#9: And the Teddy-Award should go to …

13 Feb

VIKTOR UND VIKTORIA (Reinhold Schünzel, Deutschland 1933) aus der Retrospektive!

Hermann Thimig, Renate Müller (rechts | right) (VIKTOR UND VIKTORIA), Retrospektive Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Hermann Thimig, Renate Müller (rechts | right) (VIKTOR UND VIKTORIA), Retrospektive
Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Was ein Spiel der Geschlechter! Lange vor Peaches schafft es Viktoria als Performancekünstlerin ganz groß rauszukommen. Von 10 Mark am Abend auf 200 und von dem heimatlichen Berlin hinaus in die weite Welt nach London, Paris und Amsterdam. Bis dahin wartet jedoch harte Arbeit.

Der Film beginnt  mit einer langsamen Kamerafahrt im Warteflur für Schauspieler (und hier sei auch ausdrücklich auf die weibliche Form verwiesen – gewissermaßen essentiell für den Film) und Sänger (dito), eine Tür nach der anderen öffnet sich, immer wieder werden Talente abgewiesen, immer wieder schließen sich die Türen.

In einem der Zimmer spielt Viktor Hempel (Hermann Thimig) mit Blut, Schweiß und Tränen so grandios schlecht, dass man es geradezu schade findet, dass er nicht wieder den Romeo in Shakespeares „Romeo und Julia“ spielen darf oder den Wilhelm Tell, der so gut schießt, dass es das Publikum gleich zweimal sehen will. Der Komiker, der keiner sein mag, weil das Tragische angeblich so viel eindrücklicher sei, bringt einen zum Weinen (nicht nur, wenn er singt: „Komm doch bitte mit nach Madrid, …“).

Abgewiesen in der Schlange der Erfolgsuchenden wird auch die junge Susanne (Renate Müller) und die beiden werden durch Zufälle und gegenseitige Sympathie schnell Partner. Susanne wird so zu Viktoria – eine Frau, die einen Mann, der wiederum eine Frau spielt! Natürlich stößt den beiden allerhand Kurioses zu. Turbulent wird es vor allem, als sich der junge Engländer Robert (Adolf Anton Wilhelm Wohlbrück bzw. ab 1936 Anton Walbrook – der homosexuell, sogenannter „Halbjude“ und Gegner der NS-Diktatur war) in Susanne/Viktoria verliebt und das Spiel durchschaut.

Adolf Wohlbrück, Hilde Hildebrand, Renate Müller, Hermann Thimig, Fritz Odemar  (VIKTOR UND VIKTORIA), Retrospektive Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Adolf Wohlbrück, Hilde Hildebrand, Renate Müller, Hermann Thimig, Fritz Odemar (VIKTOR UND VIKTORIA), Retrospektive
Deutsche Kinemathek, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

 

Reinhold Schünzel hat hier ein ganz wunderbar komödiantisches Drehbuch geschrieben und einen Film inszeniert, der in erster Linie durch die beiden Hauptdarsteller, aber daneben auch besonders der Montage wegen, nicht nur den Teddy-Award, sondern auch zumindest den Preis für die männliche Hauptrolle erhalten sollte! Immer wieder werden Mensch und Tier parallel geschnitten, so wenn sich Susanne lautstark über irgendetwas echauffiert und sofort zu schnatternden Gänsen geschnitten wird.

Die Filmvorführung, so Hans Michael Bock in seiner Einführung, sei der erste Schritt zu den Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag am 7. November des Hamburgers. Der als ambivalent anzusehende Schünzel darf heute als einer der wichtigsten Komiker der Weimarer Republik gesehen werden – auch wenn die großen zeitgenössischen Filmkritiker wie Lotte Eisner und Siegfried Kracauer in ihren Büchern Schünzel und seine Filme für nicht erwähnenswert hielten. Ambivalent in Bezug auf Sex, Kriminalität, Politik und Kunst – Bis 1937 hatte Schünzel eine Sondererlaubnis, um unter der nationalsozialistischen Diktatur als sogenannter „Halbjude“ weiter arbeiten zu können. Das brachte ihm vor allem in Exil- und Emigrantenkreisen nicht nur Freunde ein. Doch immer wieder spielt der Regisseur mit ironischen Untertönen, die ihn zunehmend in Schwierigkeiten bringen. So verkleidete er in „Amphitryon – Aus den Wolken kommt das Glück“ die SS-Leibstandarte mit „griechischen“ Miniröcken – selbstredend nur wegen ihrer vorbildlichen Marschiererei!

1937 gelangte er in die USA, spielte dort vor allem kleinere Rollen in Filmen und kehrte 1949 wieder nach Deutschland zurück. Im September 1954 starb Reinhold Schünzel in München.

Bereits während der Vorstellung lachten viele im Kinosaal laut und herzlich, aber vor allem danach gab es den lautesten und stärksten Applaus, den ich bisher auf der Berlinale erlebt habe! Herzlichen Glückwunsch Reinhold Schünzel und Team!

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