Die Wirtgeschichten des Bong Joon-ho

22 Okt

Bong Joon-ho ist einer der einflussreichsten und erfolgreichsten asiatischen Regisseure unserer Zeit, so bescherte er uns bereits mit „The Host“, „Mother“ und „Memories of Murder“ Werke, welche erzählerisch und inszenatorisch auf hohem Niveau agieren. Sein neuester Film „Parasite“ jedoch setzt seinem bisherigen Filmschaffen die Krone auf, so gewann er in diesem Jahr dafür in Cannes die Goldene Palme. Hier einige Eindrücke zu diesem grandiosen Film!

Ein Wirt ist laut Wikipedia ein Organismus, der einen als Gast bezeichneten artfremden Organismus mit Ressourcen versorgt. Was jedoch haben Naturwissenschaften mit hoher, südkoreanischer Filmkunst zu tun? In diesem Film geht es um die Familie Kim, welche in einer stark heruntergekommenen sowie verranzten Wohnung am Existenzminimum lebt und sich nur durch das Falten von Pizzakartons finanziell über Wasser halten kann. Eines Tages erhält der Sohn der Familie Ki-woo von seinem Freund Min das Angebot, während seines Auslandsstudiums seine Stelle als Nachhilfelehrer für die junge Reichentochter Da-hye Park zu übernehmen. Mit einer von der Schwester angefertigten Urkundenfälschung in der Hand begibt er sich vom Armenviertel den Berg hinauf zur Villa der geldschweren Familie Park, lernt dort die Mutter Yeon-kyo, deren bereits erwähnte Tochter sowie die Haushälterin Gook Moon-wang kennen und hält seine erste Unterrichtsstunde mit dem jungen Mädchen. Als jedoch die Mutter eine Betreuung für ihren künstlerisch hochbegabten Sohn Da-song sucht, löst Ki-woo einen Mechanismus aus, mit dem er nach und nach seine Familie bei der Familie Park einschleust.

So die grobe Handlung des Films, ohne große Spoiler setzen zu wollen. Anhand dieses Films sieht man eindrucksvoll die gesellschaftskritische Handschrift von Bong Joon-ho, welche er bereits bei seinen vorherigen Streifen angewendet hatte. Diese zieht er aber aufgrund grandioser Schauspielleistung und einem meisterhaften Drehbuch so sehr auseinander, sodass man diesen Film ohne Weiteres als Meisterwerk bezeichnen kann, wenn nicht sogar MUSS! Hier kann nochmal auf die Biologie zurückgegriffen werden: Wenn sich nämlich die Wirt-Gast-Beziehung zu einem beidseitigem Vorteil entwickelt, spricht man von einer Symbiose. Dieser Symbiose kann man in „Parasite“ in der Beziehung der Parasiten Kim und der Wirte Park dank stark geschriebener Charaktere bis ungefähr zur Hälfte des Films ohne jede Probleme folgen. In diesem Moment nimmt nämlich der von Ki-woo ausgelöste Mechanismus, während dessen auf sehr unterhaltsame und unglaubliche Art und Weise sein Vater als Chauffeur, seine Schwester als Kunsttherapeutin und seine Mutter als Haushälterin eingeschleust werden, eine völlig unerwartete bzw. unvorhersehbare Wendung, die hier nicht näher und ohne Spoiler beschrieben werden kann, sondern am besten vom Besucher selbst erlebt werden muss.

Eine große wichtige und bereits erwähnte Komponente ist die zweifellos herausragende schauspielerische Leistung des gesamten Casts, bei dem allen voran Song Kang-ho, der bereits seit „Memories of Murder“ in nahezu jedem Film von Bong Jong-hoo mitspielt, heraussticht. Er gibt auf der einen Seite einen Vater wieder, der liebe- und humorvoll alles gibt, um für das Wohl seiner Familie zu sorgen. Andererseits sehen wir einen Vater, der sich nahtlos dem Mechanismus des Sohnes anschließt und dessen Charakter gerade zum Ende hin die wohl unvorhersehbarste Entwicklung durchzieht. Gerade seine Rolle führt uns vor Augen, wie wichtig Joon-ho das Verhältnis sowie die Schere zwischen Arm und Reich im Verlauf des Films ist und inwiefern ein Parasit biologisch, aber auch soziologisch und filmtechnisch gesehen unaufhaltsam zum Wirt aufsteigen kann, um dem bisherigen Wirt die Stirn bieten zu können. Ein weiterer Beweis der immensen Stärke des Films liegt in der einzigartigen und unvergleichlichen Kameraarbeit von Hong Kyung-Pyo, der bereits bei „Mother“, „Sea Fog“ und „Snow Piercer“ mit Bong Joon-ho zusammenarbeitete. Hierbei werden Bilder erzeugt, die zum einen nur wunderschön (Stichwort: Villa), zum anderen aber auch sehr erdrückend und bizarr sind und „Parasite“ dadurch eine unfassbare Bildgewalt verleiht. Zu guter Letzt sei noch das bereits erwähnte Drehbuch in den Fokus gestellt. Dies ragt bei diesem Film klar heraus bzw. stellt die größte Stärke dar und zeigt, was für ein fantastischer, großartiger und detailgetreuer Filmemacher und -schreiber Bong Joon-ho noch heute ist und dass er sich aufgrund der in für diesen Film bewusst zu kurzen Kritik genannten Argumente wie damals Alfonso Cuaróns „Roma“ mehr als berechtigte Hoffnungen auf mehrere Oscar Nominierungen außerhalb der Kategorie des besten fremdsprachigen Films machen darf. Kurzum: „Parasite“ ist eine herausragende Charakter- und Milieustudie, die man in einer Rezension wie dieser nicht en Detail erklären kann, ohne auch nur ansatzweise etwas von der Handlung selbst verraten zu wollen und die man sich unbedingt auf der großen Leinwand anschauen muss!

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