2012 – Berlinale

Berlinale Blog 2012

Berlin, 08.02 – 19.02.2012

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Liebe HighNoon-Leser,

in diesem Jahr bloggen wir für euch live von der Berlinale! Ab morgen gibts hier mehr Infos über Filme, Premieren, Schlangestehen und die Kinos hier vor Ort.

Liebe Grüße aus Berlin Johannes und Jenni

08. Februar 2012 Berlinale-Blog des HighNoon-Teams

Liebe Leser und aka-Mitglieder, ab morgen liefern wir euch die neuesten Eindrücke der Berlinale 2012!

Liebe Grüße Johannes und Jenni

Kommentar:

Alex, am 9. Februar 2012 um 18:53 Uhr Liebes Berlinale-Team!?Bravo, ich bin gespannt auf eure Berichte aus der eisigen Hauptstadt.?Gute Idee, die Sektionen aufzuteilen, sehr professionell!?Tja, da sind wir mal gespannt, ob der Wettbewerb dieses Jahr mehr Zug bekommt… aber auf jeden Fall verspricht die Besetzung der Jury eine kompetente und innovative Auswahl…!?Viel Spass in Berlin – und gute Filme,?wünscht?Alex

Wer wir sind

Johannes Litschel ist Redaktionsmitglied bei “35 Millimeter”, der Filmsendung auf Radio Dreyeckland, und nebenher aktives Mitglied im aka-Filmclub Freiburg e.V.

JenniferBorrmann Ich bin freie Filmkritikerin für verschiedene Kinomagazine, u.a. epd film, Schnitt und HighNoon, für das ich dieses Jahr über die Berlinale berichten darf. Ich war während und noch kurz nach dem Studium 6 Jahre lang im aka filmclub aktiv, was bedeutet, dass Filme gekurbelt, 35mm- und 16mm-Werke vorgeführt, aber auch Vorträge organisiert und Fundraising betrieben, Programm gestaltet und Werbung gemacht wurde. Ich liebe Filme, Kino und alles, was damit zu tun hat und freue mich aufs Filmeschauen, im Dunkeln sitzen und außergewöhnliche Schnitte, Kamerafahrten, aber auch ganz gewöhnliche Geschichten mitzuerleben, euch darüber zu berichten und vielleicht ja auch das ein oder andere Interview zu ergattern. Viel Spaß beim Lesen wünsche ich jedenfalls!

09. Februar 2012, Berlina(le) Weiße Day 1:

Es ist kurz vor 8 Uhr, gleich gehts los, über Nacht hat es richtig viel geschneit, alles ist schneebedeckt. Heute stehen mindestens vier Filme auf dem Programm und ich bin sehr gespannt, welche Welten die beiden Sektionen “Forum” und “Wettbewerb” vielleicht unterscheiden.?Die Informationsflut, die einen bei der Ankunft überrollt, ist unglaublich und führt nah an die Überforderung: Es gibt den offiziellen 400 Seiten starken Katalog, der geht auf’s Haus. Dazu ein Programmheft, eine abgespeckte Version des Katalogs, und ein Übersichtsheft als Timetable. Dazu für jede Sektion ein Übersichtsblatt mit Pressekonferenzen und Photo-Calls und allen Pressevorführungen. Das Ganze wird täglich dann auch noch im Internet aktualisiert und liegt ausgedruckt bereit. Bei soviel Material ist das oberste und erste Ziel: Sich selbst organisieren, na bravo. Nach reiflicher Überlegung haben die Autoren dieser Zeilen folgenden Entschluss gefasst: Jenni sichtet (so heisst das im wichtigen Pressejargon) die Sektion „Panorama“, die den Schwerpunkt auf internationales Independentkino gelegt hat und das politisch motivierte Experimentierfeld „Forum“. Johannes legt seinen Schwerpunkt auf die Wettbewerbsfilme, den deutschen Nachwuchsfilm und die Retrospektive „Die rote Traumfabrik“, die deutsch-russische Koproduktionen der 1930er-Jahre zeigt, die in dem dafür gegründeten Filmstudio „Meschrabpom-Rus“ entstanden sind. Atemberaubende Schwarzweißfilme mal mit Ton, mal stumm (mit Orchesterbegleitung). Die Internationale Jury wird dieses Jahr übrigens angeführt vom Feel-good-König Mike Leigh. Mit dabei sind Asghar Farhadi, Charlotte Gainsbourg, Francois Ozon, Jake Gyllenhaal, Anton Corbijn, Boualem Sansal und Barbara Sukowa. Sie entscheiden am 18. Februar darüber, welcher Film den Goldenen Bären bekommt. Was der Wettbewerb, der ja in Berlin seit Jahren in der Kritik steht, weil er zu mutlos und wenig innovativ  sei, zu bieten hat, wird sich zeigen. (jb,jl)

10. Februar 2012, Der schöne Schein

So titelt das aktuelle ZEIT-Magazin und portraitiert Diane Kruger, eine der Hauptdarstellerinnen im Eröffnungsfilm der Berlinale „Les Adieux  à la Reine“ von Benoit Jacquot. Und damit beschreiben die Autoren ungewollt diesen Film treffend in drei Worten. Doch dazu später. Bevor der Eröffnungsfilm über die Leinwand flimmert, gibt’s erstmal jede Menge offizielles Brimborium im Berlinalepalast: Anke Engelke witzelt mit Festivaldirektor Dieter Kosslick über sein Englisch und ihre Kleider, Kulturstaatsminister Bernd Neumann spricht und verrät, dass er das Medium Film auch zu „Kunst und Kultur“ zählt, Klaus Wowereit verspricht weitere Gelder für die Filmförderung und ein launiger Flirt zwischen Anke Engelke und Jury-Mitglied Jake Gyllenhaal sorgt für gute Stimmung. Als kurz darauf, dem Shuttle-Service sei dank, Dieter Kosslick mit Regisseur Jacqout auch noch scherzend und lachend die Bühne im Friedrichstadtpalast betritt, wohin für die nicht-geladenen Gäste die Eröffnung übertragen wird, ist endgültig Feuer unterm Dach. Gelächter und donnernder Applaus. Und dann endlich, in medias res. Eröffnungsfilm, erster Wettbewerbsbeitrag, Weltpremiere, „Les Adieux à la Reine”. Versailles, 1789: Sidonie Laborde (Léa Seydoux) ist die Vorleserin von Königin Marie Antoinette (Diane Kruger). Als das Volk in Paris nach Macht und Kuchen schreit, wird die Königin von Panik ergriffen und will sich aus dem Staub machen. Damit das gelingt, setzt sie ihre treue Vorleserin als Köder ein. Diese soll in den Kleidern einer Gräfin über die Grenze nach Basel gefahren werden, während die Königin unbemerkt das Schloss verlässt. Das sind die Eckpunkte, die sich in vier Sätzen erzählen lassen. Dazwischen nur Füllstoff: Eine weinende Königin, Liebschaften zwischen den Bediensteten, Liebschaften zwischen der Königin und ihrer Gräfin, rauschende Kleider und höfische Anwesen. Wenig Handlung, keine Spannung. Hinter dem schönen Schein der wirklich opulenten Kulisse steckt leider viel Unnötiges und Langweiliges. Für einen (Wettbewerbs)Film zu mickrig!?Schade, mit so einem Eröffnungsfilm wird die Euphorie vortrefflich gedämpft! (jl)

In the Land of Blood and Honey

Wenn die Presse nach dem Film klatscht, obwohl keiner zuhört, außer die Presse selbst… dann muss sie schon beeindruckt gewesen sein. Und wenn die Presse noch mehr jubelt, wenn auf der Leinwand steht “Drehbuch und Regie: Angelina Jolie” – auch wenn sie gar nicht anwesend ist – hat Ms. Jolie wohl einen Stein im Brett bei der filmhungrigen Journalistenschar. Beeindruckend ist vor allem die weite Spanne zwischen übernommenen Rollen (bspw. in “Salt”, “Wanted” oder “Lara Croft”), die Frau Jolies Vermögen an darstellerischer Kraft offensichtlich unterschreiten und dem sozialen, humanitären und politischen Engagement, das sie im richtigen Leben auszeichnet. Genau das hat sie nun in ihren ersten Spielfilm mit hineingebracht – zum Glück. Es geht um die Geschichte zwischen Ajla und Danijel, sie Moslem, er Serbe, anhand derer die ethnischen Säuberungen, die Gewalt und auch das untätige Zusehen der restlichen Welt, zwischen 1992 und 1995 in Bosnien-Herzegowina erzählt wird. Reingehen! Die beiden Hauptdarsteller Zana Marjanovic und Goran Kostic leben ihre Charaktere und man kann als Zuschauer vielleicht sogar spüren dass die Schauspieler des Films alle aus den geographischen Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens stammen und diesen Krieg direkt oder indirekt miterlebt, hier aber harmonisch zusammengearbeitet haben. (jb)

9.00 Uhr s.t.

Die 9-Uhr-Vorstellungen des Wettbewerbs haben einen großen Vorteil: Man muss sich nicht um Plätze balgen, sondern hat quasi eine Reihe für sich. Nach dem misslungenen Auftakt zur Eröffnung ging’s Freitag also in die zweite Runde. Aujourd’ hui (Today) (F/SEN): Satché (Säul Williams) ist aus seiner neuen Heimat USA in seine alte, den Senegal, zurückgekehrt und auf myteriöse Art und Weise weiß er, dass er in der folgenden Nacht sterben wird. Warum und woran und wieso man das überhaupt so genau sagen kann, erfährt der Zuschauer nicht. Das ist letzten Endes aber auch nicht wichtig, denn es geht nur darum, Satché auf seinem letzten Tag zu begleiten. Am Morgen nimmt seine Familie und das Viertel, in dem er wohnt, in einer feierlichen Zeremonie von ihm Abschied. Das geht unter die Haut! Im Laufe des Tages läuft er mit seinem besten Freund durch die Straßen seiner Stadt und trifft alte Bekanntschaften, Verwandte, Frau und Kinder, bevor er am Ende des Tages zur Ruhe kommt.?Der Film nimmt sich wahnsinnig viel Zeit, erklärt wenig bis gar nichts und wird so fast zu einem Bildband über den senegalesischen Schauplatz. Spannend auch, wie das Tempo des Films den Gemütszustand der Hauptfigur übernimmt: Zu Beginn emotional und aufgewühlt, gegen Ende entspannt und fast schon kontemplativ. Sehenswert! À Moi Seule (Coming Home) (F): Was ganz Anderes. Gaëlle (Agathe Bonitzer) ist ungefähr 17 und wurde von Vincent (Reda Kateb) auf dem Spielplatz gekidnappt. Bis zu dem Tag ihrer Freilassung hält er sie in einem Keller in Gefangenschaft. Die Beziehung ist jedoch nicht ausschließlich von Unterdrückung und Gewalt, sondern auch von einem merkwürdigen Vater-Tochter-ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis geprägt, bei dem sich die Machtverhältnisse ständig verschieben.  Zeitsprünge zeigen die Erlebnisse in Gefangenschaft und die aktuelle Situation des Mädchens in Freiheit, in der weder die Eltern noch die Therapeutin so richtig wissen, wie man mit Gaëlle nun umgehen soll.?Regisseur Frédéric Videau verneinte auf der Pressekonferenz die Anfrage, ob er sich denn vom Fall Natascha Kampusch hätte inspirieren lassen. Nein, die Inspiration habe er bei sich selbst gefunden, „in mir drin“. Man braucht lange, um mit dem Film warm zu werden, am Anfang sind Figuren und Konstellation zu befremdlich. Ist dies aber geschafft, dann sieht man ein ebenso interessantes wie ungewöhnliches Kammerspiel, eine Art Psychogramm einer befremdlichen Beziehung mit teils herausragenden Schauspielerleistungen (Agathe Bonitzer als Gaëlle). Weil eigentlich das Ziel war, pro Film nur ein paar Sätze zu schreiben, gibt’s als Übersicht so was wie ein persönliches, ziemlich subjektives Wettbewerbsranking der glueckskekse.org-Jury, das regelmäßig aktualisiert wird. Ajourd’hui (Today) À Moi Seule (Coming Home) Les Adieux à la Reine (Farewell My Queen) (jl)

12. Februar 2012, Das Fremde und die Freaks

War der Feind in “In the Land of Blood and Honey” noch real und sichtbar, sind es in Silvina Landmanns Film “Bagrut Lochamim” unsichtbare Gegner, doch ebenso (von den gefilmten Soldaten so gesehene) wirkliche Feinde: Andersgläubige. Sie filmt Soldaten, die ihre 2jährigen Militärausbildungen hinter sich haben und nun die Möglichkeit wahrnehmen, noch in der Armee ihre Schulabschlüsse nachzuholen. Hier geht es nun um “Civic Studies”, um Fragen der Gleichberechtigung, um den melting pot und den beiden “Standbeinen des Staates Israel”, so der Lehrer: Judentum und Demokratie – ist das vereinbar? Die Diskussionen sind jedenfalls sehr hitzig in dieser sehenswerten Dokumentation aus dem Forum.

Der Gegner in “Tepenin Ardi” (Hinter dem Berg) ist und bleibt hingegen für jeden unsichtbar. Eine patriarchalische türkische Familie, 3 Generationen, befinden sich gemeinsam auf dem Grundstück der Vorfahren in der kargen Landschaft irgendwo in der Türkei.  Wunderschöne Bilder!

Die gegnerische Bedrohung ist nicht sesshaft, sondern Nomade, also anders, und sie muss irgendwo hinter dem Berg sein. Die sowieso angespannte Situation innerhalb der Familie durch Kriegserinnerungen, Neid und Pflichtbewusstsein wird durch gewalttägige Zwischenfälle bis ins Äußerste getrieben. Der Schuldige wird nicht innerhalb der Familie gesucht, sondern sofort auf das Fremde projiziert, das dann auch aufgesucht werden soll…

Tja, und die Bedrohung in “Dollhouse”? Das sind wohl die freakigen Protagonisten selbst. Man braucht einige Zeit, bis man in den Film hineinfindet und ich hätte ihn von der Art der Geschichte und der Art des Filmens auch eher in der Sektion “Forum” erwartet, aber auch das “Panorama” birgt immer Überraschungen. Kirsten Sheridan lässt 6 irische Jugendliche in ein Haus offensichtlich vermögender Besitzer eindringen und hier stellen sie wortwörtlich alles auf den Kopf. Die wackelige Handkamera spiegelt hier einmal wirklich wieder die inneren und äußeren Spannungen in der Gruppe wider. Das kann schonmal auf die Nerven gehen, ist hier aber unheimlich wichtig, um die drogenrauschartige Nacht dieser Jugendlichen, perfekt ins Szene zu setzen. Überraschendes Ende, super Musik, grandiose Kamera, abgefahren! (jb)

 

Sektion: Forum

Caesar muss sterben!

In einem neapolitanischen Hochsicherheitsgefängnis proben Häftlinge, die mitunter lebenslang einsitzen werden, Shakespeares Julius Caesar. Jeder ist eingeladen mitzumachen, jeder kann sich bewerben.  Später soll das vor Publikum aufgefuehrt werden,  das Projekt wird den Insassen dann gut tun.?Spielfilm? Nein. Dokumentarfilm? Eigentlich auch nicht so richtig. Cesare deve morire (Caesar Must Die) ist jedenfalls italienischer Wettbewerbsbeitrag. Man stellt sich zu Beginn die Frage, sind das Schauspieler oder sind das echte Gefangene? Zwar werden die Protagonisten kurz vorgestellt mit Name und begangener Tat, aber wenn ihnen beim Theater spielen zuschaut, dann denkt man sich, das können eigentlich nur Profis sein. Die Kamera trägt ihren Teil dazu bei: Gelungene Aufnahmen in Schwarzweiss verfolgen die Probearbeit; weniger die tatsächliche Arbeit, als mehr das Spiel der Gruppenmitglieder in Zellen, umzäumten Gängen oder der Gefängnisbibliothek. Und spätestens, als bei der Generalprobe im Innenhof die restlichen Inhaftierten am Fenster kleben und dieser gespannt beiwohnen, sieht das sehr nach Insenzierung aus. Von wegen! Zwei der Schauspieler wurden mittleweile begnadigt, der Rest sitzt immer noch. Das wird am Ende des Filmes nochmal klargestellt und das wirkt dann doch nach.?Der Film ist ein Projekt, dass die Regisseure Paolo und Vittorio Taviani in Zusammenarbeit mit dem Gefängnis durchgeführt haben und auch die Schauspieler unter den Insassen ausgewählt haben. Gesprochenes in diesem Film stammt fast ausschliesslich von Shakespeare (gefilmtes Theater, Geschmackssache). Das Gezeigte wird von dramatischer mächtiger Opernmusik begeleitet, manchmal ein bisschen zu viel des Guten. Insgesamt aber sehr eindrücklich, das kann man nicht von jedem Wettbewerbsfilm behaupten. Und deswegen belegt Cesare deve morire vorläufig Platz 1 im inoffiziellen glueckskekse.org- Ranking (und zwei Filme haben nach reiflicher Ueberlegung die Plaetze getauscht). Cesare deve morire (Caesar Must Die) Barbara À Moi Seule (Coming Home) Ajourd’hui (Today) Les Adieux à la Reine (Farewell My Queen) (jl)

13. Februar 2012, Und Action bitte!

Wenn man die ersten Tage dieses Wettbewerbs hinter sich hat, dann wünscht man sich, das muss man schon so sagen, ein bisschen Action. Die Filme, die hier bisher gelaufen sind, bestechen eigentlich alle vor allem durch ihre Ruhe und Nachdenklichkeit. Das ist gut, strengt auf die Dauer aber an und so ein bisschen Abwechslung schadet nicht. Der Wunsch wurde erhört, heute hatte Captive Premiere. Außerdem stand ein spanischer Psychothriller auf dem Programm.  Letzterer hört auf den Namen Dictado (Childish Games). Daniel (Juan Botto) und Laura (Barbara Lennie) nehmen Julia (Mágica Pérez), die Tochter eines Freundes, der Selbstmord begangen hat, bei sich auf. Während Laura in das neue Familienmitglied völlig vernarrt ist, geht Daniel auf Distanz – irgendetwas stimmt da seiner Meinung nach nicht. Das Mädchen Julia erinnert ihn auf unheimliche Art und Weise an einen schrecklichen Vorfall in seiner Kindheit.?Erzählt wird die Kindheitsgeschichte in Rückblenden und Alptraumsequenzen, unterlegt von dramatisch-gefährlicher Musik. Der Film beginnt stark und der Berlinale-Gänger freut sich, mal was Handfestes vor Augen zu haben. Leider überreizt Regisseur Antonio Chavarrías die gängigen Konventionen des Psycho-Genre derart, dass bei all den unheimlichen Duschvorhängen, toten Vögeln und Alpträumen schon nicht mehr von Hitchcock-Zitaten sondern von einem mäßigen Imitat die Rede sein muss. Dadurch geht Spannung verloren, all das hat man irgendwo schon mindestens einmal gesehen und recht früh wird klar, wie der Hase läuft. Ganz schwachbrüstig dann das Ende, da musste Chavarrías (ist auch Drehbuchautor) wohl irgendwie wieder raus aus der Nummer und wählt den direkten Ausgang. Schade, wir warten immer noch auf das erste Wettbewerbs-Highlight. Immerhin: Juan Botto spielt sehr überzeugend. Bisher der beste männliche Hauptdarsteller. Und dann war dann noch Isabelle Huppert in Captive, eine französisch-philippinisch-deutsch-britische Co-Produktion!?Eine wahre Begebenheit im Juli 2001: Terroristen der muslimischen Gruppe Abu Sayyaf nehmen in einem Nobel-Resort ca. 12 ausländische Gäste als Geisel. Die Geiseln werden in verschifft und es beginnt ein zäher, nicht enden wollender Marsch durch den philippinischen Regenwald. Über ein Jahr dauert die ganze Tortur. Zwar arrangieren sich die Gefangenen irgendwie mit ihren Geiselnehmern und der Situation, aber natürlich hinterlassen die Umstände physische und psychische Spuren. Die Wut der Geiseln richtet sich vor allem gegen die untätigen Regierungen.?Regisseur Mendoza sagte auf der Pressekonferenz, die Intention des Filmes sei es, Überlebenswillen und Menschlichkeit darzustellen. Das gelingt nur bedingt. Ja, die Hauptfiguren halten durch (und sehen dabei immer aus wie aus dem Ei gepellt) und ja, der Umgang untereinander wird irgendwann freundlicher. Aber das alles passiert halt irgendwie. Der Film zeigt das, erforscht aber nicht und geht diesen Dingen nicht auf den Grund. Eine spannende Gruppendynamik ist nicht auszumachen (man wartet und wartet), lediglich am Ende deutet sich da was an, mehr aber nicht. Ansonsten ist Captive zwar mitunter actionreich und authentisch (unterstützt durch Handkamera und improvisierende Schauspieler) bleibt aber die meiste (eigentlich die ganze) Zeit spannungsmäßig auf halber Höhe und ohne große Höhepunkte. ?Halbe Höhe ohne große Höhepunkte – genau genommen steht das stellvertretend für den ganzen bisherigen Wettbewerb. (jl)

Tag 4

Kambodschanischer Film? Ich muss zugeben, dass ich noch nie einen Film aus diesem Land gesehen hatte und gespannt war, was die Dokumentation über das von Pol Pot und der Roten Khmer zerstörten und ermordeten Filmerbes erzählt: GOLDEN SLUMBERS (Forum, Davy Chou) begibt sich auf eine Art archivalische Reise, die wegen der unwiderbringlichen Werke mit Photos, Erzählungen einiger Überlebender aus der Filmbranche und vor allem Filmsongs aufwartet und durch oral history, die Stories der Filme nacherzählt. Wer sich für Kinogeschichte interessiert – reingehen!

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Le sommeil d’or | Golden Slumbers, Land: FRA/KHM 2011, Regie: Davy Chou, Sektion: Forum (Copyright@Berlinale)

Ein etwas anderer Film, ebenfalls aus der Sektion Forum, ist KID-THING (Zellner Bros). Wir begleiten Annie (großartig: Sidney Aguirre – ein bisschen könnte der Name Programm sein und ganz einfach für “Der Zorn Gottes” stehen) auf ihrer zerstörungswütigen Reise durch den Alltag, ohne Schule, ohne elterliche Liebe oder Aufsicht, ohne Freunde. Man schwankt zwischen dem Gefühl, das Mädchen schütteln zu wollen, um sie wieder auf den Boden zu holen und Mitleid. Grandioses Ende! Mein Favorit bisher für den Caligari-Preis.

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Kid-Thing, Land: USA 2012, Regie: David Zellner, Bildbeschreibung: Sydney Aguirre (Copyright@Berlinale)

 

Ich muss gestehen, dass ich mir gestern auch etwas Wunderbares in der Retrospektive angesehen habe, auch wenn Johannes darüber eigentlich berichtet: WOSSTANJE RYBAKOV (Piscator, Doller). Ein wunderschön photographierter 60-minütiger Film über den “Aufstand der Fischer”, der Meschrabpom-Prometheus wohl, laut Alexander Schwarz (Mitinitiator der Retro), an den Rand des Ruins gebracht hat. Der Film hat eine spannende Produktionsgeschichte, die wir später ausführlicher im Berlinale-Bericht auf HighNoon erzählen werden. Das Besondere gestern war: Die Weltpremiere zwei neuentdeckter Hanns Eisler-Songs (Fragmente) zum Film, die uns der wunderbare Stummfilmpianist Gabriel Thibaudeau vor dem eigentlichen Werk vorspielte.

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Wosstanije rybakow | Revolt of the Fishermen | Aufstand der Fischer, Land: UdSSR 1934/1935, Regie: Erwin Piscator, Michail Doller, Sektion: Retrospektive, Quelle: Deutsche Kinemathek (Copyright@Berlinale)

Am Ende des Tages wartete das Berlinale Special mit einem ganz besonderen Schmankerl auf: KEYHOLE (Guy Maddin). Was kann man über die Handlung sagen? Eine Reise durch lebendig werdende Erinnerungen im eigenen Haus. Wahnsinnig schön photographierter schwarz-weiß Gangster-Film Noir-Film mit Isabelle Rosselini, Udo Kier, Jason Patric, und und und. Guy Maddin hat ein vielleicht nicht für jeden zugängliches Kunstwerk geschaffen, das mir aber noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Für jeden Maddin-Fan und für alle, die mal etwas Besonderes sehen möchten, ein Muss. (jb)

Kollektives Aufatmen

Es ist geschafft, wir haben ein Wettbewerbshighlight!?Passend zur Festival-Halbzeit sah die mittlerweile schon recht ermüdete Presseschar den neuen Film von Billy Bob Thornton. Als im Vorspann zu lesen war, dass Alexander Rodnyansky den Film mitproduziert hatte, galt es erstmal, Hab-Acht-Stellung einzunehmen. Dazu muss man wissen, dass mit V Subbotu ein ebenfalls von Rodnyansky produzierter Film im Berlinale-Wettbewerb 2011 lief, der getrost als schlechtester Film der damaligen Auswahl bezeichnet werden kann (das Publikum hat auch leidenschaftlich gebuht). Dieses Jahr also Billy Bob Thornton. Jayne Mansfield’s Car handelt von zwei kauzigen Familien im Jahr 1969. Die eine lebt in den Südstaaten der USA, die andere in England. Einzige Verbindung ist die Ex-Frau von Jim (brilliant: Robert Duvall), die sich irgendwann aus dem Staub gemacht hat um in England Kingsley (John Hurt) zu ehelichen, Oberhaupt der britischen Familie. Sie ist gestorben, soll in den USA beerdigt werden und deswegen reisen die Engländer in die Südstaaten. „They’re not welcome“ brummt Jimbo (Robert Patrick) da nur, ein Republikaner aus dem Bilderbuch, der einen Schönheitsfehler hat: Er hat nie an einer Kriegsfront gekämpft. Im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern Carroll (Kevin Bacon) und Skip (B. B. Thornton), die traumatisiert zurückgekehrt sind und nun ihre Erfahrungen unterschiedlich verarbeiten. Der eine als Hippie, der andere als introvertierter, melancholischer Denker mit Vorliebe für Autos. Auf der englischen Seite sind da die Kinder Phillip (Ray Stevenson), der mit gut 40 Jahren  trotz seines Aussehens keine Frau fürs Leben gefunden hat, und Camilla. Eine illustre Runde, die da zusammenkommt und sich natürlich erstmal nicht ausstehen kann. Doch auch innerhalb der Clans gibt es Konflikte, Familienstreitigkeiten und Vorwürfe. Die Väter dieser Zeit “brüllen rum und reden Unsinn”, so beschreibt es eines der Familienmitglieder.  Und so bilden sich bald noch illustrere parteiübergreifende Allianzen.?Alles klar? Wenn nicht: Kein Problem, denn für den Film ist vor allem wichtig, dass man sich annähert. Als jeder ein bisschen auf den anderen zugeht wird deutlich, dass es doch viele Gemeinsamkeiten gibt und die ganzen Vorurteile für den Eimer waren (wie schön das zu der eingangs berichteten Geschichte passt, dass Rodnyarsky wohl keine guten Filme produziert). Und ganz klassisch möchte man sagen: Schade, dass erst der Tod einer nahestehenden Person die Leute dazu bewegt hat, miteinander zu reden. Pointierte Dialoge, Skurrilitäten, Menschlichkeiten, aber keine Platitüden und schon gar kein Pathos machen den Film aus, der so ein bisschen an einen Streife der Coen-Brüder erinnert. Dazu ein bis in die Nebenrollen hervorragend besetzter Cast. Achja, und Jayne Mansfields Auto? Tja, selbst rausfinden Nach dem Abspann war, glaube ich, das kollektive Aufatmen der Wettbewerbsbeobachter zu vernehmen. Dieser Film, da kann man sich sicher sein, wird ruckzuck in unseren Kinos landen. So soll es sein, so kann es bleiben! Um mal eine große deutsche Band zu zitieren.?(jl)

14. Februar 2012, Preis der deutschen Filmkritik 2011

Der Verband der deutschen Filmkritik (VDFK) hat gestern abend, 13. Februar, in Berlin den Preis der deutschen Filmkritik vergeben. Es ist der einzige deutsche Filmpreis, der ausschließlich von Kritikern vergeben wird. Er wird nach einer Abstimmung unter den rund 300 Mitgliedern an deutsche Filme vergeben, die vom 1. Januar bis 31. Dezember 2011 in Deutschland im Kino zu sehen waren.

Je zwei Preise gehen an „Halt auf freier Strecke“ (sechs Nominierungen), „Almanya – Willkommen in Deutschland“ (fünf Nominierungen) und „Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ (zwei Nominierungen). Zum dritten Mal gewinnt ein Film von Andreas Dresen (nach „Nachtgestalten“ 1999 und „Halbe Treppe“ 2002), zum zweiten Mal ein Film von Wim Wenders (nach „Alice in den Städten“ 1975). Sandra Hüller erhält zum zweiten Mal den Preis als beste Darstellerin (nach 2006 für „Requiem“).

Spielfilm Halt auf freier Strecke  (Andreas Dresen)   Spielfilmdebüt Almanya – Willkommen in Deutschland  (Yasemin Samdereli)   Dokumentarfilm Pina  (Wim Wenders)   Darstellerin Sandra Hüller  (Über uns das All)   Darsteller Milan Peschel  (Halt auf freier Strecke)   Drehbuch Yasemin und Nesrin Samdereli  (Almanya)   Kamera Daniela Knapp  (Poll)   Schnitt Toni Froschhammer  (Pina)   Musik?Ingo Ludwig Frenzel  (Lollipop Monster) Benedikt Schiefer  (Unter dir die Stadt) Ex aequo   Ehrenpreis?Darius Ghanai (Vorspanngestalter)

Kommentar: Tilo, am 14. Februar 2012 um 14:35 Uhr ? “Almanya – Willkommen in Deutschland” ist ein toller Film. “Pina” würde ich mir nur unter Androhung der Todesstrafe anschauen. Geht gar nicht, dieses Rumgehopse. Btw: ersten Satz nochmal lesen. Johannes, am 14. Februar 2012 um 22:05 Uhr ?Ja, Pina ist echt sehr speziell, aber ein guter 3d-Film ?Gruß,?Johannes

15. Februar 2012, Aller guten Dinge sind drei

Der Offizielle Wettbewerb hat Bergfest und heute waren nochmal drei Höhepunkte im Programm (die Inhaltsangabe ist verlinkt). Überblick in aller Kürze: Was bleibt (D): Neben Barbara der zweite deutsche Beitrag, diesmal von Hans-Christian Schmid. Fakt ist, dass Barbara von Petzold wichtigere Fragen anspricht, wie z.B. die nach Freiheit oder Selbstbestimmung. Nichtsdestotrotz: Die hier gezeigte Geschichte der Familie berührt, was einerseits an der hervorragenden schauspielerischen Leistung aller Beteiligtenden liegt und andererseits an den Ursachen der teilweise jahrzehntelang schwelenden Konflikte, die scheibchenweise zum Vorschein gebracht werden, bis die auf den ersten Blick intakte Familie in ihre Einzelteile zerlegt ist. Die schönste Szene des Films ist übrigens eine Gesangsszene! Tabu (P/D/BRA/F): Hochinteressanter Film. Eine schwarzweiße Hommage an die Kinogeschichte und den Stummfilm, was sich vor allem in Schnitt, Kameraführung Bildformat oder Dialogen ohne Ton bemerkbar macht. Ruhige Einstellungen, der zweite Teil ist komplett als Rückblende erzählt, die Bilder werden von einem Erzähler kommentiert. Sehr kunstvoller Film, der -was Machart und Erzählstruktur angeht- eigentlich auch in das Experimentierfeld Forum gepasst hätte. Definitiv sehenswert, aber nicht wenig anstrengend (besonders jetzt, wo der Festival-Overkill definitiv nicht mehr wegzuleugnen ist)! L’Enfant d’en haut (Sister) (CH/F): Der beste Film bisher. Beklemmende Geschichte mit eindrucksvollem, melancholischem Ende. Unglaublich gespielt vom jungen Kacey Mottet Klein, der heißester Anwärter auf den Silbernen Bären in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ ist. Tipp des Tages: Wenn nicht noch ein wirklich großer Film kommt, dann gewinnt L’Enfant d’en haut den diesjährigen Wettbewerb (Gegenwetten werden ab sofort angenommen) . Wenn die Zeit so in’s Land geht, dann ordnen sich die Filme, die man vor etwa einer Woche gesehen hat und die man jetzt mit ein bisschen Abstand betrachten kann, neu an und ein. Deswegen hier die aktuelle (immer noch subjektive) Hitliste: L’Enfant d’en haut (Sister) Was bleibt Barbara Jayne Mansfield’s Car Cesare deve morire (Caesar Must Die) Tabu À Moi Seule (Coming Home) Ajourd’hui (Today) Captive Les Adieux à la Reine (Farewell My Queen)  (jl)

16. Februar 2012, Bai Lu Yuan (White Deer Plain)

Mein Gott, was haben wir vor diesem Film gezittert. Drei Stunden Historiendrama vom berlinaleerfahrenen Regisseur Wang Quan’an, episch, in Mandarin, morgens um 11, nach einer guten Woche Berlinale, wo man sowieso nicht mehr genau weiß, was man vor zwei Stunden gesehen hat. Harald Martenstein schreibt in seiner ansonsten mäßigen Berlinale-Kolumne (viel, viel treffender und lustiger ist der Berlinale-Blog von Andreas Borcholte auf Spiegel Online) sinngemäß: Man soll bei kulturellen Veranstaltungen immer vom Schlimmsten ausgehen, dann kann’s nur gut werden. Haben wir gemacht und siehe da, es ward gut. Ein Epos vom Feinsten mit allem, was ein solcher Schinken braucht: Ein realer historischer Hintergrund, tolle Kulissen, schöne Kostüme, massig Komparsen, Wutreden an’s Volk, brennende Kornfelder. Und eine Kamera (Lutz Reitemeier) , die es in sich hat und fantastisch die schier endlose White Deer-Ebene im Sonnenuntergang auffängt oder die durch Schneegestöber marschierende Meute. Dazu explizite Sexszenen, nicht zu knapp. Einziges Manko, das aber getrost auf die mittlerweile stark abnehmende Aufnahmefähigkeit geschoben werden kann: Die Geschichte ist sehr verstrickt, wer da mit wem was macht und warum, sei es im Bett oder im Haus des Clanoberhaupts – dazu muss man schon höchst konzentriert sein. Aber wer nach ca. der Hälfte des Films den Faden verliert (soll heute tatsächlich vorgekommen sein…), der schaut einfach zu und freut sich an den Schauspielern und den Bildern. Von Langeweile keine Spur. Sehr gut gemachtes, dichtes Genrekino, das seinen Platz im Wettbewerb durchaus verdient hat. Ranking: L’Enfant d’en haut (Sister) Was bleibt Barbara Jayne Mansfield’s Car Bai Lu Yuan (White Deer Plain) Tabu Cesare deve morire (Caesar Must Die) À Moi Seule (Coming Home) Ajourd’hui (Today) Metéora Dictado (Childish Games) Captive Les Adieux à la Reine (Farewell My Queen)?(jl)

Wie das Leben so spielt

Nach einem Vormittag, der für eine Filmjournalistin nicht allzu gut begann – zuerst wollte das Aufnahmegerät ein Interview nicht aufnehmen und dann ging auch noch mein Notizbuch der Berlinale verloren (falls es irgendjemand finden sollte, bitte melden: orange, hardcover, mit vielen vielen Notizen zu Filmen der Berlinale und Interviewfragen) – ging es filmisch dann wieder bergauf: “LA CHISPA DE LA VIDA“ (Berlinale Special Gala) war für mich ein überraschendes Highlight an diesem Tag. José Mota spielt einen arbeitslosen PR-Mann, Roberto, der, verheiratet mit Salma Hayek, sich auf erfolglose Bewerbungsjagd begibt. Regissuer Alex de la Iglesias lässt ihn einen Unfall in einem gerade ausgegrabenen Amphitheater haben: Nun liegt er auf einem Gitter, kein Knochen ist gebrochen, sein Kopf jedoch durchbohrt von einer Eisenstange. Zeitgleich findet in diesem Theater eine Journalisten-Führung statt. Nachdem Ärzte, Salma und die Kinder sich nacheinander einfinden, kann auch niemand die Journalistenschar davon abhalten, ihre Kameras, Mikrofone und Photoapparate auf den Verletzten zu halten. Damit nicht genug. Roberto engagiert einen Agenten, um mit seinem Unfall, schnelles Geld im Live-TV zu machen und damit wieder gut zu machen, was er glaubte, seiner Familie angetan zu haben. Sender und ehemalige PR-Freunde schlagen sich um die live-Übertragung des Dramas. Ein Kampf um Geld und Productplacement, Moral und Würde beginnt… Um halb zehn war es dann soweit: nach einem emotionalen und wunderbaren Gespräch mit Tea Lim Koun, Dy Saveth, Ly Bun Yim und Ly You Sreang (und weitern Familienmitgliedern) führten das Arsenal und Forumskurator Christoph Terhechte zum ersten Mal nach 40 Jahren „PUOS KENG KANG“ (The Snakeman) in Anwesenheit der oben Genannten der Weltöffentlichkeit vor. Der 16mm-Film wurde digitalisiert und konnte nun endlich – nachdem Pol Pot und die sogenannte Khmer Rouge praktisch die komplette kambodschanische Filmkultur zerstörte und deren Mitglieder und Förderer nahezu ausrottete – dem internationalen Publikum gezeigt werden. Nicht nur der sichtbar gerührte Regisseur Tea Lim Koun und die Hauptdarstellerin Dy Saveth waren gerührt. Sie widmeten den Filmabend allen Kollegen, die dem Pol Pot-Regime zum Opfer fielen. Wir können nur hoffen, dass die nur 40 Filme von ehemals 400, die bis heute gefunden wurden, nicht im Archiv verstauben und das „Golden Age“ des kambodschanischen Films ein Revival erlebt. (jb)

17. Februar 2012, Endspurt

Das Wichtigste gleich vorweg: Bis heute Vormittag lagen bei der Presse Barbara und L’enfant d’en haut zu Recht  immer noch vorne. Das wird sich allerdings geändert haben, der Beitrag Csak á Szel (Just The Wind) vom ungarischen Regisseur Bence Fliegauf ist der Top-Anwärter auf den goldenen Bären.?Der Film beschreibt den Tag einer ungarischen Roma-Familie nachdem am Vortag acht Romaim Nachbarhaus kaltblütig erschossen wurden. Der Film ist angelehnt an wahre Ereignisse, allerdings kein Dokumentarfilm, das stellt  Fliegauf im Vorspann gleich klar. Und trotzdem ist die Handkamera so nah und stumm an den Figuren -Großvater, Mutter, Sohn und Tochter- dran, dass es wirklich fast schon dokumentarisch ist. Die Roma-Siedlung, verwahrloste Hütten am Waldrand, liegt -das muss man so sagen- eigentlich auf einer Müllkippe, gebadet wird im Fluss, eine braune Brühe, in der Plastikkanister herumdümpeln. (Fliegauf sagt auf der Pressekonferenz allerdings, dass sei nicht typisch für Roma-Siedlungen, sondern generell für ländliche Regionen in Ungarn, wo es keine Müllabfuhr gibt). Die Mutter ist morgens Hilfsarbeiterin und säubert Grünstreifen einer Autobahn vom Abfall,  nachmittags lässt sie sich als Putzfrau vom Hausmeister der ansässigen Schule erniedrigen. Der Sohn schwänzt, Großvater schafft es schon gar nicht mehr vom Sofa, der Alkohol ist Schuld. Was macht diesen Film nun so überwältigend? Es ist die Authentizität und die fehlende Distanz, die einen fesselt und wie in einen Sog hineinzieht. Man ist Beobachter dieses einen Tages, der episodenhaft erzählt wird und die einzelnen Stränge zu einem Gesamtbild zusammensetzt. Alles Gezeigte wird nüchtern eingefangen, dokumentarisch eben, keine Tränendrüse, keine Dramamusik. Lediglich als Vorbereitung auf das schockierende Ende sind die Szenen von einem leisen, gleichbleibenden Ambientsound unterlegt. Dass die Schauspieler allesamt Laien sind, auf den Dörfern Ungarns entdeckt wurden und selbst mit rassistischen Ressentiments zu kämpfen hatten, verstärkt die Sache nur noch. Zudem weiß man um die Aktualität, wo Ungarn dich derzeit stark nach rechts abzurutschen droht. Die Jury in Berlin gibt bei ihrer Wahl bekanntlich gerne politische Statements ab. Csak á Szel als Gewinner wäre daher ein Zeichen nach Ungarn, wo Rassismus in Politik und Gesellschaft Einzug gehalten haben. Ein Polizist verkörpert das im Film, als er zu seinem Kollegen sagt, die ermordete Rma ogingen alle arbeiten, es hätte doch daher eigentlich keinen Grund gegeben, sie zu erschießen. Doch auch unabhängig von der politischen Botschaft ist der Film so eindrücklich, dass er den Hauptpreis durchaus verdient hätte. Sonst noch im Wettbewerb gesehen: En kongelig Affaere A Royal Affair (DEN, CZ, D, S) Was zunächst wie ein Kostümfilm von der Stange aussieht, entpuppt sich als Portrait eines Revolutionärs (Mads Mikkelsen als Johann Struensee), der mit neuen Ideen frischen Wind an den Hof des manisch-depressiven Christian VII. bringt und darin seinen Untergang findet. Lars von Trier als Co-Produzent!?Gut recherchiert und von der Presse schon gefeiert und gelobt. Mal schauen, ob der am Samstag noch mal Erwähnung findet. Gnade (D) Dritter und letzter deutscher Beitrag von Regisseur Matthias Glasner. Der Film mit den fantastischsten Bildern. Helikopterflüge über’s Polarmeer und die Schneewüste, eingetaucht in bläuliches Zwielicht. Das erinnert an Hollywood und man wünscht sich eine doppelt so große Leinwand.?Die Geschichte über Schuld und Vergebung ist aber an einigen Stellen unklar erzählt und hinterlässt Fragezeichen, weil die Handlungen der Charaktere nicht immer nachzuvollziehen sind.?Buh-Rufe bei der Pressevorführung (zum ersten Mal bisher). Das ist ein bisschen zu hart, dennoch fällt Gnade hinter den anderen beiden deutschen Filmen ab. Kebun Binatang Postcards From The Zoo (IND, D, HK, CN) Schöne und lustige Bilder, die eine Fantasie-Geschichte eines jungen Mädchens im Zoo von Djakarta erzählen. Machen wir’s kurz und zitieren wir Großmeister Daniel Kothenschulte “„Postcards from the Zoo“ ist ein herrlich nichtsnutziger Film, nicht viel mehr als ein leckeres Dessert nach manchem Schwergewicht im Wettbewerb […]” (in: Kothenschulte, D. (2012): Die Schöne und die Tiere. In: Berliner Zeitung, 16.02.2012) (vor ca. einem Jahr wurde Prinz zu Guttenberg gestürzt, daher die Formalitäten). (jl)

18. Februar 2012, Caligari-Preis 2012

Zum 27. Mal vergibt der Bundesverband Kommunale Filmarbeit gemeinsam mit dem Kinomagazin FILM-DIENST den Caligari-Filmpreis 2012. Die von den Kommunalen Kinos und dem FILM-DIENST gestiftete Auszeichnung ist mit 4.000 Euro dotiert. Der Preisträger/die Preisträgerin erhält die Hälfte des Betrages, 2000 Euro werden für Werbemaßnahmen verwendet, um weitere Kinoaufführungen in Deutschland zu unterstützen. Von der Firma Trikoton wird ein Preis gespendet: eine Decke aus der „Voice Knitting Collection“, in die Auszüge aus der Partitur der Originalfilmmusik Guiseppe Becces zu dem Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ eingestrickt sind.

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Regisseur und Darsteller des Gewinnerfilms „Tepenin Ardi“, Copyright@Jennifer Borrmann

 

Der Caligari-Filmpreis 2012 geht an: Tepenin Ardi (Beyond the Hill)  Emin Alper, Türkei, Griechenland Ein Western aus der Türkei von heute! Ein Vater, zwei Söhne, drei Enkel – eine Männergesellschaft, aus drei Generationen, lauter inglourious basterds, irgendwo in der Türkei. Man lebt eins mit der Natur, mit den Tieren, zwischen Fluss und Wäldern, inmitten einer atemberaubend schönen, wilden Berglandschaft, und mit “den Anderen”, den Feinden hinter den Bergen. Im Laufe einer Geschichte, die sehr ruhig und konzentriert beginnt, und immer schneller und dichter wird, wechselt unsere Blickrichtung immer wieder. In Großaufnahmen lernen wir die einzelnen Personen als Individuen, als Menschen in ihrer Würde kennen. Wir werden dann auch Zeugen einer Familienaufstellung mit filmischen Mitteln, die die inneren Risse, die Dynamik und Spannung dieser drei Generationen aufzeigt. Dann wieder sehen wir Soldaten, uniformierte Besucher, die – wie Aliens aus einem anderen Universum -, durch die Berge streifen. Schließlich wirkt die Kamera selbst wie ein Besucher aus einer anderen Welt, wie ein Voyeur, der durch die Büsche, versteckt, von außen dem Treiben zusieht. In seinem allerersten Film ist Emin Alper ein unerhört reifes Werk geglückt, das echtes Kino ist und unbedingt die große Leinwand verdient. Alper entfaltet einen Strudel voller Bezüge und unter der Oberfläche lauernder Konflikte. “Tepenin Ardi” fragt danach, was den Mann zum Mann macht: Die Frau? Die Waffe in der Hand? Das Stück Land unter den Füßen? Die Feinde? Er zeigt den Zusammenprall von Tradition und Moderne, von Stadt und Land, guten Sitten und Amoral, Träumen und Wirklichkeit, osmanisch-imperialer Vergangenheit und republikanischer Zukunft, und in alldem einen Mikrokosmos der türkischen Gegenwartsgesellschaft. Und er zeigt das “Andere”.?Ein Film über die Macht der Väter, die Macht des Schicksal, die Macht der Paranoia – inszeniert voller Schönheitssinn, Dramatik, großer surrealer phantastischer Momente, mit soziologischem Blick, Sinn für Irrsinn und ironischem Humor. Eine Einladung an alle engagierten Kinokuratoren, die zahlreichen Facetten dieses Films zu entfalten, ästhetische wie gesellschaftliche Bezüge für den Zuschauer erlebbar zu machen.

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Die diesjährige Caligari-Jury (rechts) und Magdalena Kohler von Trikoton (links), (Copyright@Jennifer Borrmann)

Außerdem werden zwei lobende Erwähnungen für die besten Dokumentarfilme im diesjährigen Forum vergeben: Bagrut Lochamim (Soldier / Citizen)   Escuela normal (Normal School)?Celina Murga, Argentinien Zwei geduldige Portraits einer Institution, gedreht im Geist und Stil von Frederick Wiseman, zwei Innenansichten ihrer Herkunftsländer, zwei Reflexionen über das Universale und das Allzumenschliche, über das republikanische Leben, über Gymnasium und Armee als Schulen der Nation, über Politik und Gefühl. Vielleicht ist der eigentliche Hauptdarsteller in Celina Murgas Escuela Normal die Schule selbst: Das alte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, ein Tempel der Erziehung mit seinen riesigen Gängen, verwunschenen Treppenhäusern, alten Türen, Fenstern und Möbeln. Murga zeigt Jugendliche, die erstmals erfahren, was es heißt, dass Politik “das langsame Bohren dicker Bretter” (Max Weber) bedeutet. Doch in der Demokratie, so lautet die eigentliche Lektion, ist Politik eben nicht nur Legalität und Verfahren, sondern immer auch charismatische Herrschaft. In Silvina Landsmanns Bagrut Lochamim dreht sich alles um den Widerstreit zwischen einer Klasse aus Soldaten, die bald ihren Wehrdienst abschließen und dem Lehrer, der ihnen Staatsbürgerkunde beibringen soll: Demokratie und Toleranz in drei Wochen. Es geht hoch her: Die Soldaten reden völlig offen und sind zugleich untereinander so uneinig, wie der Rest der israelischen Gesellschaft. Viele der jungen Männer sind erschreckend uninformiert, und geben im saloppen Gerede auch mal kurz die Menschenrechte preis. Manche kommen mit der Kritik der Friedensbewegung nicht zurecht, andere haben vor orthodoxen Juden gleichviel Angst, wie vor den Muslimen. Zugleich ist der Unterricht eine alltägliche Übung in praktizierter Gleichheit. In beiden Filmen ist das Private immer wieder das Politische. Eine weitere lobende Erwähnung für den „herausforderndsten“ Film im diesjährigen Forum geht an: Jaurès?Vincent Dieutre, Frankreich Ein besonders mutiger Beitrag, der im Gegensatz zu nahezu allen übrigen Filmen im diesjährigen Forum den Blick von Innen nach Außen wirft. Vincent Dieutre lehrt uns in seinem Essayfilm das Sehen neu. Aus einem Fenster heraus beobachten wir das Welttheater des Alltagslebens – parallele Szenerien wie auf einer Bühne: Oben fährt die S-Bahn, darunter das Treiben eines Platzes, eine Brücke und ein Park, unter den Brücken an der Seine richten sich Flüchtlinge aus Afghanistan ein. Deren Leben zeigt der Film im Wechsel der Jahreszeiten. Gleichzeitig dazu wird die persönliche Liebesgeschichte des Regisseurs mit einem Sozialarbeiter erzählt; der Erzähler befindet sich in der Wohnung seines damaligen Geliebten. Seine Erinnerungen, Geräusche und andere Alltagsfetzen formen das Patchwork der Existenz. Eine Herausforderung, der sich der Zuschauer vertrauensvoll überlassen sollte. Die Jurymitglieder: Angelina Hofacker (Caligari FilmBühne, Wiesbaden) Rüdiger Suchsland (FILM-DIENST, Berlin) Dagmar Wagenknecht (Kinoklub am Hirschlachufer, Erfurt)

Caligari-Filmpreis

Auch der aka vergibt auf der Berlinale einen Preis: den CALIGARI-Filmpreis! Der aka-Filmclub ist Mitglied im Bundesverband Kommunale Filmarbeit und ist damit Teil einer dreiköpfigen unabhängigen Jury, die in der Sektion FORUM ihren Preis an einen stilistisch und thematisch innovativen Film vergibt. Die Jury besteht in jedem Jahr aus zwei Mitgliedern des Bundesverbandes und einer/einem Filmkritiker/in der Zeitschrift film-dienst. Der Preis besteht aus 4000 Euro, die zur Hälfte jeweils auf Regie und Verleih aufgeteilt werden. Damit soll auch gewährleistet werden, dass der Gewinnerfilm in die Kinos kommen kann.

Im vergangenen Jahr haben wir den Film “The Ballad of Genesis and Lady Jaye” von Marie Losier mit ausgezeichnet.

Begründung der Caligari-Preis Jury (Julia Teichmann (film-dienst), Jennifer Borrmann (aka Filmclub), Peter Link (Weitwinkel, Kommunales Kino Singen): “Zwei Bräute im Park, zwei Nasenoperationen, zwei Petersilienbüschel. In Marie Losiers THE BALLAD OF GENESIS AND LADY JAYE werden Erwartungen – und das ist gut so – enttäuscht. Ihre dokumentarische Collage ist keine angestrengte Analyse von Geschlechteridentitäten, keine klassische Musikdokumentation, keine Freakshow. Die Regisseurin kommt den beiden Menschen, die sie portraitiert, spürbar nahe. Über die eigenwillige Form zieht sie den Zuschauer mit in eine praktizierte Einheit von Kunst und Leben: Found Footage wird kompiliert mit reinszenierten Passagen, unterschiedliches Filmmaterial trifft auf eine bruchbetonte Montage, das rhythmische Pulsieren der Musik wird in filmische Strukturen übersetzt. Vielleicht ist das der eine Weg, diese “größte Liebesgeschichte aller Zeiten” [”greatest love story of all time”] zu erzählen.”

Rien ne va plus

Alle Wettbewerbsfilme sind gelaufen und es ist alles gesagt. Die Preisverleihung  findet heute Abend um 19.30 Uhr im Berlinale-Palast statt und kann ab 19.00 Uhr live auf 3sat verfolgt werden. Hier sind die Tipps der unabhängigen glueckskekse.org-Jury: Goldener Bär: Csak a Szel (Bence Fliegauf) Silberne Bären: Großer Preis der Jury (sowas wie der zweitbeste Film): Barbara (Christian Petzold) Beste Regie: Kim Nguyen (Rebelle) Bestes Drehbuch:Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg (En kongelig Affaere) Beste Darstellerin: Agathe Bonitzer (A moi seule) (hoffentlich!!) Bester Darsteller:Lars Eidinger (Was bleibt) Beste Filmmusik: Home Sweet Home (Gnade) Herausragende künstlerische Leistung: Metéora?(jl)

And the Winner is…

Cesare deve morire von Paolo & Vittorio Taviani.

Das ist wohl das, was man einen Paukenschlag nennt, damit hatte niemand gerechnet. Das italienische Drama, das Gefangene im Hochsicherheitstrakt der roemischen Strafanstalt Rebibbia zeigt, die gemeinsam Shakespeares Julius Caesar einstudieren und einmalig vor Publikum auffuehren.?Es ist ja viel diskutiert worden in den letzten Tagen, als der Wettebwerb dem Ende zuging, und man war sich einig, dass das Roma-Drama Csak a szel (Just the Wind) die allerbesten Chancen auf den ersten Platz hat, weil er beruehrt, schockiert und gleichzeitig politisch ist. Regisseur Bence Fliegauf war sich wohl aehnlich sicher, die Enttaeuschung ueber den quasi zweiten Platz (Grosser Preis der Jury) war nicht zu uebersehen. Da war er nicht der einzige: Ursula Meier, Regisseurin von L’enfant d’en haut (Sister), hatte sich wohl auch mehr erhofft als “nur” eine lobende Erwaehnung, genauso wie Miguel Gomes, der für seinen Film Tabu den Alfred-Bauer-Preis fuer die Eroeffnung neuer Perspektiven der Filmkunst gewonnen hat. Der sah beim Gang zum Rednerpult aus, als wolle er vor Wut im Vorbeigehen saemtliche noch wartende Baerenstatuen vom Tisch fegen. Uebergluecklich und ehrlich ueberrascht (und uebrigens mit der sympathischsten Dankesrede): Die Gewinnerin des silbernen Baeren fuer die beste Schauspielerin Rachel Mwanza, Laiendarstellerin aus dem Kongo, fuer ihre Hauptrolle in Rebelle. Schade fuer Agathe Bonitzer (A Moi Seule), dennoch eine absolut nachvollziehbare und gute Entscheidung. Die beste kuenstlerische Leistung sah die Jury in den Bildern des deutschen Kameramanns Lutz Reitemeier im Geschichtsepos Bai lu yuan (White Deer Plain), dessen chinesischer Produzent sich fuer den arbeitsbedingt abwesenden Kameramann auch gleich noch bei der Volksrepublik China mitbedankte. Ueber die Gruende fuer die Entscheidungen gab die Jury bedauernswerter Weise keine Auskunft. Daher kann nur spekuliert werden. Wahrscheinlich beeindruckte es, mit welcher Intensitaet die Gefangenen Shakespeare spielen und vor allem was das Projekt mit ihnen anstellt: „Seit ich der Kunst begegnet bin, ist diese Zelle für mich ein Gefängnis” sagt einer von ihnen im letzten Satz des Films, als sich die Tuer hinter ihm wieder schliesst. Ausserdem ist der Preis natuerlich eine Wuerdigung der sozialen Trageweite des Projekts, das gekonnt auf die Leinwand transportiert wurde. Dem italienischen Journalist, der hier auf dem Nachbarcomputer grad seine Meldungen eintippt, scheint das verstaendlicher Weise erstmal egal zu sein. Er ruft dauernd “Grande cosa! Molto Bene!” in sein nicht mehr stillstehendes Handy. Falls also jemand anrufen moechte: Grossartige Sache, richtig gut: Christian Petzold wurde mit Barbara zum besten Regisseur gewaehlt. Und die Jury? Die, das wurde nun wirklich in jedes Mikro diktiert, harmonierte sehr und war angetan von Praesident Mike Leigh. Wahrscheinlich ist es dieser Harmonie auch zu verdanken, dass -im Gegensatz zum letzten Jahr- in jeder Kategorie andere Filme beruecksichtigt wurden und keiner der wirklich guten leer ausging. Das ist sehr gut so und auch verstaendlich bei dem Angebot an Topfilmen, die der Wettbewerb nach dem Bergfest zu bieten hatte. Alle Preistraeger gibts in einer Uebersicht hier. Ueber die Prognosen der glueckskekse.org-Jury huellen wir den Mantel des Schweigens. (jl)

20. Februar 2012, … und zum Dessert

Nach 10 Tagen Dauerdunkelheit und viereckigen Augen, habe ich den Berlinale-Zuschauer-Tag gestern genutzt, um mich langsam vom großflächigen bewegten Bild zu entwöhnen. Die beiden Filme JAYNE MANSFIELD’S CAR (Billy Bob Thornton) und SEKRET (Przemyslaw Wojcieszek) bildeten denn auch einen wunderbaren Abschluss für eine sehr spannende Forums-Panorama-Berlinale! Beide Werke sind in ihrer Ästhetik sehr unterschiedlich, kaum vergleichbar und haben gleichzeitig sehr schwere Kost, Tiefe und ein außergewöhnliches Schauspielerensemble gemeinsam. Der Billy Bob Thornton-Film kommt sehr beschwingt und leichtfüßig daher. Der Eindruck täuscht – zwar nicht ganz -, aber selbst der bunten Hippie-Südstaaten-Atmosphäre, hält sich hartnäckig ihre ebenso inhärente Angst vor dem Krieg, vor der psychischen Verarbeitung mit ihm und die praktisch nichtvorhandene Kommunikation innerhalb der Familie entgegen. Grandiose Charaktere, gespielt von ganz wunderbaren Schauspielern und das Drehbuch – Wahnsinn! Auch in Wojcieszeks Film steht die Kommunikation innerhalb der Generationen im Vordergrund: Ein Enkel, Star einer Drag Queen-Show, besucht seinen Großvater auf dem Land. Gemeinsam mit einer Freundin möchte er einem bestimmten Ereignis in der Vergangenheit seines geliebten Großvaters nachspüren. Es geht hier vor allem um die polnisch-jüdische Geschichte der Zwischenkriegszeit, um Antisemitismus in Polen und um die Auseinandersetzung damit. Die Bilder sind karg, kalt – ganz anders als in “Jayne Mansfield’s Car” – und wunderschön. Das soll erst einmal genügen – ausführliche Filmkritiken, Interviews und Bilder folgen für euch im Laufe der nächsten Zeit auf “HighNoon”. (jb)

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