Allein im Schwarzwald: Johannes Nabers neuer Film „Das kalte Herz“

20 Okt

Allen Remakes ist es gemein, dass sie kein alleinstehendes Werk darstellen, sondern der Vergleich mit dem Original sich zwangsläufig aufdrängt. Dabei verkommt die Aussage, das Original sei immer besser, schnell zur Plattitüde, denn die Chance liegt beim Remake darin, andere Aspekte deutlicher herauszustellen, einen anderen Fokus auf Figuren und Handlung zu legen oder, vor allem wenn die Produktion zeitlich weit vom Original entfernt ist, mit neuen technischen oder visuellen Errungenschaften dem Film zu einer anderen Intensität zu verhelfen.

Ganz besonders trifft dies zu bei Buchverfilmungen. Da ist das Ausgangsmaterial  als Bezugsgröße ja immer  gleich. Ein kluger und bewährter Kniff bei Romanadaptionen ist es daher, den Stoff neu zu interpretieren, bestimmte Elemente zu destillieren, Schwerpunkte zu setzen – ohne dabei die zentrale Aussage der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Ein gutes Beispiel für die Unterschiedlichkeit und (Nicht-)Vergleichbarkeit zweier Buchverfilmungen sind die Adaptionen von George Orwells 1984 aus den Jahren 1956 und 1984, die im Hinblick auf Dramaturgie und Charakterzeichnung Welten trennen – zugunsten des späteren Werkes. Eine solche, Schwerpunkte setzende Herangehensweise wählt auch Regisseur Johannes Naber (Zeit der Kannibalen) mit seinem aktuell im Kino laufenden Film Das kalte Herz.

Bei Das kalte Herz handelt es sich um ein Märchen von Wilhelm Hauff, das jener in den 1820er Jahren in seinem Märchenzyklus „Wirtshaus im Spessart“ verfasste und im badischen Teil des Hochschwarzwaldes verortet. Dort fristet der junge Köhler Peter Munk ein ärmliches Dasein. Sein Geschäft will nicht florieren, seine Arbeit macht ihn einsam und am Sonntagnachmittag hat er weder genug Geld, um im Wirtshaus mit den reichen Holzhändlern des Dorfes zu würfeln noch genügend Selbstbewusstsein, um sich auf dem Tanzboden mit den Damen zu vergnügen. Das Außenseitertum macht in neidisch auf seine reichen Nachbarn und er vertraut sich den Waldgeistern an. Zunächst dem guten Glasmännlein, das ihn vor allem mit Rat und Tat auf den rechten Weg bringen will, dann dem bösen Holländermichel, der ihm Geld und Güter ohne Grenzen ausstellt, dafür aber Peters Herz als Pfand nimmt – und dem armen Köhler einen Steinklotz in die Brust setzt, der ihn zwar reich, aber auch rücksichtslos und brutal werden lässt. Was folgt, ist eine in schöne Sprache gegossene Moralfabel über Gut und Böse, Raffgier, Machtstreben und Redlichkeit und was davon letzten Endes glücklicher macht. Ein gängiges Motiv, das unzählige Male in der Kunst aufgegriffen und verhandelt wurde (vgl. Star Wars).

Als klassische Verfilmung dieses Stoffes gilt die DEFA-Produktion aus dem Jahr 1950 (Link zum Film). In typischem DEFA-Charme reichhaltig an Ausstattung, Kulisse und Harmlosigkeit (nicht einmal beten darf der arme Peter, als er sich mit dem Holländermichel anlegt, sondern muss direkt die Flucht ergreifen). Ein schöner Märchenfilm mit TV-Platz-Abo für die Weihnachtszeit.

Die Geschichte nun einfach neu aufzuwärmen wäre für einen ambitionierten Regisseur wie Johannes Naber, der mit seinem letzten Film, der kapitalismuskritischen Satire Zeit der Kannibalen Maßstäbe im deutschen Kino setzte, aber zu wenig. Er inszeniert das Märchen daher als Fantasyfilm, lässt die Geschichte zwar nach wie vor im Schwarzwald spielen, reichert das Setting aber mit verschiedenen Versatzelementen an, um die globale Allgemeingültigkeit der Fabel herauszustreichen.

Das klingt viel versprechend und ist ohne Zweifel durchdacht. Das Filmteam hat viel Arbeit in die Adaption gesteckt, sich viel Gedanken um die Erschaffung einer stimmigen Filmwelt gemacht und hat den Mut bewiesen, mit unkonventionellen Ideen alten Schwarzwaldkitsch aufzubrechen.

Doch was letzten Endes verbleibt, ist gut gemeint, verfehlt aber sein Ziel in weiten Teilen. Denn während Naber belegen möchte, dass das Märchen von 1820 als universell gültige Moralgeschichte uns auch heute noch etwas lehren kann, passieren zwei Dinge: Zum Ersten nimmt uns Naber jeglichen Interpretationsspielraum, indem er eine Rahmenhandlung entwirft, die uns die Schlussfolgerungen vorgibt. Damit legt er die Messlatte hoch, was zum zweiten Problem des Films führt.

Denn, und das ist gravierender, es ist ein Film entstanden, dem eine klare Leitlinie fehlt. Da springt der Tonfall zwischen klassischer Märchenverfilmung und modernem Kino hin und her, zum Beispiel wenn die Dialoge einen lockeren Plauderton bekommen, der an die deutschen Mumblecore-Filme mit ihrem improvisierten Charakter erinnert. Da wechseln sich respektvolle Zitate des besagten DEFA-Films mit modernem, CGI-unterstütztem Fantasylook ab, wodurch weder das eine, noch das andere seine Wirkung entfalten kann. Da wird das Glasmännlein, das im Märchen als kleiner Zwerg mit spitzem Bart und rotem Hut beschrieben wird, zum Aborigine umfunktioniert, der mit seinem Stamm im Wald lebt und in Stimme und Physiognomie an Andy Serkis‘ Gollum erinnert. Und trotz der sinnvollen Intention, das Glasmännlein als Vertreter eines von der Zivilisation übergangenen Naturvolks darzustellen und so die rücksichtslose Ermächtigung des Menschen über die Natur zu skizzieren, mag das nicht so richtig in das letzten Endes immer noch mystische Schwarzwaldsetting passen. Da geben sich atonale Geigenakkorde, klassicher Scoreteppich und düstere Pfeifmotive, die an alte Westernklassiker erinnern, die Hand. Da spielt Moritz Bleibtreu den Holländermichel, wie Moritz Bleibtreu seine Figuren seit 20 Jahren eben spielt und es fehlt nur noch, dass der Holländermichel seine Sätze mit „Digger“ beendet.

Das alles ist am Ende keine gelungene Melange, die mit modernen Mitteln dem alten Stoff jenen neuen Anstrich gibt, sondern es entsteht ein seltsam unrunder Film, dem die Abmischung fehlt und der mit dem Schlagwort „Genremix“ in seiner unguten Bedeutung treffend beschrieben ist. Neben Moritz Bleibtreu ist der Cast mit Frederick Lau und Milan Peschel prominent bestückt, doch analog zur Unausgeglichenheit des Films wirken auch sie irgendwie deplatziert und man sieht keine Figuren, sondern Schauspieler in Kostümen. Ganz positiv fallen hingegen die Schauspieler in den Nebenrollen auf. Allen voran Sebastian Blomberg als reicher Glasmacher und David Schütter als kerniger Rivale von Peter Munk.

Den Kinosaal verlässt man demnach irritiert, unklar ist auch, welche Zielgruppe der Film ansteuert: Für einen Kinderfilm ist Das kalte Herz zu düster, für einen Erwachsenenfilm zu flach und für Fantasyfreunde vermutlich zu schwachbrüstig.

Dass er es besser kann, hat Johannes Naber bereits bewiesen. In Gesprächen verrät er, dass sein nächster Film wieder etwas radikaler werden wird. Wir freuen uns drauf!

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