2006 – Berlinale

Junger Orient auf der 56. Berlinale

Berlin, 09.02 – 19.02.2006

 

Männer bei der Arbeit !
(Kargaran mashghool-e karand / Men at Work, Iran, 2006)
Jeder weiß es besser, jeder will es anders machen, keiner will aufgeben und jeder will der Erste sein… diese überaus witzige Erzählung scheint auf den ersten Blick völlig unpolitisch und ohne Sozialkritik zu sein, zeichnet aber ein äußerst satirisches Bild auf die patriarchalische Gesellschaft, indem einige Männer auf der Rückfahrt vom Skiurlaub bei einer Pause diesen Stein (in Phallusgestalt) am Straßenrand entdecken und ihn ins Tal zu stürzen versuchen, was natürlich scheitert und die Männer nur noch mehr anspornt. Andererseits zeigt der Film ein Stück der neuen, modernen Iranischen Mittelschicht – keine Spur von Kopftuchzwang, stattdessen ausgerechnet das „schwache Geschlecht“ in dominanter Kettensägen-Pose, wie aus einem Splatter-Streifen. Dank dieser nur unterschwelligen Gesellschaftskritik gelang es dem iranischen Regisseur Mani Haghighi den Film (nach einer Idee des iranischen Altmeisters Abbas Kiarostami) durch die oft sehr strenge iranische Zensur zu schleusen. Wenn man das Glück haben sollte, diesen Film irgendwo zu Gesicht zu bekommen (derzeit ist er in Deutschland nur für besondere Anlässe wie Festivals ausleihbar), sollte man sich die Gelegenheit dazu nicht entgehen lassen.

Weiterhin habe ich mir die Filme „Am Rande der Städte“ und „Aus der Ferne“ angesehen, die beide dokumentarisch sind und in der Türkei spielen. Bei „Am Rande der Städte“ von Aysun Bademsoy werden ehemals in Deutschland arbeitende Gastarbeiterfamilien nach ihrer Rückkehr in die Türkei ausführlich interviewt und portraitiert. Nie ganz in Deutschland heimisch geworden, möchten die inzwischen verrenteten Gastarbeiter ihren Ruhestand in der Türkei genießen, sehen sich aber mit einem geringeren Lebensstandard und einer türkischen Kultur konfrontiert, die sich ganz unabhängig von ihnen, während ihrer Abwesenheit, weiterentwickelt hat. So bildet sich eine Subkultur von Rückkehrerfamilien mit gepflegten Wohnanlagen, Gebetsteppich, Knödeln und westlich orientierten Jugendlichen, die sich in der Heimat ihrer Eltern nicht wirklich zuhause fühlen können.

Schließlich möchte ich noch „Aus der Ferne“ von Thomas Arslan kommentieren, der bewusst einen Film gedreht hat, der keine Theorie vermitteln will und auch keine bestimmte Absicht hat, außer die Eindrücke vom Alltag in der Türkei, die der Regisseur bei seiner Reise von den westlichen Städten bis an die Iranische Grenze gesammelt hat, ohne Interpretation wiederzugeben. Erwähnenswert sind die wiederkehrenden Einstellungen von einem offenen Fenster, durch das der Blick in die Ferne schweifen kann und so die nächste Etappe andeutet. Mir persönlich war die Erzählung stellenweise zu langatmig und unklar, was bei geringem Interesse am Thema schnell in Langeweile umschlagen kann. Entsprechend hat dieser Film auf der Berlinale für deutlich weniger Aufsehen gesorgt als 37 Uses For A Dead Sheep.

Text: Philippe Bourdin, 20.02.2006

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