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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Wim Wenders

Filme dieser Reihe:
 Donnerstag  23.04.1998  19:15 Uhr    Paris, Texas
 Dienstag  05.05.1998  19:30 Uhr    Der Himmel über Berlin
 Mittwoch  27.05.1998  20:00 Uhr  s/w   Alice in den Städten
 Donnerstag  18.06.1998  20:00 Uhr  OmU (dt., port.  Lisbon Story
 Mittwoch  15.07.1998  19:45 Uhr  Scope, OmU, Ste  The End of Violence

"Mein Beruf ist es zu sehen und etwas Gesehenes zu zeigen."

Wim (=Wilhelm) Ernst Wenders ist am 14. August 1945 in Düsseldorf zur Welt gekommen. Als sein Bruder Klaus vier Jahre später geboren wird, zieht die Familie Wenders erst nach Koblenz, später nach Oberhausen-Sterkrade, wo der Vater eine Chefarztstelle bekommt. Hier wächst Wim im kleinstädtischen Milieu der Nachkriegszeit in einer erzkonservativen, katholischen Familie auf. Bis zu seinem 16. Lebensjahr trägt er sich ernsthaft mit dem Gedanken, Priester zu werden. Auch heute beschäftigt sich Wenders noch intensiv mit Fragen der Metaphysik. Als befreienden Gegenpol zur Enge dieser konservativen Umgebung gab es für ihn den Mythos Amerika. "Meine ersten Erinnerungen an Amerika waren die von einem mythischen Land, wo alles besser war."

Zunächst versucht sich Wenders in der Familientradition und studiert nach dem Abitur 1963 erst einmal zwei Semester Medizin, danach noch zwei weitere Semester Philosophie und Soziologie in München, Freiburg und Düsseldorf. Er beschäftigt sich in dieser Zeit jedoch hauptsächlich mit dem Malen von Landschaftsaquarellen. Auch später, in seinen Filmen, werden Landschaften eine große Rolle spielen. "Als ich zum ersten Mal mit einer echten 16 mm-Filmkamera gearbeitet habe, habe ich eine dreiminütige Aufnahme gemacht, weil die Filmspule drei Minuten lang war. Es ist die Aufnahme einer Landschaft. (...) Für mich war das die Fortsetzung der Malerei, ein Malen der Landschaft. Ich wollte niemanden dort haben, und noch heute, wenn ich einen Film mache, habe ich das Gefühl, daß mich die aufgehende Sonne über der Landschaft mehr interessiert als die Geschichte, die sich dort abspielt... Auch das habe ich aus den Westernfilmen und von dem Westernregisseur Anthony Mann gelernt." Schließlich geht er 1966 nach Paris, wo er sich vergeblich an der renommierten Filmhochschule IDHEC bewirbt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1967 ist er zunächst als Bürogehilfe in der Düsseldorfer Filiale der United Artists beschäftigt. Noch im gleichen Jahr fängt er sein Studium an der neugegründeten Hochschule fürFernsehen und Film in München an, das er 1970 mit dem Abschlußfilm Summer in the city beendet.

1971 dreht Wenders nach einem Roman von Peter Handke seinen ersten abendfüllenden Spielfilm Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, mit dem er sich in Fachkreisen bereits einen Namen macht. Sein Zweitling, Der scharlachrote Buchstabe hingegen, wird der absolute Flop. Alice in den Städten schließlich, den viele auch für seinen schönsten Film halten, markiert den künstlerischen Durchbruch für Wenders. 1975 gibt Wenders mit Im Lauf der Zeit sein Festivaldebüt in Cannes. Mit seinem nächsten Film Der amerikanische Freund mit Dennis Hopper zieht er dann auch die Aufmerksamkeit von amerikanischen Produzenten auf sich.

Schließlich bricht er 1978 ins gelobte Land seiner Kindheit auf und zieht nach San Francisco, nachdem ihm Francis Ford Coppola die Regie von Hammett angeboten hat. Gespannt und neugierig darauf, was ihn in Hollywood erwartet -"Was mit mir passiert, wenn ich dort arbeite - deswegen bin ich da sehr neugierig drauf."- kehrt er enttäuscht und desillusioniert 1982 nach Europa zurück. Seit 1975 in Planung, wird 1978 der Drehbeginn zu Hammett gleich wieder verschoben, als Wenders in den USA eintrifft. Die Wartezeit nutzt er, um 1979 den Dokumentarfilm Nick’s Movie - Lightning over Water mit dem und über den krebskranken amerikanischen Regisseur Nicholas Ray zu drehen. Nach weiteren Verzögerungen und Problemen mit Coppola fährt Wenders 1981 nach Portugal, um Raul Ruiz bei den Dreharbeiten zu dessen Film The Territory zu helfen und entschließt sich spontan, mit dem gesamten Stab dort einen Film über die Schwierigkeiten eines Filmteams zu drehen - Der Stand der Dinge. Im November nimmt er schließlich die Dreharbeiten zu Hammett wieder auf, um ihn unter enormem Zeitdruck doch noch fertigzustellen. Während nun Hammett nicht den erhofften kommerziellen Erfolg bringt, bekommt Der Stand der Dinge, der mit den Problemen bei den Dreharbeiten zu Hammett abrechnet, auf den Filmfestspielen in Venedig 1982 den goldenen Löwen. Auch in späteren Filmen Wenders’ finden sich häufig Anspielungen auf seine ersten schlechten Erfahrungen mit Hollywood, so auch wieder in seinem neuesten Film, Am Ende der Gewalt, wo dem ungarischen Regisseur Zoltan Koyacs (dargestellt von dem Deutschen Udo Kier) mitten in den Dreharbeiten der Geldhahn zugedreht wird. Schon in einer früheren Szene fragt sich dieser genervt "Warum bin ich nicht in Europa geblieben?"

Sein nächster Film Paris, Texas als europäische Produktion 1984 in den USA gedreht, verläuft ebenfalls alles andere als unproblematisch. Er wird aus der Director’s Guild in L.A. geworfen, weil er ohne gewerkschaftlich organisiertes Team dreht. In Deutschland kommt es zum Streit mit dem von ihm 1971 mitgegründeten Filmverlag der Autoren, wonach ihm zunächst die Zusammenarbeit mit einem anderen Filmverleih gerichtlich untersagt wird, so daß Paris, Texas, der 1984 in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnet wird, erst 1985 in die deutschen Kinos kommt.

Danach ist Wenders etabliert genug, um seine weiteren Filme in Eigenproduktion vergleichsweise unproblematisch über die Bühne zu bringen. 1989 ist er Präsident der Internationalen Jury der Filmfestspiele in Cannes und erhält die Ehrendoktorwürde der Pariser Sorbonne, 1990 wird ihm sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen. Die letzten Jahre bescherten uns so wunderschöne Filme wie Der Himmel über Berlin, Bis ans Ende der Welt, In weiter Ferne, so nah! und Lisbon Story. Zuletzt wagte er sich sogar wieder an eine amerikanische Produktion mit Am Ende der Gewalt, mit der er diesmal sogar durchaus positive Erfahrungen machte. "Als ich vor zehn Jahren L.A. verließ, hielt ich es für einen endgültigen Abschied. Aber ich bekam Heimweh. Die Stadt hat sich verändert, ist wesentlich offener geworden. (...) Man kann heute in Los Angeles anders drehen als noch vor zehn Jahren. Die großen Studios verlieren an Macht. Man kann hier so unabhängig produzieren wie überall..."

Neben dem Mythos Amerika, der Wenders schon seit seiner Kindheit beschäftigt, gibt es noch andere immer wiederkehrende Motive in Wenders-Filmen. Die wurden von Stefan Kolditz in seiner Beschreibung zu Der Stand der Dinge so wunderbar zusammengefaßt: "Seine Dualismen: Bilder - Geschichten, Schwarzweiß - Farbe, Realität - Fiktion sind die Pole, zwischen denen Wenders selbst 15 Jahre lang hin- und hergerissen wurde. In diesem Film bündelt er noch einmal so ziemlich alle Motive seiner Filmpraxis. Da ist die Fremdheit zwischen Mann und Frau, die Einsamkeit der Männer, die Nähe im Schlaf, die Verlorenheit im Singen, die Vitalität der Kinder, die Genrefilmzitate, die Polaroidaufnahmen, der Spiegel, das Fenster, die linke Tragfläche." Auch in seinen späteren Filmen bleibt er seinen Themen treu. Kinder, die die Erwachsenen wieder zum Wesentlichen zurückbringen, spielen häufig sogar Hauptrollen, wie Alice in Alice in den Städten oder Hunter in Paris, Texas. Mindestens in Nebenrollen tauchen sie immer wieder auf. So auch in Wenders neuestem Film, Am Ende der Gewalt; da ist es die Tochter der südamerikanischen Putzfrau, die den beiden männlichen Hauptdarstellern die Welt erklärt. Typisch für Wenders-Charaktere sind auch diese beiden ruhelos, rastlos, heimatlos, sich selbst und anderen entfremdet, auf der Suche nach Erkenntnis, nach sich selbst. Nicht zufällig findet man in Wenders’ Filmographie so viele Road-Movies, Menschen - meist einsame Männer - unterwegs. So fasziniert ihn auch immer die Bewegung. Wenders sagte 1982 in einem Interview: "Es stimmt, daß ich zu viele Fahraufnahmen mache, und ich hoffe, daß es mir bald, wenn ich etwas älter bin, auch gelingen wird, einen Film mit nur zwei Fahraufnahmen zu machen." Neben Autos, Zügen und sogar der Wuppertaler Schwebebahn in Alice in den Städten sieht man auffallend oft auch Flugzeuge. Besonders schöne Bilder bekommt man, wenn die Aufnahmen aus diesen Perspektiven gefilmt werden, wie bei der Engelperspektive am Anfang von Der Himmel über Berlin. "Die Kamera ist ein Flugzeug, Fliegen ist eine Sehweise, die Unendlichkeit ist ein Filmatelier."

Text: Beate Förster, Anja Drescher

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