2000 – Berlinale

Künstliche Menschen: Einige Anmerkungen zur Retrospektive der Berlinale 2000

 

Am meisten freue ich mich jedes Jahr auf die Retrospektive. Denn wann sonst kann man schon in richtig großen Kinos richtig alte Filme sehen. Dieses Jahr stand die Retrospektive unter dem Thema „Künstliche Menschen – kontrollierte Körper, manische Maschinen“. Diese thematische Ausrichtung hat Kritik auf sich gezogen: Zum einen wurde dem Thema eine gewisse Nahe zu Zeitgeist unterstellt, zum anderen wurde die Auswahl der Filme bemängelt. Letzteres sicherlich nicht ganz zu Unrecht – wichtige Filme wie Metropolis und Star Trek First Contact fehlten. Aber man sollte bei einer solchen Kritik auch berücksichtigen, dass bei thematische Filmreihen im Gegensatz zu Retrospektiven des Werks einzelner Filmschaffenden immer das Problem der Abgrenzung besteht. Je allgemeiner das Thema, desto subjektiver – oder wenn man es böse ausdrücken will: willkürlicher – ist die Auswahl. In Berlin wurde der Rahmen bewusst weit gesteckt und das war auch gut so.

Der künstliche Mensch ist in Literatur und Film vorwiegend in zwei Genres beheimatet: Im Horror und in der Science-Fiction. Für die erste Traditionslinie stehen die Kreatur des Dr. Frankenstein und der Golem des Rabbi Loew. Für die zweite Linie steht der Roboter in seinen vielen Spielarten: Maschinen-Maria, Android, Replikant, Terminator und Robo-Cop. Die Retrospektive berücksichtigte beide Traditionslinien gleichermaßen und bot die Möglichkeit, verschiedene Verfilmungen des gleichen Stoffes in kurzer Zeit anschauen zu können, so z.B. eine Reihe von Frankenstein-Verfilmungen.

In beiden Richtungen geht es meist um eine Variation des Goethe’schen Zauberlehrlings: Die Geister, die gerufen, die Kreaturen, die geschaffen, die Maschinen, die gebaut werden, werden schließlich zur Bedrohung (schließlich ist meistens der Wunsch nach über-menschlichen Kräften der Impetus der Ingenieure) für den Menschen und müssen irgendwie gestoppt werden. Interessant wird es meist dann, wenn die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf uneindeutig wird, die Maschine immer menschenähnlicher wird. Das kann soweit gehen, dass Maschinen und Menschen nahezu ununterscheidbar werden wie in Ridley Scotts Blade Runner. Das Ausschalten wird zum ethischen Problem, wenn das künstliche Wesen seinen Schöpfern immer ähnlicher wird. Wer hat nicht Mitleid mit Boris Karloff in der Rolle der Kreatur Frankensteins, die ja nichts böses will, sondern ganz im Sinne des Labeling-Approaches zum Aussenseiter/Monster abgestempelt wird und von Anfang an seitens der Gesellschaft (mit den zwei klassischen Ausnahmen: Dem Blinden und dem unschuldigen Kind) negative Sanktionen erfahren muß. In den Frankensteinfilmen James Whales finden wir das klassische Außenseitermelodram im Gewand des Horrorfilms.

Der geschundenen Kreatur, dem armen Experiment steht auf der Science-Fiction-Seite nichts gegenüber. Nur in der Gestalt des Menschen – als Android – kann die Maschine menschenähnlich werden. Sie taugt kaum als Sympathieträger, denn – äußerlich verwechselbar – kann sie die Menschen einfach ersetzen wie dies einst die Weltraumgurken in Don Siegels Invasion of the Bodysnatchers/Die Dämonischen taten. In Stepford Wives sind es ironischerweise Menschen/Männer, die andere Menschen/Frauen durch perfekte, ungleich willigere und kontrollierbarere Kopien ersetzen. Die menschengleiche Maschine taugt aber hervorragend als Komödienthema, richtig lustig wird es, wenn ein Mensch sein maschinelles Abbild spielt, aber für das Abbild gehalten wird. Der amüsanteste Film in dieser Hinsicht war Geliebte nach Maß/The Perfect Woman, eine brilliante englische Komödie aus dem Jahre 1950, die davon lebt, daß der Apparat auf bestimmte Schlüßelwörter reagiert, die in ungefähr jedem zweiten englischen Satz vorkommen und die zu den haarsträubendsten Verwicklungen führen.

Etwas zu kurz kamen in Berlin die künstlichen Menschen, die nur im Cyberspace existieren. Das Thema ist zur Zeit angesagt, Matrix war auch an den Kinokassen ein großer Erfolg, und so wird man diese Filme auch außerhalb der Retrospektive hier und dort zu sehen bekommen.

Text: Timothy Simms, 20.12.2000