# 15: Interview mit Tara Kaye Judah – Teilnehmerin der Talent Press (Berlinale Talents 2014)

19 Feb

Tara Kaye Judah hat am King’s College London English & Film und Contemporary Cinema Studies studiert. Seit ca. vier Jahren ist die als freie Filmkritikerin tätig, arbeitet unter anderem für die Radiosender 3RRRFM (Plato’s Cave) und JOYFM (Saturday Magazine), schreibt für Metro Magazine, Screen Education, Senses of Cinema und The Big issue. In Melbournes Astor Theatre kuratiert sie als Assistentin das Filmprogramm, ist Ausschussmitglied der Melbourne Cinémathèque, Mitglied des Women Film Critics Circle und als Redakteurin für die englischsprachigen FIPRESCI-Festivalberichte verantwortlich.

Im Februar 2014 war sie eines von acht TeilnehmerInnen der Talent Press. Die Talent Press ist eine Kooperation der FIPRESCI und des Goethe-Instituts und bietet Filmkritikern im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin die Gelegenheit, sich kritisch mit ihrer Arbeit auseinanderzusetzen, unter Festivalbedingungen täglich Veranstaltungen zu besuchen, diese mit Mentoren und in der Gruppe zu diskutieren und über sie zu berichten.

 

Tara Kaye Judah

Tara Kaye Judah
© Berlinale Talents 2003-2014

 

JB: Wie kam es dazu, dass Du bei der Berlinale Talent Press 2014 teilgenommen hast?

TJ: Ich bin seit einem Jahr aktives Mitglied der FIPRESCI und als ich den Aufruf zur Teilnahme an der Talent Press gesehen hatte, wollte ich unbedingt mitmachen. Als Autorin bin ich immer auf der Suche nach der nächsten großartigen Erfahrung und jeder Möglichkeit, meine Fertigkeiten zu verbessern. Die Talent Press bietet die Chance, gleichzeitig an einem prestigeträchtigen Festival teilzunehmen und dabei von Mentoren, alles filmkritische Experten, in der Kunst, die wir am meisten lieben, unterstützt zu werden. Ich wollte mich sehr gerne bewerben und war überwältigt, ausgewählt worden zu sein.

 

JB: Ihr seid acht TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt und es gibt ungefähr 400 Filme, die in diesem Jahr auf der Berlinale gezeigt werden – es ist also praktisch unmöglich, alles zu sehen. Kannst Du uns etwas über die alltägliche Arbeit bei der Talent Press sagen?

TJ: Es gibt so viel zu sehen und zu tun während des Festivals und das einzig Schlimme ist, dass man nicht alles davon machen kann! Aber die Talent Press bietet großartige Kostproben. Jeder von uns bekam am ersten Tag einen Ablaufplan, der eine Anzahl an Gruppenveranstaltungen, aber auch persönliche Einzelaufgaben enthielt. Unsere Aufträge sind so arrangiert, so dass wir die Möglichkeit haben eine Anzahl an Festivalteile wahrzunehmen und abzudecken. Jeder von uns rezensiert einen Wettbewerbsfilm, nimmt an einer Forums- und Talent Campus-Veranstaltung teil, eine Berlinale Classics-Vorstellung und führt ein kurzes Interview mit einem Branchenexperten durch. Wir haben aber auch eine sogenannte „Wildcard“, die wir selbst einsetzen und uns dabei eine eigene Aufgabe aussuchen dürfen. Außerhalb unseres Zeitplans und den Bürozeiten, in denen wir unsere Mentoren um Rat fragen können, werden wir ermutigt, Filmvorführungen beizuwohnen und an Berlinale Talent-Veranstaltungen teilzunehmen. Die Idee dahinter: So viel wie möglich lernen und dabei immer auch Spaß zu haben!

Es gibt aber natürlich einige praktische Richtlinien, die wir befolgen müssen, aber wir werden auch vor allem ermutigt, kreativ, kritisch und mutig in unserer Arbeit zu sein. Jeder von uns tut sich mit einem Experten zusammen, der dann als Mentor während der ganzen Woche fungiert. Sie lesen jeden Mittag unsere Aufträge und besprechen mit uns Änderungsvorschläge, gleichzeitig bieten sie konstruktive Kritik an unseren jeweiligen Stilen und Meinungen. Da jeder sehr unterschiedlich im Textprozess arbeitet, wird dieser Programmteil bei einigen Talents tiefergehend sein, als bei anderen. Meine Erfahrung des Festivals wurde auf jedenfall dadurch bereichert, dass ich jeden Tag bis zu einer bestimmten Zeit etwas produzieren musste. Außerdem ist es natürlich sehr belohnend, die Früchte der eigenen Arbeit jeden Tag online veröffentlicht und dazu noch im HAU ausgehängt zu sehen.

 

JB: Was konntest Du durch den Workshop auf der Berlinale mitnehmen? Würdest Du anderen Filmkritikern empfehlen, sich dort zu bewerben?

TJ: Ich würde es jedem Journalisten auf jedenfall empfehlen, sich zu bewerben. Die Berlinale Talent Press ist dierenommierteste ihrer Art. Zwischen unseren vier Mentoren, dem Talent Alumnus und denOrganisatoren Oliver Baumgarten und Aily Nash, haben wir die Möglichkeit mit einer großen Bandbreite an Experten zu arbeiten, deren Wissen und Erfahrung auf unserem Gebiet sehr groß ist. Der Zugang zu angesehenenkritischen Köpfen während der Woche war wirklich von unschätzbarem Wert.

Das Talents-Programm als Ganzes ist ein wunderbarer Ort, Kollegen und Fachleute anderer Branchengebiete zu treffen. Neben der Fülle an Experten, ist es außerdem ein großartiger Ort neue Freunde kennenzulernen und sich vielleicht sogar mit gleichgesinnten Menschen für zukünftige Projekte zusammen zu tun.

 

JB: Magst Du uns verraten, was Dein bester und Dein schlechtester Film des Festivals war und warum?

TJ: MeinFestivalhöhepunkt war Hamlet in the Rented World (A Fragment) in der Berlinischen Galerie in der Sektion Forum Expanded vorgestellt wurde. Erst kürzlich restauriert und digitalisiert, beinhaltet der Film Shakespeares Klassiker aber mit Fingerspitzengefühl und Vorstellungskraft überarbeitet –zwei Dinge, für die (Filmemacher Jack) Smith berühmt ist. Die Vorführung wurde begleitet durch eine „Im Gespräch mit“-Session mit Tartaglia, dessen Fülle an Wissen bereits selbst ein Höhepunkt des Festivals war. Die Gelegenheit solche Arbeiten zu sehen ist außerordentlich selten – vor allem in Australien, wo ich derzeit lebeund den Kontext durch ein Gespräch erweitert zu sehen war ein wahresVergnügen.

Der – für mich – schlechteste Film des FestivalswarTeil des Wettbewerbs: Wu Ren Qu (No Man’s Land) von RegisseurNing Hao. Die Charakterentwicklung war bestenfalls schwachund seine Slapstick-artigekausaleErzählung hat nicht funktioniert. Wir haben uns diesen Film ausgesucht, um ihn in der Gruppe zu diskutieren – zumindest führte er zu einer lebendigen Unterhaltung über Stil und Erfolg im Kino.

 

JB: Zum Schluss noch eine andere Frage: Ich weiß Du bist, wie ich, eine Verfechterin der analogen Filmvorführung. Im „Astor Theatre“ in Melbourne lagert ihr einige wunderbare und seltene filmhistorische Kopien. Und während der Berlinale warst Du zufällig bei der Aufführung des Films „Nayak“ (The Hero, Satyaji Ray, Indien 1966), bei dem die DCP nicht funktionierte und neu eingespeist werden musste –Das Publikum musste über eine Stunde warten. Mit einer 35mm-Kopie wäre das nicht passiert.

Was sind Deine Gedanken über digitale Projektion und die Probleme, die damit verbunden sind – nicht nur für zukünftige Vorführtechnik, sondern für die Archivierung filmischen Materials?

Da gibt es so viel zu sagen – ich werde versuchen, mich kurz zu fassen!

DigitalTechnologien ersetzen schon seit Längerem sehr schnell Filmkopien im Kino und auf Festivals. Da die Filmlabors schließen und die großen Studios beabsichtigen ihren Bestand nur noch digital zu verbreiten, bleiben Kuratoren und Aussteller sehr wenige Möglichkeiten. Natürlich gibt es mit der Digitalisierung auch positive Aspekte: Der Zugang zu neuen und restaurierten Titeln, die potentiell weitergehende Distributionsmöglichkeit und scharfe Bilder, die nicht ständig einen Vorführer benötigen, der in der Nähe bleibt und immer wieder das Bild scharfstellt und den Ton optimiert. Dennoch, digitaleTechnologienhaben ihre eigenen Probleme:Es gibt nichts Greifbares, damit meine ich, dass ein Problem – wie hier von Dir beschrieben geschehen – viel länger dauern kann, es zu lösen. Analog hätte eine einfache Klebestelle geholfen – etwas, was ein erfahrener und ausgebildeter Vorführer in ca. 30 Sekunden hätte erledigen können.Außerdem können wir nicht mit Sicherheit sagen, wie die Zukunft von digitalen „Kopien“ aussieht. Wir wissen, dass Zelluloid, wenn es richtig gelagert und die Vorführtechnik erhalten wird, noch 100 Jahre später vorgeführt werden kann.Wir wissen jedoch nicht, ob digitale „Kopien“überhaupt zehn oder 15 Jahre halten. Wir wissen auch nicht, ob oder ob nicht, wir die Vorführtechnik für solche digitalen Formate dann noch haben werden.

Momentan spricht man nicht mehr in erster Linie von DCPs,sondern von „fibre optic“. Offensichtlich dauert es noch zwei bis fünf Jahre bis dies auf den Markt kommt, aber so oder so heißt das, dass bald ein anderes neues Format kommen wird. Das bedeutet wiederum, dass wir nicht wissen, ob wir Inhalte archivieren können, die heute ausnahmslos digital produziert werden. So Vieles bleibt also ungewiss. Schlimmer ist noch – und das ist wohl in Australien noch erheblicher – ist die aktive Zerstörung von Filmkopien. Viele Kopien, die in einem guten vorführbarenZustand sind,werden von Verleihern, die wenig Sinn für die Kopie als Kunstwerk haben, zerstört.

Auch und vor allem wenn eine digitale Kopie gemacht wurde, sollte eine analoge qualitative Kopie für die Zukunft archiviert werden. DigitaleTechnologiensollten neben dem Film verwendet werden, aber ihn nicht gänzlich ersetzen. Wenn man ein digitales Foto der Mona Lisa machen würde, würde man ja auch nicht die Original-Leinwand wegwerfen.

 

JB: Tara, vielen Dank für Deine Zeit und, dass Du Deine Erfahrungen auf der Berlinale und im „Astor Theater“ mit uns geteilt hast.

TJ: Sehr Gern.

 

 

Interview und Übersetzung: Jennifer Borrmann

 

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