen und, und, und. Hat wieder großen Spaß gemacht. Hoffentlich bis zum nächsten Jahr!

NACHTRAG: Beispiel für die typische Berlinale-Berichterstattung gefällig? Hier eine, sagen wir, kritische Würdigung des Wettbewerbs von Jan Schulz-Ojala.

 

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#14: Die Preise sind vergeben! (16.02.2013)

Die Preise sind vergeben!

 

Die 63_Berlinale_Preisliste könnt ihr euch hier downloaden.

 

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#13: Was heißt schon filmisch? (16.02.2013)

Die beiden Filme, die hier unfreiwillig aufeinanderfolgend in meinem Programm standen, haben auch unfreiwillig eine interessante Kombination ergeben. Es handelt sich weder um Spielfilme, noch um Dokumentarfilme – es sind Zwitterwesen. Beide Werke erzählen aus dem Off eine Geschichte, lassen mehrere Charaktere sprechen, dazu werden unterschiedliche Materialien gezeigt (zumindest bei BELLEVILLW BABY): Photos, Found Footage, dokumentarisch und spielerisch Inszeniertes.

BELLEVILLE BABY (Mia Engberg), Panorama Copyright @ Berlinale
BELLEVILLE BABY (Mia Engberg), Panorama
Copyright @ Berlinale

Auch BELLEVILLE BABY beginnt mit Audiomaterial, bevor wir irgendetwas zu sehen bekommen. Mia und Vincent telefonieren, Vince, kürzlich nach 10 Jahren wegen Mordes aus dem Gefängnis entlassen, möchte sich von Mia – seiner früheren Partnerin – Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit erzählen lassen. Bebildert werden die Gespräche mit Photographien, Handykameraaufnahmen, usw. – es dauert eine Weile, bis man sich an das Tempo gewöhnt, an die Narration. Vince kommt aus einem ärmeren Banlieu und verdient sein Geld im Drogenmilieu, Mia passt da nicht so richtig rein, scheint aber in diese fremde Welt hineinschnuppern zu wollen, ist politisch aktiv und interessiert. Er ist der pragmatische, handfeste Macher, sie die idealistische, naive Beobachterin. Beide wissen das und ziehen sich damit auf, werfen sich Dinge vor, reizen einander. Der Film ist eine Mischung aus diesen beiden Charakteren (die selbst praktisch nie gezeigt werden, nur einmal wird Mia gefilmt), auch visuell. Man sieht aus Vinces Perspektive, wie er Leute beobachtet, wie er sie verfolgt, usw. Das wird montiert mit Reportageberichten über die Aufstände in den Banlieus 2005, mit Sarkozys Kärcher-Zitat und Homevideos der gemeinsamen Katze und Mias Tochter. Das Politische befindet sich hier im Privaten, genauso wie Vorurteile und Stereotype. Inhalt und Bilder korrespondieren harmonisch miteinander – trotzdessen, dass der Dialog außerhalb der Bilder stattfindet und auf diese Weise mit Film, Dialog, Drehbuch, Montage und bewegten Bildern gespielt wird. Vielleicht regt er deshalb so sehr dazu an, Gesagtes und Gezeigtes dermaßen stark zu hinterfragen.

 

 

Ganz anders – und leider auch viel langatmiger und so offensichtlich gewollt symbolisch, das alle Symbolkraft verloren ging –  war danach LE MÉTÉORE (Francois Delisle, Kanada 2013).

Dany Boudreault (LE MÉTÉORE) © Films 53/12
Dany Boudreault (LE MÉTÉORE)
© Films 53/12

Auch hier haben wir es mit einem Gefängnisinsassen zu tun. Pierre sitzt aber noch, er hat im Drogenrausch eine Frau angefahren, dabei getötet und Fahrerflucht begangen. Aus dem Off erzählt er, wie es ihm geht, was er tut und denkt über seine Vergangenheit und Zukunft nach. Weitere Personen kommen zu Wort: Pierres Mutter, ein Gefängniswärter, Suzanne (die Ex-Freundin), und ein Kleinkrimineller – alles kommentieren ihre derzeitige Situation in Verbindung mit Pierre.

Dazu gibt es kleinere Sequenzen mit einem Adler, der eine Erkennungsmarke an seinem Bein hat – also auch ein Gefangener. Daneben wurde ein gähnender, schlafender Koyote gefilmt, weil, so der Regisseur, dies die Langeweile und Müdigkeit des Gefängnisinsassen Pierre wiederspiegeln würde. Der ganze Film ist mit kirchlicher Orgelmusik unterlegt und fordert dadurch gerade noch weiter auf, die angeblich subtile Symbolträchtigkeit zu unterstützen. Nach dem Film sprach der Regisseur Delisle davon, dass wir uns alle in einer Art Gefängnis befänden und er deshalb das Gefängnis als Symbol verwendet habe.

Anders als bei BELLEVILLE BABY wurde der Filme hier klar inszeniert, es gibt auch  keine Materialkombination. Beeindruckt hat mich die Kameraarbeit, aber selbst hier wurden die Ausschnitte so künstlich gewollt symbolträchtig gewählt, dass dies sehr nervig wirkte – positiv könnte man jedoch anmerken, dass genau dies herrlich mit dem Text korrespondierte, des ebenfalls überbordend überladen war mit pseudo-Aphorismen.

 

In beiden Filmen wurden die Grenzen des Filmischen ausgelotet, durch ihre ganz eigenen experimentellen Arten. Dass ich beide Filme, die so ähnlich waren und doch unterschiedlicher nicht sein könnten, direkt hintereinander gesehen habe, war ein Glücksfall – so erlebt man auf Festivals immer wieder phantastische visuelle Intertextualitäten zwischen Filmen, die man sonst vielleicht gar nicht entdecken würde.

 

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#12: Umkämpftes Forum (16.02.2013)

Das Forum besticht ja meist durch eine visuell, wie inhaltlich sehr differenzierte Auswahl.  Während des letzten Forumstages für die Presse wurde überall gekämpft – mit bösen Geistern, Naturkatastrophen und Lebenspartnern. Auch wenn die üblichen Verdächtigen seit Jahren immer wieder in dieser Sektion zu finden sind, wie James Benning, gibt es zum Glück auch jedes Jahr Filme, die so richtige Festivalfilme sind, die man nur hier sieht, da sie es oft leider nicht in ein Kino schaffen, weil sie keinen Verleih finden oder aus anderen Gründen.

THE BATTLE OF TABATO (Joao Viana, Guinea-Bissau 2013)

Mamadu Baio (A batalha de Tabatô), Forum Copyright @ Berlinale
Mamadu Baio (A batalha de Tabatô), Forum
Copyright @ Berlinale

Der Film beginnt sehr unfilmisch, doch – da sehr häufig verwendet – schon fast wieder konventionell mit Ton und lässt das bewegte Bild erst nach einigen Minuten die Leinwand erhellen. Wie erfahren von den Mandinka, einer westafrikanischen Ethnie, die auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken kann und vor 4500 Jahren – so die Erzählerstimme – den Ackerbau in Guinea-Bissau erfand. Der Film stellt in seinem Mikrokosmos dar, was mit dem afrikanischen Kontinent in seiner Menschheitsgeschichte geschah: Er erzählt von Krieg, Kindersoldaten, vergossenem Blut, Kolonisation, den Geistern der Vergangenheit (so beispielsweise der „old war spirit“ eines der Protagonisten, der mit diesem Geist/der Kriegserfahrung nicht zurecht kommt). Es ist ein sehr unzugänglicher Film für einen sogenannten westlichen Zuschauer, der viele Anspielungen nicht versteht und so wirkt der Film leider fremd und unverständlich – die Bilder lassen vermuten, dass mehr dahinter steckt, dass in jeder Szene auf einen bestimmten Aspekt gedeutet wird, als man erkennen kann und weiß. Die Inszenierung ist theatralisch, Mimik und Gestik werden nicht nur sparsam eingesetzt, sondern sind im Grunde nicht vorhanden. Eine Einführung oder nachträgliche Diskussion hätte viele Fragen beantworten und so zumindest ansatzweise das Verständnis für den Inhalt erweitern können.

 

SENZO NI NARU (Kaoru Ikeya, Japan 2013)

Naoshi Sato (SENZO NI NARU), Regie: Kaoru Ikeya, Forum © Hiroko Masuike
Naoshi Sato (SENZO NI NARU), Regie: Kaoru Ikeya, Forum
© Hiroko Masuike

Nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami im März 2011 in Japan begleitet der Dokumentarfilmemacher Kaoru Ikeyai den positiv in die Zukunft blickenden und fast 80jährigen Naoshi Sato in seinem Kampf für den Wiederaufbau – nicht nur seines eigenen Hauses, sondern des gesamten Dorfes. Es geht hier nicht nur um Material, Infrastruktur, die aufgebaut werden muss, sondern vor allem um das soziale Netzwerk einer Gemeinde an einem Ort, an dem zumindest Naoshi Sato geboren und aufgewachsen ist und wo die Geister seiner Vorfahren (auch der seines während des Tsunami verstorbenen Sohnes) leben.

Immer wieder wird sehr deutlich, dass der Protagonist alt und zerbrechlich ist und gerade deshalb überrascht er mit seiner sehr pragmatischen, in sich ruhenden und gutmütigen Art, er respektiert seine Umgebung – dazu gehören die Erde und die Natur genauso wie seine Nachbarn. Gleichzeitig verlässt ihn seine Frau, weil er nichts anderes mehr tut, als für den Wiederaufbau zu kämpfen, sein Sohn ertrinkt in den Fluten und seine Schwiegertochter zieht wieder zu ihrer eigenen Familie. Aber die Geister seiner Vorfahren und er schauen am Ende dem Sonnenaufgang entgegen – in einem neuen Haus am alten gewohnten Ort.

 

MO SHENG – FORGETTING TO KNOW YOU (Quang Ling, China 2010)

Chen Xuesong (MO SHENG), Forum Copyright @ Xstream Pictures
Chen Xuesong (MO SHENG), Forum
Copyright @ Xstream Pictures

Der wirklich dämliche englische Untertitel führt in eine vollkommen falsche Richtung. Es geht hier keinesfalls um ein Ehepaar, das sich langsam auseinanderlebt oder gar vergessen hat, dass es sich einmal geliebt hat. Der Untertitel impliziert eine Narratologie, die im Film so nicht ausgearbeitet wird – wir befinden uns zu Beginn des Films bereits in der Situation, dass keine Kommunikation zwischen den Eheleuten mehr stattfindet. Das tut jedoch weder der Geschichte, noch den Bildern etwas ab. Es ist genau das, was den Film spannend und außergewöhnlich macht: Viele Drehbücher hätten sich auf die Geschichte „davor“ gestürzt, erzählt, wie es zur Entfremdung kommt und vielleicht mit einem offenen Ende ein Fazit gezogen. Dieses Werk setzt aber genau hier ein:

Es hat sich offensichtlich nicht nur Langeweile ausgebreitet, sondern eine Genervtheit der Eheleute, die sich nicht nur in kleinen Sticheleien im Alltag zeigt, sondern bis hin zur sexuellen Gewalt, bis zur öffentlichen Demütigung geht. Es wird mit Eifersucht gespielt, dessen Reaktion jedoch mehr davon zeugt, dass keine Eifersucht mehr vorhanden ist und eigentlich nur noch der Ruf im Freundeskreis und unter Nachbarn dazu anregt, sich über eventuelles Fremdgehen zu ärgern. Und da ist auch noch die gemeinsame Tochter – oder doch nicht? Lieber einen Vaterschaftstest machen … Der Film zeigt unheimlich eindrücklich, wie das Unvermögen, sich einzugestehen, dass man sich wirklich nichts mehr zu sagen hat, mehrere Leben zu zerstören droht. Großartige Schauspieler!

Der Film ist bereits zwei Jahre alt, das Erstlingswerk einer jungen Erzählerin von Kurzgeschichten, die dafür auch bereits mit einigen Preisen überhäuft wurde. Da darf man sicher gespannt sein, was da noch kommen mag.

 

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#11: Feierabend (16.02.2013)

Gestern war Abschluss des Wettbewerbs und gleichzeitig neigt sich das Festival ganz dem Ende zu. Die ersten Preise sind schon vergeben und in ein paar Stunden ist dann auch bekannt, wer das Rennen gemacht hat um die diesjährigen Bärentrophäen.

Elle s’en va, der als letzter Beitrag vorgestellt wurde, wird es mit 100%-iger Sicherheit nicht werden. Catherine Deneuve ist darin eine Frau Ende 50, die mit ihrem jetzigen Leben nicht zufrieden ist (so was hatten wir bereits, z.B. in „Gloria“). Ohne Ehemann dafür aber gestresst vom Job und gestresst von der bemutternden Mutter, die ihr verbietet zu rauchen steigt sie ins Auto, um Zigaretten zu besorgen. Doch wie das Leben so spielt, ereignen sich auf dem länger und länger werden Weg viele Zufälle und Erlebnisse, die ihr schlussendlich neuen Mut, neue Lebensenergie und neues Glück bringen (so was hatten wir bereits).

Bei „Gloria“ und „Child’s Pose“ hat man sich gewundert, warum einen diese großartigen Filme  begeistern, zumindest aber faszinieren können, wo man doch eigentlich nicht so richtig zur Zielgruppe gehört bei Filmen über starke Frauen über 50, die ihr Leben ordnen (s. a.: -> Leitmotiv der 63. Berlinale). Bei Elle s’en va  denkt man sich nach 10 Minuten, dass man eigentlich nicht so richtig zur Zielgruppe gehört, denn Catherine Deneuve als starke Frau über 50, die ihr Leben ordnet, ist völlig uninteressant, langweilig und der Film völlig redundant. Catherine Deneuve  alias Betty (starke Frau usw.) war früher mal Miss Bretagne und richtig schön. Heute muss sie sich von ihrem jugendlichen Liebhaber fragen lassen, warum sie eigentlich noch nicht in Rente sei und sie muss sich von ihrem verzogenen Enkel an den Kopf werfen lassen: „Du bist ja eh schon 75 oder so was“ und  ein Modefotograf weist sie darauf hin, bitte den Kopf anzuheben, wegen des Doppelkinns. Außerdem will ihre Tochter nichts mehr von ihr wissen, obwohl Betty es sich so sehr wünscht (so was hatten wir übrigens bereits). Das alles nagt an Betty und deswegen stellt sie sich in den Regen und verdrückt ein paar Krokodilstränen, bevor sie ins Auto steigt, um einfach abzuhauen. Ohne etwas zu verraten, was nach 10 Minuten nicht ohnehin klar wäre: Am Ende wird alles gut und die Sonne schimmert wärmend durch die Kastanienblätter.

Achso, Männer kommen auch vor in diesem Film. Die sehen alle gut aus, sitzen mit Baskenmütze vor schönen französischen Steinhäusern unter einem Baum und trinken Rotwein bzw. spielen Akkordeon (s.a.:  -> Camembert-Werbung).

Nein, das war überhaupt nichts. Jens Balzer schrieb im Zusammenhang mit einem anderen ebenfalls unmöglichen Wettbewerbsfilm von Divenvehikel für Juliette Binoche. Same here – nur eben für Catherine Deneuve.

Es war der letzte Beitrag im Wettbewerb und das ist auch gut so. Es reicht jetzt dann allmählich. Elle s’en va  hat im Wettbewerb der 63. Internationalen Filmfestspiele nichts verloren, er hat eigentlich auf einem solchen A-Festival, das nach Eigendefinition das Filmfenster zur Welt öffnen möchte und Diskurse und Diskussionen anregen will, generell nichts verloren. Ein netter Film fürs Sommerkino war das. Den kann man dann überschreiben mit “ ’Eine lebensbejahende Tragikkomödie aus Frankreich mit einer nach wie vor bezaubernden Catherine Deneuve’ (Bild der Frau)“.

Die Berlinale sollte ein bisschen schauen, dass sie die Filmkunst nicht zu stark ihren selbst auferlegten Leitlinien wie der filmischen Thematisierung und Verarbeitung von Emanzipation oder Homosexualität unterordnet, denn dann hätten sich z.B. Filme wie  Elle s’en va oder Camille Claudine 1915 fürs Festivalprogramm erledigt. Man darf gespannt sein auf die Berichterstattung – die ohnehin (über)kritische Filmpresse rund um die Berlinale wird schon längst die Messer wetzen. Der ganze Wettbewerb war im Schnitt eher mau. Viele Filme, die „ok“ waren, auch irgendwie interessant, aber nicht herausragend, keine Highlights eben, von Meisterwerken ganz zu schweigen.

Zum Abschluss und kurz vor der Bärenverleihung nun noch das offizielle Fazit der Highnoonjury in Form eines Bärometers in Anlehnung an die täglichen Rankings des Tagesspiegels und der Berliner Zeitung. Um in diesen schweren Zeiten nicht in eine Plagiatsaffäre verwickelt zu werden, werden die Filme nicht alphabetisch und auch nicht nach Starttag aufgeführt sondern gleich schön gerankt:

Legende: **** herausragend  *** gut  ** annehmbar  * schlecht  X durchgefallen

Elle s’en va: XX
Vic + Flo haben einen Bären gesehen: X
Camille Claudine 1915: X
The Necessary Death of Charlie Countryman: *
Promised Land: *
Gold: **
Side Effects: **
Layla Fourie: **
A Long and Happy Life: ***
An Episode in the Life of an Iron Picker: ***
Harmony Lessons: ***
Prince Avalanche: ***
In the Name of…: ***
La Religieuse: ***
Child’s Pose: ***
Nobody’s Daughter Haewon….: ***

Paradies: Hoffnung: ****
Pardé: ****
Gloria: ****

 

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#10: Caligari-Preisverleihung 2013 (16.02.2013)
Zum 28. Mal vergibt der Bundesverband Kommunale Filmarbeit (hier ist auch der aka Mitglied und vergibt damit auch den Preis mit) gemeinsam mit dem Kinomagazin FILM-DIENST den Caligari-Filmpreis.
Der Preis geht an einen stilistisch wie thematisch innovativen Film aus dem Programm des Berlinale Forums. Damit soll auch die besondere Bedeutung dieser Sektion der Internationalen Filmfestspiele Berlin für die kulturelle Kinoarbeit gewürdigt werden.
Die von den Kommunalen Kinos und dem FILM-DIENST gestiftete Auszeichnung ist mit 4.000 Euro dotiert. Der Preisträger/die Preisträgerin erhält 2000 Euro, die andere Hälfte des Betrages wird für Werbemaßnahmen verwendet, um weitere Kinoaufführungen in Deutschland zu begleiten.
2011 konnte die Firma Trikoton als Sponsor eines ungewöhnlichen Preises dazugewonnen werden.  Das junge Modelabel aus Berlin stiftet eine Decke aus ihrer „Voice Knitting Collection“, in die Partitur-Auszüge der Komposition Guiseppe Becces zu dem expressionistischen Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ eingestrickt sind.
Die Vorstellung des Caligari-Preises von TRIKOTON - The Voice Knitting Collection durch die Mitbegründerinnen Magdalena Kohler (links) und Hanna Wiesener (rechts) Copyright © Jennifer Borrmann
Die Vorstellung des Caligari-Preises von TRIKOTON – The Voice Knitting Collection durch die Mitbegründerinnen Magdalena Kohler (links) und Hanna Wiesener (rechts)
Copyright © Jennifer Borrmann
Die Vorstellung des Caligari-Preises von TRIKOTON - The Voice Knitting Collection durch die Mitbegründerinnen Magdalena Kohler (am Mikrofon) und Hanna Wiesener (rechts) Copyright © Jennifer Borrmann
Die Vorstellung des Caligari-Preises von TRIKOTON – The Voice Knitting Collection durch die Mitbegründerinnen Magdalena Kohler (am Mikrofon) und Hanna Wiesener (rechts)
Copyright © Jennifer Borrmann
Der Caligari-Filmpreis-Gewinner 2013: Cesar Oiticica Filho („Hélio Oiticica“, Brasilien 2012) mit der Caligari-Preis-Decke von TRIKOTON Copyright © Jennifer Borrmann
Der Caligari-Filmpreis-Gewinner 2013: Cesar Oiticica Filho („Hélio Oiticica“, Brasilien 2012) mit der Caligari-Preis-Decke von TRIKOTON
Copyright © Jennifer Borrmann

Der Caligari-Filmpreis 2013 geht an:

„Hélio Oiticica“,

Cesar Oiticica Filho, Brasilien 2012

(gleichzeitig hat der Film auch den diesjährigen FIPRESCI-Preis für die Sektion Forum gewonnen)

links: Cornelia Klauß (Medien- und Kulturpolitische Sprecherin des Bundesverbandes Kommunale Filmarbeit) Die Caligari-Jurymitglieder (v. l. n. r.): Esther Buss (FILM-DIENST) Lena Martin (Filmkreis, Darmstadt) Jutta Beyrich (Filmkuratorin, Wiesbaden) Copyright © Jennifer Borrmann
links: Cornelia Klauß (Medien- und Kulturpolitische Sprecherin des Bundesverbandes Kommunale Filmarbeit)
Die Caligari-Jurymitglieder (v. l. n. r.):
Esther Buss (FILM-DIENST)
Lena Martin (Filmkreis, Darmstadt)
Jutta Beyrich (Filmkuratorin, Wiesbaden)
Copyright © Jennifer Borrmann
Jurybegründung:

 

Ganz im Sinne Jack Smiths muss man „Hélio Oiticica“ einen flammenden Film nennen. Die Found-Footage-Montage von Cesar Oiticica Filho, Neffe des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica, ist eine rauschhafte Erzählung aus Bildern, Bewegungen und Texturen, aus Farben, Rhythmen und Tönen, die Oiticicas Grenzgängertum – zwischen Kunst und Film, zwischen Malerei, Skulptur und körperlicher Erfahrung – zu ihrem zentralen Gestaltungsprinzip macht. Unterschiedliche, teils heterogene Medien und Materialien treffen aufeinander und werden organisch miteinander verwoben, von Film- und Tonarchivaufnahmen über Fotografien bis hin zu Skizzen und Zeichnungen, vom groben Korn des Filmbildes mit seinen Kratzern und seinem wilden Geflackere bis hin zu den glatten Oberflächen digitaler Bildmedien. „Hélio Oiticica“ ist ein musikalischer Film und nicht nur, weil in ihm wunderschöne Musik zu hören ist: er ist bestimmt von Rhythmen und Tempowechseln, mal fließt er dahin, dann wieder produziert er einen kaum zu bändigenden Überschuss; so werden rasante Schnittfrequenzen aus Standbildern mit fluiden Kamerafahrten durch Räume und Installationen des Künstlers abgewechselt. Der schillernde Erzähler des Films ist dabei Hélio Oiticica selbst. Ebenso wie der Künstler die Malerei in den Raum erweiterte und Körper in Skulpturen verwandelte, geht auch seine Erzählung über die Grenzen einer Künstlerbiographie weit hinaus. Die Slums von Rio de Janeiro, die Tropicália-Bewegung als Gegenentwurf zur repressiven Politik der Militärdiktatur, künstlerische Produktivität in London und die Kunst des Müßiggangs in New York: Oiticica streift das urbane Leben ebenso wie die brasilianische Musik- und Filmszene und den New Yorker Underground. Und er berichtet mitunter geradezu entfesselt von seinen vielfältigen Interessen, Einflüssen und Begegnungen, von der Schönheit und Gefahr der Straße – eine „sexuelle Initiation“ – , von Samba, Kokain, Jimi Hendrix’ intensiver Beziehung zu seiner E-Gitarre, von Karnevalsumzügen, den labyrinthischen Architekturen der Favelas, dem Navigationssinn der Ameisen. „Hélio Oiticica“ ist anti-akademische (Kunst)geschichtsschreibung und eine Absage an freudlose kuratorische Verwaltungsarbeit. Seiner kreativen Praxis gab der Künstler zuletzt den Namen „Delirium Ambulatório“. Was immer das bedeuten mag: „Hélio Oiticica“ ist eine Einladung, sich davon infizieren zu lassen.

 

Der Caligari-Filmpreis-Gewinner 2013: Cesar Oiticica Filho mit einem Teil des FIlmteams Copyright © Jennifer Borrmann
Der Caligari-Filmpreis-Gewinner 2013:
Cesar Oiticica Filho mit einem Teil des FIlmteams
Copyright © Jennifer Borrmann

 

 

The Caligari Film Prize, presented by the German Association of Municipal and Cultural Cinemas in cooperation with the German magazine FILM-DIENST, will be awarded for the 28th time in 2013.

 

The Caligari Film Prize is conferred annually to a stylistically and thematically innovative film screened at the Berlinale Forum. The award likewise acknowledges the special significance that this section of the Berlin International Film Festival has for cultural cinema.

Sponsored by the Municipal and Cultural Cinemas and FILM-DIENST, the Caligari Film Prize includes a €4,000 endowment, half of which is given to the award recipient while the other half is used to fund the distribution of the winning film in Germany.

Since 2011, the Trikoton company has joined us as a sponsor of a unique ancillary prize: the young and innovative Berlin fashion label awards a blanket from their „Voice Knitting Collection“ in which excerpts from Guiseppe Becce’s score to the expressionist silent film The Cabinet of Dr Caligari are knitted into the design.

 

The Caligari Film Prize 2013 goes to „

Hélio Oiticica“,

Cesar Oiticica Filho, Brazil 2012

 

Jury Statement:

Very much in the spirit of Jack Smith, „Hélio Oiticica“ really has to be called a flaming film. The found-footage cinematic mosaic by Cesar Oiticica Filho, the nephew of the Brazilian artist Hélio Oiticia, is a frenzied narrative of images, movements and textures, colors, rhythms and sounds. The film uses Oiticica’s position as a crossover artist – as one working between art and film, between painting, sculpture and physical experience – as its central formal principle. Different, in part heterogeneous materials and media collide with one another and organically intertwine – from film and sound archive material to photographs, from sketches and drawings to scratchy and wildly flickering grainy frames of film and the smooth surfaces of digital visuals. „Hélio Oiticica“ is a musical film, and not just because beautiful music is to be heard in it: the film itself is determined by rhythms and tempo changes. The film sometimes just flows along only to revert once again into a barely controllable overabundance as fluid tracking shots through rooms and installations by the artist alternate with rapidly cut sequences of still images.

The lustrous narrator of the film is Hélio Oiticica himself. In the same way that the artist extends the painterly into the environment and transmutes the corporal into the sculptural, his narratives go far beyond the boundaries of an artist’s biography. The slums of Rio de Janeiro, the Tropicália Movement as an alternative to the repressive politics of the military dictatorship, artistic productivity in London, and the art of idleness in New York: Oiticica roams through urban life as well as the Brazilian music and film scene and the New York underground. And now and again he shares with literal abandon his multifarious interests, influences and encounters, telling of the beauty and dangers of the streets – a „sexual initiation“ – and of samba, cocaine, Jimi Hendrix’s intensive relationship with his electric guitar, carnival processions, the labyrinthine architecture of the favela, and of the navigational abilities of ants. „Hélio Oiticica“ is an anti-academic (art) historiography and a refutation of joyless curatorial administrative labor. Most recently, the artist has dubbed his creative method as „Delirium Ambulatório“ – whatever that might mean, „Hélio Oiticica“ itself is an invitation to get infected by it.

The jury members:
Esther Buss (FILM-DIENST)
Jutta Beyrich (Filmkuratorin, Wiesbaden)
Lena Martin (Filmkreis, Darmstadt)

 

 

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#9: And the Teddy-Award should go to … (13.02.2013)

VIKTOR UND VIKTORIA (Reinhold Schünzel, Deutschland 1933) aus der Retrospektive!

Hermann Thimig, Renate Müller (rechts | right) (VIKTOR UND VIKTORIA), Retrospektive Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Hermann Thimig, Renate Müller (rechts | right) (VIKTOR UND VIKTORIA), Retrospektive
Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Was ein Spiel der Geschlechter! Lange vor Peaches schafft es Viktoria als Performancekünstlerin ganz groß rauszukommen. Von 10 Mark am Abend auf 200 und von dem heimatlichen Berlin hinaus in die weite Welt nach London, Paris und Amsterdam. Bis dahin wartet jedoch harte Arbeit.

Der Film beginnt  mit einer langsamen Kamerafahrt im Warteflur für Schauspieler (und hier sei auch ausdrücklich auf die weibliche Form verwiesen – gewissermaßen essentiell für den Film) und Sänger (dito), eine Tür nach der anderen öffnet sich, immer wieder werden Talente abgewiesen, immer wieder schließen sich die Türen.

In einem der Zimmer spielt Viktor Hempel (Hermann Thimig) mit Blut, Schweiß und Tränen so grandios schlecht, dass man es geradezu schade findet, dass er nicht wieder den Romeo in Shakespeares „Romeo und Julia“ spielen darf oder den Wilhelm Tell, der so gut schießt, dass es das Publikum gleich zweimal sehen will. Der Komiker, der keiner sein mag, weil das Tragische angeblich so viel eindrücklicher sei, bringt einen zum Weinen (nicht nur, wenn er singt: „Komm doch bitte mit nach Madrid, …“).

Abgewiesen in der Schlange der Erfolgsuchenden wird auch die junge Susanne (Renate Müller) und die beiden werden durch Zufälle und gegenseitige Sympathie schnell Partner. Susanne wird so zu Viktoria – eine Frau, die einen Mann, der wiederum eine Frau spielt! Natürlich stößt den beiden allerhand Kurioses zu. Turbulent wird es vor allem, als sich der junge Engländer Robert (Adolf Anton Wilhelm Wohlbrück bzw. ab 1936 Anton Walbrook – der homosexuell, sogenannter „Halbjude“ und Gegner der NS-Diktatur war) in Susanne/Viktoria verliebt und das Spiel durchschaut.

Adolf Wohlbrück, Hilde Hildebrand, Renate Müller, Hermann Thimig, Fritz Odemar (VIKTOR UND VIKTORIA), Retrospektive Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Adolf Wohlbrück, Hilde Hildebrand, Renate Müller, Hermann Thimig, Fritz Odemar (VIKTOR UND VIKTORIA), Retrospektive
Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

 

Reinhold Schünzel hat hier ein ganz wunderbar komödiantisches Drehbuch geschrieben und einen Film inszeniert, der in erster Linie durch die beiden Hauptdarsteller, aber daneben auch besonders der Montage wegen, nicht nur den Teddy-Award, sondern auch zumindest den Preis für die männliche Hauptrolle erhalten sollte! Immer wieder werden Mensch und Tier parallel geschnitten, so wenn sich Susanne lautstark über irgendetwas echauffiert und sofort zu schnatternden Gänsen geschnitten wird.

Die Filmvorführung, so Hans Michael Bock in seiner Einführung, sei der erste Schritt zu den Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag am 7. November des Hamburgers. Der als ambivalent anzusehende Schünzel darf heute als einer der wichtigsten Komiker der Weimarer Republik gesehen werden – auch wenn die großen zeitgenössischen Filmkritiker wie Lotte Eisner und Siegfried Kracauer in ihren Büchern Schünzel und seine Filme für nicht erwähnenswert hielten. Ambivalent in Bezug auf Sex, Kriminalität, Politik und Kunst – Bis 1937 hatte Schünzel eine Sondererlaubnis, um unter der nationalsozialistischen Diktatur als sogenannter „Halbjude“ weiter arbeiten zu können. Das brachte ihm vor allem in Exil- und Emigrantenkreisen nicht nur Freunde ein. Doch immer wieder spielt der Regisseur mit ironischen Untertönen, die ihn zunehmend in Schwierigkeiten bringen. So verkleidete er in „Amphitryon – Aus den Wolken kommt das Glück“ die SS-Leibstandarte mit „griechischen“ Miniröcken – selbstredend nur wegen ihrer vorbildlichen Marschiererei!

1937 gelangte er in die USA, spielte dort vor allem kleinere Rollen in Filmen und kehrte 1949 wieder nach Deutschland zurück. Im September 1954 starb Reinhold Schünzel in München.

Bereits während der Vorstellung lachten viele im Kinosaal laut und herzlich, aber vor allem danach gab es den lautesten und stärksten Applaus, den ich bisher auf der Berlinale erlebt habe! Herzlichen Glückwunsch Reinhold Schünzel und Team!

 

 

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#8: Wettbewerb Tag 5 – Pardé (12.02.2013)

Jafar  Panahi, das muss man wissen, wenn man sich seine aktuellen Filme anschaut, darf eigentlich gar keine Filme mehr drehen. 2010 wurde er vom Iranischen Regime wegen Oppositionsarbeit zu 20 Berufsverbot und 6 Jahren Haft verurteilt. Derzeit ist das Verfahren in der zweiten Revision, solange steht Panahi unter Hausarrest und hat freilich Ausreiseverbot.

In seinem letzten Film „This is not a Film“ (2011) dokumentiert er einen Tag seines Lebens in Arrest und sein Drang, weiterhin Filme zu drehen, zur Not mit einem iPhone. Der Film verließ seinerzeit auf einem USB-Stick in einem Kuchen versteckt den Iran und konnte so auf den Filmfestspielen in Cannes 2011 der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Nun also sein neustes Werk. „Pardé“ (Closed Curtain) lief heute im Wettbewerb an. Wieder wurde im Vorfeld viel über die Produktion, den Dreh und das Setting des Films gerätselt. Wie kann das gehen? Weiterführende Informationen waren nämlich nicht bekannt. Diese Fragen klären sich aber schon in den ersten Sequenzen des Films.

Eine Villa am Meer, ein Schriftsteller und sein Hund. Der Schriftsteller, das kann man vorweg nehmen, wird in den gut 100 Minuten das Haus nicht verlassen, wie auch die Kamera das Haus nicht verlassen wird. Der Hund „Boy“ ist stets an seiner Seite. Und da der Schriftsteller offensichtlich Probleme mit der Obrigkeit hat, verbarrikadiert er sich regelrecht und verhängt die Fenster mit schwerem, lichtundurchlässigem Stoff.  Boy bringt ihm einen Tennisball zum Spielen, will zur Tür hinaus, darf aber nicht. Als der Schriftsteller eines Nachts das Hundeklo zum Müll bringt, steht plötzlich ein junges Paar in der Eingangshalle des Hauses. Sie gehen ins Schlafzimmer, antworten nicht auf seine Fragen. Der junge Fremde deutet an, dass seine fast ganz in schwarz gekleidete Schwester suizidgefährdet sei, dann verschwindet er wieder und lässt sie in der Villa zurück. Sie geht aufs Dach. Will sie sich umbringen? Mehrfach wird sowas angedeutet. Der Schriftsteller will sie loshaben, aber sie geht nicht. Plötzlich läuft Jafar Panahi als Jafar Panahi durchs Bild, er enthüllt Filmplakate, die verdeckt an den Wänden hängen. Die schwarze Unbekannte geht auf den Dachboden und entreißt dem arbeitenden Schriftsteller sein Manuskript. Denn schließlich sei dieses nutzlos.

So geht das die ganze Zeit. Ja, es dauert eine Weile, bis man sich an den Film gewöhnt hat. Man denkt und denkt und all das kommt einem erneut wie verquastes Spruchbandtheater vor, von dem man auf der 63. Berlinale ja so viel zu sehen bekommt. Irgendwann wird dem Zuschauer dann klar (man kann eigentlich nicht anders), dass diese Figuren, die in der Strandvilla eine seltsame Beziehung führen, metaphorische Bedeutung haben. Und dann entwickelt der Film eine Klarheit, die mit verquastem Spruchbandtheater nichts mehr zu tun hat und die auf erschütternde Art und Weise beeindruckt. In der Villa, in der Panahi vom Regime eingesperrt wird, geben sich Hoffnungslosigkeit, kreative Energie und Freiheitsdrang die Ehre, ringen miteinander. Panahi selbst, der Regisseur im grünen Hemd, kann die meiste Zeit höchstens moderieren. Er scheint von den Anwesenden ohnehin seltsam unbeeindruckt, fast schon, als sei er an sie gewohnt.

Der ganze Film ist mit metaphorischen Anspielungen voll bis unter die Haarspitzen. Das Handtuch, das Panahi am Ende, bevor er doch noch aktiv wird, zögernd wegräumt, ist nicht aus Zufall grün. Stichwort Grüne Bewegung. Die große Fensterscheibe zum Meer hin ist nicht nur aus Schutz vor Einbrechern vergittert. Und ganz zum Schluss schickt Panahi dann doch noch ein Symbol der Willenskraft an seine Zuschauer.

Man könnte den Film als Kammerspiel bezeichnen, aber das wäre blanker Hohn. Vielmehr ist „Pardé“ ein autobiografisches Psychogramm, in dem Panahi den Zuschauern schonungslos sein Innerstes offenbart und das unter engen, fast schon klaustrophobischen Bedingungen entstanden ist. Die verhängten Vorhänge sind nicht nur Sinnbild, sondern dienten bei den Dreharbeiten auch als Sichtschutz vor Polizei und Regime. In einer halbdokumentarisch Sequenz wird dann auch die Frage beantwortet, wie das eigentlich alles gedreht wurde.

Ein wichtiger Grund diesen Film zu machen, sei die Tatsache, dass man dadurch als Filmschaffender in Bewegung bleibt, so der Co-Regisseur und Darsteller Kamboziya Partovi. Für Panahi wolle er nicht sprechen, aber Einsamkeit und zum Nichtstun verdammt zu sein, keine Filme drehen zu dürfen – für ihn selbst, der von diesem Schicksal bislang verschont geblieben ist, wäre das eigentlich das Schlimmste. Und ja, auf Nachfrage, da könne es schon sein, dass man sich in schwierigen Phasen auch über den weiteren Fortgang des eigenen Lebens Gedanken mache. Ob nun Konsequenzen im Iran drohen? Bisher sei alles ruhig, aber man rechne mit Einigem, zumal Panahi ohnehin auf der Beobachtungsliste ganz oben steht. Es sei daher wichtig, dass der Film auf der Berlinale einem breiten Publikum vorgestellt werden kann, denn Öffentlichkeit bietet den Filmemachern auch Schutz vor dem iranischen Regime.

„Pardé“ ist zweifelsohne der bislang am meisten beeindruckende und intensivste Film des diesjährigen Wettbewerbs.

Eine lesenswerte Bestandsaufnahme der aktuellen Situation für Filmschaffende im Iran findet sich außerdem im Tagesspiegel vom 12.2.2013.

 

 

 

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#7: Retrospektive – THE WEIMAR TOUCH – Teil II (12.02.2013)

Es geht in der diesjährigen Retrospektive also auch um ein Stück deutscher Filmgeschichte, die häufig aus den Augen gelassen wird: um Exilfilm. Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler, Kameraleute, usw., die ab spätestens 1933 ins Exil gezwungen wurden dürfen hier nach langer Zeit – viele der Filme wurden kürzlich erst restauriert – wieder eine Aufführung erleben. Danke!

4. VARIATIONS

LE GOLEM (Julien Duvivier)
Der Golem erinnert in seiner Architektur vor allem an Das Cabinet des Dr. Caligari – die Straßenzüge, die Kamine der Häuser, Schrägen, Schattenspiele, das Unheimliche, fehlende rechte Winkel – es ist eine echte Variation des expressionistischen Kinos der Weimarer Republik. Der Film handelt von der jüdischen Bevölkerung unter Rudolph II., der im Film schon viel seines Verstandes verloren hat. Der Golem soll die Rettung bringen, aber nur der junge Rabbi kennt die Worte, um ihn zum Leben zu erwecken. So sind die Schergen des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches nicht nur hinter dem Golem her, sondern auch hinter dem Rabbi. Duvivier spielt mit den Einflüssen des Weimarer Films, jedoch zieht sich die Geschichte doch etwas in die Länge – aber allein wegen der Bilder darf man ruhig Sitzfleisch zeigen.

Ferdinand Hart (LE GOLEM), Retrospektive Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale
Ferdinand Hart (LE GOLEM), Retrospektive
Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale

 

 

CAR OF DREAMS (Graham Cutts, Austin Melford)
Die britische Komödie (mit einer phantastischen Grete Mosheim, die wie so viele Exilanten, außer für berufliche Termine nicht mehr nach Deutschland zurück kam), die ein echtes Schmuckstück der Retrospektive ist, zeigt große Analogien zu Gehard Lamprechts EINMAL GROSSE DAME SEIN. Eine junge Dame möchte einmal in ihrem Leben über ihre Verhältnisse hinaus leben, genießen, was sonst nicht zu genießen ist und lernt dabei – wie sollte es anders sein – ihre große Liebe kennen. Es wird gesungen, getanzt und die Ähnlichkeit zu den früheren Musikfilmen ist nach dem Verbot der Tonfilm-Operette in den 1930ern im Dritten Reich erstaunlich. Diese Filmkopie von Lamprecht verdanken wir der Murnau-Stiftung.

Norah Howard, Robertson Hare (CAR OF DREAMS), Retrospektive © ITV Studios Global Entertainment/Park Circus
Norah Howard, Robertson Hare (CAR OF DREAMS), Retrospektive
© ITV Studios Global Entertainment/Park Circus
Gretl Theimer, Käthe von Nagy (EINMAL GROSSE DAME SEIN), Retrospektie Quelle: Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Gretl Theimer, Käthe von Nagy (EINMAL GROSSE DAME SEIN), Retrospektie
Quelle: Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

 

M (Joseph Losey)
Tja, was soll man dazu sagen? Einen Versuch war es wohl wert.
Die Einführung machte Harold Nebenzal, 90 Jahre alt und Produzent bei dieser amerikanischen Version von „M“. Das war wundervoll und einmalig – das war aber fast das einzige an dieser Vorführung, was ich als beeindruckend zu beschreiben vermag. Nebenzal stammt aus einer bekannten deutschen Produzentenfamilie, sein Vater und Großvater, waren bereits in der Weimarer Republik tätig. Übrigens hat Robert Aldrich (Whatever happened to Baby Jane?, Das dreckige Dutzend) die Regieassistenz übernommen.
Inhaltlich, wie vor allem auch ästhetisch kommt der Film um Längen nicht an Fritz Langs Original heran. Ich habe gar nichts gegen Remakes, aber dieses ging mal wirklich in die Hose. Das Setting sind nun die 1950er Jahre in LA, anstatt das Berlin der 1920/30er. Gerade das wichtige Element, die Parallelschnitte zwischen der Polizeisuche nach dem Kindsmörder und der Verfolgung durch die Gangster, die Gegenüberstellung zweier Rechtssysteme, Legalität und Illegalität, kommen in dieser Version leider völlig abhanden. David Wayne gibt alles, doch durch die Pseudopsychologisierung mittels des Drehbuchs wirkt seine Figur des Mörders, im Vergleich zu Peter Lorres Charakter langweilig. Die Gangster sind nicht Film Noir genug, um wenigstens eine auf die Weimarer Republik zurückgehende Wirkung entfalten zu können… Schade.

David Wayne, Janine Perreau (M), Retrospektive Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale
David Wayne, Janine Perreau (M), Retrospektive
Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale

 

 

5. KNOW YOUR ENEMY

Diese Kategorie zeigt vor allem Filme über die Gegenwart, über Nationalsozialismus, Krieg, Flucht und Vertreibung. Vor allem die Rollenverteilungen dieser Filme sind in Bezug auf das Thema der Retrospektive wichtig: Exilanten, Vertrieben, Juden, Gegner des Nationalsozialismus mussten hier – in erster Linie wegen ihres Akzents, der sie selten in anderen Filmen mitspielen ließ und die Situation der Exilanten in einem fremden Land dadurch weiter prekär machte – Nazis spielen.

NONE SHALL ESCAPE (André de Toth)
nimmt praktisch die Nürnberger Prozesse vorweg. Wir befinden uns unmittelbar nach dem Krieg in einem Gerichtssaal, in dem deutsche Kriegsverbrecher, mit ihren Taten konfrontiert werden. In Rückblenden wird die Geschichte von Wilhelm Grimm (deutscher gehts fast nicht!) erzählt, von ehemaligen Freunden, Opfern, vom Bruder und der ehemaligen Liebe. Eindrücklich, mitreißend und alarmierend. Ein Anti-Nazi-Filme erster Klasse! Auch hier wird freilich viel psychologisiert, der Nazi wird schon von vornherein als moralisch schlechter Mensch eingeführt – das tut dem Film nichts ab und war zeitgenössisch sicher auch so intendiert. Filme werden nun einmal emotional aufgenommen und verarbeitet. Der Film wurde erst kürzlich restauriert, man kann nur hoffen, dass man nun wieder einige Aufführungen sehen darf.

Marsha Hunt (links | left) (NONE SHALL ESCAPE), Retrospektive Quelle: Deutsche Kinemathek, © Sony Pictures/Park Circus
Marsha Hunt (links | left) (NONE SHALL ESCAPE), Retrospektive
Quelle: Deutsche Kinemathek, © Sony Pictures/Park Circus

 

ERGENS IN NEDERLAND (Ludwig Berger)
Einen Monat vor der Invasion der Nationalsozialisten in den Niederlanden wurde der Film fertig gestellt. Kurze Zeit später das Kino, in dem der Film laufen sollte, zerbombt. Dann sofort verboten und erst nach dem Krieg wurde eine Kopie gefunden und so fand der Film eine Wiederaufführung und gewann auch einige Preise. Ds alles hat seinen Grund: Der Film handelt von holländischen Marinesoldaten, die natürlich gegen die Deutschen kämpfen. Der Tenor des Films ist vor allem der Wunsch nach Erhaltung einer Welt, so wie sie Ehefrauen und Freundinnen der Soldaten lieben. Ein deutscher Film dieser Zeit hätte natürlich den Wunsch nach Erhaltung dieser Welt nur für das „deutsche Vaterland“ zugelassen. Spannend wäre sicher ein Blick auf die eventuell noch erhaltene Zensurkarte.

Lily Bouwmeester, Jan de Hartog (ERGENS IN NEDERLAND), Retrospektive Quelle: EYE Film Institute Netherlands/Photo Merkelbach, Copyright Berlinale
Lily Bouwmeester, Jan de Hartog (ERGENS IN NEDERLAND), Retrospektive
Quelle: EYE Film Institute Netherlands/Photo Merkelbach, Copyright Berlinale

 

 

Die Retrospektive THE WEIMAR TOUCH hat mich bisher stark beeindruckt und ich bin gespannt auf mehr. Die Reihe wird übrigens nach der Berlinale wieder im Museum of Modern Art, die in diesem Jahr auch bei der Auswahl der Filme mitgewirkt hatten, gezeigt.

 

 

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#6: Retrospektive The Weimar Touch – Teil I (12.02.2013)

Im Gegensatz zu den Wettbewerbsfilmen, die noch um Anerkennung kämpfen, hat die Retrospektive den Vorteil, dass hier Werke gezeigt werden, die bereits eine gewisse Zeitspanne hinter sich haben.

In diesem Jahr haben sie sogar fast 80 Jahre auf dem Buckel und das Besondere:
Es werden vor allem Filme gezeigt, die den gewissen „Weimar Touch“ – eine Anspielung auf den sogenannten „Lubitsch Touch“ – widerspiegeln. Das sind Filme, die eine ästhetische oder inhaltlich Kontinuität der Filme aus der Weimarer Republik nach 1933 im Ausland aufweisen können.
Das wirklich Schöne in der Retrospektive ist die Kontextuierung der Filme. Häufig gibt es wenigstens eine kurze Einführung und das nicht nur von irgendwem, sondern von Menschen, die sich für diese Filme interessieren und/oder in die Produktionen involviert waren (u.a. Harold Nebenzal und Isabella Rosselini). Bisher habe ich mir 12 Filme der Retrospektive angeschaut und die haben sich wirklich alle gelohnt, natürlich in unterschiedlicher Stärke.
Die Reihe (immerhin 31 Filme) wurde in 5 verschiedene Kategorien eingeteilt:

 

1. RHYTHM AND LAUGHTER

PETER (Hermann Kösterlitz – Henry Koster), 1934

Franziska Gàal, die Hauptdarstellerin, spielt eine „Hosenrolle“ und auch wenn sich mein Sitznachbar lautstark 35 Minuten über den „schlechten Anfang und den hohlen Witz“ geärgert hat – es war eine großartige Komödie, an deren Humor man sich freilich erst gewöhnen muss, was sich letztendlich aber lohnt. Der Film wurde im noch nicht „angeschlossenen“ Österreich gedreht und die mutige Hauptdarstellerin zeigte sich auch im realen Leben als entschlossen, als sie Anfang der 1940er Jahre zurück nach Europa reiste, um bei ihrer Familie zu sein! Sie überlebte, im Gegensatz zu ihren Kollegen Otto Wallburg, der in Auschwitz ermordet wurde.
Francisca Gaál (PETER), Retrospektive Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale
Francisca Gaál (PETER), Retrospektive
Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale

 

2. UNHEIMLICH – THE DARK SIDE
LE CORBEAU (Henri-Georges Clouzot)
Der Rabe verfasst denunziatorische Briefe an alle möglichen Bewohner einer Stadt und stiftet so nicht nur Unruhe, sondern jeder muss nun auf der Hut sein und wähnt Böses… In der Frontline der Anschuldigungen steht Dr. Germain – ob der „deutsche“ Name als Kritik an den Nationalsozialisten zu sehen ist? Die Hexenjagd nimmt einige Aspekte von FURY (Fritz Lang) vorweg. Vor allem wird hier mit Schatten und dem Schwarz-Weiß gespielt und nach der Trennungslinie zwischen den beiden Polen gesucht, das Visuelle spiegelt den Inhalt.
Ginette Leclerc (LE CORBEAU), Retrospektive Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale
Ginette Leclerc (LE CORBEAU), Retrospektive
Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale

 

PIÈGES (Robert Siodmak)
Maurice Chevalier (Wahnsinn!) als Charmeur und Frauenschwarm gerät ins Kreuzfeuer Polizeiuntersuchung. Mehrere junge Frauen, die sich auf Kontaktanzeigen gemeldet hatten, verschwinden spurlos. Adrienne, deren Freundin unter den Verschwundenen ist, hilft der Polizei bei der Suche nach dem Mädchenhändlerring und verliebt sich (keine Frage) in Chevalier… Der Film gilt als Transferfilm zwischen den europäischen expressionistisch geprägten Chiaroscuro-Filmen und dem amerikanischen Film Noir.
Marie Déa, Maurice Chevalier (PIÈGES), Retrospektive Copyright Berlinale
Marie Déa, Maurice Chevalier (PIÈGES), Retrospektive
Copyright Berlinale

 

3. LIGHT AND SHADOW
DAS GEHEIMNIS DER MONDSCHEINSONATE (Kurt Gerron)
Das traurige Schicksal des Regisseurs ist wahrscheinlich Vielen bekannt: Peter Lorre und Marlene Dietrich hatten versucht, Gerron noch in die USA zu holen. Doch dieser – in erster Linie wegen der Sprache – wollte in Deutschland bzw. den Niederlanden bleiben. Sein Gesicht wurde als „Prototyp des jüdischen Schauspielers“ in der NS-Propagandamaschinerie verwendet und war auch dadurch ein bekanntes Gesicht. Als Gerron im KZ Theresienstadt war, musste er in dem Film „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ über das KZ mitspielen. Viele warfen ihm Kollaboration vor. Die Mitwirkenden des Filme wurden später nach Auschwitz transportiert und dort getötet. Vor diesem Hintergrund sieht man den spannenden Film, der ausschließlich mit natürlichem Licht arbeitet, natürlich anders und ist ein Stück Kulturgeschichte.
Egon Karter (DAS GEHEIMNIS DER MONDSCHEINSONATE), Retrospektive © 2012 Stichting EYE Film Institute Netherlands/Photo D.W.B. van Maarseveen
Egon Karter (DAS GEHEIMNIS DER MONDSCHEINSONATE), Retrospektive
© 2012 Stichting EYE Film Institute Netherlands/Photo D.W.B. van Maarseveen

 

HOW GREEN WAS MY VALLEY (John Ford)
Roddy McDowall kennen viele sicher aus LASSIE – wer das nicht zugeben will, darf natürlich auch einfach sagen: achja, der John Ford-Film, den kenne ich! Jedenfalls spielt diese Familien- und Dorf-Saga mit Gegenwart und Vergangenheit, mit Realität und Imagination, mit starren Familienhierarchien und gewerkschaftlichen Unabhängigkeitsbestrebungen. Starke Frauen und ein großartiger junger Schauspieler, McDowall, machen den Film auf Großleinwand zu einem einmaligen Ereignis! John Ford bezieht sich in seinen visuellen Aspekten stark auf Friedrich Wilhelm Murnau, den er auch persönlich kannte.
HOW GREEN WAS MY VALLEY, Regie: John Ford, Retrospektive Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale
HOW GREEN WAS MY VALLEY, Regie: John Ford, Retrospektive
Quelle: Deutsche Kinemathek, Copyright Berlinale

 

MOLLENARD (Robert Siodmak)
Mollenard (Harry Baur – wundervoll!) ist Commandeur auf einem Schiff, seine Crew würde alles für ihn tun, er ist eine Mischung aus gutmütigem Seebär und hartnäckigem Befehlshaber. Seiner Frau, die zu Hause das Regiment führt, fehlt das gutmütige Element und so kommt es bei der Konfrontation der beiden (fast) zum Äußersten… Harry Baur wurde 1942 noch von Joseph Goebbels gefeiert, jedoch später, da angeblich Jude, verhafteten die Nationalsozialisten Baur und seine Frau. Nach vier Monaten Gefangenschaft und Folter, wurde er zwar freigelassen, erholte sich jedoch nie wieder und starb 1943 an den Folgen.
Gabrielle Dorziat, Harry Baur (MOLLENARD), Retrospektive Copyright Berlinale
Gabrielle Dorziat, Harry Baur (MOLLENARD), Retrospektive
Copyright Berlinale

 

 

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#5: Die Preise der deutschen Filmkritik sind vergeben (12.02.2013)

Preis der deutschen Filmkritik 2012:

 

Barbara“ und „Oh Boy“!

 

Mit dem Preis der deutschen Filmkritik 2012, den der Verband der deutschen  Filmkritik am 11.2. in Berlin verlieh, wurden „Barbara“ von Christian Petzold als bester Spielfilm und „Oh Boy“ von Jan Ole Gerster als bester Debütfilm ausgezeichnet.

Burghart Klaußner moderierte die Preisverleihung in der Tube STATION.

 

Zum ersten Mal wurde ein Preis für den besten Kinderfilm vergeben. Er ging an Norbert Lechner für Tom und Hacke“.

 

Die weiteren Preisträger:

beste Darstellerin:  Alina Levshin („Kriegerin“),

bester Darsteller:  Lars Eidinger („Was bleibt“),

bester Schnitt:  Bettina Böhler („Barbara“),

bestes Drehbuch:   Bernd Lange („Was bleibt“),

beste Kamera:  Jakub Bejnarowicz  ((„Der Fluss war einst ein Mensch“),

beste Musik:  The Major Minors und Cherilyn MacNeil („Oh Boy!“),

bester Dokumentarfilm:  Das Ding am Deich (Antje Hubert).

 

Den Ehrenpreis des Verbands der deutschen Filmkritik erhielten Christel und Hans Strobel für ihre Verdienste um den deutschen Kinderfilm.

 

Fred Kelemen wurde mit dem Innovationspreis ausgezeichnet für seine herausragende Bildgestaltung von Béla Tarrs „Das Turiner Pferd“.

 

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#4: Wettbewerb Tag 3 – Beste Hauptdarstellerin (10.02.2013)

Es gibt so ein Gerücht, dass der Gewinner des Goldenen Bären stets am Sonntagmorgen in der 9-Uhr-Pressevorführung zu bestaunen ist. Statistische Erhebungen sind nicht bekannt, vielleicht handelt es sich auch nur um eine Urban Legend. Oder vielleicht ist das auch nur der verzerrten Wahrnehmung der Journalisten geschuldet, die sich diese eine Vorstellung aufgrund der Terminierung traditionsgemäß gerne schenken und im Nachhinein dann jammern, ausgerechnet diesen, den Gewinnerfilm verpasst zu haben (das ist dann so, wie mit der Ampel, die angeblich immer rot ist).

Jedenfalls, dieses Gerücht könnte in diesem Jahr neue Nahrung finden. Heute Morgen, in der 9-Uhr-Vorstellung lief „Gloria“, eine chilenische Tragikkomödie. Gloria, 58 und geschieden, möchte dem Älterwerden trotzen und ihrem Leben neuen Schwung verleihen, die Energie dafür verspürt sie noch. Als sie auf einen ehemaligen, ebenfalls geschiedenen Marineoffizier trifft, scheinen beide ihr spätes Glück noch einmal gefunden zu haben. Die zunächst glückliche, jugendliche Liebesbeziehung gerät aber alsbald wieder ins Wanken, als sich zeigt, dass Rodolfo, der Marineoffizier, sich von seinen alten familiären Verhältnissen nicht lösen kann. Gloria kommt ins Nachdenken über sich und ihr Leben und trifft am Ende überraschende, starke Entscheidungen.
Dieser Film war großartig, da brandete beim Abspann gleich zweimal Jubel auf im Berlinalepalast. Neben der Dramaturgie, den Dialogen und dem unglaublich positiven Ende lag dies vor allem an der Hauptdarstellerin Paulina García, die den Film quasi in einer One-Women-Show trägt. Ähnlich Nina Hoss im letzten Jahr gefeierten Film „Barbara“  verkörpert García eine zunächst unsichere und unglückliche Frau, die im Laufe der Geschichte, auch und vor allem durch Rückschläge, mehr und mehr an Stärke gewinnt, bis sie sich am Ende emanzipiert (Parallelen also nicht nur im Filmtitel). Auch hier sind es am Ende die Männer, die ganz schön schlecht wegkommen. Sehr eindrucksvoll! Der Film bleibt auf dem Zettel, wenn es um die Vergabe der Film- und Darstellerpreise geht.

Ferner lief im Wettbewerb noch „La Religieuse“ bzw. „Die Nonne“. Ein Historienkostümfilm, im Frankreich des späten 18. Jahrhundert verortet und basierend auf dem 1796 erschienen Roman von Denis Diderot. Ganz unterhaltsam, mit sehr schönen Bildern und der Überraschung, dass sich Isabelle Huppert tatsächlich in ein nahezu vollverschleierndes Nonnenkostüm stecken lässt (ungeschminkt! Anweisung des Regisseurs Gillaume Nicloux). Hauptaugenmerk lag aber auf der jungen Hauptdarstellerin Pauline Etienne, die als Suzanne Simonin von ihren Eltern aus finanziellen Gründen als unverheiratbar angesehen wird und deswegen im Kloster untergebracht werden soll. Das geht erst mal schief, denn das junge Mädchen verweigert den entscheidenden Schwur. Auf Drängen der Eltern bekommt sie eine zweite Chance vor dem Herrn, doch als die Oberin herausfindet, dass Suzanne das Kloster verlassen möchte, wird das Mädchen zunächst Opfer von Drangsalierung und unmenschlicher Bestrafung und nach einer „Versetzung“ dann von direkten, eigentlich rücksichtslosen Annäherungsversuchen ihrer neuen Oberin (Isabelle Huppert eben). Das war schon ganz großes Kino, wie ausdrucksstark und anmutig die 23-jährige die schüchterne und aufrichtige Suzanne spielt. Ihre Suzanne werde dadurch zu einer wahren Braut Christi, meinte der Regisseur.  Auch hier gilt: Vormerken für den Silbernen Bären.

Das war also der Tag der Hauptdarstellerinnen, vielleicht ja tatsächlich auch des Goldenen Bären. Die Woche ist zwar noch lang, aber da muss noch einiges kommen, um vor allem „Gloria“ zu toppen.

Der Wettbewerbstag gestern war eher lau („Gold“, „A Long and Happy Life“, „The Necessary Death of Charlie Countryman”). Nicht schlecht, aber auch nicht überragend, deswegen ist hier jetzt Feierabend 🙂

 

 

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#3: Wettbewerb Tag 1 – Paradies Hoffnung

Wenn man sich nochmal die Gegebenheiten beim letztjährigen Wettbewerb ins Gedächtnis ruft, dann fällt einem sofort wieder ein, wie schwwerfällig die Veranstaltung in die Gänge kam. Die ersten Tage waren zäh und die Journalisten der großen Medienanstalten stimmten schon wieder ihren (alljährlichen) Abgesang auf den Berliner Wettbewerb an, der dem Auswahlkommittee mangelnden Mut und Innovation, teilweise sogar Unkenntnis vorwarf. Mittendrin dann die Wende. Etwa ab dem vierten Festivaltag jagte ein Höhepunkt den nächsten („Barbara“, „Jane Maynefiels’s Car“, „Sister“ et al.), was dazu führte, dass schlussendlich offiziell und inoffiziell vom „besten Wettebwerb aller Zeiten“ gesprochen wurde. So schnell kann sich das ändern.

Daraus scheint man in Berlin gelernt zu haben. Zwei Filme, denen man hier schon im Vorfeld durchaus gute Chancen auf eine Trophäe einräumt und die mit entsprechender Spannung erwartet wurden, gingen gleich am ersten Tag, also heute, ins Rennen, nämlich „Promised Land“ und „Paradies: Hoffnung“. Vielleicht möchte man damit die kritische Zunft erstmal umgarnen. Prinzip Hoffnung.

Unter den ersten drei Kandidaten zunächst aber das polnische Drama „W Imie…“ zu englisch: „In the Name of…“. Ein katholischer Pfarrer betreut im ländlichen Polen eine Horde schwererziehbarer Jungs und macht das gar nicht so schlecht. Es zeigt sich jedoch bald, dass die Berufswahl des Protagonisten eine versuchte Flucht vor der eigenen Homosexualität war, die sich freilich nicht verdrängen und schon gar nicht unterdrücken lässt – auch wenn die Kirche mithilfe von Strafversetzungen und Sanktionen dies gerne hätte. Daraus entstehen Spannungen beruflicher, vor allem aber psychischer Natur bei Pfarrer Adam. Der Film portraitiert dies und positioniert sich damit eindeutig gegen die Kirche und deren Politik.
Dass ein solcher Film aus Polen kommt, ist mehr als ein pikantes Detail, die Thematik ohnehin brandaktuell. Auch formal überzeugt „In the name of…“. Gute schauspielerische Leistungen, sehr eindrucksvolle Bilder und ein unkonventioneller Einsatz von Musik. „Ein starkes Stück“ schreibt der Tagesspiegel – kann man so in jeglicher Hinsicht unterschreiben und man verzeiht dem Film die eine oder andere allzu eindeutige Anspielung.

Dann gab’s den neuen Film von Uli Seidl „Paradies: Hoffnung„, gleichzeitig der letzte Teil der „Paradies“-Trilogie, deren erste Teile 2012 in Cannes bzw. Venedig vorgestellt wurden. Lupenreiner Hattrick sozusagen.
Zu diesem Film muss man eigentlich garnicht so viel sagen. Die Synopse des Festivalkatalogs fasst den Inhalt treffend zusammen, stilistisch trägt der Film eindeutig die bekannte „dogmahafte“ Handschrift des österreichischen Regisseurs mit klaren, naturalistischen Bildern, die fast schon dokumentarischen Charakter haben. Ein Drehbuch gab es auch für diesen Film nicht, dafür präzise beschriebene Szenen ohne Dialoganweisungen. Ein gemischter Cast aus Laien und Profischauspielern, gedreht wurde ausschließlich an  Originalschauplätzen und Musik gibt’s nur als inhaltlichen Bestandteil der Szenen. In diesem formalen Rahmen entwickelt sich nun die Geschichte, die in einigen Szenen auf die beiden vorangegangenen Teile der Trilogie anspielen (vereinzelte laute Lacher unter den Zuschauern zeigen an: „Ich kenn mich aus!“).
Ein klassischer Seidl könnte man meinen? Nicht ganz. Denn es ist wohl der am wenigsten drastische Film des Regisseurs, auf jeden Fall zumindest innerhalb der Trilogie. Sowohl was den gewohnten absurd-bitteren Humor, als auch was die Ästhetik der Szenerien angeht, wo der Regisseur dem geneigten Zuschauer nicht selten einiges zumutet, fährt Seidl kleinere Geschütze auf – ohne jedoch an Intensität oder Bannkraft einzubüßen. Vielleicht sind diese kausalen Zusammenhänge ja sogar umgekehrt.
Es soll Leute geben, die sich –ordentlich gewappnet- an den Film herangewagt haben und hernach enttäuscht waren: „So schlimm war’s ja garnicht“. Stimmt, aber trotzdem ein großartiger Film!

Promised Land“, das Gemeinschaftswerk von Gus van Sant und Matt Damon, fällt gerade in den Disziplinen Intensität und Bannkraft ein bisschen ab.
Ein (Öko-)Politthriller war das entgegen der Ankündigungen weniger, mehr ein Sozialdrama. Das räumten die Macher auf der Pressekonferenz auch ein. Das Thema selbst habe sie eher sekundär interessiert, wichtiger war ihnen, einen Film über die ländlichen Regionen der USA und die Leute dort zu drehen. Das war die gemeinsame Basis, darauf etablierte sich dann der Inhalt. Das merkt man – der Film ist ein bisschen einfach gestrickt, schwachbrüstig, auch ein netter Twist am Ende kommt alles in allem nicht überraschen, der Streifen bleibt hinter seinen Erwartungen zurück.

Die Jury hat angekündigt, nicht nach politischen sondern rein künstlerischen Gesichtspunkten zu urteilen. Was selbstverständlich klingt, ist bei der Berlinale, einem dem Selbstverständnis nach politischen Festival, durchaus eine eigene Erwähnung wert. Folgt sie dieser Vorgabe, dann dürften die Chancen für „Promised Land“ eigentlich Stand heute eher gering sein.

 

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#2: Fazit des Tages 2 auf der Berlinale 2013: Frauenpower!

Der Zufall des sozusagen selbst kuratierten Festivals will es so, dass ich gestern und heute von Frauen beeindruckt wurde. Das ist das Wunderbare an solchen Festivals, dass man sich als Zuschauer sein eigenes Programm zusammenstellt und sich immer wieder – je nach (Um)Planung – ein neuer und anderer roter Faden entwickelt. Und der hieß bisher: Emanzipation und Stärke der Frauen!

Das mag ziemlich langweilig klingen auf den ersten Blick. Aber vielleicht gerade in Zeiten von Sexismusdebatten freut man sich doch auf den zweiten Blick über diese triumphierende Weiblichkeit!

Stephanie Cumming,Tom Hanslmaier (SHIRLEY), Forum, Jerzy Palacz © KGP
Stephanie Cumming,Tom Hanslmaier (SHIRLEY), Forum, Jerzy Palacz © KGP

 

Nach Gong Er in THE GRANDMASTER, begleitet Gustav Deutsch in SHIRLEY eine fiktive Frauengestalt durch 30 Jahre ihres Lebens. Ab Anfang der 1930er Jahre bis in die 1960er wird jedes neue Kapitel dieser Dame (beste weibliche Darstellung bisher, großartige Stephanie Cumming!) mit einer schwarzen Leinwand und einer Radiomoderation eingeleitet. So ist der Zuschauer sofort auf dem neuesten Stand, was Politik und Kultur angeht. Visuell sind es natürlich die Edward Hopper-Bilder, die meisterhaft nachgestellt und inhaltlich weiterentwickelt werden – Regisseur Gustav Deutsch und seine Partnerin Hanna Schimek, die für das farbliche Konzept verantwortlich ist haben hier ein lebendes Leinwandkunstwerk geschaffen.

María Villar, Romina Paula, Agustina Muñoz (VIOLA), Forum, © Alessio Rigo di Righi
María Villar, Romina Paula, Agustina Muñoz (VIOLA), Forum, © Alessio Rigo di Righi

VIOLA portraitiert im Grunde ein rein weibliches Schauspielerensemble, das sich nicht nur mit Shakespearestücken befassen muss, sondern im realen Leben mit Beziehungen kämpft.

 

Savina Alimani, Yorgos Symeonidis - I KÓRI (Forum), © Berlinale
Savina Alimani, Yorgos Symeonidis – I KÓRI (Forum), © Berlinale

Eine ganz andere Dame ist DIE TOCHTER: Myrta. Wir befinden uns in Griechenland, die Krise hat Myrtas Familie hart getroffen, die Eltern sind getrennt, die Mutter hat einen neuen Freund, der Vater hat nicht nur von seinem Geschäftspartner, sondern auch von seiner Tochter Reißaus genommen. Kurzerhand kidnappt die Tochter den Sohn des Geschäftspartners und will so erreichen, dass Letzterer Geld zahlt, damit ihr Vater die Möglichkeit für einen festen Halt im Leben bekommt. Anfänglich ist man noch mitleidig und natürlich sind die Kinder hier die Opfer von Krise und dem unsäglichen Rattenschwanz, der da dranhängt. Doch Myrta entwickelt eine sadistische Freude an den kleinen Quälereien, die sie ihrem Opfer zufügt. Am Ende sitzen wir fassungslos im Kino und wissen nichts recht anzufangen mit diesem Mädchen, deren Darstellung (alles improvisiert!) einen erstarren lässt.

 

Besonders beeindruckend war auch I USED TO BE DARKER. Nach PUTTY HILL hat Matt Porterfield darf man auch wieder im neuesten Werk die urbanen Einflüsse Baltimores erkennen. Bereits auf dem Sundance gelaufen, dürfen wir die ersten Filmauftritte von gleich drei Frauen genießen – Deragh Campbell (Taryn), Hannah Gross (Abby) und Kim Taylor (Kim). Alle drei spielen grundverschiedene Menschen, neben denen der einzige männliche Hauptprotagonist Bill (Ned Oldham) sich aber nicht verstecken muss.

Taryn reist schwanger und heimlich ihren Eltern gegenüber aus Irland nach Amerika und besucht ihre Verwandten Kim, Abby und Bill, die aber ihre eigenen Probleme haben: Kim, Musikerin, zieht gerade aus und Abby projiziert all ihren Hass auf die Mutter. Bill, ehemaliger Musiker, verliert sich in einer wütenden Katatonie. Der Film ist ein kleiner Ausschnitt einer ganz normalen Vorort-Familie – alles in den gewöhnlichen Independentfilmmerkmalen: Handkamera, Improvisation, Natürlichkeit ohne Realitätswahn, Mut zur Gewöhnlichkeit. Reingehen!

Deragh Campbell, Kim Taylor - I USED TO BE DARKER (Forum), © Berlinale
Deragh Campbell, Kim Taylor – I USED TO BE DARKER (Forum), © Berlinale

 

Matt Porterfield © Jan Trzaskowski (I USED TO BE DARKER, Forum)
Matt Porterfield © Jan Trzaskowski (I USED TO BE DARKER, Forum)

Weiter so!

 

 

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#1: Eröffnung der Berlinale mit THE GRANDMASTER

Zhang Ziyi - THE GRANDMASTER (Wettbewerb), © Berlinale
Zhang Ziyi – THE GRANDMASTER (Wettbewerb), © Berlinale

Um 19.30 Uhr wurde heute offiziell die 63. Berlinale mit Wong Kar-wais neuem Film THE GRANDMASTER eröffnet.

Der Film handelt von Ip Man (Tony Leung), basierend auf der Geschichte der historischen Figur Ip Man (1893-1972), der Kampfkunstlehrer in Wing Chun (Art Kung Fu) – unter anderem von Bruce Lee – war. Regisseur Wong Kar-wai legt den Schwerpunkt des Geschichte nicht unbedingt auf die rein körperliche Seite der Kampfkunst und die Entwicklung hin zum reinen Sport, sondern auf die philosophische. Die ausführliche Kritik folgt.

 

Tony Leung - THE GRANDMASTER (Wettbewerb), © Berlinale
Tony Leung – THE GRANDMASTER (Wettbewerb), © Berlinale

 

Wong Kar Wai © 2011 Block 2 Productions Ltd. All rights reserved (THE GRANDMASTER - Wettbewerb)
Wong Kar Wai © 2011 Block 2 Productions Ltd. All rights reserved (THE GRANDMASTER – Wettbewerb)

 

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