# 12 Oberhausen: Hochschulkino forever – Harvard Film Archive

18 Mai

Ein persönliches Highlight, wenn auch zu einer undankbar späten Zeit am vorletzten, wieder gut gefüllten Festivaltag gezeigt, hielt das zweite von vier Programmen der Archives-Reihe bereit: Schon seit der späten 1940er Jahren geht die US-amerikanische Eliteuniversität auch in Sachen universitäre Filmproduktion und -sammlung und zuletzt auch in der Konservierung beispielhaft voran und macht deutlich, dass gerade im Bereich des Films das Material eng mit dem geistigen Inhalt des Werks verbunden ist, den es festhält.

So trifft denn der Grundsatz, Filme in ihrem ursprünglichen historischen Format zu sehen, zu studieren und dementsprechend auch vorführen zu lassen, auch wenn sich künftige Produktions- und damit Vorführtechniken ändern mögen, mitten ins Herz cineastischer Diskussionen und Identitätsfragen, denen sich, jedenfalls zum Teil, auch der aka-Filmclub im Rahmen seiner Umstellung auf die digitale Vorführungtechnik zwangsläufig aussetzen musste. So einleuchtend die urheberrechtliche Unterscheidung zwischen eigentlichem, also immateriellen Werk und dem materiellem Werkstück zum Beispiel in der Literatur auch funktionieren mag (Roman <-> Buch), umso schwerer fällt sie doch gleich bei genauerem Hinsehen im Film. Denn der „Streifen“ mit all seinen Format spezifischen Charakteristika, mit dessen Hilfe die Geschichte dem Adressaten erst vor Augen geführt werden kann, beeinflusst in mehrfacher Hinsicht das Bild, welches wir uns vom Film hinterher machen dürfen. Zudem wies kürzlich die Filmkritikerin Tara Kaye Judah in dieser Zeitschrift treffend darauf hin, dass völlig offen ist, wie lange sich digitale Kopien überhaupt halten werden und die vielfach vollzogene Schließung von Filmlabors und Vernichtung analoger Filmkopien nicht nur für die Authentizität früherer bis frühester Filme hoch problematisch ist.

So stellt sich regelmäßig bei der Erhaltung jeglicher, analoger, aber auch digitaler, Filme die vielschichtige Frage, wie dieser ursprünglich inhaltlich und auch technisch gedacht war. Ist der Ton in seiner avantgardistischen Komposition nun künstlerische Absicht oder sind die Filmkopien falsch gelagert oder rücksichtslos vorgeführt worden? Ist das Wackeln des Bildes auf den schlechten Zustand der bei der Restaurierung benutzten Kopien zurückzuführen oder hat schlicht die Kulisse am Set nicht still halten können – letzteres beispielsweise geschehen beim Weimarer Expressionismus-Klassiker Das Cabinet des Doktor Caligari, dessen jüngste Restaurierung erst im Februar seine Uraufführung feiern durfte.

Aus diesem museologischen Ansatz heraus hat sich die für das HFA maßgebliche Kinemathek bei der Bewahrung vor allem experimenteller und Avantgarde-Filmen im 16 mm bzw. in Harvard, zumeist von Studierenden, entstandener Filme ganz dem Originalformat verschrieben – zum Beispiel beim Harvard-Absolventen und prominentesten Mumblecore-Regisseur Andrew Bujalski – zuletzt mit COMPUTER CHESS gerade auch in deutschen Programmkinos zugegen -, dessen erster Film FUNNY HA HA von 2002 zu den neueren Konservierungsprojekten gehört, von dem nur eine, noch dazu beschädigte analoge Kopie existierte.

Als erster konservierter Film seit Start des Programms Mitte der 2000er-Jahre beeindruckt sodann der im letzten Jahr ein zweites Mal restaurierte Film SAND, OR PETER AND THE WOLF im 16 mm-Format mit wunderbar einfachen Mitteln wie Sand auf einem beleuchteten Animationstisch und einer amüsant-spannender Erzählweise von Sergej Prokofjews Märchen „Peter und der Wolf“. Der erste, Schattenspiel artige Gehversuch der Harvard-Studentin Caroline Leaf von 1968 überzeugt, rührt und unterhält auch Jahrzehnte später noch spielerisch ein so abgebrühtetes Cineastenpublikum wie das des ältesten Kurzfilmfestivals der Welt.

 

Sand, or Peter and the Wolf

 

Im Jahr 1945, als bereits die ersten 16 mm- und 35 mm-Kopien zu Unterrrichtszwecken von der Universität bis zur offiziellen Gründung des Archivs 1975 gesammelt und archiviert wurden, entstand die kleine Amateurperle ABBOTT AND COSTELLO WITH CONNIE HAINES von Joseph Dephoure, Mitglied der Amateur Cinema League. Hier blödeln in zahlreichen Wortspielen drei wunderbare Minuten kurz und in Farbe das Komikerduo Lou Costello und Bud Abbott zusammen mit Big Band-Legende Connie Haines entspannt am Swimmingpool in Hollywood herum.

Is this what you are born for? – Part One PREFACES der siebenteiligen Serie von der Experimentalfilmemacherin und -dichterin Abigail Child taucht in flotter Collagetechnik Wortfetzen eines Spaziergangs von der Lower Eastside in Manhatten mit der Dichterin Hannah Weiner, Songfragmente u.a. von Little Richard und Billie Holiday und schnell wechselnden Bilder in das Licht avangardistischerer Filmclubproduktionen der beginnenden Achtziger Jahre an der Ostküste. Bei der Restaurierung durch das HFA erwies sich die enge Zusammenarbeit der Filmemacherin mit dem Kopierlabor als äußerst hilfreich, welches somit genau wusste, wie sich Child ihre Filme in materieller Spiegelung zu dessen Inhalt wünscht. Bis heute dreht Child, die auch an Filmschulen in Bosten und New York unterrrichtet, vielbeachtete Filme, die vollständig im HFA vorliegen.

Ebenfalls Anfang der 1980er Jahre legt Anne Charlotte Robertson mit LOCOMOTION und DEPRESSION FOCUS PLEASE zwei verstörende und zutiefst traurige Kurzfilme vor, die in ihrer Ehrlichlichkeit und Schlagkraft anziehend und abstoßend zugleich wirken. Die renommierte, leider früh verstorbene Super 8-Tagebuch-Filmerin, die auch gern mal ihre eigenen Screenings mittendrin – mithilfe von Kassetten über das soeben Erlebbare sinnierend – zu einer Projektionsperformance macht, filmte in dem 7-minüter Locomotion sich und ihre Kommilitonen vom Massachusetts College of Art in der Schultoilette, um ihre eigenen Erlebnisse in einer Nervenklinik beängstigend real darzustellen. Denn wie leer man sich im Land des Überflusses fühlen kann, legt Robertson anschließend im ehrlichen Monologfilm Depression Focus Please dar. Die Restaurierung und Konservierung ihrer Filme erwies sich jedoch damals wie heute als besondere Herausforderung, da zum einen aus chronischem Geldmangel stest nur wenige, allzu schlechte – überbelichtete, verblichene – Kopien existierten, zum anderen, weil Super 8 nur noch an wenigen Orten gezeigt werden konnte und kann. Da auch das Aufblähen des Formats auf 16 mm die Sache nicht besser macht, entschied sich Robertson noch zu Lebzeiten in engem Kontakt mit dem HFA und auch mit den gut bekannten Filmlabors zur digitalen Konservierung gerade auch ihres wichtigen Frühwerks, an dem das große Interesse vieler Filmliebhaber weiterhin ungebrochen ist.

 

33 Yo-Yo Tricks

 

Zum erheiternden Abschluss gibt’s noch eine Lehrstunde von P. White in Sachen 33 YO-YO TRICKS mit dem fingerfertigen Daniel Volk. Die überragende Komik entsteht in den zuvor mit phantastischen Titeln angekündigten Figuren, die in ihrer Ausführung am Yo-Yo umso mehr beeindrucken.

Das Modell des Harvard Film Archive mit seiner Kinemathek wäre angesichts gerade erst mit Ach und Krach geretteter studentischer Filmclubs auch in Deutschland interessant, die nicht nur Werke anderer von den Haupt- und Nebenschauplätzen der Filmwelt Semester für Semester präsentieren und gerade auch der Campusgemeinde und Universitätsstadtbevölkerung vorführen, sondern in gleicher Weise von Anfang an auch eigene Arbeiten vorlegten, die zumeist als Teil des filmischen Erbes lange nicht die Anerkennung finden, die man zumindest in Harvard glücklicher- und vorausschauenderweise schon länger an den Tag legt.

 

Text: Antje Lossin (18.05.2014) – Oberhausen’14

 

No comments yet

Leave a Reply

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.