# 4 Oberhausen: Alles Fließt – Deutscher Wettbewerb

6 Mai

Überraschend anregend begann der Deutsche Wettbewerb der Kurzfilmtage: Montierte, collagierte, gemalte und gespielte Bilderwirklichkeiten ließen im ersten Programm auf eine lebendige Schaffenskraft etablierter, vor allem aber auch junger Filmemacher von den Kunsthochschulen Köln, Hamburg und Potsdam-Babelsberg hoffen:

MEER DER DÜNSTE von der bereits Oberhausen erprobten Berliner Filmemacherin Sylvia Schedelbauer hypnotisiert als 15minütiger, das Rechteck des Films trotzig auflösender (vgl. ebenso BROKEN TONGUE von Monica Saviron im Internationalen Wettbewerb # 1 und wunderbar spielerisch CARMIN (AURAT) von Markus Frohnhöfer beim MuVi-Preis) Flackerfilm gleich zu Beginn die Aufmerksamkeit des Publikums für das Heimspiel. In sehr ästhetischer schwarz/weiß-Manier umspannen vor allem Hände, auch Lippen, Gesichter, Gegenstände eine kreisrunde Welt und zerfließen zu immer neu gefundenen, gezoomten und verschwindenden Perspektiven. Bewegungsunfähig lauscht da einer dem Rhythmus des Geschehens, Musik (Jeff Surak) und Bild schmelzen die Leinwand auf ein Guckloch für den zyklischen Mond zusammen und zelebrieren die anspruchsvolle Form des Kurzfilmemachens. Gelungener Auftakt!

In der Festival-Weltpremiere des Beitrags FINDING PHILIA der ebenfalls anwesenden Frankfurter Künstlerin Vanja Vukovic sollen, gedreht mit den darstellenden Freunden der Regisseurin (überhaupt wird so mancher Beitrag, lauscht man schmunzelnd die halb-rechtfertigenden Ankündigungen der Künstler, in familiärer, weil Budget sparender Atmosphäre gedreht, vgl. auch DER INVESTOR (Die Goldenen Zitronen), MuVi-Preis) hier familiäre, soziale Daseinsentwürfe vor allem in Beziehung zum öffentlichen Raum skizziert und studiert werden. Episodisch wird an der Straßenkreuzung Fitnesstraining betrieben, Frauen einander in atypischer Zeremonie geheiratet und Wege gekreuzt. Auch hier fließen, wenn auch kantiger, Atmosphären in- und übereinander, Lebensformen und -förmlichkeiten werden geschnitten und montiert, ruhig stehen gelassen und gefeiert. Ein sinnierendes Werk, dessen angekündigte Spiegelung tiefer Sehnsucht jedoch noch nicht überzeugend herausgearbeitet wurde.

Das nette analoge Häppchen für die Mitte – STEHRENNEN vom routinierten Stephan Grosse-Grollmann – im nostalgischen Super 8-Format entstanden und glücklicher weise auch aufgeführt, dreht, aber wendet nicht die unermüdlichen Radrennfahrer im endlichen Raum ihrer Indoor-Bahn.

HFF Potsdam-Studierende Udita Bhargava, ebenfalls kein absoluter Neuling bei den Kurzfilmtagen, porträtiert mit IMRAAN, C/O CARROM CLUB Jungen und Männer in Mumbai-Slum Malwani im Dunst von Zigarettenrauch, Spieltischpuder und üblichem Halbstarkengehabe. Eindrücklich, aber nicht niederschmetternd bohrt sich der Gegensatz zwischen der Jugend und potenziellen Energie des angefangenen Lebens und der dunklen Eintönigkeit in den engen Räumen voller Zeitvertreib ohne Vorankommen in den Betrachter. Die Jungen haben keine Ziele, keine Perspektiven, nichts zu sagen, keinen Respekt. Vielsagend vor allem die letzte Einstellung, mit der sich das Kamerabild zum Abschied entfernt und die Illusion preisgibt: Der kleine Imraan verschafft sich mit der surrenden, rhythmischen Musik aus dem Mobiltelefon Gehör am über der Szenerie schwebenden Mikrophon und vermittelt zwischen der Welt der Spielhöhle Carrom Club und dem so gar nicht vorstellbaren Betrachter am anderen Ende der Kamera. Ein gut gebautes Fenster zu den parallelen, zwar bekannten, aber immer wieder in Erinnerung zu rufenden Lebenswirklichkeiten in anderen Teilen der Welt.

 

Imraan c/o Carrom Club

 

Die bereits mehrfach ausgezeichnete Filmemacherin Loretta Fahrenholz inszeniert in MY THROAT, MY AIR ein ebenso betrübliches Bild einer hiesigen Münchener Familie, in der Kinder wie Erwachsene in ihren eigenen Welten spielen. Voyeuristisch betrachtet die Kamera die Träumenden, ohne den Traum erahnen zu können und auch leider ohne dem Betrachter einen Zugang zu verschaffen. Eine Studie über ein Mit- und Nebeneinander, die nur einige liebliche Schmunzler und umso müderes Lächeln hervorzurufen vermag.

Glücklicherweise beschert Jochen Kuhn dem Programmblock noch einen echten, Auszeichnung verdächtigen Favoriten: SONNTAG NULL (Sunday Zero) in wunderbaren schwarz/weiß-Malereien und vielfach grau schattierten Gedankenwelten über einen Mann, der am siebenten oder ersten oder nullten Tage der Woche wohl nicht zum ersten Mal im Bett bleibt und bittersüß-melancholisch seine Welt(en) überblickt: Den Tisch mit den Rechnungen und Mahnungen, die einzigen, die ihn noch nachfragen, das nebenan befindliche Ehebett mit seiner Frau, die, längst schon Nähe und heuchlerische Scham verloren, ihre Geliebten mitbringt, kommt und geht, resignierend-ironisch vom Protagonisten kommentiert und hingenommen – vor allem aber Schorschi, den wortkargen Maler seiner Träume ohne Ehrgeiz, dessen Bilder ihn umso mehr betrüben, dokumentieren sie doch seine eigenen monolog erträumten Nachtwelten. Die Nullzeit entsteht aus schwermütig übereinander geschalteten Bildern, welche wie die Charaktere selbst zu den bloß notwendigsten Bewegungen animiert werden. Eine Perle der Kurzfilmtage!

 

Sonntag Null

 

Text: Antje Lossin (06.05.2014) – Oberhausen’14

 

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