Erzählkino vs. Erlebniskino – Ein Kommentar

7 Feb

Viele Filme werden heutzutage dafür kritisiert, dass sie keine guten Drehbücher haben, dass sie keine guten Geschichten erzählen oder dass sie ganz klar Style over Substance sind. Da muss man allerdings trennen. Ein unambitionierter Horrorfilm etwa, der ewig dieselben Genremechanismen und Handlungsmuster abklopft, ist darin sicher zu kritisieren. Ein Horrorfilm, der eine scheinbar platte Story erzählt, über das visuelle Narrativ aber seine ganz eigene Geschichte vermittelt, wie It Follows etwa, sollte nicht nach rein inhaltlichen Maßstäben gemessen werden. Eine junge Frau wird von einer Art Dämon verfolgt, der wie eine Geschlechtskrankheit von einem Menschen zum anderen übertragen wird – sie hat Sex, der Dämon hat sie. Klingt nach übelstem Trash: Die alte, unausgesprochene Horrorregel „Wer Sex hat, stirbt“ wird radikal freigelegt und zur eigentlichen Story. Voll blöd, voll unlogisch – oder?
Aber genau das braucht der Regisseur David Robert Mitchell, um sich voll auf die Atmosphäre seines Filmes zu konzentrieren: Eine Welt, welche die Logik nicht mehr braucht, wird hier zauberhaft. Alles ist möglich. Plötzlich treten ganz eigene, sonderbare Bilder auf, die nur funktionieren, weil sie nicht in einen dicken Erklärungskontext eingebunden werden müssen. Keine forcierten psychologischen oder okkulten Erklärungen für den Horror mehr. Pure Bildlichkeit, pure Präsenz, pures Erleben. Das Grauen ist einfach da, unerklärlich und deshalb unendlich machtvoll. Eine erschreckende Perspektive mit der Mitchell grenzenlos spielt. Befreiend!

Generell gilt doch: Kino ist ein audiovisuelles Medium und damit viel mehr Prozessen offen als der bloßen Bebilderung bereits geschriebener Texte. Manche Regisseure wissen das sehr genau und kommen über das Format Kino zu ganz neuen Experimenten, die das gute alte Drehbuch meist nur noch als Grundlage für unabhängiges, visuell intelligentes Filmdesign nutzen. Beispielsweise Nicolas Winding Refn mit seinem umstrittenen Only God Forgives, der oberflächlich gesehen eine furchtbar banale bis lächerlich überzogene Rachegeschichte erzählt. Visuell zersetzt er das ganze jedoch gewaltig. Indem er einzelne Szenen enorm dehnt, merkwürdig irreale Interludes etabliert, statt klärenden Dialogen Schweigen und Gewalt setzt, entzieht er sich einem leichten Filmkonsum. Er lässt das Phänomen Rache über seinen Fokus auf breitgewordene Bildwelten zu einem mäandernden, schweren Erlebnis werden, das unvermittelt auf den Zuschauer einbricht. Das ruft Abwehrreflexe, Ekel, Langeweile hervor, attackiert den Zuschauer gewissermaßen affektiv-subversiv statt zur intellektuellen Reflexion über klare Inhalte einzuladen.
Das klingt nach billiger Suggestion. Aber ist das Kino nicht eben genau das: Suggestion? Und ist ein irrational-dummer Reflex wie der nach Rache noch intellektualisierbar? Man muss über das Medium, die Bilder nachdenken, nicht über ausgemalte Textflächen. Man muss über das Wesen der Dinge nachdenken und wie das Kino sie darstellen, auf seine Weise erfahrbar machen kann. Das ist die Zukunft des Films und daher feiere ich Filme wie Only God Forgives und It Follows. Show, show, never tell.

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