Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)
Orfeu Negro
Mit einer Einführung von Dr. Christopher Meid
Regie: Marcel Camus Buch: Marcel Camus, Vinicius de Moraes, Jacques Viot Kamera: Jean Bourgoin Musik: Antonio Carlos Jobim, Luiz Bonfá Darsteller: Breno Mello, Marpessa Dawn Produktion: BR/F/I, 1958 Länge: 107 min. Fassung: 35 mm, Port. OmU
"Manhã tão bonita manhã de um dia feliz que chegou" singt der Straßenbahnschaffner Orfeu am Morgen des Karnevals von Rio de Janeiro voller Vorfreude. Schon der vorhergehende Tag war ein Glückstag gewesen, war ihm doch die naive, bildschöne Euridice in die Arme gelaufen: spätestens als sich Orfeu und Euridice das erste Mal bewusst werden, dass ihre Namen mythischen Ursprungs sind, wird auch dem Zuschauer vor der Leinwand deutlich, dass er es nicht nur mit einem Dokumentarfilm über den brasilianischen Karneval zu tun hat, sondern mit einer griechischen Tragödie. Marcel Camus' mit der Goldenen Palme von Cannes und dem Oscar ausgezeichneter Film ist zu recht ein Meisterwerk der frühen Farbfilmgeschichte. Ästhetisch begeistert er durch seine opulente und farbgewaltige Inszenierung, durch seine moderne Bildsprache und die für damalige Verhältnisse (der Film erschien 1958!) außergewöhnliche Kameraführung. Gedreht wie ein Dokumentarfilm vor natürlicher Kulisse mit Laienschauspielern transportiert der Film eine alte Geschichte in die Zeit der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Orpheus, der mythische Sänger, der seine junge Braut Eurydike durch einen Schlangenbiss verliert, ersingt sich durch seine Kunst die Gnade der Totengöttin Persephone und erreicht somit, dass Eurydike mit ihm in die Welt der Lebenden zurückkehren darf: Der Tod stellt jedoch eine Bedingung – nämlich, dass Orpheus sich beim Aufstieg aus der Unterwelt nicht nach der Geliebten umsehen darf. Aber Orpheus und Eurydike sind hier keine Mitglieder einer adeligen Gesellschaft, sondern entstammen den Favelas von Rio und sind Teil der marginalisierten afro-brasilianischen Bevölkerung. Getragen wird ihre Liebesgeschichte von den melancholisch-leichten Gitarrenklängen des Bossa Novas, der durch Camus' Film und die von Antonio Carlos Jobim und Luiz Bonfá komponierte Musik weltweit berühmt wurde.