# 7 Oberhausen: Final Inspection – Memories Can’t Wait (Film without Film)

7 Mai

Das Programm „Final Inspection“ der diesjährigen Themenreihe „Memories Can’t Wait“ brachte einmal mehr einige hervorragende Reflexionen zur immer noch leicht abstrusen, mittlerweile aber oft erstaunlich einleuchtenden Idee, Film (bzw. Kino) ohne Film zu machen. Große Namen wie Kant und Helmholtz, Freud und Geburtstagskind Marx wurden am Montag dabei ebenso wenig gescheut und geschont wie die Filmvorführer selbst, die derzeit so gefragt sind wie sie es in der Prä- und Post-Festivalzeit wohl lange nicht mehr waren und sein werden.

Die Filmaktion 2’45“ ist gewachsen – Schicht um Schicht, Bild für Bild, Programm für Programm. William Raban steht am rechten unteren Rand der Leinwand und beschreibt das, was passiert (ist): Das Publikum lauscht ihm, hat ihn vorgestern gehört, hat ihm im Eröffnungsprogramm diesen einen Satz sprechen hören, in 2 Minuten 45 Sekunden. Seltsam berührt fühlt sich jener, der in den jeweiligen Screenings dabei war, die vertrauten, vergangenen, eigenen Geräusche hört – seltsam erheitert und irritiert derjenige, der dies zum ersten Mal sieht / hört /sieht / hört…

Die PROJECTION INSTRUCTIONS von Morgan Fisher aus dem Jahr 1976 stellen den Filmvorführer ausnahmsweise (aber was heißt in dieser Reihe schon „ausnahmsweise“) sichtbar und geplant pannenfrei ins Zentrum des Leinwandgeschehens. Wer selbst einmal einen (analogen) Film vorgeführt hat, kennt das immerwährende horchen und schauen, die Schweiß treibende Sorge um Schärfe, Lautstärke und Bildkanten bei gespannt-kritischem Saalpublikum. Fast wie zu Übungszwecken fordert diese Hommage an den kleinen Raum hinter der letzten, behaglichen Publikumsreihe in ein, bald zwei Anweisungen gleichzeitig mit Text und Voice-Over den Herrschenden über Leinwand und Boxen zu Fehlern und Berichtigungen wie „Throw Out Of Focus“ auf. Ein faszinierendes Spielchen, ein wahrlicher „Nicht-Film“ – ein Video Game für den Vorführer, ein Innehalten für den Saal, bei dem das Publikum ziemlich außen vor, aber dennoch mittendrin ist.

 

Projection Instructions

 

Gefragter ist der keineswegs passive Betrachter schon eher in der Festival-Weltpremiere von Volker Zanders diesjähriger, zweisprachiger Reading Performance HELMHOLTZ KINO. Mit Mikrophon, Notenstände und Spotlight auf der Bühne vor weißer Leinwand bewaffnet, referiert und inszeniert Zander den unterhaltsamen Schnittpunkt vom Königsberger Erfahrungsphilosophen Immanuel Kant und dem Empiriker Hermann (noch nicht „von“) Helmholtz: Am 27. Februar 1857 hält der 34-jährige Physiologe Helmholtz in seiner Studienstadt Königsberg einen Vortrag aus seiner Forschung „Über das Sehen des Menschen“. Damals wie heute werden dem Publikum die essenziellen Kant-Begrifflichkeiten „Erfahrung“ (Zander übersetzt ohne weiteres mit „experience“) und die vieldeutige „Vorstellung“ (Zander entscheidet sich für „representation“ statt „imagination“, „idea“ oder „presentation“) erst einmal bewusst gemacht. Das eigentliche Experiment besteht im leichten Andrücken des eigenen Auges, zu dem Vortragslauschende und Kinopublikum aufgerufen werden und welches ohne Zuhilfenahme von Licht ein visuelles Phänomen erzeugt – immer. Immer? Im Wissen um die Sinnestäuschung wird das Experiment wiederholt, die Frage lautet: Hat sich die Vorstellung belehren lassen? Antwort: Nein! Die (reine) Vernunft hindert die Sinnestäuschung – die Illusion (im Kino) – nicht an ihrer Wirksamkeit. Stoff zum Denken!

Diesem darf meditativ während der 212 bildlosen Websites in WEB SAFE des Finnen Juha van Ingen nachgegangen werden. Das Screening von blau, rot, blau, rot, bald violett, bald grünen, bald orangenen, hintereinander projezierten Leinwandschonern macht zur Mitte hin dösig und privat.

Wahrlich kollektiv und überraschend physisch betrachtet das Publikum dagegen die Festival-Weltpremiere von NEGATIVE INSPECTION von Tobias Putrih. Der Slowene drehte im Februar vom reinen Bergweiß bis zur schwarzen Höhle auf 16 mm. Als Putrih die elf Minuten Rolle erst einmal abgedreht hatte, fragte er sich, was damit nun anzufangen sei. Der anwesende Künstler teilt seine Entscheidung rechtfertigend mit: heute kein Screening, es wird eine Performance! Noch eine. Aber was für eine. Erfahren-nostalgische Cineasten und Angehörige der digitalen Kino-Bohème zeigen sich gleichermaßen überrascht, gerührt und erfreut über den in fünf Teile geschnittenen 16 mm-Film, der sich nun ganz haptisch erlebbar durch die Kinoreihen schlängelt. Tatsächlich ist besagter Film darauf, jedenfalls sind auf stichprobenartigen, vorbei robbenden Filmsequenzen soeben vom Macher beschriebene Szenerien zu erkennen. Filmkameras und Mikrophone, Mobiltelefone und spontan geäußerte Reflexionen halten den Tumult fest. Es wird getuschelt, gelacht. Ein soziales, gänzlich immaterielles Erlebnis im Treffpunkt Kinosaal.

Eigens für die 60. Ausgabe der Kurzfilmtage wurde die englisch-deutsche Fassung des südkoreanischen Films END CREDITS angefertigt. Am Anfang schon das Ende? Der scheinbar vollständige Abspann mit fast immer „Young-Hae Chang (Heavy Industries)“ in jeder Funktion (auch Make-Up Artist, auch wenn niemand eines brauchen wird) bereitet den Einstieg dieses projezierten Monologs mit eindringlicher Textstimme, wenn dort beispielsweise die nervigen Sprechenden abstruser, banalster Mobiltelefongespräche # 1-15, jeweils männlich und weiblich, aufgeführt werden samt Auflistung der gängigsten Klingeltöne. Der wechselnde, Spannung erzeugende und haltende Soundtrack tut sein übriges, um dem Mitleser Bilder seiner eigenen, alltäglichen und in Endlosschleife produzierten (vgl. Godard, Changer D’Image) Existenzbeweisversuche in den Kopf zu brennen.

 

End Credits

 

Im ersten der TWO IMPOSSIBLE FILMS von Mark Lewis wünscht Sigmund Freud Sam Goldwyn zwecks Inszenierung der „Geschichte der Psychoanalyse“ nicht zu empfangen. Es entstehen keine Bilder, keine Verfilmung von Freuds Gesamtwerk, dennoch wird das Publikum Zeuge einer Beschäftigung mit diesem „unmöglichen Film“. Eine einzige Einstellung in einem kleinen Parkabschnitt während des Tages hält Menschen und Interaktionen fest.
Nie realisiert hatte auch Sergei Eisenstein sein Projekt über Karl Marx‘ brillante Analyse „Das Kapital“. In den Szenerien aus dem kanadischen Vancouver hört man lediglich einen Professor über eben jenes referieren, der Rest der Episoden bleibt schlicht beobachtet.

 

zzz: Hamburg Special

 

Zum  Schluss (so ist der Titel auch eigens gewählt) des Programms ersetzt Hans Scheugl in  ZZZ: HAMBURG SPECIAL das Filmmaterial durch einen Bindfaden; Dramatik und Dauer der 16 mm-Vorführung wird noch einmal deutlich ganz dem Herrn am Projektor und nicht dem Filmemacher überlassen, von dem „lediglich“ diese eindrückliche, minimalistische Idee stammt.

 

Text: Antje Lossin (07.05.2014) – Oberhausen’14

 

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