Berlinale Tag 1

11 Feb

God exists, her Name is Petrunya © sisterandbrothermitevski

Es ist so weit, ich habe es endlich zur Berlinale geschafft, zwar wie bereits angekündigt mit leichter Verspätung (das Festival hat ja bereits am vergangenen Donnerstag begonnen) dafür aber umso motivierter die verbleibenden Tage ausgiebig zur Filmsichtung zu nutzen. Den ersten Tag habe ich gleich dazu genutzt drei Filme des diesjährigen Wettbewerbs zu sichten, einer davon – der obligatorische Hollywood-Beitrag Vice – läuft dabei allerdings außer Konkurrenz.

Vice
Direkt morgens habe ich mich in die Pressevorstellung des gleich achtfach oscarnominierten Vice gewagt. Der neue Film von Regisseur Adam McKay (The Big Short) beleuchtet das Leben Dick Cheneys (verkörpert von Christian Bale), der unter George W. Bush als Vizepräsident diente. Der Film beginnt gleich mit dem Hinweis, dass es schwierig bis unmöglich sei, das politische Leben dieses Mannes wiederzugeben, die Crew aber ihr bestes getan habe, dies Aufgabe trotzdem zu erfüllen (Zitat: „We did our fucking best“). Leider hat das aus meiner Sicht so ganz und gar nicht geklappt. Die Message die McKay herüberbringen möchte (so ungefähr: Dick Cheney ist für alles Übel der Welt, angefangen vom Klimawandel, über den Irak-Krieg bis Trump, Schuld) hat der Zuschauer spätestens nach fünf der langen 132 Minuten Laufzeit verstanden, trotzdem wird sie oder er aber auch den Rest der Zeit ständig darauf hingewiesen. Und auch filmisch bedient sich McKay etwas zu stark an bereits aus The Big Short bekannten Tricks wie Standbildern und original Nachrichtenaufnahmen.
Ehrlich gesagt muss ich sagen, dass ich es eigentlich für eine Frechheit halte einen Film mit so geringem Anspruch in den Wettbewerb (wenn auch nur „außer Konkurrenz“) aufzunehmen und zwar offensichtlich nur damit man sagen kann Christian Bale sei bei der Berlinale gewesen – auch wenn ich zugeben muss, dass auch ich zur Pressekonferenz gegangen bin, um ein bisschen Glamour zu Gesicht zu bekommen.

Kız Kardeşler (A Tale of Three Sisters)
Der türkische Beitrag zum Wettbewerb von Regisseur Emin Alper überzeugt in den ersten paar Minuten mit überwältigenden Aufnahmen der anatolischen Bergwelt, kommt danach aber nie so richtig auf Touren. Alper erzählt die Geschichte dreier Schwester, die in einem patriarchalisch dominierten Bergdorf Anatoliens aufwachsen und es nicht schaffen sich einen Weg aus dieser Welt zu bahnen. Dabei besteht der Film vor allem aus lange Gesprächssequenzen, die teilweise interessant sind, teilweise aber beinahe albern werden, wenn der männliche Regisseur versucht sich in die Psyche seiner Protagonistinnen einzufühlen. Zwischen diesen Gesprächen plätschert der Film so vor sich hin, ohne dass viel passieren würde. Zwar deutet er an ein paar Stellen an, welches Potential im Setting des ablegenen Bergdorfes stecken würde, allerdings lässt er diese Ideen dann auch schnell wieder fallen. So bleibt am Ende nicht viel mehr übrig als schöne Landschaftsaufnahmen und tolle Schauspieler*innen.

Gospod postoi, imeto i‘ e Petrunija (God exists, her Name is Petrunya)
Nach dem eher mäßigen Einstieg in die Berlinale folgte dann aber am Abend mit dem mazedonischen Beitrag der Regisseurin Teona Mitevska doch noch das erste Highlight. Thematisch bewegt sich der Film auf ähnlichem Terrain wie Kız Kardeşler und setzt sich ebenfalls mit einer männerdominierten Gesellschaft außeinander. Dabei lebt der Film von seiner genialen Hauptdarstellerin Zorica Nusheva (im Bild zu sehen), deren Charakter Petrunija das ganze Dorf (bzw. vor allem die Männer des Dorfes) gegen sich aufbringt, indem sie als Frau an einem traditionell von Männern ausgeübten christlichen Ritual teilnimmt. Mitevska macht aus dieser Geschichte ein unglaublich intimes Potrait ihres Hauptcharakters, den sie immer wieder in Nahaufnahmen inszeniert, die Nusheva mit einer äußerst nuancierten Mimik auch zu füllen weiß. Dabei schafft sie es uns zu zeigen, was für ein starker Charakter diese Petrunija ist, die auf der anderen Seite aber auch unter den Anfeindungen der Männer zu leiden hat. Mit einer Kombination aus toller schauspielerischer Leistung und Kritik an kirchlichen Institutionen und Medien darf der Film damit auch schon als Favorit für den Goldenen Bären gelten.

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